Natura

„Wir denken uns die Natur nicht annähernd groß, nicht annähernd umfassend, plastisch, durchdringend, und: differenziert genug.“

Birgit Recki

Zwei Bücher von denen ich annahm, dass sie sich gut ergänzen (sind ja zumindest auch aus der gleichen Reihe DE NATURA des Matthes&Seitz-Verlags)…

Birgit Recki setzt in „Natur und Technik. Eine Komplikation“ dazu an, dass man sich endlich vom im Grunde schon immer unbrauchbar konstruierten Natur/Kultur-Dualismus (den das Christentum mit seinem Kreationismus und dessen Ableitungen zwar nicht ex nihilo erfunden, aber immens  eingekerbt und verschärft hat) entfenrt (indem man ihn bestenfalls als Binnenspannung, und sie tut das nicht vordergründig an ihren beiden Fallbeispielen, Kapps Organprojektion und Dessauers Weiterschöpfung aus prästabilisierten Potenzialen, die sie eher als Kabinettstückchen verwendet um an ihnen grundsätzliche Überlegungen festzumachen um dann mit Kants vorsichtiger Spekulation von der Projektion der Handlungsrationalität in die Natur, die darin gipfelt, die menschliche Freiheit und damit die Kultur sei der letzte Zweck der Natur, insofern also nichts anderes als Letztere.

Kants „“Natur als Inbegriff von allem, was nach Gesetzen bestimmt existiert“, könnte man versimpelt auch dazu hernehmen zu sagen, da alle Technik aus Ressource der Natur und den Naturgesetzen funktioniert, warum sollte sie außerhalb oder im Gegensatz der Natur stehen? Der Mensch bringt sie hervor, der selbst zwar Kultur, aber darin immer auch ein Naturwesen bleibt.

„Die übertriebene Schlussfolgerung aus den Befunden vom Anthropozän dagegen ist – gerade auch wegen ihrer Kongruenz mit den hartnäckigen Gemeinplätzen des geläufigen Dualismus – eine diskursive Abgrenzung wert: Es macht einen die Unterschied, die populäre ontologische Entgegensetzeng von Natur und Kultur aufzuheben in dem holistischen Gedanken, dass die Errungenschaft eines Lebewesens auch dann Teil der Natur sind, wenn dieses Wesen mittels elaborierter Intelligenz und der daraus hervorgehenden Leistungen (Bewusstsein, Selbstbewusstsein, objektiver Geist, Normativität, Kultur) eine selbständige Perspektive auf seine Herkunftsbedingungen entwickeln, ja zu ihnen auf Distanz gehen kann – und an dieser Distanz mittels kategorialen und methodischen Differenzierungen auch festzuhalten (1); oder die durchdringende Kulturaktivität des Menschen als einen ontologischen Umschwung zu verkennen und die Differenz zwischen Natur und Kultur zu kassieren in der Behauptung, dass nichts mehr Natur, alles nur noch Kultur wäre (2). Im Zuge der ersten These wird der absolute Gegensatz von Kultur und Natur bestritten. Die Kultur soll begreifbar werden als eine Komplikation in dem Ganzen, das die Natur ist; deren Bestehen im Prozess der wirkenden Kräfte, der stets Differenzierung und so Veränderung mit sich bringt, wird nicht in Frage gestellt. Behauptet ist mit dieser Position die Kultur als Element der Natur. Im Zuge der zweiten These wird hingegen der Begriff der Natur als systematisch obsolet, als Gegenstand eines nur noch historischen Rückblicks verabschiedet. Kultur erscheint als das System der (nur noch vom Menschen ausgehenden) wirkenden Kräfte, das per Absorption und Aufhebung die Stelle der Natur eingenommen habe…“

Angesichts dessen macht Recki klar, dass es ihr zum einen nicht um esoterische Ganzheitsgewabbere oder neu zu entdeckende Naturnähe zu tun ist und zum anderen, dass Teil des alten Dualismus ebenso die verbreitete Annahme ist, man befände sich in einem Zeitalter nach der Natur, die es gar nicht mehr gäbe, weil alles kulturell überformt sei; dies geht mit einem Rousseuismus-Begriff „unberührter Natur“ einher, der selbst ein Konstrukt des Dualismus ist.

