Jäger und Sammler im Weltall

Beim Stöbern durch Alexander Kluges DCPTV-Archiv fand ich mit am bemerkenswertesten ein Gespräch mit einem Raummediziner (kannte diesen Medizinzweig gar nicht): Raumfahrt als biologisches und inneres Erlebnis und der magere menschliche Vertikal-Lebenskorridor von 20 Kilometern.

Viel wird bei der Raumfahrt über technische und energetische und ökonomische Aspekte geredet, seltener über philosophisch-anthropologische und psychologische „...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan). Was würde sein, wenn er längerfristig aus dieser Totalität heraustreten würde/könnte? Gehen die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse an uns vorbei, weil sie nicht erzählbar sind, weil auch wissenschaftliche Studien gute oder schlechte Narrationen sind? Zb das sich unter Schwerelosigkeit das Riechen und Schmecken verändern und der Blick im Weltall sowieso (erstrecht, wenn nicht mehr die Erde als Blickfluchtpunkt wäre; und die ganze Psyche, die das ja auch beeinflusst und längerfristig auf zb evtl. Generationen in dem Zustand auswirken würde ) so theoretisch, und bisher die größten Schwierigkeiten wohl im Umgang mit der Strahlung im All und der Wärmehaushalt des Körpers aufkommen…in dem Zusammenhang wurde auch über das Raumdesign und Raumfahrt-Architektur nachgedacht, alles sehr interessant.

Witzigerweise führte mich das zu einer Doku aus den 70er, in der man sich ausmalt wie das Leben im Jahr 2000 sei…die Technik dieser Vergangenheit der Zukunft ist zum Lachen, die Sozialkritik dagegen aktuell wie nie:

Wenn man also über die Veränderung im Weltall nachdenkt, muss man natürlich noch naheliegender über die terrestrische Entwicklung nachdenken…der Künstler Clemens Gritl hat eine Serie „A future City from the past“… die basiert auf dieser mystifizierenden Vision einer radikal aggressiven urbanen Dystopie – einem kompromisslosen Design im brutalistischen Dogma. Alle Gebäude und Strukturen sind homogen. Die Differenzierungen architektonischer Stile und Epochen werden eliminiert und durch geometrische Strukturen, Wiederholungen und absolute Materialität ersetzt. Gigantische „Wohnmobile“, umschlossen von endlosen Autobahnnetzen, machen Platz für die Megastadt „Super-Brutalist“. Ganz nach Ballards High-Rise:

„A new social type was being created by the apartment building, a cool, unemotional personality impervious to the psychological pressures of high-rise life, with minimal needs for privacy, who thrived like an advanced species of machine in the neutral atmosphere.“

Aber schon viel weiter vorne…neolithische Revolution; Marshall Sahlins: „Das Menschenbild des Abendlands“, ich las das und fand mich unversehens in jener στάσις des Thukydides (besonders der Stasis auf Korkyra) wieder, deren Wirkmächtigkeit ein ganzes jahrhundertealtes und immer noch existentes Menschenbild prägte; und in Hobbes “Naturzustand” nur seinen neuzeitlichen Aufguss fand, dass sie die amerikanischen Gründerväter noch mit Schrecken erfüllte…und nebenbei als verdrehter Auswuchs auch im Waffenfanatismus der USA zu erkennen ist; das Recht auf eine Waffe um mich vor den Mitmenschen zu schützen, die nur Schlimmes im Schilde führen. Der sog. Naturzustand des Menschen in der politischen Philosophie als säkulare Erbsünde (nur dass der Naturzustand im judeo-christlichen Mythos eben paradiesisch war und verloren ging und kein Grundübel des Menschen per se ist…davon ab, dass Erlösung abseits eines Leviathans angeboten wird). Während dieses Bild (ebenfalls wurzelnd in jener großen antiken Stasis) insgeheim auch den aristokratischen Dünkel und die Angst des Besitzenden (die Krux des Eigentums) schlackig mit sich im Bett führte.

