Streaming Musik, New Pop und Gangsta Rap

Ich habe ich einige sehr gute Videos zu Popgechichte angesehen (und deswegen u.a. mal wieder Suicide gehört…“Frankie Teardrop“, gott, Alan Vega, you devil!) Mich interessieren aber neben den „ollen Kamellen“ vorrangig die neuesten Entwicklungen, mittlerweile kann man über 2000er und 2010er ja schon beinah wie über 70er und 80er reden.

Und musste jetzt immer mehr feststellen, dass ich allerspätestens ab den 2010er Jahren den Kontakt zu temporärer Musik größtenteils verloren habe. Mit Spotify habe ich bis heute nichts am Hut (krass ist wie das die Charts-Wertung verändert hat und keiner die Billionen an youtube-Klicks da mit einrechnet und was das generell mit den Künstlern und Hörern macht: https://www.ardaudiothek.de/kultur/die-macht-von-spotify-wie-das-streaming-die-musik-und-unser-musikhoeren-beeinflusst/87654432 und hier dieses Gespräch bei dem einige Vorstellungen mir doch recht naiv-positiv wirken, während Zweifel, die hier auch angebracht werden bei den Positivisten gleich irritiert reagieren: https://www.ardaudiothek.de/forum/wie-streaming-die-popmusik-veraendert/60193316).

Interessant, wie sich bei der konkreten Musik Stile jetzt noch viel stärker miteinander verbinden bzw. die Genregrenzen sich verflüssigen. Musik wurde zuvor definitiv mehr in bestimmte Genres unterteilt. Und ja, darauf kommen viele Leute nicht klar, insbesondere die Rockisten, die zb dauernd bei Pitchfork ranten, dass die jetzt auch über Pop schreiben – sozusagen das Ok Boomer für Musictalk (was das ist hier sehr lesenswert und auch schon total „alt“ eigentlich: https://www.nytimes.com/2004/10/31/arts/music/the-rap-against-rockism.html).

Was sich da auch technisch/marketingmäßig und bei den Labeln und Produzenten etc. verändert hat und man kann vieles besser verstehen, wenn man sich näher damit beschäftigt…das Video hier dazu war wirklich wirklich extrem aufschlussreich:

Ich komme seit einiger Zeit immer wieder auf das Thema zurück, also aktuelle Popmusik (Pop im weiten Sinne) seit ich diese Videos gesehen habe. Sie beschreiben fundiert und handfest die Defizite bzw. Veränderung in der Pop-Musik.:

Ich meine der Topos der Älteren, dass sie zeitige Musik der Jüngeren scheiße ist, ist ja nun ein alter Hut und ich las erst kürzlich, dass laut einer Studie der Durchschnittsmusikhörer (weißer Europäer/Amerikaner sicherlich) mit 30 bis 35 aufhört neue Musik zu hören (hat auch was damit zu tun wie das Gehirn Musik aufnimmt), also sowohl, dass er nur noch seine alten Lieder hört als auch beim bevorzugten Genre hängenbleibt (dass die Neugier auf Musik abebbt, liegt laut der Studie vor allem daran, dass Job oder Familie zu viel Zeit rauben und dass das Überangebot an Musik im Netz komplett überfordert…Männer sind da übrigens experimentierfreudiger und Eltern bleiben noch schneller stehen als Kinderlose).

Da dachte ich: oh gott, ist das schon so weit?! Und bin ich jetzt in dem Alter, wo ich nur noch mit Altersstarrsinn auf aktuelle Musik der Kids schaue? Ich meine, schlechte Musik ist schlechte Musik egal wie alt sie ist und die hat’s immer gegeben, aber ich möchte mich da nicht wegkoppeln, sowohl was die Aktualität angeht als auch bei den Genres, wobei sich das nicht zwingend auf Chartmusik beziehen muss (ich muss ja nicht jeden Scheiß mitnehmen, aber will mir nichts entgehen lassen nur wegen irgendeiner Attitüde) und ich mag es, wenn ich heute Capital Bra und morgen Mozart hören kann und übermorgen Billy Eilish und überübermorgen Led Zeppelin.

Bezeichnender Weise las ich jetzt dies: https://www.musikexpress.de/von-postpunk-bis-cottagecore-warum-tiktok-das-ende-der-aesthetik-einlaeuten-koennte-1788551/?fbclid=IwAR2gtPh4by_OhDS7ugjCzoSqxjnRIFy6qu8HV92kOuiIkZGOJ0UXHVuTn50

Das sind also Leute, die Hipstern das Hipstertum vorwerfen, aber in Aesthetics machen…das mit der Entwicklung in der Musik in Bezug drauf fand ich interessant, ist seltsam, dass man einem Style nicht später einen Namen gibt, sondern eine Ästhetik entwickelt wird nach der sich dann alle stylen (das ist ja nicht mal so gewesen wenn Subkulturen Mainstream wurden, die waren immerhin mal Subkultur).

Was das alles mit Big Data zu tun haben könnte: https://www.theguardian.com/music/2021/jun/28/robot-rock-can-big-tech-pick-pops-next-megastar

Aber davon ab oute ich mich hiermit mal als Miley Cyrus-Fan (wobei der ganze Disney/Hannah Montana-Kram da ausgeschlossen ist)…im Pop-Mainstream (jeder kann gerne von Indiepop-Utopien träumen, aber Illusionen sollte sich da keiner machen, es wird nicht passieren ((außer evtl. bei Ausnahmen wie Lorde)), egal wie wünschenswert es sein mag, dass alle Sky Ferreira, Kelala oder Jenny Lanza hören – wobei ich letztere musikalisch zwar ausnehmend finde, auch wenn das manchmal bis in allzu bemühte Concenptronica ausartet, aber der fipsige Gesang nervt oft) gibt es für mich derzeit niemand Besseren (selbst die großartige Beyoncé ist langweilig geworden, finde ich, satt sagte man mal früher und Gaga war auch rein musikalisch schon immer größtenteils mau). Bei Cyrus fiel mir damals schon bei „Can’t be tamed“ (was ihr erster Montana-Killer war) dieser schrille Misston im Song auf, der natürlich Absicht war. Während der berühmte „Wrecking Ball“ eben vor allem visuell der Bruch war.