Und indem sie Mittelstraß‘ enggeführten Leoanrdo-Welt-Gedanke in dem Sinne umgekehrt, dass sie ausdrücklich betont, dass Leonardo eben zuallererst Künstler war (und blieb) und dann Wissenschaftler/Ingenieur wurde und nicht etwa umgekehrt, sodass im alten techné Sinne Kunst zu Technik zählt, aber eben doch in ihrer eigenen Dynamik und prädisponierter Stellung – der Renaissance-Streit um imitation oder inventio ist zuvorderst ein Kunstdiskurs gewesen – sie ist der privilegierte Zugang zur dritten Dimension der Natur (1. Natur als medium der Kultur, 2. Natur als Ressource der Kultur), dem Modus der natura naturans.

Und Günther Vogt und Violeta Burckhardt bringen mit ihrem Büchlein schließlich quasi Beispiele, wo die „getrennten“ Sphären Natur und Technik/Kultur wieder zusammenkommen und den Liminal Space bilden, der eigentlich nur da ist, wenn man es eben getrennt sieht und einen Übergangskorridor braucht, das Edgeland wird dann der Ort, wo das neue Natur/Technik-Bewusstsein sich erst entfaltet, die bislang noch viel zu ignorierte ThirdSpace- Heterotopie dieses Naturverständnisses; die Masoala Halle im Züricher Zoo, der Lohsepark in Hamburg, die Via Giulia in Rom oder Rectory Farm in Hounslow: https://www.theguardian.com/cities/2017/jul/17/london-park-underground-mega-basement

Prä-Keynianismus

Im 75. Todesjahr hat Reclam Keynes Laissez-faire-Vorlesung in neuer Übersetzung rausgegeben. Sie ist von 1926, also einer Zeit als es sowas wie den „Keynianismus“ noch nicht gab. Und Keynes räumt hier für seinen Begriff mit dem Mythos vom Einzelstreben zum Gemeinschaftsglück als Grundlage für die Verbannung des Staates aus allen Bereichen der Wirtschaft auf genau indem er die Geschichte dieser Idee zurückverfolgt um deutlich zu machen aus welchen gewollten Ableitungen es besteht und wie es zum Dogma des Wirtschaftsliberalismus wurde. Und erteilt dabei den quasi Gegenspielern, die er als Ableitungen des gleichen Problems sieht; dem Protektismus – Stichwort Überregulierung – und dem sozialistischen Marxismus („unlogische und geistlose Theorie“) genauso eine Absage. Er bleibt seinem Anspruch treu: „Das Studium der Ideengeschichte ist eine notwendige Vorstufe auf dem Weg zur Befreiung des Geistes. Ich weiß nicht, wodurch jemand konservativer wird: dadurch, dass er nichts außer der Gegenwart oder nichts außer der Vergangenheit kennt“ und führt u.a. John Eliot Cairnes Einführungsvorlesung über Politische Ökonomie von 1870 an in der dieser bereits das angreift, was Keynes dann ebenso im Text tun wird:

»Die vorherrschende Vorstellung ist, dass die politische Ökonomie zu zeigen versucht, dass Wohlstand am schnellsten akkumuliert und am gerechtesten verteilt werden kann; dass also das menschliche Wohl am effektivsten durch den einfachen Prozess gefördert werden kann, dass man die Menschen in Ruhe lässt; dass man also die Einzelnen den Antrieben des Eigeninteresses folgen lässt, welche weder durch den Staat noch die öffentliche Meinung eingeschränkt werden, solange sie sich der Gewalt und des Betrugs enthalten. Das ist die Doktrin, die gemeinhin als Laissez-faire bekannt ist; und entsprechend wird meines Erachtens die politische Ökonomie ganz allgemein als eine Art von wissenschaftlicher Interpretation dieser Maxime angesehen — eine Verteidigung der Freiheit des individuellen Unternehmertunis und von Verträgen als der einzigen und hinreichenden Lösung aller Probleme der Industrie.«

Keynes selbst geht davon aus, dass man Benthams Nomenklatur von Agenda und Nicht-Agenda durchaus nützlich weiterführen sollte, also was ist/sollte Agenda des Staates für Gemeinwohl sein und was eben nicht. Für Keynes kurz gesagt: Was die Individuen sowieso selbst entscheiden und machen ist Nicht-Agenda, Agenda ist das, wo sonst nichts entschieden oder getan wird. U.a. ist für ihn echte Transparenz in der Wirtschaft sehr wichtig.

Besonders interessant fand ich auch seine Analyse, dass das derzeitige Dogma genau in den Momenten, wo etwas entscheidend verändert werden kann blockiert, weil der denkerische Spielraum durch Uneinheitlichkeit von Empfindung und Urteilsvermögen verkürzt wird und deswegen entweder der Wille oder die Mittel fehlen im entscheidenden Moment.

