Sammeln, Archivieren, Erinnern

Es trieb mich mal wieder von Alpha nach Omega. Ich habe die Tage einen Film über das Zustandekommen des Frankfurter Auschwitzprozesses (ich hab vor einiger Zeit ein Buch darüber gelesen);  der Film zeigt sehr gut, was für Umwälzungen und Gärungsprozesse diese Sache seinerzeit in ganz Westdeutschland (Ostdeutschland hatte einen eigenen Auschwitz-Prozess) auslöste, vor allem auch in der Generation ab 1930, die begann die Eltern und Großeltern zu befragen. Wie gut gesagt, ging und geht es dabei nicht vorrangig um Strafe, Schuld und Sühne, sondern noch mehr darum, dass die Geschichten der Opfer bekannt und erinnert werden.

Jedenfalls kam ich dadurch doch wieder auf Resnais Nacht und Nebel, den es ja leider nicht in vernünftiger Qualität irgendwo im Internet gibt (zumindest nicht auf den Seiten, die ich sonst kenne und nutze). Habe aber Resnais 56er Dokumentarfilm „Toute la mémoire du monde“ gefunden in dem wird die Französische Nationalbibliothek porträtiert, heute immer noch gut, wenn auch etwas nostalgisch. Erinnerte mich an Glawoggers wunderbaren Film über die Nationalbiblithek in St. Petersburg…noch interessanter kam es dann:

Seit damals ist es der digitalen Revolution ja nun geschuldet, dass eine Art Wissensexplosion stattgefunden hat. In Anlehnung an den Film von Resnais hat das Harvard Depository einen daran anknüpfenden dokumentarischen Kurzfilm gebaut, der der Frage nach dem Gedächtnis der Menschheit in Zeiten von Digitalisierung und Artefakt-Flut nachgeht und nebenbei über die Bedeutung von Bibliotheken und Archiven meditiert, sowie der Aura dieser Orte nachspürt:
Libraries were about connections, not collections…Whether acting as mausoleums, datebases or civic spaces, libraries of different imes and places can be understood as networks compounded of humans, systems and materials envolving to preserve and circulate..“ Total toll!

Kann man hier gucken: http://librarybeyondthebook.org/cold_storage/

In dem Zusammenhang stieß ich auf einen Beitrag über das Getty Images Hulton Archive London mit all diesen bekannten und unbekannten Foto-Schätzen, die da lagern:

Vor einiger Zeit mal eine kleine Reportage über den Zerfall von Plastik-Kunst gesehen ( hier: https://www.facebook.com/br.capriccio/videos/1808001855908850/UzpfSTEwMDAwNDY2ODgxMzMzMjo5MjY4NTA1NzQxNDcyMjg/) und die Julia Stoschek macht sich auch Gedanken über die Video-Kunst, die sie hauptsächlich sammelt. Es gibt ja auch diese Pflanzen-Arche in der Arktis, der Prototyp all dieser Unternehmen is doch dann die Arche Noah.

Ich find das Thema immens spannend aus vielerlei Hinsichten…das Aufheben, was wird aufgehoben warum und was bedeutet das für später, woher all die Energie, wenn wir heute schon über Energiekrisen reden (das Digitale oder auch Kühlung usw. verschlingt ja Unmengen davon) und wirft ja auch die Frage auf, was schon alles verloren ging, die Sedimentierung des Wissens/Gedächtnisses…Flusser sagt ja, das Machen von Information (wozu er jegliches Kulturgut zählt) ist ein Anthropologon und ein sich stemmen des Menschen gegen die Entropie und Sinnlosigkeit (wobei es doch eine Illusion sein mag, dass das auf Dauer wirklich gelingt), dann ist das Sammeln und Aufbewahren das Gleiche, aber noch eine weitere und neuere Dimension dieses Strebens, es greift in den Zyklus des Vergehens von Information ein, woraus eigentlich neue ensteht, hier aber die alte konserviert werden soll…der Mensch, der irgendwie in seinen Erinnerungen lebt bzw. teilweise Information, die er (oder die meisten) nicht mehr lesen/decodieren kann…im Sinne Leroi-Gourhans, der unsere heutigen Theorien und Überzeugungen über die steinzeitlichen Höhlenmalereien damit verglich, wenn ein Außerirdischer in eine Kirche trete und nur vom Gesehenen das Christentum erklären sollte, stelle mir vor wie Außerirdische oder meinetwegen spätere Menschen, die nichts von den Lagerungen da wissen in solche Archive kommen und versuchen aus dem, was noch übrig ist unsere Welt und unser Denken zu rekonstruieren, wobei wir dann wieder bei den Müllermännern und Müllkünstlern sind.