Was Auftritte und Pseudo-Skandälchen angeht…mal davon ab, dass solche Sachen mir persönlich relativ egal sind, sofern es sich nicht um Schwerstverbrechen oder Extremismus handelt, unterscheiden mich von ihr wahrscheinlich nur, dass meine jugendlichen Fehltritte/Dummheiten und Identitätsexperimente nicht die halbe Welt miterlebt und beurteilt hat. In diesem Zusammenhang finde ich bemerkenswert wie sich ihre körperliche Präsenz tatsächlich entwickelt hat, man vergleiche Generisch-Nachgemachtes vom Anfang und im Grunde unsicher-overpacetes aus der „Skandalzeit“ mit den neuesten Auftritten nicht nur im neuen „Night Sky“-Video, (und selten hat eine Frau mit so einem Vokuhila stylischer ausgesehen). Ich weiß nicht, ob dass nur Frauen auffällt bzw. sie es verstehen, die die Entwicklung aus eigenem Erleben nachvollziehen können…“There are layers to this Body/ Primal sex and primal shame / They told me I should cover it / So I went the other way / I was tryin‘ to own my power / Still I’m tryin‘ to work it out / And at least it gives the paper somethin‘ they can write About“

Und das neue „Plastic Hearts“-Album ist ein Popkracher und das es 80s-mäßig ist als Kritik zu verstehen, irritiert mich eher…das ist wie die Vorstellung das nur alles Neue je gut sein kann – mal davon ab, dass das mit den 80ern ein genereller Trend zu sein scheint…Stevie Nicks und Joan Jett sahen das anscheinend anders und schlossen sich an. Wenn mans ganz anders will (die Nashville-Wurzeln tauchen immer auch wieder auf), kann man sich ja das leicht psychedelische von Cyrus fast komplett selbst geschrieben und produzierte Mixtape „Miley Cyrus & Her Dead Petz“ zu Gemüte führen auf dem sie auch mit den Flaming Lips zusammenarbeitete. Das „Mothers Daughter“ Lied samt Video hat meinem Gefühl nach viel zu wenig Beachtung bekommen (eine goldene „Feminist“-Leuchtreklame bei Beyoncé ist wenn nicht viel subtiler oder weniger plakativ gewesen, definitiv doch eindimensional-leerer). Im Video treten unter anderem die queere Star-Skateboarderin Lacey Baker, das Transgender- und Behinderten-Model Aaron Philip, die PlusSize-Models Tess Holliday und Angelina Duplisea, die Tänzerin Ashley Amazon, Aktivistin Mary Copeni, sowie Model Casil McArthur auf. Als natürlich auch Cyrus Boss-Lady Mom Tish; Managerin, Produzentin, Innenarchitektin, Mode-Ikone.

Und wenn mal wieder durch die „Niederungen“ der Pop-Kultur watet, passiert es auch mal wie man so durchscrollt und merkt das da tatsächlich mal wieder Berichte über baba Azzlack in der good old FAZ sind (find ich gut, dass der Specter/Bushido-Scherenschnitt erwähnt wird – schlagt mich, „Electro Ghetto“ hat richtig reingegrätscht).

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/wie-das-mietwagentape-den-deutschrap-gepraegt-hat-17132528.html

Celo und Abdi haben jetzt tatsächlich nach 10 Jahren Mietwagentape 2 rausgebracht…verlinkter Track im Artikel hat was mit der Ignatz-Bubis-Brücke-Hook (und selbst Adorno kommt vor: „Sag mal, was laberst du? Von Horkheimer, Adorno?…Frankfurter Schule, kommt aus Bornheim und Goldstone“ – schon bisschen geile Line 😆), hab trotzdem das Gefühl Mietwagentape 1 hat auf jeden Fall mehr reingekracht damals, aber hey…Haddi Bruder!

Mich meinte ja auch die Tage das RND über die „Karriere“ von Katja Krasavice informieren zu müssen, nein muss man nicht kennen, kannte ich auch nicht, habe nur weiter geklickt wegen der Textzeile: „Gib’s mir doggy, gib’s mir doggy, gib’s mir doggy. Du weißt genau, ich werde schwach, wenn du’s mir von hinten machst.“ …Was soll man sagen, mal davon ab, dass die Dame wenigstens in your face zu ihrem ganzen Kram steht, das neueste Ding

von ihr auf das ich dann kam (Video von Specter), erinnert krass an US-Vorbilder wie Cardi und Nicki Minaj, das Video ist voll in diesem plastikbonbonbunten Comic-Glitzer-Porn-Look wie das die amerikanischen Rapperinnen derzeit sehr oft machen…dieser sog. „Porn-Rap“ von Frauen ist momentan sehr auffällig…ich finde es meistens unterhaltsam, ich hab auch nix gegen Gangsterrap und all den Kram, ich mags nur nicht, wenn Leute nicht rappen können (Farid Bang ja, ich rede von Dir!). Und es ist sicher kein Zufall, dass die Krasavice tschechische Migrantin ist, Großteil aus dem Ostblock, was im DeutschRap bei den Frauen grad präsent ist.