Nicht verschwiegen sein sollte, dass er auch davon spricht, dass auch Aufmerksamkeit auf „innere Qualität…und schiere Quantität“ zukünftiger Mitglieder der Gemeinschaft gelenkt sein sollte…ich kenne Keynes Denken zu ungenau um das einordnen zu können.

Jetzt lasse ich ihn aber mal selbst zu Wort kommen – gerade der letzte Satz lässt sich heute auch jenseits der Ökonomie immer wieder beobachten:

„Diese Ideen stimmten mit den praktischen Vorstellungen von Konservativen und Juristen überein. Sie lieferten eine zufriedenstellende geistige Grundlage für die Eigentums-rechte und die Freiheit des mit Besitz ausgestatteten Individuums, mit sich selbst und seinem Eigentum zu tun, was ihm beliebte. Darin lag einer der Beiträge des 18. Jahrhunderts zu der Luft, die wir noch immer atmen. Die Absicht dahinter, das Individuum stark zu machen, zielte darauf, den Monarchen und die Kirche zu entthronen; das Ergebnis war dank der ethischen Bedeutung, die nunmehr Verträgen zugewiesen wurde — eine Stärkung von Eigentum und Gesetz. Doch dauerte es nicht lange, bis die Gesellschaft erneut Forderungen an den Einzelnen erhob…

Daher führe ich die merkwürdige Übereinstimmung der politischen Alltagsphilosophien des 19. Jahrhunderts auf den Erfolg zurück, mit dem sie verschiedenartige und einander bekriegende Schulen versöhnten und alle guten Dinge zu einem einzigen verschmolz. Hume und Paley, Burke und Rousseau, Godwin und Malthus, Cobbett und Hume, Bentham und Coleridge, Darwin und der Bischof von Oxford hatten alle, wie sich herausstellte, praktisch dasselbe gepredigt – Individualismus und Laissez-faire. Das war die Kirche von England und jene waren ihre Apostel, wobei die Gemeinde der Ökonomen dafür zuständig war, zu beweisen, dass auch nur die geringste Abweichung von jenem Glauben unweigerlich finanziellen Ruin mit sich brachte. Diese Gründe und diese Atmosphäre liefern die Erklärung dafür (unabhängig davon, ob wir uns darüber im Klaren sind oder nicht — und in unserem verkommenen Zeitalter sind die meisten von uns hier reichlich unwissend), warum wir derartig voreingenommen zugunsten des Laissez-faire sind und warum staatliches Handeln zur Regulierung des Geldwerts oder zur Entwicklung der Investitionen oder zur Bevölkerungsentwicklung in vielen aufrechten Herzen zu argem Verdacht bewegt. Wir haben jene Autoren nicht gelesen; wir würden ihre Argumente absurd finden, sollten sie uns zufällig in die Hände fallen. Trotzdem, meine ich, würden wir wohl nicht so denken, wie Hobbes, Locke, Hume, Paley, Adam Smith, Bentham und Miss Martineau, Hume, Rousseau nicht so gedacht und geschrieben hätten, wie sie es taten…

Kurz: Das. Dogma hatte von der Bildungsmaschinerie Besitz ergriffen; es wurde zu einer Maxime für Schulhefte. Die politische Philosophie, die das v. und 18. Jahrhundert geschmiedet hatten, um Könige und Prälaten zu stürzen, wurde in den Babybrei gerührt und bereits im Kinderzimmer verabreicht…

Ich habe ausgeführt, dass es die Ökonomen waren, die jenen wissenschaftlichen Vorwand lieferten, durch den der Mann der Praxis den Widerspruch zwischen Egoismus und Sozialismus auflösen konnte, der sich aus dem Philosophieren des 18. Jahrhunderts und dem Niedergang der Offenbarungsreligion ergeben hatte. Doch nachdem ich dies in dieser Kürze dahingesagt habe, möchte ich jene Aussage qualifizieren. Angeblich haben die Ökonomen so etwas behauptet. Doch tatsächlich lässt sich keine derartige Doktrin in den Schriften der größten Autoritäten des Fachs finden. Solches haben lediglich die Popularisierer und Vulgarisierer behauptet. Dies war, was die Utilitaristen, die gleichzeitig Humes Egoismus und Benthams Egalitarismus anhingen, glauben mussten, wollten sie beide zusammendenken. Die Sprache der Ökonomen bot sich zwar zur Interpretation des Laissez-faire an. Doch die Beliebtheit der Lehre muss eher den politischen Philosophen jener Tage zugeschrieben werden, denen sie gerade zupasskam, als den politischen Ökonomen…

