Hypertext im Kopf

Heute ein langer Tag in der Bibliothek, mal wieder einer dieser akuten Anfälle, die mich ab und an überkommen bzw. Tropfen für Tropfen anschwellen; Bücher führen zu Büchern, die zu Büchern führen, die zu anderen Büchern führen, die zu Büchern führen etc… Gleichzeitig begegnet einem das ewige Wissensparadox, man weiß, dass man nichts weiß, eignet sich Wissen an, wodurch einem sein Nicht-Wissen noch bewusster wird, mehr Wissen bedeutet gleich mehr Nicht-Wissen. Data is not information. Information is not knowledge. Knowledge is not understanding.  And understanding is certainly not wisdom. Manchmal macht mich das regelrecht körperlich fertig, und immer schnappt man eigentlich nur Fetzen auf. Mein Gehirn dann ein riesiger Zettelkasten, der wuchert und wuchert und keine richtige Ordnung mehr zu haben scheint, aber ich stopfe und stopfe wie eine Fresszelle, in diesem Bereich bin ich tatsächlich maßlos.

Ich bin oben,in der Luft und meine Lust zerteilt jede Philosophie, jeden Tag und jede Koje. Hier oben ist reine Theorie,nicht diese bodenlosen Konzepte der Praktikanten,die nur vom Schnurrbart trimmen träumen. Was stört ihr mich und meine Zirkularien,ich will euch einmal denken sehen, und nichtunentwegt ins Ganze gegossen; auch ohne Kenntnis dieses Wortes: Fragmente Fragmente Fragmente.

Alexander Graeff

Der amazon-Logarithmus „Wenn Sie dieses Buch gekauft haben, könnte Ihnen auch folgendes gefallen…“ ist doch am Ende nur der semiotische Ausdruck meines Hirnvorgangs in solchen Phasen.

Und W.H. Auden meint: „We are all of us tempted to read more books, look at more pictures, listen to more music than we can possibly absorb, and the result of such gluttony is not a cultured mind but a consuming one; what it reads, looks at, listens to is immediately forgotten, leaving no more traces behind than yesterday’s newspaper”, ist das sicherlich nicht falsch, nur habe ich nicht das Gefühl, ich würde allzuviel davon vergessen, was gut und schlecht sein kann bzw. ist. Aber am Ende ist das ein ganz grundständisches Dilemma meines Daseins, weil solche Dinge positiv und negativ sind, mal gleichzeitig, mal versetzt zueinander…ich lebe manchmal sehr froh und glücklich in einem Borges-Roman, nur um dann ein Eco-Buch aufgeschlagen zu haben und mich am Ende irgendwie wie Geiser in seinem donnerumrauschten Knäckebrot-Pagoden-Haus wiederzufinden (zum Schluss lande ich dann in meiner eigenen Version des Schulthess-Wäldchens) …es gab in der alten Spielzeit im Jenaer Theater ein Kurzstück von Martin Crimp; „Im Tal“, wo eine nicht weiter thematisierter letzter Mensch, der mit einem Schaf zusammenlebt, einen wirren Monolog, der irgendwie eine postmoderne  Version Geisers ist, hält (im Übrigen glaube ich nicht an die Postmoderne, sondern, dass die Moderne noch immer voll im Gange ist, woran sei sie denn ansonsten denn vorgeblich vorüber?)…

„SIEH UNS AN. OB’S DIR GEFÄLLT ODER NICHT, WIR HABEN DAS KOMMANDO ÜBER DAS GESAMTE UNIVERSUM – VON DEN PRÄZESSIVEN STERNEN BIS ZU JEDEM UNTERBELICHTETEN SCHAF, DAS DURCHS TAL TAPPT […] ICH HABE GOTT GESEHEN; IN MEINER KÜCHE; IN MEINEM HAUSFLUR…ER FRAGT, BIST DU MANCHMAL AM (l)L(l)EBEN?…JA…ABER WAS HEIßT AM (l)L(l)EBEN?“,

wenn man sich an nichts mehr richtig erinnern kann, weil keiner da ist, der eines Gedächtnisses bedarf, die Natur braucht kein Gedächtnis und ich brauche im Augenblick keine Ikonologie, aber Wissen beruhigt, auch wenn man nicht weiß, wozu sonst es gut ist (was fange ich eigentlich damit an?).  Aber nicht auf die pseudo-endgültig-wahrhaftige Weise. Wissenwollen besteht aus der Neugier auf die Welt, die Menschen, die Naturwissenschaften , das dem Zweifeln mehr abgewinnt als Gewissheiten. Das Enzyklopädische ist zwar vielleicht vorbei, aber deshalb muss man ja noch lange nicht alles aufgeben, es ist wie Sammeln, man möchte vielleicht gar nicht fertig werden. Und doch ist es frustrierend und anstrengend und ich möchte mich dem manchmal verschließen, versuche es auch, klappt nur meistens wenig und wenn es schein bar doch funktioniert, bin ich ganz schnell wieder auf dem Sprung, weil ich das dann auch nicht aushalten kann, ich kann in dem Bereich nie richtig abschalten. Irgendwie ist das ähnlich dem des Anderssein sagte, der eine Zustand macht einem immer den anderen bewusst und auch wenn ich evtl. oder sicher einen Zustand lieber habe als den anderen, kann auch ich nicht umhin, den anderen auch mal zu brauchen oder zu ersehnen.

Am Ende bin ich eben keine Rhetorin, sondern Schriftstellerin, immer gewesen. Wenn ich schreibe, beginne ich, etwas zu verstehen. Vorher verliere ich mich im Leben und verstehe gar nichts. Ich beginne die Realität zu verstehen, über die ich schreibe. Ich schreibe immer. Auch wenn ich nicht schreibe, schreibe ich; das heißt, ich denke. Allerdings läuft das Denken und dann Sprechen ohne Schreiben in der ihm eigenen Trägheit ab und es hat seinen eigenen Preis.

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