Der Fotograf W Eugene Smith wollte offenbar auch alles sammeln: https://www.theguardian.com/artanddesign/2017/aug/06/w-eugene-smith-photographer-record-everything

Zumal es noch die eigentümliche verquere Variante gibt, was mit dem Atommüll gemacht wird, der noch so lange hält (oder Plastikmüll eben), da gab es ja diesen großartig gemachten Film über das Endlager in Finnland, „Into Eternity“ (kleiner Artikel dazu: https://www.theguardian.com/film/2010/nov/09/into-eternity-michael-madsen-nuclear)… Unfreiwillige Überreste.

Und dann, und das ist quasi der letzte Teil, schaffen und schaffen die Menschen aber Information, wo man manchmal denkt, wieso…las heute einen Artikel über einen Mann (erinnerte mich dann an die Polin, die alles aufschrieb, was sie im Leben gegessen und wen sie getroffen hat), der – keiner weiß mit welcher Intention – fast zwei Jahrzehnte lang regelmäßig auf die Straße ging und Straßenzüge fotografierte, was zu einer Mammutfotografie wurde. Allein im Mai 1982 fotografierte er über 200 Städte. Als er 1999 starb, bestand seine Sammlung, die er alphabetisch geordnet in langen Holzkisten aufbewahrte, aus 50.000 Abzügen und Negativen. Zusammengenommen sind die Bilder eine Momentaufnahme des Nordamerika des späten 20. Jahrhunderts:  Ladenfronten, Schilder für Familienunternehmen, Tankstellen und Garagen, Kirchen und Bürgerhäuser…und dann verschlossene Ladenfronten in zwei Rezessionen, einzelne verwitterte Häuser und gelegentliche Silos und Industriegebäude. Der Fokus liegt fast ausschließlich auf Architektur, selten eine Person und kein einziges Tier. Es lebt auch keine Familie mehr, die evtl. was erklären könnte. Aber Fotos können ja auch aufschlussreich sein über die Person hinter der Linse – worauf sie sich konzentriert und was sie auslässt . Er war eindeutig von Gebäuden und Zeichen fasziniert. Seine Reisen führten ihn zum Grand Canyon, zum Pazifik und zum Atlantischen Ozean, zu den Großen Seen, zu den Rocky Mountains und über die Flüsse Mississippi und Missouri, aber er nahm kein einziges Bild davon. Der Stil ändert sich im Laufe des 20-jährigen Projektverlaufs nicht. Er dokumentiert Communities ohne Kommentar. Viele der Fotografien scheinen überhaupt nicht komponiert zu sein, deshalb sieht mandie angrenzenden Gebäude an den Rändern. Siehe hier: Wozu macht einer sowas?

http://gfellercollection.org/

Passend dazu Elektro-Musik von Hainbach, ein Stück für eine Compilation zur Schließung des Winnipeg Conservatory beigesteuert hat, Marygold… Obwohl ich Assiniboine Park noch nie besucht habe, fühlen sich der Tracks wie die elektronische Version von Debussy Cathédrale engloutie an … ein Requiem für eine moderne Kathedrale im Verfall … und geisterhafte, wirklich wundervolle Atmosphäre, besonders mit den Bandleier-Effekten: https://male-activity.bandcamp.com/album/conservatory

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