Diese Überlegungen zielten auf mögliche Verbesserungen der Abläufe des modernen Kapitalismus durch Prozesse kollektiven Handelns. Nichts an ihnen ist zwangsläufig unvereinbar mit dem, was mir das wesentliche Merkmal des Kapitalismus zu sein scheint, nämlich die Abhängigkeit von jenen Instinkten, die zum Erwerb sowie zur Wertschätzung von Geld antreiben, jenen Hauptantriebskräften der Wirtschaftsmaschine. So kurz vor dem Ende dieses Beitrags sollte ich natürlich nicht noch großartig abschweifen. Dennoch ist es vielleicht angebracht sie zum Schluss daran zu erinnern, dass die grimmigsten Kämpfe und die am tiefsten empfundenen Spaltungen der Meinungen in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht über technische Fragen der Art entbrennen werden, wo die Argumente auf beiden Seiten in erster Linie ökonomische sind, son-dem über jene Fragen, die in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als psychologische oder vielleicht als moralische Fragestellungen bezeichnet werden können.“

Lesenswert dazu: https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2021/heft/4/beitrag/der-verdraengte-keynes.html

Abseits dessen war Kaynes ja auch Mitglied des Bloomsbury-Kreis in dem er seine Homosexualität ausleben konnte. Das Nachwort des Reclam-Hefts erwähnt den deutschen Diplomaten Carl Melchior, den Keynes bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag kennenlernt (Keynes kritische Ansichten zum Versailler Vertrag sind vielfach bekannt, hier nochmal eine kurze Zusammenfassung: https://monde-diplomatique.de/artikel/!5602554) Von einer Freundschaft kann man über all lesen, während Nikolaus Piper in seinem Nachwort, wenn auch leicht zurückhaltend von mehr ausgeht. Dass soll mich jetzt allerdings weniger interessieren, jedoch ist dieser Carl Melchior eine Figur, die unbedingt erwähnt werden sollte und deswegen wichtig ist, dass er dort vorkommt.

2019 hat man ihm im Jüdischen Museum Berlin eine Ausstellung gewidmet und damit letztlich nochmals ganz öffentlich konstatiert, dass er – der deutsche Jahrhundertdiplomat – im Grunde nach 1945 völlig in Vergessenheit geraten ist.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/carl-melchiors-leistungen-ein-jahrhundertdiplomat-der-20er.976.de.html?dram:article_id=452334

Keynes hat auch ein Buch über diese Begegnung auf diplomatischem Parkett geschrieben: „Freund und Feind“, das seine Freundin Virginia Woolf sehr gelobt hat.

Nach den für ihn eher negativ in Erinnerung bleibenden Verhandlungen kehrte Keynes zu seinen Bloomburyisten zurück. Carl Melchior ward später von den Nazis aus allen seinen Ämtern verdrängt als ihn Ende 1933 der Schlag trifft.

Sammeln, Archivieren, Erinnern

Es trieb mich mal wieder von Alpha nach Omega. Ich habe die Tage einen Film über das Zustandekommen des Frankfurter Auschwitzprozesses (ich hab vor einiger Zeit ein Buch darüber gelesen);  der Film zeigt sehr gut, was für Umwälzungen und Gärungsprozesse diese Sache seinerzeit in ganz Westdeutschland (Ostdeutschland hatte einen eigenen Auschwitz-Prozess) auslöste, vor allem auch in der Generation ab 1930, die begann die Eltern und Großeltern zu befragen. Wie gut gesagt, ging und geht es dabei nicht vorrangig um Strafe, Schuld und Sühne, sondern noch mehr darum, dass die Geschichten der Opfer bekannt und erinnert werden.

