André Leroi-Gourhan

In seinem kurzen Essay „Domestikation von Zeit und Raum“ sagt Leroi-Gourhan das dies die menschliche Tatsache par excellence sei.

Prinzipiell unterscheidet er wei Arten der Wahrnehmung, der ein Individuum umgebenden Welt. Entweder als Strecke, als Bahn, während der dynamischen Durchquerung des Raums, oder als konzentrisch aufeinander folgende Kreise, die das Bild in zwei einander gegenüberliegende Oberflächen, den Himmel und die Erde, die am Horizont zusammenlaufen teilen. Und während er verschiedene Tierarten (überwiegend) entweder die eine oder die andere Art der Wahrnehmung zuschreibt, meint er dass der Mensch beide mit dem Gesichtssinn verknüpft, allerdings je nach Dies- oder Jenseitigkeit der Sesshaftwerdung in verschiedenen proportionalen Relationen zueinander (er erkennt Anzeichen dafür in Malereien, Erzählungen, o.ä.)…Vereinfacht: der nomadische Jäger-Sammler erfasst die Welt rund um ihn über die Wege, auf denen er sie durchwandert; der sesshafte Bauer erfasst die Welt rund um seinen Hof als konzentrisch angeordnete Kreise. Die durch Sesshaftwerdung induzierte neue Gewichtung der Wahrnehmung prägte die Form jeglichen Dispositivs des sozialen Lebens (Zentralisierung, Hierarchisierung, Städte als Zentren…wie bei Sieferle das Energiesystem).

Logisch darauf folgendes und zu lösendes Problem ist die räumliche Integration des Individuums. Die Integration der Individuen in den städtischen Organismus wird durch Rhythmen gewährleistet, die die kollektive Konditionierung bestimmen. Die Stadt wird zum Orientierungspunkt, um diesen humanisierten Kern mit seiner natürlichen Umgebung in eine kontinuierliche Ordnung zu bringen. Der humanisierte und durch symbolische Zuordnung bestimmte Mikrokosmos als Zentralpunkt der in einen Makrokosmos integrierten Anordnung von Himmel und Erde, von Süd, Nord, Ost und West. Durch diese räumliche (und zeitliche) Integration versucht Mensch das Universum unter seine Kontrolle zu bringen. Man hat Macht über einen Gegenstand nur dann, wenn man ihn benennt; das Symbol regiert den Gegenstand.

In einem seiner anderen Schriften geht es aber um die Religion der Vorgeschichte, im Grunde könnte das Buch auch heißen, warum es unzulässig ist ein Buch so zu nennen; zum einen, weil der Religionsbegriff ja selbst schon schwierig ist und zum anderen, weil jegliche Interpretation von gefundenen Materialien (denn schriftliche Quellen gib ess eben nicht, nicht einmal orale, die später geschrieben wurden) aus heutiger Sicht in mehr oder minder große Spekulation führt, die von den vorherigen Denkschichten der Moderne total überlagert sind. Weder Häufigkeiten, noch Gegenstände allein erzählen irgendwas verständliches.

Schön wie er anführt, man müsse sich vorstellen wie ein Außerirdischer Kirchen besucht und versucht aus deren Zeugnissen auf das Christentum und sein Denken/Rituale etc. zu schließen, so wie es so manche Prähistoriker mit Lochstäben und Höhlenmalerei gemacht haben. Es käme wahrscheinlich großer Quatsch heraus bzw. es ist so etwas rausgekommen…es muss zwar nicht falsch sein, aber es kann nichts bewiesen oder tatsächlich mit Gegenständen belegt werden, außer, dass es in der Zeit der Höhlenmalerei ein Symbolsystem gab (das können die Funde wohl belegen), wie es funktioniert hat und was der Inhalt war, kann dagegen nicht gesagt werden.

Hätte ich das mal gelesen, ehe ich damals in dieser Ausstellung in Berlin war (https://rietberg.ch/ausstellungen/frobenius). Spielt auch in das hinein, was bei Sieferle oft gesagt wird, dass diese nachträgliche Komparatistik den früheren Phänomenen gleich etwas auferlegt, was sie niemals in sich haben konnten (die Mär von der lediglich primitiven Form des Heutigen) und von Praktiken sog. heutiger „Naturvölker“ auf Prähistorie zu schließen, auch da wieder Sieferle…als ob amerikanische Ureinwohner (Totemismus zb…ob die Prämenschen Clans gebildet haben ist zumindest fraglich) oder Aborigines noch Steinzeitmenschen seien, mal davon ab, dass die Bedingungen in Europa eben auch ganz andere waren als bspw. in Australien.

Das Buch ist von 1964, aber diese Vorstellungen haben ja leider bis heute überlebt, wenn man sich das so ansieht…ich interessiere mich ja sehr für diese Höhlenzeichnungen und mit Leroi-Gourhans Hypothesen, die sehr bescheiden und auf nachvollziehbaren Belegprämissen beruhen, ist es eigentlich viel faszinierender als dieser ganze schamanistische Wildenzauber, der manchmal daraus gemacht wird. Ich muss nochmal Herzogs  Chauvet-Film ansehen (der hält sich zumindest dezent mit  allzu viel Spekulation zurück).

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