Ist der Mensch dem Menschen immer ein Wolf und wird nur durch Macht gebannt oder gibt es, wie wir aus etlichen ethnologischen Studien wissen, nicht auch menschliche Gemeinschaft ohne Politik, die nicht nur aus dem jeweiligen Eigennutz des Einzelnen besteht? Ich habe mich (nun nicht ganz unfreiwillig) während des Schreibens meiner Abschlussarbeit ja mit Thukydides „Syngraphe“ beschäftigen müssen…die Analogie von politischer Unruhe und Krankheit (eine Art Übertragung des hippokratisches Denkens der Zeit auf das politische Geschehen) kann auch darauf hindeuten, dass der Eigennutz, der Zwietracht säht etwas ist, was den Menschen befällt (also kein Urzustand) und der demnach auch kurierbar wäre…nur wie heißt die Krankheit und wie kommt man ihr bei? Und was ist dann Thukydides ἀνθρώπεια φύσις wirklich bzw. gibt es sie?

Jedenfalls Sahlins hat ja auch ein Buch (immer noch nicht auf Deutsch) namens „Stone Age Economics“ geschrieben. Sahlins hinterfragt nicht nur die sog. Kulturevolution (Kultur hier im buchstäblichen Sinne), sondern im Grunde ebenso die Vorstellung von einer angeblichen anthropologischen Grundkonstante des Wollens von Eigentum und des Menschen als permanente Wunschmaschine.

Viele heute noch existierenden Jäger- und Sammlerkulturen antworten auf die Frage nach Landwirtschaft ablehnend vor allem, weil sie gern ihre „Freizeit“ behalten wollen:


„Jäger und Sammlergesellschaften benötigen pro Kopf und Jahr weniger Energie als irgendeine andere menschliche Kulturform. Und doch zeigen Untersuchungen, dass es eben die Gesellschaft dieser war, die das Prädikat ‚ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft‘ verdient, eine Gesellschaft, in der sämtliche materiellen Bedürfnisse der Menschen mit Leichtigkeit erfüllt werden konnten. Diese Tatsache anzuerkennen, bedeutet zugleich festzustellen, dass der gegenwärtige Zustand des Menschen daraus besteht, sich in dem Versuch abzumühen, die klaffende Lücke zwischen seinen scheinbar endlosen Wünsche und seinen für deren Erfüllung unzureichenden Mitteln zu überbrücken – eine moderne Tragödie […] Das marktindustrielle System institutionalisiert die Knappheit in einer nie dagewesenen Weise […] Doch ist Knappheit keine intrinsische Eigenschaft von technischen Mitteln, sondern sie beschreibt eine Beziehung zwischen Mitteln und Zielen…Die anthropologische Bereitschaft, den Jägern und Sammlern wirtschaftliche Ineffektivität zu unterstellen, tritt insbesondere in gehässigen Vergleichen mit der jungsteinzeitlichen (Agrar-)Wirtschaft zu tage…Indem sie Jäger und Sammler auf diese Weise runtergestuft hatte, war die Anthropologie umso freier, den großen Fortschritt der Jungsteinzeit hochzujubeln […]
…die allgemeine Annahme, Jäger- und Sammlergesellschaften kämen vor lauter Überlebenskampf kaum zu irgendetwas anderem, hält der Wirklichkeit nicht stand. Gerne wird ja mit diesem Argument die evolutionäre Unterentwicklung der Altsteinzeit erklärt, während man der Jungsteinzeit pauschal für ihre Ermöglichung von Freizeit gratuliert. Doch sieht es so aus, als würden die traditionellen Formeln erst unter umgekehrten Vorzeichen stimmen: Mit der Evolution der Kultur steigt der pro Kopf zu leistende Arbeitsaufwand, und die zur Verfügung stehende freie Zeit schwindet. Die Subsistenzarbeiten der Jäger und Sammler der heutigen Zeit werden charakteristischer Weise gerne durch andere Tätigkeiten unterbrochen – ein Tag Arbeit, ein Tag frei – und zumindest die Jäger und Sammler der heutigen Zeit tendieren dazu, ihre freie Zeit mit Aktivitäten wie Schlafen bei Tageslicht zu verbringen […] und selbst wenn man die unter schwierigsten Bedingungen lebenden Jäger- und Sammlergesellschaften zum Vergleich heranzieht, so wird man schwerlich beweisen können, dass Mangel ein merkliches Charakteristikum dieser Lebensweise wäre. Die Knappheit an Lebensmitteln ist – ganz im Gegensatz zu anderen Produktionsmethoden – keine bezeichnende Eigenschaft dieser Methode, und sie lässt sich deshalb auch nicht benutzen, um Jäger und Sammler als eine Klasse oder eine andere generelle Evolutionsstufe von anderen abzugrenzen.
So fragt Robert Lowie ganz richtig: ‚Was aber ist mit dem Hirten, deren Lebensunterhalt immer wieder durch Seuchen in Gefahr gerät…Was ist mit den primitiven Bauern, die den Boden ohne jede Ausgleichsmaßnahmen roden und bearbeiten, die eine Stelle ausbeuten und dann zur nächsten weiterziehen, um dort bei jeder Trockenheit von Hunger bedroht zu sein? Besitzen diese Menschen wirklich mehr Möglichkeiten im Umgang mit auf natürliche Umstände zurückzuführenden Unglücksfällen als die Jäger und Sammler?‘
Und nicht zuletzt: Wie sieht es mit der heutigen Welt aus? Zwischen einem Drittel bis zur Hälfte der Menschheit, so ist zu hören, geht jeden Abend hungrig zu Bett. In der Altsteinzeit muss diese Quote sehr viel geringer ausgefallen sein. Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Hunger in bislang nicht gekanntem Ausmaß Realität ist. Heute, zur Zeit der größten technischen Machbarkeiten, ist das Hungern ein institutionalisierter Faktor. Um eine weitere ehrenwerte Formel vom Kopf auf die Füße zu stellen: Der Hunger in der Welt steigt in relativer und absoluter Weise mit der Evolution der Kultur…Jäger- und Sammlergesellschaften genießen aufgrund äußerer Umstände einen objektiv niedrigen Lebensstandard. Bedenkt man jedoch ihre Ziele und zieht auch die Angemessenheit ihrer Produktionsmittel in Betracht, erkennt man, dass sich bei ihnen für gewöhnlich alle materiellen Wünsche leicht befriedigen lassen.
Die primitivsten Völker dieser Erde mögen wenig Besitz haben, doch sind sie nicht arm. Armut ist gleichzusetzen mit einer bestimmten geringen Menge an Gütern, und sie ist auch keine bloße Beziehung zwischen Mitteln und Zielen. Sie ist vor allem eine Beziehung zwischen Menschen. Armut bezeichnet einen sozialen Status und ist somit eine Erfindung der Zivilisation. Die Armut hat mit zunehmenden Alter der Zivilisation zugenommen, zunächst als eine boshafte Unterscheidung zwischen Klassen, noch wichtiger jedoch als eine untergeordnete Beziehung, die Landwirtschaft betreibende Bauern anfälliger für Naturkatastrophen macht als jedes Eskimo-Wintercamp in Alaska.“

Erinnert mich immer etwas an Mt. 6:26; “ Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch…“

Zurzeit lese ich parallel James Scotts interessantes neues Buch „Against the Grain“, das eine Art verlängerte These von Sahlin dazu ist, warum die Sesshaftwerdung inkl. Städteentwicklung nicht die rein positive Zivilisationsleistung war als die sie gern im westlichen Denken betrachtet wurde (die instrumentelle Vernunft wäre dann das Ende dieser Entwicklung). Den schwierigen und keinesfalls leichten Übergang außerdem festhaltend (tat auch Sieferle in „Rückblick auf die Natur“). Naturbeherrschung – und ihre Folgen – sozusagen als Erbe der Seeshaftigkeit (also jetzt ganz kurz und vereinfacht zusammengebracht). Während (und da wäre ich fast wieder bei Flusser), die neue Zeit beinah wieder zum, wenn auch anders gearteten, Nomadentum tendiert…das absolute Gegenteil von Sesshaftigkeit kann auch Schwerelosigkeit sein.

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