Jedenfalls kam ich dadurch doch wieder auf Resnais Nacht und Nebel, den es ja leider nicht in vernünftiger Qualität irgendwo im Internet gibt (zumindest nicht auf den Seiten, die ich sonst kenne und nutze). Habe aber Resnais 56er Dokumentarfilm „Toute la mémoire du monde“ gefunden in dem wird die Französische Nationalbibliothek porträtiert, heute immer noch gut, wenn auch etwas nostalgisch. Erinnerte mich an Glawoggers wunderbaren Film über die Nationalbiblithek in St. Petersburg…noch interessanter kam es dann:

Seit damals ist es der digitalen Revolution ja nun geschuldet, dass eine Art Wissensexplosion stattgefunden hat. In Anlehnung an den Film von Resnais hat das Harvard Depository einen daran anknüpfenden dokumentarischen Kurzfilm gebaut, der der Frage nach dem Gedächtnis der Menschheit in Zeiten von Digitalisierung und Artefakt-Flut nachgeht und nebenbei über die Bedeutung von Bibliotheken und Archiven meditiert, sowie der Aura dieser Orte nachspürt:
Libraries were about connections, not collections…Whether acting as mausoleums, datebases or civic spaces, libraries of different imes and places can be understood as networks compounded of humans, systems and materials envolving to preserve and circulate..“ Total toll!

Kann man hier gucken: http://librarybeyondthebook.org/cold_storage/

In dem Zusammenhang stieß ich auf einen Beitrag über das Getty Images Hulton Archive London mit all diesen bekannten und unbekannten Foto-Schätzen, die da lagern:

Vor einiger Zeit mal eine kleine Reportage über den Zerfall von Plastik-Kunst gesehen ( hier: https://www.facebook.com/br.capriccio/videos/1808001855908850/UzpfSTEwMDAwNDY2ODgxMzMzMjo5MjY4NTA1NzQxNDcyMjg/) und die Julia Stoschek macht sich auch Gedanken über die Video-Kunst, die sie hauptsächlich sammelt. Es gibt ja auch diese Pflanzen-Arche in der Arktis, der Prototyp all dieser Unternehmen is doch dann die Arche Noah.

Ich find das Thema immens spannend aus vielerlei Hinsichten…das Aufheben, was wird aufgehoben warum und was bedeutet das für später, woher all die Energie, wenn wir heute schon über Energiekrisen reden (das Digitale oder auch Kühlung usw. verschlingt ja Unmengen davon) und wirft ja auch die Frage auf, was schon alles verloren ging, die Sedimentierung des Wissens/Gedächtnisses…Flusser sagt ja, das Machen von Information (wozu er jegliches Kulturgut zählt) ist ein Anthropologon und ein sich stemmen des Menschen gegen die Entropie und Sinnlosigkeit (wobei es doch eine Illusion sein mag, dass das auf Dauer wirklich gelingt), dann ist das Sammeln und Aufbewahren das Gleiche, aber noch eine weitere und neuere Dimension dieses Strebens, es greift in den Zyklus des Vergehens von Information ein, woraus eigentlich neue ensteht, hier aber die alte konserviert werden soll…der Mensch, der irgendwie in seinen Erinnerungen lebt bzw. teilweise Information, die er (oder die meisten) nicht mehr lesen/decodieren kann…im Sinne Leroi-Gourhans, der unsere heutigen Theorien und Überzeugungen über die steinzeitlichen Höhlenmalereien damit verglich, wenn ein Außerirdischer in eine Kirche trete und nur vom Gesehenen das Christentum erklären sollte, stelle mir vor wie Außerirdische oder meinetwegen spätere Menschen, die nichts von den Lagerungen da wissen in solche Archive kommen und versuchen aus dem, was noch übrig ist unsere Welt und unser Denken zu rekonstruieren, wobei wir dann wieder bei den Müllermännern und Müllkünstlern sind.

Der Fotograf W Eugene Smith wollte offenbar auch alles sammeln: https://www.theguardian.com/artanddesign/2017/aug/06/w-eugene-smith-photographer-record-everything

Zumal es noch die eigentümliche verquere Variante gibt, was mit dem Atommüll gemacht wird, der noch so lange hält (oder Plastikmüll eben), da gab es ja diesen großartig gemachten Film über das Endlager in Finnland, „Into Eternity“ (kleiner Artikel dazu: https://www.theguardian.com/film/2010/nov/09/into-eternity-michael-madsen-nuclear)… Unfreiwillige Überreste.

