Wildes Hören/Lesen

DeutschlandRadio brachte mal wieder die schon mal gehörte die Lange Nacht über Aby Warburg für einige Tage zum anhören (https://www.deutschlandfunkkultur.de/eine-lange-nacht-ueber-aby-warburg-jude-von-geburt.1024.de.html?dram:article_id=461106).

Es ist auch faszinierend wie ich mich in manchem so wiederfinde (oder meine das zu tun, ich will mich ja nun nicht zur Warburg-Nachfolge aufschwingen) indem, wie der Mensch gelebt und gearbeitet hat, am Ende lande ich genau da, die Gedankengebäude, die man durch das existenziell-expansive Lesen in seiner überbordernden Bibliothek (ich kann nachvollziehen was der junge Cassirer empfunden haben muss al er zum ersten Mal diese Bibliothek betrat) baut, sind irgendwann nicht mehr handlebar und man bekommt kaum noch was zu Papier (oder landet in der Klapse)…die wunderbare (und frischgebacken gepreiste) Mayröcker beschrieb das genauso wie es sich für mich anfühlt (Phänomenologin sozusagen, wenn man Scheler glauben will)

ach diese Belesenheit, Unbelesenheit, weil kein Buch zu Ende gelesen, während man 1 Dutzend Bücher am Bettrand stapelt, eins nach dem anderen aufgeschlagen, darin gelesen, wieder zugeschlagen, das Lesezeichen dazwischen gelegt, Kaulquappe, Ringlein und Brosche, ach diese Anfälle von Lesefieber dieses Erlöschen von Lesefieber, Zwirnfaden, zwitterfarbener Stift, diese mehrfachen Lesezeichen im nämlichen Buch, um Stellen, die einem besonders den Atem rauben, zu markieren, wie eingelegte Melodien“, manchmal aber nach „fast absoluter [gräßlicher] Unfähigkeit zu lesen (in solchen Zeiten bin ich froh, am Abend – vielleicht – eine oder zwei Seiten aufzunehmen, nachdem ich den ganzen Tag lang um die Bücher herumschleiche, versuche, mich ihnen zu nähern, es kaum einmal schaffe, eins in die Hand zu nehmen und zu öffnen, bin gleichsam Trakls Wanderer im schwarzen Wind), die mich in den letzten Jahren immer wieder einmal überfällt [vom Schreiben ganz zu schweigen], lese ich seit ein paar Wochen wieder einigermaßen in der Art, wie ich immer gelesen habe (und wie ich lesen will, nein, muß), seit ich lesen kann, ein Buch zieht das andere unmittelbar nach sich, kaum ist das eine ins Regal gestellt, greife ich nach dem nächsten…“

Und wie ich so saß, geriet ich tatsächlich in einen Zustand in den ich manchmal sowohl beim Zuhören (wenn es gut ist) oder beim Lesen gerate; man nimmt das Gehörte/Gelesene ganz genau auf, aber trotzdem driftet man total weg, darüber weg irgendwo hin, dass das Zuhören ganz unbewusst automatisch wird, und gleich zu was anderem, weiteren ermöglicht, und dann stehe ich mechanisch auf und erst als ich aus dem Haus auf die Straße trete, wache ich sozusagen auf und bin auf einmal wieder ganz momentan schlicht in der Welt, ein seltsames Gefühl als wären das ganz andere Zeit-, Raum- oder Bewusstseinszustände. Für mich persönlich ist das erstmal positiv, dass das möglich ist, weil mir das zeigt, dass das, was ich höre/lese mich wirklich was angeht und auch gut vermittelt wird, sonst würde ich in den Zustand gar nicht erst kommen.

Ich stolperte die Tage auch über eine Passage aus einem Reisejournal des jungen Herder und dachte mir: Ach Herder, du alter Bruder im Geiste!

„Daher meine erste Reihen von Beschäftigungen, die Träume meiner Jugend von einer Waßerwelt, die Liebhabereien meines Gartens, meine einsamen Spatziergänge, mein Schauder bei Psychologischen Entdeckungen und neuen Gedanken aus der Menschlichen Seele, mein halbverständlicher halbsombrer Styl, meine Perspektive von Fragmenten, von Wäldern, von Torsos, von Archiven des Menschl[ichen] Geschlechts – – alles! Mein Leben ist ein Gang durch Gothische Wölbungen, oder wenigstens durch eine Allee voll grüner Schatten: die Aussicht ist immer Ehrwürdig und erhaben: der Eintritt war eine Art Schauder: so aber eine andre Verwirrung wirds seyn, wenn plötzlich die Allee sich öfnet und ich mich auf dem Freyen fühle.“

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