Ich meine, wäre das Ding auf Englisch und von irgendwelchen US-Amerikanern, das würde durch die Decke gehen, aber die Deutschen sind da komisch hab ich das Gefühl, „I know Germans will hate again“ …man muss sich nur mal auf YouTube die Reaktionen von Amis und Co. Auf das Video ansehen, feiern alle, und dann die dt Clicks und Likezahlen (war schon beim letzten Fler-Video so), die Deutschen haben nix übrig für Club-Rap mit Vibe, so ungeschmeidig, dabei bockt das Ding einfach total.

In dem Zusammenhang habe ich immer auch mal (rein chartstechnisch hat der Jung ja Homerun gemacht wie keiner vor ihm) den Capital Bra verfolgt, der ja wiederum von einigen „älteren“ Homies wiederum als Kiddy-Rapper abgetan wird, weil er auch paar etwas poppige Lieder mit Autotune und Addlips hatte, während er vorher (und später wieder) eher aggressiveren Rap macht. Ich persönlich muss sagen, dass ich verstehen kann, dass grad der so gehyped wurde/wird, er kann einfach rappen, aber bringt zum einen nicht nur wegen des Ostslangs (der kommt aus Russland), sondern wegen seiner etwas nasalen Stimmfarbe tatsächlich was Neues rein (ich finde ne Menge dt. Rapper klingen mir zu gleich, dieses Bulldogg-Timbre nervt mich) und gerade wenn er singt, mag zwar nicht der beste Sänger sein, aber  macht echt smoothe Gesangslinien, fast witzig, also auf eine gute, keine lächerliche Art. Das einzige Schmiss sind meist so Kollabos mit so Singmäuschen, wo so auf Emo-Liebesschnulz gemacht wird, das hat mich bei Rappern immer abgestoßen, dann noch lieber wenn sie allein auf gebrochener Mann machen (Bushido – Augenblick zb).

Und was die anderen Pop-Anteile angeht, ich denke, die wirklich guten Rapper in Deutschland haben verstanden, wo sie vom US-Rap lernen können und Elemente nehmen, nämlich die Electronica, die früh bei den Westcoasters und Südstaaten-Rap eingesetzt wurde, das ist grad wieder das Ding der Stunde und wer das verpennt ist selbst Schuld. Ich bin eh langsam der Überzeugung, dass die Aggro-Welle in Deutschland damals (quasi als Pendant auch das ganze Azzlack in Frankreich) im Grunde die „Diskriminierungsdebatte“ von unten war, aber weil das der ganzen bürgerlichen Mischpoke zu prollig war, müssen die das jetzt verspätet alles nachholen, all die Sendungen Pseudodiskussionen und Panels blabla…das sind für mich immer Leute, die Identitätspolitik benutzen, weil sie über Klasse nicht sprechen wollen, diese Jungs (und Mädels) waren doch nicht umsonst fast alle Migrantenkinder oder Minderheiten und dissten grad die gutbürgerlichen HipHop-Acts, die man bis dahin kannte und das was sie an Concious/Street Rap machten (was war „Mein Block“ von Sido denn bitte sonst?); das sagte weniger, ich bin schwarz/farbig etc. , sondern ich bin ein armes Schwein aus dem Prekariat (und ein weißer Junge, der arm ist, versteht eher einen armen schwarzen Jungen, als den weißen Lehrersohn – ist bei Frauenquoten wahrscheinlich ähnlich, wenn eine Frau, dann wenigstens bürgerlich, Klasse schlägt Geschlecht) und ziehen dem Kapitalismus, der das seine zu ihrer Situation beiträgt die Nase indem sie daraus Geld scheffeln und ich hab’s „geschafft“, weil ich jetzt BMW fahre, aber den Stallgeruch wird man eben  nicht los und die Bürgereltern verstehen ihre Bürgerkinder nicht. Deuscher Gangsta-Rap ist die Rache des Prekariats am Bürgertum…wie Schnitzler, der mal meinte, dass die Rache der Armen am Reichen seine schönen Töchter seien.

Alice Oswald „Memorial“

Alice Oswalds Gedichtezylus hat die provokante Idee, die Ilias auf zwei ihrer auffälligsten Merkmale zu reduzieren: die grausamen Todesopfer und die Gleichnisse, die oft in einem pastoralen Kontrapunkt zu den Geschehnissen stehen. Ich meine, Homer beschönigt nicht den Tod eines Helden oder gar den Tod eines unbedeutenden Soldaten. Er ist ja ein Anatom des Todes, ein forensischer Pathologe des Bronzespeers und des Bronzeschwerts. Die griechischen und trojanischen Krieger trifft ihr Schicksal auf gewalttätige, blutige und drastische Weise (hätte es griechische Feldschere gegeben, hätten sie die „Ilias“ als Lehrbuch verwenden können).

Auf den ersten Seiten sind die Namen von mehr als 200 Toten aufgeführt. Wie Familiennamen auf einem Kriegsdenkmal. Aber während das Gedicht in Gang kommt, denkt man , das kann ja nur zur monotonen Tragödie werden, jedes neue Opfer wird wahrscheinlich weniger Auswirkungen haben als das vorhergehende. Das Wunderbare ist, dem ist nicht so. Das Gedicht wirkt umgekehrt: Es baut sich auf. So eine mantrisches Lamento wird das, das lullt richtig ein. Alle Poesie hat einen Erinnerungsaspekt, die Festlegung eines Moments, eines Ortes, das Vergehen eines Lebens. Aber das Gedicht erinnert sich im großen Stil, eine konzentrierte, intensive und vielseitige Elegie. Und ist trotzdem frisch geschrieben, wie das ja im Grunde Homer entspricht (als ob jeder Soldat am Tag des Schreibens gestorben wäre).