Und dann, und das ist quasi der letzte Teil, schaffen und schaffen die Menschen aber Information, wo man manchmal denkt, wieso…las heute einen Artikel über einen Mann (erinnerte mich dann an die Polin, die alles aufschrieb, was sie im Leben gegessen und wen sie getroffen hat), der – keiner weiß mit welcher Intention – fast zwei Jahrzehnte lang regelmäßig auf die Straße ging und Straßenzüge fotografierte, was zu einer Mammutfotografie wurde. Allein im Mai 1982 fotografierte er über 200 Städte. Als er 1999 starb, bestand seine Sammlung, die er alphabetisch geordnet in langen Holzkisten aufbewahrte, aus 50.000 Abzügen und Negativen. Zusammengenommen sind die Bilder eine Momentaufnahme des Nordamerika des späten 20. Jahrhunderts:  Ladenfronten, Schilder für Familienunternehmen, Tankstellen und Garagen, Kirchen und Bürgerhäuser…und dann verschlossene Ladenfronten in zwei Rezessionen, einzelne verwitterte Häuser und gelegentliche Silos und Industriegebäude. Der Fokus liegt fast ausschließlich auf Architektur, selten eine Person und kein einziges Tier. Es lebt auch keine Familie mehr, die evtl. was erklären könnte. Aber Fotos können ja auch aufschlussreich sein über die Person hinter der Linse – worauf sie sich konzentriert und was sie auslässt . Er war eindeutig von Gebäuden und Zeichen fasziniert. Seine Reisen führten ihn zum Grand Canyon, zum Pazifik und zum Atlantischen Ozean, zu den Großen Seen, zu den Rocky Mountains und über die Flüsse Mississippi und Missouri, aber er nahm kein einziges Bild davon. Der Stil ändert sich im Laufe des 20-jährigen Projektverlaufs nicht. Er dokumentiert Communities ohne Kommentar. Viele der Fotografien scheinen überhaupt nicht komponiert zu sein, deshalb sieht mandie angrenzenden Gebäude an den Rändern. Siehe hier: Wozu macht einer sowas?

http://gfellercollection.org/

Passend dazu Elektro-Musik von Hainbach, ein Stück für eine Compilation zur Schließung des Winnipeg Conservatory beigesteuert hat, Marygold… Obwohl ich Assiniboine Park noch nie besucht habe, fühlen sich der Tracks wie die elektronische Version von Debussy Cathédrale engloutie an … ein Requiem für eine moderne Kathedrale im Verfall … und geisterhafte, wirklich wundervolle Atmosphäre, besonders mit den Bandleier-Effekten: https://male-activity.bandcamp.com/album/conservatory

Mukbang und das Essen-Stilleben

Ich bin seit einigen Tagen wieder auf der Spur eines Internetphänomens unterwegs… Wo ist die Schnittstelle zwischen zwei Internetphänomenen, die ich mag; Li Ziqis Foodchannel (inklusive Anbau, Verarbeitung und Kochen) und ASMR (ich mag alles mit Haaren, aber vor allem die Chinesin TingTing)?

MUKBANG! All That Food! All That Noise! 잘 먹겠습니다 (jal meoggess-seubnida)!
Mukbang bzw. „meokbang“ stammt eigentlich aus Südkorea, setzt sich aus den koreanischen Worten für essen – „meokneun“ und Übertragung „bangsong“ zusammen; Leute filmen sich beim Essen, wobei es selten einfach darum geht wie man zuHause schlicht iss, sondern ist natürlich eine Präsentationssache. Etwa seit 2009 scheint sich das Essen vor laufender Kamera zu einem weltweiten Trend entwickelt zu haben. Bezeichnend ist ja, dass im Großteil aller Kochshows ja der Essenspart meist ausgelassen wird. Ursprünglich hat es mit ASMR eher nichts zu tun (dazu gleich) und man fragt sich, warum schauen Leute sowas?

Hier als Bsp. damit man sich etwas darunter vorstellen kann:

Ich habe mir jetzt auch einige angesehen (ich kam dazu wirklich über ASMR) und mal versucht zu recherchieren wie dieses Phänomen erklärt wird. Wohl soll es auf manche beruhigend und teilweise entspannend wirken anderen beim Essen zuzusehen. Auf der anderen Seite bedient es jedoch auch eine Art der Schaulustigkeit. Denn da werden nicht selten große, bis übergroße Portionen, und nicht nur normale Mahlzeiten verzehrt. Der Erfolg von Mukbang wird auch mit dem koreanischen Schönheitsideal zugeschrieben. Oft sind es dünne und attraktive Menschen – speziell zierliche, asiatische Frauen, die die großen Portionen essen; schon Benjamin meinte ja: „Der hat noch nie eine Speise erfahren, nie eine Speise durchgemacht, der immer Maß mit ihr hielt.“ 😉
Ein anderer Aspekt ist anscheinend stark von der südkoreanischen Herkunft des Phänomens abgeleitet. Essen ist in Südkorea integraler Bestandteil des Familienlebens und von Beziehungen. Dies zeigt sich z.B. auch am koreanischen Wort für Familie: „Gajok“. „Gajok“ bedeutet wortwörtlich auf Deutsch: „Die, die zusammen essen.“ Da heutzutage aber die Vereinzelung immer mehr zunimmt in Südkorea (und nicht nur dort) wird Mukbang zu einer Art Surrogat. Gegen die Einsamkeit soll Mukbang helfen, dass so mit jemanden „zusammen“ gegessen wird. Damit sitzt man nicht alleine mit seinem Smartphone in seiner Wohnung, sondern hat „Gesellschaft“ (ähnliches tritt z.B. auch auf, wenn alleinwohnende Menschen den Fernseher nur im Hintergrund laufen lassen; die Geräusche helfen gegen die Stille bzw. Einsamkeit). Wenn Du denkst, es gehe nicht noch weiter, gibt auch Life-Attention-Videos, wo es darum geht, Gespräche und Zuwendung über Stunden zu simulieren, was ich gleichzeitig traurig, aber auch zumindest als eine interessante Strategie empfinde.

