Alice Oswald „Memorial“

Alice Oswalds Gedichtezylus hat die provokante Idee, die Ilias auf zwei ihrer auffälligsten Merkmale zu reduzieren: die grausamen Todesopfer und die Gleichnisse, die oft in einem pastoralen Kontrapunkt zu den Geschehnissen stehen. Ich meine, Homer beschönigt nicht den Tod eines Helden oder gar den Tod eines unbedeutenden Soldaten. Er ist ja ein Anatom des Todes, ein forensischer Pathologe des Bronzespeers und des Bronzeschwerts. Die griechischen und trojanischen Krieger trifft ihr Schicksal auf gewalttätige, blutige und drastische Weise (hätte es griechische Feldschere gegeben, hätten sie die „Ilias“ als Lehrbuch verwenden können).

Auf den ersten Seiten sind die Namen von mehr als 200 Toten aufgeführt. Wie Familiennamen auf einem Kriegsdenkmal. Aber während das Gedicht in Gang kommt, denkt man , das kann ja nur zur monotonen Tragödie werden, jedes neue Opfer wird wahrscheinlich weniger Auswirkungen haben als das vorhergehende. Das Wunderbare ist, dem ist nicht so. Das Gedicht wirkt umgekehrt: Es baut sich auf. So eine mantrisches Lamento wird das, das lullt richtig ein. Alle Poesie hat einen Erinnerungsaspekt, die Festlegung eines Moments, eines Ortes, das Vergehen eines Lebens. Aber das Gedicht erinnert sich im großen Stil, eine konzentrierte, intensive und vielseitige Elegie. Und ist trotzdem frisch geschrieben, wie das ja im Grunde Homer entspricht (als ob jeder Soldat am Tag des Schreibens gestorben wäre).

"Grief is black it is made of earth/ It gets into the cracks in the eyes/ It lodges its lump in the throat...
Wanting to be light again/ wanting this whole problem of living to be lifted/ And carried on a hip."
"Like tribes of summer bees
Coming up from the underworld out of a crack in a rock
A billion factory women flying to their flower work
Being born and reborn and shimmering over fields."
Wie wenn aufwallt das große Meer in stummem Gewoge,
ahnend der schrillen Winde reißende Bahnen,
nur so, und sich nicht voranwälzt, weder hierhin noch dorthin

Homers Ilias ist voller wunderbarer Bilder von Armeen wie schwärmenden Bienen, abgeflachten Maisfeldern, Wellen, die im Konvoi kommen. Oswalds poetische Struktur selbst enthält große Rhythmen, ähnlich wie das Meer. Die erweiterten Gleichnisse werden zweimal gedruckt. Sie kommen wie wiederholte Wellen auf einen zu. Sie drücken das Gedicht vor und ziehen es zurück. Bei Homer gibt es eine Zeile, die als „Trance des Krieges“ übersetzt wird und die Atmosphäre des Gedichts beschreibt.

Hier kann man Oswald daraus lesen hören: https://poetryarchive.org/poem/memorial/

Zur Frische von Homer sei gesagt, ich bin Schadewaldt-Anhängerin, ich finde deutsche Hexameter eben nicht hoch-heldisch, sondern sie sind genau das, was Renaissancer und Sattelzeitler in die Antike reinheroisiert und vergoldet haben (das ist wie die weiße Erhabenheit der Griechischen Skuplturen von denen man ja mittlerweile weiß, dass sie ursprünglich grell bunt angemalt waren), alles Platonisten, die das gern so sahen wie Platon es gern gehabt hätte, es aber nie war. Und die Götter spielen da in der Ilias Stratego mit den Menschen, das hat doch auch wieder was Lakonisches. Und die menschlichsten Szenen sind die, die die Götter ja nicht beeinflussen und die Dinge betreffen, die sie nie betreffen…Sterben und der Umgang damit, die Trauer (die sind psychologisch auch am präzisesten, finde ich, zumindest die der Hauptpersonen, weil höchst individuell weniger ritualisiert) siehe die Szene zwischen Achilles und Priamos, denn der Zorn Achilles, um den das ganze sich ja dreht genau in dem Moment aufhört, wo er empathisch wird. Ein Epos des Todes im Grunde….deswegen ist Oswalds Version auch so gut, weil sie das herausstreicht. „Denn kein anderes Wesen ist jammervoller auf Erden / Als der Mensch, von allem, was Leben haucht und sich reget.“ Und jammervoll ist dann doch buchstäblich, finde ich.

Michael Köhlmeier meinte mal die Sattelzeitler hätten die Ilias mehr geschätzt als die Odyssee, während es in der Moderne genau andersherum sei, man sah in der Ilias dieses Göttergedöns (ich muss auch sagen, dass es mich teilweise genervt hat, aber das ist eben die Vulgärpsychologie, die Götter über selten totalen Zwang auf die Menschen aus, sie wirken nicht gegen deren individuelle Eigenarten, der Zeit und das Schicksalsgedöns ist da ja noch gar nicht so stark wie später in der Attischen Tragödie), während die Odysseus-Geschichte formal (weil so uneinheitlich) und auf den Mensch fokusiert die Leute bis heute mehr anspricht, da kann man auch wieder sagen, es liegt also nicht in den Werken, sondern in der Mentalität desjenigen der drauf schaut. Die ganze Odysseus-Sache mit der List und der Lüge  und der Logik des Krieges usw. (er war ja auch vorher listig), der techné und was da alles reingehängt wird, genauso gut könnte man Odysseus aber auch für den Ausbund menschlicher Schwäche halten, 8 von den 10 Jahren irrfahrtet er ja gar nicht, sondern hängt bei irgendwelchen Frauen herum, die Erlebnisse der Irrfahrt erzählt er ja auch nur, während er irgendwo herumhängt (das konterkariert das Aushalten Penelopes ja völlig, zumal die anderen Heimkehrer schneller da sind und nicht solche treuen Frauen zu Hause haben) und kann sich da nicht loseisen, die Sehnsucht nach Penelope und Ithaka hält sich ja relativ in Grenzen, erst Achilles in der Unterwelt, der über die Langeweile des ewigen Lebens klagt, bringt ihn ja erst dazu dann doch mal wegzufahren und zu Hause wird er seiner Astyanax-Logik wieder treu, nur Athene endet mal wieder rechtsprecherisch diese ganze Rache-Metzeleien (wie bei der Orestie ja letztlich auch). Im Grunde hat er ja auch den großen, starken Ajax überlistet bzw. in den Wahnsinn getrieben, wozu ja Rilke meinte: „denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm / nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt“ …da muss ich gleich an Heiner Müller denken, ob der das auch dachte?

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