"Grief is black it is made of earth/ It gets into the cracks in the eyes/ It lodges its lump in the throat...
Wanting to be light again/ wanting this whole problem of living to be lifted/ And carried on a hip."
"Like tribes of summer bees
Coming up from the underworld out of a crack in a rock
A billion factory women flying to their flower work
Being born and reborn and shimmering over fields."
Wie wenn aufwallt das große Meer in stummem Gewoge,
ahnend der schrillen Winde reißende Bahnen,
nur so, und sich nicht voranwälzt, weder hierhin noch dorthin

Homers Ilias ist voller wunderbarer Bilder von Armeen wie schwärmenden Bienen, abgeflachten Maisfeldern, Wellen, die im Konvoi kommen. Oswalds poetische Struktur selbst enthält große Rhythmen, ähnlich wie das Meer. Die erweiterten Gleichnisse werden zweimal gedruckt. Sie kommen wie wiederholte Wellen auf einen zu. Sie drücken das Gedicht vor und ziehen es zurück. Bei Homer gibt es eine Zeile, die als „Trance des Krieges“ übersetzt wird und die Atmosphäre des Gedichts beschreibt.

Hier kann man Oswald daraus lesen hören: https://poetryarchive.org/poem/memorial/

Zur Frische von Homer sei gesagt, ich bin Schadewaldt-Anhängerin, ich finde deutsche Hexameter eben nicht hoch-heldisch, sondern sie sind genau das, was Renaissancer und Sattelzeitler in die Antike reinheroisiert und vergoldet haben (das ist wie die weiße Erhabenheit der Griechischen Skuplturen von denen man ja mittlerweile weiß, dass sie ursprünglich grell bunt angemalt waren), alles Platonisten, die das gern so sahen wie Platon es gern gehabt hätte, es aber nie war. Und die Götter spielen da in der Ilias Stratego mit den Menschen, das hat doch auch wieder was Lakonisches. Und die menschlichsten Szenen sind die, die die Götter ja nicht beeinflussen und die Dinge betreffen, die sie nie betreffen…Sterben und der Umgang damit, die Trauer (die sind psychologisch auch am präzisesten, finde ich, zumindest die der Hauptpersonen, weil höchst individuell weniger ritualisiert) siehe die Szene zwischen Achilles und Priamos, denn der Zorn Achilles, um den das ganze sich ja dreht genau in dem Moment aufhört, wo er empathisch wird. Ein Epos des Todes im Grunde….deswegen ist Oswalds Version auch so gut, weil sie das herausstreicht. „Denn kein anderes Wesen ist jammervoller auf Erden / Als der Mensch, von allem, was Leben haucht und sich reget.“ Und jammervoll ist dann doch buchstäblich, finde ich.

Michael Köhlmeier meinte mal die Sattelzeitler hätten die Ilias mehr geschätzt als die Odyssee, während es in der Moderne genau andersherum sei, man sah in der Ilias dieses Göttergedöns (ich muss auch sagen, dass es mich teilweise genervt hat, aber das ist eben die Vulgärpsychologie, die Götter über selten totalen Zwang auf die Menschen aus, sie wirken nicht gegen deren individuelle Eigenarten, der Zeit und das Schicksalsgedöns ist da ja noch gar nicht so stark wie später in der Attischen Tragödie), während die Odysseus-Geschichte formal (weil so uneinheitlich) und auf den Mensch fokusiert die Leute bis heute mehr anspricht, da kann man auch wieder sagen, es liegt also nicht in den Werken, sondern in der Mentalität desjenigen der drauf schaut. Die ganze Odysseus-Sache mit der List und der Lüge  und der Logik des Krieges usw. (er war ja auch vorher listig), der techné und was da alles reingehängt wird, genauso gut könnte man Odysseus aber auch für den Ausbund menschlicher Schwäche halten, 8 von den 10 Jahren irrfahrtet er ja gar nicht, sondern hängt bei irgendwelchen Frauen herum, die Erlebnisse der Irrfahrt erzählt er ja auch nur, während er irgendwo herumhängt (das konterkariert das Aushalten Penelopes ja völlig, zumal die anderen Heimkehrer schneller da sind und nicht solche treuen Frauen zu Hause haben) und kann sich da nicht loseisen, die Sehnsucht nach Penelope und Ithaka hält sich ja relativ in Grenzen, erst Achilles in der Unterwelt, der über die Langeweile des ewigen Lebens klagt, bringt ihn ja erst dazu dann doch mal wegzufahren und zu Hause wird er seiner Astyanax-Logik wieder treu, nur Athene endet mal wieder rechtsprecherisch diese ganze Rache-Metzeleien (wie bei der Orestie ja letztlich auch). Im Grunde hat er ja auch den großen, starken Ajax überlistet bzw. in den Wahnsinn getrieben, wozu ja Rilke meinte: „denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm / nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt“ …da muss ich gleich an Heiner Müller denken, ob der das auch dachte?

Jäger und Sammler im Weltall

Beim Stöbern durch Alexander Kluges DCPTV-Archiv fand ich mit am bemerkenswertesten ein Gespräch mit einem Raummediziner (kannte diesen Medizinzweig gar nicht): Raumfahrt als biologisches und inneres Erlebnis und der magere menschliche Vertikal-Lebenskorridor von 20 Kilometern.

Viel wird bei der Raumfahrt über technische und energetische und ökonomische Aspekte geredet, seltener über philosophisch-anthropologische und psychologische „...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan). Was würde sein, wenn er längerfristig aus dieser Totalität heraustreten würde/könnte? Gehen die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse an uns vorbei, weil sie nicht erzählbar sind, weil auch wissenschaftliche Studien gute oder schlechte Narrationen sind? Zb das sich unter Schwerelosigkeit das Riechen und Schmecken verändern und der Blick im Weltall sowieso (erstrecht, wenn nicht mehr die Erde als Blickfluchtpunkt wäre; und die ganze Psyche, die das ja auch beeinflusst und längerfristig auf zb evtl. Generationen in dem Zustand auswirken würde ) so theoretisch, und bisher die größten Schwierigkeiten wohl im Umgang mit der Strahlung im All und der Wärmehaushalt des Körpers aufkommen…in dem Zusammenhang wurde auch über das Raumdesign und Raumfahrt-Architektur nachgedacht, alles sehr interessant.