Dass Essen nicht nur in Südkorea Sozialcharakter hat, ist im Grunde ja eine Binse… Simmel schreibt in „Die Soziologie der Mahlzeit“:

„…das gerade…die exklusive Selbstsucht des Essens eine Häufigkeit des Zusammenseins, eine Gewöhnung an das Vereinigtsein knüpft, wie sie durch höher gelegene und geistige Veranlassungen nur selten erreichbar ist […] Das gemeinsame Essen und Trinken…löst eine ungeheure sozialisierende Kraft aus…“

Mukbang wäre vermittelte Sozialisierung zweiter Ordnung (machen wir uns nichts vor, das wird auch abseits des Essens immer mehr zunehmen), die das, was Levi-Strauss Endo- und Exoküche nannte auf seltsame Weise verschmelzt.
Wo verbindet sich das jetzt mit ASMR? „Mukbang“-Videos weisen eine bestimmte Akustik und Geräusche auf, was für ASMR-Effekte sorgen kann (Kopfhörer!). Einer der größten Aspekte von Mukbang sind für mich eben diese Geräusch. Sie verwenden absichtlich übertriebenen Sound, um die Geräusche von Essen, Trinken, Beißen, Kauen und stärker zu erfassen (wer mal mit Kopfhörer gekaut hat, bekommt da ein ganz neue Erfahrung für seine eigenen Körper, zumindest was die „Esswerkzeuge“ angeht). Während das für manche unangenehm sein kann (anfangs ging mir das ähnlich und im realen Leben möchte ich sicher auch keinen neben mir, der so laut ist), kann es, wenn man sich mal drauf einlässt, tatsächlich ungeahnte Qualitäten bekommen. Hier kommt man zu einem Aspekt, der anscheinend auch in dieser Community selbst diskutiert wird, nämlich, was ein guter Mukbanger ist. Gerade Amerikaner, die solche Videos machen, gelten vielen als unmanierlich, überdramatisch und zu geschwätzig und ich persönlich würde dem uneingeschränkt beipflichten; es scheint da weniger um Gemeinschaft und das Essen per se zu gehen als um übertriebene, sensationelle Essherausforderungen (Völkerpsychologie da jemand?), was Kritik hervorgerufen hat, Mukbang kann gestörtes Essverhalten propagieren. Ich (und viele Andere) mag die Mukbanger am liebsten, die das Essen ein bisschen vorbereiten, arrangieren, gesittet essen und denen man ohne affektiertes Geschwätz den Genuss ansehen kann, auch weil sie verschiedenes Essen ausprobieren (amerikanische Ausnahme für mich eine Dame names Hunniebee, die nicht nur FastFood-Kram manierlich essen kann:

sondern auch ein Alleinstellungsmerkmal hat, weil sie Süßkram entwickelt, der aussieht wie Gegenstände – Prankfood sozusagen – und das dann isst:


