Prä-Keynianismus

Im 75. Todesjahr hat Reclam Keynes Laissez-faire-Vorlesung in neuer Übersetzung rausgegeben. Sie ist von 1926, also einer Zeit als es sowas wie den „Keynianismus“ noch nicht gab. Und Keynes räumt hier für seinen Begriff mit dem Mythos vom Einzelstreben zum Gemeinschaftsglück als Grundlage für die Verbannung des Staates aus allen Bereichen der Wirtschaft auf genau indem er die Geschichte dieser Idee zurückverfolgt um deutlich zu machen aus welchen gewollten Ableitungen es besteht und wie es zum Dogma des Wirtschaftsliberalismus wurde. Und erteilt dabei den quasi Gegenspielern, die er als Ableitungen des gleichen Problems sieht; dem Protektismus – Stichwort Überregulierung – und dem sozialistischen Marxismus („unlogische und geistlose Theorie“) genauso eine Absage. Er bleibt seinem Anspruch treu: „Das Studium der Ideengeschichte ist eine notwendige Vorstufe auf dem Weg zur Befreiung des Geistes. Ich weiß nicht, wodurch jemand konservativer wird: dadurch, dass er nichts außer der Gegenwart oder nichts außer der Vergangenheit kennt“ und führt u.a. John Eliot Cairnes Einführungsvorlesung über Politische Ökonomie von 1870 an in der dieser bereits das angreift, was Keynes dann ebenso im Text tun wird:

»Die vorherrschende Vorstellung ist, dass die politische Ökonomie zu zeigen versucht, dass Wohlstand am schnellsten akkumuliert und am gerechtesten verteilt werden kann; dass also das menschliche Wohl am effektivsten durch den einfachen Prozess gefördert werden kann, dass man die Menschen in Ruhe lässt; dass man also die Einzelnen den Antrieben des Eigeninteresses folgen lässt, welche weder durch den Staat noch die öffentliche Meinung eingeschränkt werden, solange sie sich der Gewalt und des Betrugs enthalten. Das ist die Doktrin, die gemeinhin als Laissez-faire bekannt ist; und entsprechend wird meines Erachtens die politische Ökonomie ganz allgemein als eine Art von wissenschaftlicher Interpretation dieser Maxime angesehen — eine Verteidigung der Freiheit des individuellen Unternehmertunis und von Verträgen als der einzigen und hinreichenden Lösung aller Probleme der Industrie.«

Keynes selbst geht davon aus, dass man Benthams Nomenklatur von Agenda und Nicht-Agenda durchaus nützlich weiterführen sollte, also was ist/sollte Agenda des Staates für Gemeinwohl sein und was eben nicht. Für Keynes kurz gesagt: Was die Individuen sowieso selbst entscheiden und machen ist Nicht-Agenda, Agenda ist das, wo sonst nichts entschieden oder getan wird. U.a. ist für ihn echte Transparenz in der Wirtschaft sehr wichtig.

Besonders interessant fand ich auch seine Analyse, dass das derzeitige Dogma genau in den Momenten, wo etwas entscheidend verändert werden kann blockiert, weil der denkerische Spielraum durch Uneinheitlichkeit von Empfindung und Urteilsvermögen verkürzt wird und deswegen entweder der Wille oder die Mittel fehlen im entscheidenden Moment.

Nicht verschwiegen sein sollte, dass er auch davon spricht, dass auch Aufmerksamkeit auf „innere Qualität…und schiere Quantität“ zukünftiger Mitglieder der Gemeinschaft gelenkt sein sollte…ich kenne Keynes Denken zu ungenau um das einordnen zu können.

Jetzt lasse ich ihn aber mal selbst zu Wort kommen – gerade der letzte Satz lässt sich heute auch jenseits der Ökonomie immer wieder beobachten:

„Diese Ideen stimmten mit den praktischen Vorstellungen von Konservativen und Juristen überein. Sie lieferten eine zufriedenstellende geistige Grundlage für die Eigentums-rechte und die Freiheit des mit Besitz ausgestatteten Individuums, mit sich selbst und seinem Eigentum zu tun, was ihm beliebte. Darin lag einer der Beiträge des 18. Jahrhunderts zu der Luft, die wir noch immer atmen. Die Absicht dahinter, das Individuum stark zu machen, zielte darauf, den Monarchen und die Kirche zu entthronen; das Ergebnis war dank der ethischen Bedeutung, die nunmehr Verträgen zugewiesen wurde — eine Stärkung von Eigentum und Gesetz. Doch dauerte es nicht lange, bis die Gesellschaft erneut Forderungen an den Einzelnen erhob…