Witzigerweise führte mich das zu einer Doku aus den 70er, in der man sich ausmalt wie das Leben im Jahr 2000 sei…die Technik dieser Vergangenheit der Zukunft ist zum Lachen, die Sozialkritik dagegen aktuell wie nie:

Wenn man also über die Veränderung im Weltall nachdenkt, muss man natürlich noch naheliegender über die terrestrische Entwicklung nachdenken…der Künstler Clemens Gritl hat eine Serie „A future City from the past“… die basiert auf dieser mystifizierenden Vision einer radikal aggressiven urbanen Dystopie – einem kompromisslosen Design im brutalistischen Dogma. Alle Gebäude und Strukturen sind homogen. Die Differenzierungen architektonischer Stile und Epochen werden eliminiert und durch geometrische Strukturen, Wiederholungen und absolute Materialität ersetzt. Gigantische „Wohnmobile“, umschlossen von endlosen Autobahnnetzen, machen Platz für die Megastadt „Super-Brutalist“. Ganz nach Ballards High-Rise:

„A new social type was being created by the apartment building, a cool, unemotional personality impervious to the psychological pressures of high-rise life, with minimal needs for privacy, who thrived like an advanced species of machine in the neutral atmosphere.“

Aber schon viel weiter vorne…neolithische Revolution; Marshall Sahlins: „Das Menschenbild des Abendlands“, ich las das und fand mich unversehens in jener στάσις des Thukydides (besonders der Stasis auf Korkyra) wieder, deren Wirkmächtigkeit ein ganzes jahrhundertealtes und immer noch existentes Menschenbild prägte; und in Hobbes “Naturzustand” nur seinen neuzeitlichen Aufguss fand, dass sie die amerikanischen Gründerväter noch mit Schrecken erfüllte…und nebenbei als verdrehter Auswuchs auch im Waffenfanatismus der USA zu erkennen ist; das Recht auf eine Waffe um mich vor den Mitmenschen zu schützen, die nur Schlimmes im Schilde führen. Der sog. Naturzustand des Menschen in der politischen Philosophie als säkulare Erbsünde (nur dass der Naturzustand im judeo-christlichen Mythos eben paradiesisch war und verloren ging und kein Grundübel des Menschen per se ist…davon ab, dass Erlösung abseits eines Leviathans angeboten wird). Während dieses Bild (ebenfalls wurzelnd in jener großen antiken Stasis) insgeheim auch den aristokratischen Dünkel und die Angst des Besitzenden (die Krux des Eigentums) schlackig mit sich im Bett führte.

Ist der Mensch dem Menschen immer ein Wolf und wird nur durch Macht gebannt oder gibt es, wie wir aus etlichen ethnologischen Studien wissen, nicht auch menschliche Gemeinschaft ohne Politik, die nicht nur aus dem jeweiligen Eigennutz des Einzelnen besteht? Ich habe mich (nun nicht ganz unfreiwillig) während des Schreibens meiner Abschlussarbeit ja mit Thukydides „Syngraphe“ beschäftigen müssen…die Analogie von politischer Unruhe und Krankheit (eine Art Übertragung des hippokratisches Denkens der Zeit auf das politische Geschehen) kann auch darauf hindeuten, dass der Eigennutz, der Zwietracht säht etwas ist, was den Menschen befällt (also kein Urzustand) und der demnach auch kurierbar wäre…nur wie heißt die Krankheit und wie kommt man ihr bei? Und was ist dann Thukydides ἀνθρώπεια φύσις wirklich bzw. gibt es sie?

Jedenfalls Sahlins hat ja auch ein Buch (immer noch nicht auf Deutsch) namens „Stone Age Economics“ geschrieben. Sahlins hinterfragt nicht nur die sog. Kulturevolution (Kultur hier im buchstäblichen Sinne), sondern im Grunde ebenso die Vorstellung von einer angeblichen anthropologischen Grundkonstante des Wollens von Eigentum und des Menschen als permanente Wunschmaschine.

Viele heute noch existierenden Jäger- und Sammlerkulturen antworten auf die Frage nach Landwirtschaft ablehnend vor allem, weil sie gern ihre „Freizeit“ behalten wollen:


„Jäger und Sammlergesellschaften benötigen pro Kopf und Jahr weniger Energie als irgendeine andere menschliche Kulturform. Und doch zeigen Untersuchungen, dass es eben die Gesellschaft dieser war, die das Prädikat ‚ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft‘ verdient, eine Gesellschaft, in der sämtliche materiellen Bedürfnisse der Menschen mit Leichtigkeit erfüllt werden konnten. Diese Tatsache anzuerkennen, bedeutet zugleich festzustellen, dass der gegenwärtige Zustand des Menschen daraus besteht, sich in dem Versuch abzumühen, die klaffende Lücke zwischen seinen scheinbar endlosen Wünsche und seinen für deren Erfüllung unzureichenden Mitteln zu überbrücken – eine moderne Tragödie […] Das marktindustrielle System institutionalisiert die Knappheit in einer nie dagewesenen Weise […] Doch ist Knappheit keine intrinsische Eigenschaft von technischen Mitteln, sondern sie beschreibt eine Beziehung zwischen Mitteln und Zielen…Die anthropologische Bereitschaft, den Jägern und Sammlern wirtschaftliche Ineffektivität zu unterstellen, tritt insbesondere in gehässigen Vergleichen mit der jungsteinzeitlichen (Agrar-)Wirtschaft zu tage…Indem sie Jäger und Sammler auf diese Weise runtergestuft hatte, war die Anthropologie umso freier, den großen Fortschritt der Jungsteinzeit hochzujubeln […]
…die allgemeine Annahme, Jäger- und Sammlergesellschaften kämen vor lauter Überlebenskampf kaum zu irgendetwas anderem, hält der Wirklichkeit nicht stand. Gerne wird ja mit diesem Argument die evolutionäre Unterentwicklung der Altsteinzeit erklärt, während man der Jungsteinzeit pauschal für ihre Ermöglichung von Freizeit gratuliert. Doch sieht es so aus, als würden die traditionellen Formeln erst unter umgekehrten Vorzeichen stimmen: Mit der Evolution der Kultur steigt der pro Kopf zu leistende Arbeitsaufwand, und die zur Verfügung stehende freie Zeit schwindet. Die Subsistenzarbeiten der Jäger und Sammler der heutigen Zeit werden charakteristischer Weise gerne durch andere Tätigkeiten unterbrochen – ein Tag Arbeit, ein Tag frei – und zumindest die Jäger und Sammler der heutigen Zeit tendieren dazu, ihre freie Zeit mit Aktivitäten wie Schlafen bei Tageslicht zu verbringen […] und selbst wenn man die unter schwierigsten Bedingungen lebenden Jäger- und Sammlergesellschaften zum Vergleich heranzieht, so wird man schwerlich beweisen können, dass Mangel ein merkliches Charakteristikum dieser Lebensweise wäre. Die Knappheit an Lebensmitteln ist – ganz im Gegensatz zu anderen Produktionsmethoden – keine bezeichnende Eigenschaft dieser Methode, und sie lässt sich deshalb auch nicht benutzen, um Jäger und Sammler als eine Klasse oder eine andere generelle Evolutionsstufe von anderen abzugrenzen.
So fragt Robert Lowie ganz richtig: ‚Was aber ist mit dem Hirten, deren Lebensunterhalt immer wieder durch Seuchen in Gefahr gerät…Was ist mit den primitiven Bauern, die den Boden ohne jede Ausgleichsmaßnahmen roden und bearbeiten, die eine Stelle ausbeuten und dann zur nächsten weiterziehen, um dort bei jeder Trockenheit von Hunger bedroht zu sein? Besitzen diese Menschen wirklich mehr Möglichkeiten im Umgang mit auf natürliche Umstände zurückzuführenden Unglücksfällen als die Jäger und Sammler?‘
Und nicht zuletzt: Wie sieht es mit der heutigen Welt aus? Zwischen einem Drittel bis zur Hälfte der Menschheit, so ist zu hören, geht jeden Abend hungrig zu Bett. In der Altsteinzeit muss diese Quote sehr viel geringer ausgefallen sein. Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Hunger in bislang nicht gekanntem Ausmaß Realität ist. Heute, zur Zeit der größten technischen Machbarkeiten, ist das Hungern ein institutionalisierter Faktor. Um eine weitere ehrenwerte Formel vom Kopf auf die Füße zu stellen: Der Hunger in der Welt steigt in relativer und absoluter Weise mit der Evolution der Kultur…Jäger- und Sammlergesellschaften genießen aufgrund äußerer Umstände einen objektiv niedrigen Lebensstandard. Bedenkt man jedoch ihre Ziele und zieht auch die Angemessenheit ihrer Produktionsmittel in Betracht, erkennt man, dass sich bei ihnen für gewöhnlich alle materiellen Wünsche leicht befriedigen lassen.
Die primitivsten Völker dieser Erde mögen wenig Besitz haben, doch sind sie nicht arm. Armut ist gleichzusetzen mit einer bestimmten geringen Menge an Gütern, und sie ist auch keine bloße Beziehung zwischen Mitteln und Zielen. Sie ist vor allem eine Beziehung zwischen Menschen. Armut bezeichnet einen sozialen Status und ist somit eine Erfindung der Zivilisation. Die Armut hat mit zunehmenden Alter der Zivilisation zugenommen, zunächst als eine boshafte Unterscheidung zwischen Klassen, noch wichtiger jedoch als eine untergeordnete Beziehung, die Landwirtschaft betreibende Bauern anfälliger für Naturkatastrophen macht als jedes Eskimo-Wintercamp in Alaska.“

Erinnert mich immer etwas an Mt. 6:26; “ Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch…“

Zurzeit lese ich parallel James Scotts interessantes neues Buch „Against the Grain“, das eine Art verlängerte These von Sahlin dazu ist, warum die Sesshaftwerdung inkl. Städteentwicklung nicht die rein positive Zivilisationsleistung war als die sie gern im westlichen Denken betrachtet wurde (die instrumentelle Vernunft wäre dann das Ende dieser Entwicklung). Den schwierigen und keinesfalls leichten Übergang außerdem festhaltend (tat auch Sieferle in „Rückblick auf die Natur“). Naturbeherrschung – und ihre Folgen – sozusagen als Erbe der Seeshaftigkeit (also jetzt ganz kurz und vereinfacht zusammengebracht). Während (und da wäre ich fast wieder bei Flusser), die neue Zeit beinah wieder zum, wenn auch anders gearteten, Nomadentum tendiert…das absolute Gegenteil von Sesshaftigkeit kann auch Schwerelosigkeit sein.