Ich glaube der Punkt ist auch der, der für mich die ganze Sache interessant macht (und die Mukbanger , die das so handhaben): Laut dem koreanischen Philosoph Byung-Chul Han ist Mukbang ein Ausdruck der Sinnlichkeit im digitalen Zeitalter. Ästhetik spielte beim Essen immer eine Rolle, aber Food-Fotografie langweilt mich deswegen, weil der gewisse sinnliche Aspekt dahinter fehlt, dass jemand das wunderschön gemachte und arrangierte dann auch mit Lust isst. Und Lust ist das nächste Stichwort…wieder Simmel sagt, die gemeinsame Mahlzeit ist „ein Ereignis von physiologischer Primitivität und unvermeidlicher Allgemeinheit“ und Sexualität ist nichts anderes, mehr Intimität, die versucht Selbstsucht in Gemeinsamkeit zu transzendieren (und oftmals auch erfolgreich ist) gibt es nicht. Und wer Lust an der Lust des Gegenüber hat, der kann das möglicherweise auch bei der Esslust so empfinden (ich las es gab auch mal die Vorstellung, dass bestimmest Essen männlich und weiblich konnotiert). Erstrecht, wo Essen heute von vielen unter wenig genießerischem Aspekt konsumiert wird (und das hat nicht zwingend immer damit zu tun, ob man viel Geld hat – man kann auch eine gute Käsestulle genießen, wenn man will). Zumal ich las, dass es auch Leute gibt, die das anschauen, weil sie auf Diät sind und so wenigstens gucken wollen wie andere das essen, was sie sich versagen „müssen“.

Passenderweise hatte ich mir vor paar Wochen ein Buch gekauft, Ausstellungskatalog zu einer Wiener Ausstellung von 2010 über Essen-Stillleben. Nicht nur wegen der tollen Qualität der abgedruckten Werke wunderbar („90 exemplarischen Werke der Geschichte des Essens im Stillleben, von den holländischen Meister, über Chardin bis Cezanne, Van Gogh zu zeitgenössischen Werken“), sondern vor allem auch wegen der sehr lesenswerten, aufschlussreichen Essays.

Das Stillleben als sich wandelndes Bedeutungssystem reflektiert nicht nur philosophische und sozialhistorische Zusammenhänge über die Jahrhunderte, sondern oftmals auch die Malerei an sich. Neben kunsthistorischen Einordnungen und Verläufen wird zb auch die Nähe zum Trompe l’Œil aufgemacht oder die Bedeutung des Stilllebens, das lange als unterste Gattung der Malerei galt, als Experimentierfeld für die Avantgarde und die Künstlerinnen. Die Spannung zwischen symbolischen wie distanzierten natura morte und offensichtlicher Sinnlichkeit und Präsentationfreude, zwischen Mäßigung und Überfluss ist auch heute in Zeiten von Ernährungslifestyle inklusive seiner medialen und ästhetischen vorhanden und weiterhin Distinktionsobjekt und Gruppencode. Im Buch erwähnt ist auch Harun Farockis Film „Stillleben“ von 1997 in dem er die Arbeit von Werbefotografen dokumentiert: Produkte werden mit ungeheurem Aufwand arrangiert und inszeniert, eine Dramaturgie kreiert, Bedürfnisse erfunden. Dem gegenüber stellt Farocki die niederländisch- flämische Malerei des 16. Jahrhunderts, die ebenfalls angetreten ist, glanzvolle Bilder zu schaffen, um eine bestimmte Stimmung, Begehren und Bewunderung zu erzeugen.

Meine Lieblingspassage aus dem Buch ist ja, quasi als Einleitung auch zu Dieter Roths Werken dies hier:

Die Wurst als eines der ersten synthetisierten Nahrungsmittel stellt den Zenit dieser Kunst des Verbergens dar: Während der erloschene Blick des Schweins, seine Hufe und der zerstückelte Schwanz in ihrer Ikonizität noch die Erinnerung an den ganzen Körper wachhalten, so ist das Fleisch als Wurst in einer abstrakt-unverfänglichen Form präsent. Dem Bedürfnis nach Distanznahme zum verzehrten Tier wird hier nachgekommen, und sei es nur durch eine vorgetäuschte Optik. Denn eigentlich handelt es sich bei Würsten um dem Tier entnommene Darmhäute, die wiederum mit dem seiner natürlichen Struktur beraubten Fleisch befällt werden. Zudem nimmt die Wurstkette in ihrer Form den Prozess des Verdauens bildlich vorweg: Der Zyklus von Töten und Essen, von Essen und Vergehen wird in der Wurst vielleicht am pointiertesten in Form gebracht. Damien Hirsts eingelegte Weißwürste aus der Sausages-Serie sind in diesem Zusammenhang nicht nur als ironische Weiterverarbeitung der Vergänglichkeitsthematik seiner konservierten Kühe, Schweine und Haie zu sehen, sondern nehmen mit ihren Schlingen und der Appendix-gleichen Sackgasse direkten Bezug auf den menschlichen Verdauungsweg.“