Mukbang und das Essen-Stilleben

Ich bin seit einigen Tagen wieder auf der Spur eines Internetphänomens unterwegs… Wo ist die Schnittstelle zwischen zwei Internetphänomenen, die ich mag; Li Ziqis Foodchannel (inklusive Anbau, Verarbeitung und Kochen) und ASMR (ich mag alles mit Haaren, aber vor allem die Chinesin TingTing)?

MUKBANG! All That Food! All That Noise! 잘 먹겠습니다 (jal meoggess-seubnida)!
Mukbang bzw. „meokbang“ stammt eigentlich aus Südkorea, setzt sich aus den koreanischen Worten für essen – „meokneun“ und Übertragung „bangsong“ zusammen; Leute filmen sich beim Essen, wobei es selten einfach darum geht wie man zuHause schlicht iss, sondern ist natürlich eine Präsentationssache. Etwa seit 2009 scheint sich das Essen vor laufender Kamera zu einem weltweiten Trend entwickelt zu haben. Bezeichnend ist ja, dass im Großteil aller Kochshows ja der Essenspart meist ausgelassen wird. Ursprünglich hat es mit ASMR eher nichts zu tun (dazu gleich) und man fragt sich, warum schauen Leute sowas?

Hier als Bsp. damit man sich etwas darunter vorstellen kann:

Ich habe mir jetzt auch einige angesehen (ich kam dazu wirklich über ASMR) und mal versucht zu recherchieren wie dieses Phänomen erklärt wird. Wohl soll es auf manche beruhigend und teilweise entspannend wirken anderen beim Essen zuzusehen. Auf der anderen Seite bedient es jedoch auch eine Art der Schaulustigkeit. Denn da werden nicht selten große, bis übergroße Portionen, und nicht nur normale Mahlzeiten verzehrt. Der Erfolg von Mukbang wird auch mit dem koreanischen Schönheitsideal zugeschrieben. Oft sind es dünne und attraktive Menschen – speziell zierliche, asiatische Frauen, die die großen Portionen essen; schon Benjamin meinte ja: „Der hat noch nie eine Speise erfahren, nie eine Speise durchgemacht, der immer Maß mit ihr hielt.“ 😉
Ein anderer Aspekt ist anscheinend stark von der südkoreanischen Herkunft des Phänomens abgeleitet. Essen ist in Südkorea integraler Bestandteil des Familienlebens und von Beziehungen. Dies zeigt sich z.B. auch am koreanischen Wort für Familie: „Gajok“. „Gajok“ bedeutet wortwörtlich auf Deutsch: „Die, die zusammen essen.“ Da heutzutage aber die Vereinzelung immer mehr zunimmt in Südkorea (und nicht nur dort) wird Mukbang zu einer Art Surrogat. Gegen die Einsamkeit soll Mukbang helfen, dass so mit jemanden „zusammen“ gegessen wird. Damit sitzt man nicht alleine mit seinem Smartphone in seiner Wohnung, sondern hat „Gesellschaft“ (ähnliches tritt z.B. auch auf, wenn alleinwohnende Menschen den Fernseher nur im Hintergrund laufen lassen; die Geräusche helfen gegen die Stille bzw. Einsamkeit). Wenn Du denkst, es gehe nicht noch weiter, gibt auch Life-Attention-Videos, wo es darum geht, Gespräche und Zuwendung über Stunden zu simulieren, was ich gleichzeitig traurig, aber auch zumindest als eine interessante Strategie empfinde.

Dass Essen nicht nur in Südkorea Sozialcharakter hat, ist im Grunde ja eine Binse… Simmel schreibt in „Die Soziologie der Mahlzeit“:

„…das gerade…die exklusive Selbstsucht des Essens eine Häufigkeit des Zusammenseins, eine Gewöhnung an das Vereinigtsein knüpft, wie sie durch höher gelegene und geistige Veranlassungen nur selten erreichbar ist […] Das gemeinsame Essen und Trinken…löst eine ungeheure sozialisierende Kraft aus…“

Mukbang wäre vermittelte Sozialisierung zweiter Ordnung (machen wir uns nichts vor, das wird auch abseits des Essens immer mehr zunehmen), die das, was Levi-Strauss Endo- und Exoküche nannte auf seltsame Weise verschmelzt.
Wo verbindet sich das jetzt mit ASMR? „Mukbang“-Videos weisen eine bestimmte Akustik und Geräusche auf, was für ASMR-Effekte sorgen kann (Kopfhörer!). Einer der größten Aspekte von Mukbang sind für mich eben diese Geräusch. Sie verwenden absichtlich übertriebenen Sound, um die Geräusche von Essen, Trinken, Beißen, Kauen und stärker zu erfassen (wer mal mit Kopfhörer gekaut hat, bekommt da ein ganz neue Erfahrung für seine eigenen Körper, zumindest was die „Esswerkzeuge“ angeht). Während das für manche unangenehm sein kann (anfangs ging mir das ähnlich und im realen Leben möchte ich sicher auch keinen neben mir, der so laut ist), kann es, wenn man sich mal drauf einlässt, tatsächlich ungeahnte Qualitäten bekommen. Hier kommt man zu einem Aspekt, der anscheinend auch in dieser Community selbst diskutiert wird, nämlich, was ein guter Mukbanger ist. Gerade Amerikaner, die solche Videos machen, gelten vielen als unmanierlich, überdramatisch und zu geschwätzig und ich persönlich würde dem uneingeschränkt beipflichten; es scheint da weniger um Gemeinschaft und das Essen per se zu gehen als um übertriebene, sensationelle Essherausforderungen (Völkerpsychologie da jemand?), was Kritik hervorgerufen hat, Mukbang kann gestörtes Essverhalten propagieren. Ich (und viele Andere) mag die Mukbanger am liebsten, die das Essen ein bisschen vorbereiten, arrangieren, gesittet essen und denen man ohne affektiertes Geschwätz den Genuss ansehen kann, auch weil sie verschiedenes Essen ausprobieren (amerikanische Ausnahme für mich eine Dame names Hunniebee, die nicht nur FastFood-Kram manierlich essen kann:

sondern auch ein Alleinstellungsmerkmal hat, weil sie Süßkram entwickelt, der aussieht wie Gegenstände – Prankfood sozusagen – und das dann isst:


Ich glaube der Punkt ist auch der, der für mich die ganze Sache interessant macht (und die Mukbanger , die das so handhaben): Laut dem koreanischen Philosoph Byung-Chul Han ist Mukbang ein Ausdruck der Sinnlichkeit im digitalen Zeitalter. Ästhetik spielte beim Essen immer eine Rolle, aber Food-Fotografie langweilt mich deswegen, weil der gewisse sinnliche Aspekt dahinter fehlt, dass jemand das wunderschön gemachte und arrangierte dann auch mit Lust isst. Und Lust ist das nächste Stichwort…wieder Simmel sagt, die gemeinsame Mahlzeit ist „ein Ereignis von physiologischer Primitivität und unvermeidlicher Allgemeinheit“ und Sexualität ist nichts anderes, mehr Intimität, die versucht Selbstsucht in Gemeinsamkeit zu transzendieren (und oftmals auch erfolgreich ist) gibt es nicht. Und wer Lust an der Lust des Gegenüber hat, der kann das möglicherweise auch bei der Esslust so empfinden (ich las es gab auch mal die Vorstellung, dass bestimmest Essen männlich und weiblich konnotiert). Erstrecht, wo Essen heute von vielen unter wenig genießerischem Aspekt konsumiert wird (und das hat nicht zwingend immer damit zu tun, ob man viel Geld hat – man kann auch eine gute Käsestulle genießen, wenn man will). Zumal ich las, dass es auch Leute gibt, die das anschauen, weil sie auf Diät sind und so wenigstens gucken wollen wie andere das essen, was sie sich versagen „müssen“.

Passenderweise hatte ich mir vor paar Wochen ein Buch gekauft, Ausstellungskatalog zu einer Wiener Ausstellung von 2010 über Essen-Stillleben. Nicht nur wegen der tollen Qualität der abgedruckten Werke wunderbar („90 exemplarischen Werke der Geschichte des Essens im Stillleben, von den holländischen Meister, über Chardin bis Cezanne, Van Gogh zu zeitgenössischen Werken“), sondern vor allem auch wegen der sehr lesenswerten, aufschlussreichen Essays.

Das Stillleben als sich wandelndes Bedeutungssystem reflektiert nicht nur philosophische und sozialhistorische Zusammenhänge über die Jahrhunderte, sondern oftmals auch die Malerei an sich. Neben kunsthistorischen Einordnungen und Verläufen wird zb auch die Nähe zum Trompe l’Œil aufgemacht oder die Bedeutung des Stilllebens, das lange als unterste Gattung der Malerei galt, als Experimentierfeld für die Avantgarde und die Künstlerinnen. Die Spannung zwischen symbolischen wie distanzierten natura morte und offensichtlicher Sinnlichkeit und Präsentationfreude, zwischen Mäßigung und Überfluss ist auch heute in Zeiten von Ernährungslifestyle inklusive seiner medialen und ästhetischen vorhanden und weiterhin Distinktionsobjekt und Gruppencode. Im Buch erwähnt ist auch Harun Farockis Film „Stillleben“ von 1997 in dem er die Arbeit von Werbefotografen dokumentiert: Produkte werden mit ungeheurem Aufwand arrangiert und inszeniert, eine Dramaturgie kreiert, Bedürfnisse erfunden. Dem gegenüber stellt Farocki die niederländisch- flämische Malerei des 16. Jahrhunderts, die ebenfalls angetreten ist, glanzvolle Bilder zu schaffen, um eine bestimmte Stimmung, Begehren und Bewunderung zu erzeugen.

Meine Lieblingspassage aus dem Buch ist ja, quasi als Einleitung auch zu Dieter Roths Werken dies hier:

Die Wurst als eines der ersten synthetisierten Nahrungsmittel stellt den Zenit dieser Kunst des Verbergens dar: Während der erloschene Blick des Schweins, seine Hufe und der zerstückelte Schwanz in ihrer Ikonizität noch die Erinnerung an den ganzen Körper wachhalten, so ist das Fleisch als Wurst in einer abstrakt-unverfänglichen Form präsent. Dem Bedürfnis nach Distanznahme zum verzehrten Tier wird hier nachgekommen, und sei es nur durch eine vorgetäuschte Optik. Denn eigentlich handelt es sich bei Würsten um dem Tier entnommene Darmhäute, die wiederum mit dem seiner natürlichen Struktur beraubten Fleisch befällt werden. Zudem nimmt die Wurstkette in ihrer Form den Prozess des Verdauens bildlich vorweg: Der Zyklus von Töten und Essen, von Essen und Vergehen wird in der Wurst vielleicht am pointiertesten in Form gebracht. Damien Hirsts eingelegte Weißwürste aus der Sausages-Serie sind in diesem Zusammenhang nicht nur als ironische Weiterverarbeitung der Vergänglichkeitsthematik seiner konservierten Kühe, Schweine und Haie zu sehen, sondern nehmen mit ihren Schlingen und der Appendix-gleichen Sackgasse direkten Bezug auf den menschlichen Verdauungsweg.“

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