Daher führe ich die merkwürdige Übereinstimmung der politischen Alltagsphilosophien des 19. Jahrhunderts auf den Erfolg zurück, mit dem sie verschiedenartige und einander bekriegende Schulen versöhnten und alle guten Dinge zu einem einzigen verschmolz. Hume und Paley, Burke und Rousseau, Godwin und Malthus, Cobbett und Hume, Bentham und Coleridge, Darwin und der Bischof von Oxford hatten alle, wie sich herausstellte, praktisch dasselbe gepredigt – Individualismus und Laissez-faire. Das war die Kirche von England und jene waren ihre Apostel, wobei die Gemeinde der Ökonomen dafür zuständig war, zu beweisen, dass auch nur die geringste Abweichung von jenem Glauben unweigerlich finanziellen Ruin mit sich brachte. Diese Gründe und diese Atmosphäre liefern die Erklärung dafür (unabhängig davon, ob wir uns darüber im Klaren sind oder nicht — und in unserem verkommenen Zeitalter sind die meisten von uns hier reichlich unwissend), warum wir derartig voreingenommen zugunsten des Laissez-faire sind und warum staatliches Handeln zur Regulierung des Geldwerts oder zur Entwicklung der Investitionen oder zur Bevölkerungsentwicklung in vielen aufrechten Herzen zu argem Verdacht bewegt. Wir haben jene Autoren nicht gelesen; wir würden ihre Argumente absurd finden, sollten sie uns zufällig in die Hände fallen. Trotzdem, meine ich, würden wir wohl nicht so denken, wie Hobbes, Locke, Hume, Paley, Adam Smith, Bentham und Miss Martineau, Hume, Rousseau nicht so gedacht und geschrieben hätten, wie sie es taten…

Kurz: Das. Dogma hatte von der Bildungsmaschinerie Besitz ergriffen; es wurde zu einer Maxime für Schulhefte. Die politische Philosophie, die das v. und 18. Jahrhundert geschmiedet hatten, um Könige und Prälaten zu stürzen, wurde in den Babybrei gerührt und bereits im Kinderzimmer verabreicht…

Ich habe ausgeführt, dass es die Ökonomen waren, die jenen wissenschaftlichen Vorwand lieferten, durch den der Mann der Praxis den Widerspruch zwischen Egoismus und Sozialismus auflösen konnte, der sich aus dem Philosophieren des 18. Jahrhunderts und dem Niedergang der Offenbarungsreligion ergeben hatte. Doch nachdem ich dies in dieser Kürze dahingesagt habe, möchte ich jene Aussage qualifizieren. Angeblich haben die Ökonomen so etwas behauptet. Doch tatsächlich lässt sich keine derartige Doktrin in den Schriften der größten Autoritäten des Fachs finden. Solches haben lediglich die Popularisierer und Vulgarisierer behauptet. Dies war, was die Utilitaristen, die gleichzeitig Humes Egoismus und Benthams Egalitarismus anhingen, glauben mussten, wollten sie beide zusammendenken. Die Sprache der Ökonomen bot sich zwar zur Interpretation des Laissez-faire an. Doch die Beliebtheit der Lehre muss eher den politischen Philosophen jener Tage zugeschrieben werden, denen sie gerade zupasskam, als den politischen Ökonomen…

Diese Überlegungen zielten auf mögliche Verbesserungen der Abläufe des modernen Kapitalismus durch Prozesse kollektiven Handelns. Nichts an ihnen ist zwangsläufig unvereinbar mit dem, was mir das wesentliche Merkmal des Kapitalismus zu sein scheint, nämlich die Abhängigkeit von jenen Instinkten, die zum Erwerb sowie zur Wertschätzung von Geld antreiben, jenen Hauptantriebskräften der Wirtschaftsmaschine. So kurz vor dem Ende dieses Beitrags sollte ich natürlich nicht noch großartig abschweifen. Dennoch ist es vielleicht angebracht sie zum Schluss daran zu erinnern, dass die grimmigsten Kämpfe und die am tiefsten empfundenen Spaltungen der Meinungen in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht über technische Fragen der Art entbrennen werden, wo die Argumente auf beiden Seiten in erster Linie ökonomische sind, son-dem über jene Fragen, die in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als psychologische oder vielleicht als moralische Fragestellungen bezeichnet werden können.“

Lesenswert dazu: https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2021/heft/4/beitrag/der-verdraengte-keynes.html

Abseits dessen war Kaynes ja auch Mitglied des Bloomsbury-Kreis in dem er seine Homosexualität ausleben konnte. Das Nachwort des Reclam-Hefts erwähnt den deutschen Diplomaten Carl Melchior, den Keynes bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag kennenlernt (Keynes kritische Ansichten zum Versailler Vertrag sind vielfach bekannt, hier nochmal eine kurze Zusammenfassung: https://monde-diplomatique.de/artikel/!5602554) Von einer Freundschaft kann man über all lesen, während Nikolaus Piper in seinem Nachwort, wenn auch leicht zurückhaltend von mehr ausgeht. Dass soll mich jetzt allerdings weniger interessieren, jedoch ist dieser Carl Melchior eine Figur, die unbedingt erwähnt werden sollte und deswegen wichtig ist, dass er dort vorkommt.

2019 hat man ihm im Jüdischen Museum Berlin eine Ausstellung gewidmet und damit letztlich nochmals ganz öffentlich konstatiert, dass er – der deutsche Jahrhundertdiplomat – im Grunde nach 1945 völlig in Vergessenheit geraten ist.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/carl-melchiors-leistungen-ein-jahrhundertdiplomat-der-20er.976.de.html?dram:article_id=452334

Keynes hat auch ein Buch über diese Begegnung auf diplomatischem Parkett geschrieben: „Freund und Feind“, das seine Freundin Virginia Woolf sehr gelobt hat.

Nach den für ihn eher negativ in Erinnerung bleibenden Verhandlungen kehrte Keynes zu seinen Bloomburyisten zurück. Carl Melchior ward später von den Nazis aus allen seinen Ämtern verdrängt als ihn Ende 1933 der Schlag trifft.

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