Kein schöner Land

Als ich gestern Abend Radio hörte, gab es einen Beitrag über die Halbinsel Wustrow, ihre Geschichte und der Streit zwischen Kommune und Besitzer, der das Gelände quasi wegen Nichtsgeschehen zu einem Lost Place mit alten Strukturen macht (und die Natur dankt’s).

Dass ich etwas zur (Noch)Brache Wustrow anhörte, mag auch vor allem wieder daran liegen, dass ich Sonntagabend den Film „Freies Land“ von Christian Alvart angeschaut habe – hauptsächlich, weil er in Vorpommern/Brandenburg spielt)…Mir gehts eigentlich nicht um den Film an sich – war okay und Felix Kramer schau ich eh immer gern zu -, sondern um die Drohnenkamera-Fahrten darin und das was sie großartig abbilden…ostdeutsches drosscapisches Edgeland, dass fast hypnotisiert, wenn gerade in den Klärbecken das Wasser zirkuliert…ein winterliches Land, das nur aus Ödnis, Sumpfgebieten, alten Industrieanlagen und einigen wenigen Straßen zu bestehen scheint und aussieht wie eine riesige Abraumhalde: zerklüftet, karstig, von Schneehaufen bedeckt wie ein Körper von Schuppenflechten. Der Osten sah nie weniger reizvoll aus und gleichzeitig erweckt es fast heimatliche Gefühle in mir…Teile von Vorpommern sahen so aus und sehen es heute noch.

Falls es aufgefallen ist…es gibt Worte für Dinge, die oft namenlos bleiben…Termini wie „Edgeland“/Liminal Spaces oder „Drosscape“, wobei ich mir des Verhältnisses noch nicht ganz klar ist, jedenfalls nicht deckungsgleich; evtl. Drosscape ist immer Edgeland, aber nicht alle Edgelands sind Drosscapes oder so (bedenkt man wie viel Müll im Grunde die Grundlagen für „natürliche“ Gebiete in Jena besonders den Jenaer Forst bildet, kann man da soagr von versteckter Drosscape sprechen)…Orte, die im Grunde ja immer mehr werden und in gewisser Weise auch was von Auges Nicht-Orten haben, wenn sie nicht mal mehr regionalen Charakter haben…Was würde man eigentlich in Deutsch sagen: Saumland? Randgebiet? (Sozial)Brache?…In jedem Fall interessantes Konzept.

In 2002 hat eine gewisse Marion Shoard einen Essay „Edgelands“ betitelt, und als

„a netherworld neither urban or rural … the hotchpotch collection of superstores, sewage works, golf courses and surprisingly wildlife-rich roughlands which sit between town and country in the urban fringe“

beschrieben.

Und um den Hypertext-Schraube weiterzudrehen…dieses Video hab ich gestern angesehen:

Basierend auf der Kurzgeschichte „Die Bahnhofskathedrale stand auf einer großen Scholle“ von Michael Ende zeigt der Kurzfilm „Kathedralen“ atemberaubende und surreale Aufnahmen aus der chinesischen Stadt Kangbashi. Ursprünglich erbaut für mehr als zwei Millionen Einwohner haben Immobilienspekulationen aus Kangbashi/Ordos eine menschenleere Geisterstadt gemacht (man sieht an dem Beispiel eindrücklich, leere Wohnblöcke können im derzeitigen Kapitalismus-Auswuchs mehr Geld machen als bewohnte).

Wobei Geistersatdt bei Städten wie diesen – in China gibt es da mehrere – eigentlich ein verfehlter Terminus ist, es waren ja nie wirklich Menschen dort…diese menschenleeren Planstädte sind im Grunde der Gipfel des Anthropozäns und die extremste Form liminaler Drosscape, wo das Edgeland gleichzeitig Rand ist und schon auch wieder die ganze leere Stadt…dazu eine Art Nicht-Ort, da alle diese Städte ähnlich aussehen.

Bezeichnend, dass dieser hörenswerte Podcast-Beitrag zum namenlosen öffentlichen Unland zwischen den Verkehrssystemen (in Jena gibt es eine bemerkenswerte, sogar leicht erhobene Grasfläche mit Bäumen am Tram-Gleis-Dreieck in Lobeda, die ich immer, wenn ich dort vorbeifahre bewundere bzw. begehen möchte) ebenfalls mit Michael Ende arbeitet: https://99percentinvisible.org/episode/episode-60-names-vs-the-nothing/transcript/

Und von Wustrow an der Ostsee blieb ich an der Ostsee und kehre doch auch nach Thüringen zurück, zu einem meiner Brüder im Geiste hinsichtlich der Psychogeografie sozusagen…HANNS CIBULKA, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre. „Landschaft“, schreibt er 1971 im ersten seiner Ostseetagebücher, „blättert uns ihre eigene Vergangenheit auf, wartet, damit wir uns in ihr begegnen.“

Vor allem mit seinen Ostsee- und Thüringer Tagebüchern war und ist er bekannt und beliebt in der DDR gewesen. Im Zentrum seines Tagebuchwerks steht die Phänomenologie südlicher und nördlicher Landschaften und mit ihr die eindringliche Warnung vor Umweltzerstörung. Sie gelten als frühe (und seltenene) Zeugnisse für Umweltbewusstsein in der Literatur der DDR.

„Wer scharfhörig ist, kann von Zeit zu Zeit die große Mühle mahlen hören. Keiner weiß, auf welche Art und Weise die Natur zurückschlagen wird, doch ihre Schläge werden furchtbar sein. Die Natur hat ein längeres Gedächtnis als der Mensch“.

Bis zu seinem Tod 2004 lebte in Gotha, wo er über 30 Jahre die Heinrich-Heine-Bibliothek leitete.

Passenderweise las ich heute Morgen dazu wie auf der allerletzten Sitzung der Regierung der DDR am 12. September 1990 der Ministerrat sozusagen noch kurz vor um sein „Nationalparkprogramm“ verabschiedete. Damit wurden 4.882 Quadratkilometer Landschaft unter Schutz gestellt, knapp 5 Prozent des Territoriums der DDR. Das trat dann im Oktober in Kraft, 2 Tage vor dem Beitritt zum Geltungsbereich des westdeutschen GG. Spannend.

Nicht nur, weil das Thema dazu passt und sowieso aktuell ist, sondern vor allem, weil’s auch ein wirklich gut gemachter Dokumentarfilm ist, ein DDR-Film, der unbedingt geschaut gehört:


Beim Gespräch mit dem alten Dachdeckermeister vor dem Hintergrund des Polterabends kamen mir fast die Tränen.
Man kann der DEFA-Stiftung dankbar sein, dass es seine Schätze an die Öffentlichkeit bringt.
Regisseur Kurt Tetzlaff muss ich wohl noch nachverfolgen: https://www.defa-stiftung.de/defa/kuenstlerin/kurt-tetzlaff/

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