Konservatismus

Ich las heute dieses hier:

https://www.untergrund-blättle.ch/politik/die_herrschaft_der_beliebigkeit.html

Und kam sehr ins Grübel, was sich kürzest wiedergeben lassen könnte als:

Kondylis, Breuer, Voegelin und der Kampf des Liberalismus mit sich selbst am Abgrund der Postmoderne…vielleicht ist die Krise der Demokratie eine Krise des Bürgerlichen schlechthin? (ich beanspruche da keinen Platz auf endgültige Wahrheiten, unfalsifizierbare Richtigkeit oder unbeirrbare Durchdringung, sondern denke lediglich laut)

Panajotis Kondylis‘ Buch „Konservativismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang“ von 1986, ist eine Geschichte des Konservatismus, die gegen die damals in Deutschland dominierende Theorie von Karl Mannheim geschrieben ist, die den Konservatismus als ein Reaktionsphänomen verstand, das aus der Französischen Revolution hervorgegangen sei. Für Kondylis sei der Konservatismus eher das bereits seit dem Mittelalter existierende Weltbild des Adels, der seine Legitimation aus einer bestimmten Auffassung des Rechts als eines Privilegs bezieht, die mit der völlig andersgearteten egalitären Rechtsauffassung der Moderne unvereinbar ist.

Ausgehend von diesem Konservatismus-Begriff ist nach Stefan Breuer der Konservatismus als einheitliche adlige Gegenideologie historisch am Ende des 19. Jh. untergegangen. Längst waren zu diesem Zeitpunkt all seine Denk- und Praxisenergien in den verschiedenen Varianten des Liberalismus zusammengelaufen, der das geschichtlich entscheidende Ensemble von Orientierungs- und Suchbewegungen um 1900 in sich aufgenommen hatte (inklusive der sog. Konservativen Revolution).

Der Konservatismus zu dem sich heute immer noch oder wieder bekennen, wäre demnach nichts als Liberalismus in wahlweise wirtschaftsliberaler oder nationalistischer Form (oder gern auch beides). Und ist vom Grundgerüst des Liberalismus nichts Anderes als der Liberalismus der Linken oder der Mitte (oder wie man es auch bezeichnen müsste). Auch wenn es sog. „Konservativen“ und ihren „linken“ Gegnern nicht passt: Kondylis weist nach, dass es sich beim Konservativismus nur noch um ein rein historisches Phänomen handelt, nicht aber um einen inhaltlich gefüllten Begriff, der sinnvoll für aktuelle politische Phänomene zu gebrauchen wäre. Konservativismus war die Ideologie des alteuropäischen Adels, mit dem er sich gegen den Aufstieg von Bürgertum und Arbeiterklasse geistig zur Wehr setzte. Demnach sind heutige Konservative auch nur Liberale.

Eric Voegelin schreibt in seinem Aufsatz „What is a Liberal?“ u.a.:

Liberalism is Defined by What It Opposes.

The picture of liberalism changes because liberalism itself changes in the process of history. And it changes because it is not a body of timelessly valid scientific propositions about political reality, but rather a series of political opinions and attitudes that have their optimal truth in the situation that motivates them, and are then overtaken by history and required to do justice to new situations.

Liberalism is a political movement in the context of the surround­ing Western revolutionary movement; its meaning alters with the phases of the surrounding movement. Its field of optimal clarity is the nineteenth century, which is preceded and followed by fields of decreasing clarity in which it becomes increasingly difficult to establish its identity. We can best gain access to this constantly changing field of meaning if we seize the expression “liberal” at its point of historical and political origin.

Even if, as we have seen, the beginnings of liberalism can be traced back to the early sixteenth century, the word liberal is nevertheless a relatively late creation. It appears for the first time in the second decade of the nineteenth century when a party of the Spanish Cortes of 1812 called itself the Liberales. This was a liberal constitutional party that formed a front against attempts at restoration.

From this beginning the expression “liberal” entered the general European vo­cabulary, and soon there occurred throughout Europe the formation of liberal groups, parties, and movements. The first use of the expression indicates the problems of liber­alism. The new attitude is so tightly bound up with the attitudes it opposes that the entire complex of attitudes becomes a unity of meaning that overshadows each of its elements. In the decade from 1810 to 1820 there arise, parallel with the idea of liberalism, the ideas of conservatism and of restoration.

With Chateaubriand’s Le Conservateur we have conservatism, and with Mailer’s Restauration der Staatswissenschaft of 1816 we have the idea of restoration. Within a decade those three symbols arise that henceforth designate movements and parties, run parallel, are interrelated, and are held together in a unity of meaning by the fact that they are three modes of reaction to the phenomenon of revolution. The meaning of the three modes of reaction is defined in relation to the revolution, so that only in its context can the four labels–revolution, restoration, conservatism, and liberalism–be understood.

But even having gained this insight, we still cannot state the meaning of the four symbols precisely, as in a conceptual defini­tion. For in the historical process the elements of the movements develop even relative to each other and change their meaning.

[…]

A very remarkable new change of meaning has occurred in liberal­ism since the Second World War. If you look at the political fronts of the postwar period–in West Germany, France, and Italy–you will note a political force that before the war did not exist to this massive extent: the principal parties are closely connected with the Catholic and Protestant churches.

Through mutual assimila­tion, liberalism and this new force came into broad agreement. The liberals who were overtaken by the revolution became con­servative and the conservative Christian organizations liberalized themselves considerably. There became possible a common front against the common danger [Soviet communism].

But again, the social context has its effect, and the direction of the development is not unambiguous. When parties of Catholic or Protestant affiliation become the bear­ers of liberalism then rigidly secularist liberals may become still more secularist and more anti-clerical–may, as in France, move even more sharply toward the left, since the liberal position is now occupied by conservatives, may even tend toward the Communist Party, although they are by no means Communists. Especially in France and Italy, Communism took over the anti-clerical function of the older liberalism, because the old liberals shifted toward the right and became conservative, occasionally with distinctly Chris­tian overtones.

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The idea of peaceful change–a policy of timely adaptation to the social situation that, in the age of the industrial revolution, changes very quickly–has become today a constant in all shades of liberalism. From this point of view liberalism becomes a method for carrying on the revolution with other, less destructive means.

This liberalism, plausible and tempting as it sounds, is weak because it greatly underestimates the motives and forces underlying the revolution. In fact, liberalism did not buy off the terrors of revolution at all but rather was forced to play the conservative role in the age of totalitarian regimes

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he political aspect of liberalism is defined by the liberal op­position to certain abuses, which are to be eliminated. Liberalism is above all against the old-style police state, that is, against the encroachment of the executive upon the judicial and legislative domains; in constitutional politics liberals demand the separation of powers. Secondly, they oppose the old social order, that is, the privileged position of clergy and nobility. At this point can be seen the weakness of a political attitude that is tied to the situation; we will have more to say about this later.

In time, when the rising working class becomes politically capable of directing it, the at­tack on privilege turns against the liberal bourgeoisie itself. In the course of the revolutionary movement the attack cannot end until the society has become egalitarian.

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Liberalism has run into difficulties. The programmatic battle could always be waged with success up to a certain point, only to fall into a new difficulty, more serious than the one overcome. We must now look more closely at the phenomenon of liberalism being overtaken and mired down. The weakness of political liberalism is its belief in the redemptive value of a constitutional model constructed in opposition to abso­lute monarchy and the police state.

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inally, universal suffrage was originally in no way a political goal of the liberals; it was a populist element, and the older liberals sought to uphold in opposition to it the suffrage principle of property and education. Only under massive political pressure from below did it develop gradually into a liberal demand.

A constitutional model that is so manifestly historically contin­gent must lead unavoidably to difficulties and cause severe damage when it is dogmatized into a worldview and its elements are raised to articles of faith. The catastrophe of its exportation to non-Western societies plays itself out for all to see, but we need not look that far.

Within the West itself, Europe has been led to the brink of destruction by the international propaganda against, and destruction of, political structures that do not correspond to the model of the liberal national state and by the insanity of introducing the model without transition into societies that had not produced it. Especially the misunderstanding of basic human rights as including the privilege to ideologically destroy the existing order has had deadly consequences in societies without a mature political tradi­tion, such as the German.

Today the eschatological fire of the model is, if not extinguished, considerably dampened. We know today that societies do not become free through liberal constitutions, but that free societies produce liberal constitutions and can function in their framework–a relation to which John Stuart Mill pointed emphatically…

Closely connected with the failure of the constitutional model is the collapse of the economic model. In its English conception the economic model was originally bound to the situation of a relatively low concentration of population and a predominantly agrarian economy…When society differentiated into capitalist and worker, the model of the society of free, equal citizens was overtaken by a reality that pressed toward the crisis of class struggle. There arose the social-ethical problematic, which after long political struggles led to the massive introduction of socialist elements into the liberal economic structure…“

Kurz gesagt, auch der Liberalismus ist ein Zeit-Strömung, die vor allem in der Dichotomie mit dem Anderen funktionierte (zuerst der Adel und sein Konservatismus, dann evtl. der Faschismus und der Kommunismus mit ihren Revolutionen). Da heute aber, in den westlichen Ländern im Grunde alle Bürgerliche sind und irgendwie (deswegen?) auch keiner mehr und sich nur auf bestimmte Aspekte des Liberalismus stürzen und sie gegen die Anderen wenden, ist das nur ein Selbststreit innerhalb des Liberalismus. Wenn der klassische Arbeiter verschwindet ist das eher aber kein Sieg des Bürgertums, sondern ein letztes Strampeln und Selbstzerfleischen, weil man ebenfalls Relikt geworden ist und wie Kondylis beschreibt längst in der postmodernen Massendemokratie sein Hamsterrad abläuft und sich wahlweise vom neoliberalen Kapitalismus kaufen lässt, der kann nämlich aus allen liberalen Richtungen Kapital schlagen, er ist der Freund seiner autoritären Nutznießer wie der internationalistischen Globalisierungsmaschine.

Insofern wäre ein Großteil aller derzeitigen Politik im Grunde reaktionär.

Wenn also vor echter Revolution (in welche Richtung auch immer) zurückgeschreckt wird, aber auch kein echter Gegner vorhanden ist, reformiert man sich im System herum und wird wiederum bekämpft, schönes Beispiel Feminismus…gestern las ich ein gutes Interview mit Camille Paglia (da wissen die Leute ja auch nix mit anzufangen, weil sie den Linken zu rechts und den Rechten im Grunde zu links ist, wenn wir’s mal auf die alten Begriffe runterbrechen), da sagte u.a. das:

I am an equity feminist: that is, I demand equal opportunity for women through the removal of all barriers to their advance in the professional and political realms. However, I oppose special protections for women as inherently paternalistic and regressive. Women have rarely worked side by side with men in the way they now do in the modern workplace, whose competitive operational systems were devised by men for maximum productivity. Despite their general affluence, professional women of the Western world have been chronically unhappy for decades, and I conjecture that it is partly because they have been led to expect happiness from a mechanical work environment that doesn’t make men happy either.“

Mal davon ab, dass ich dem Standpunkt zur „Frauenfrage“ zustimme, zeigt doch dieses Sich ins bestehende System einbohren wollen um wenigstens ebenso unglücklich zu sein, anstatt das System zu ändern genau das herumlavieren in dem was heute Liberalismus ist (selbst das zeitgenössische Hausfrauendasein ist ja nun auch nicht mit dem früheren zu vergleichen, allein, weil es im Grunde ebenso atomisiert ist wie vieles andere auch).