Natura

„Wir denken uns die Natur nicht annähernd groß, nicht annähernd umfassend, plastisch, durchdringend, und: differenziert genug.“

Birgit Recki

Zwei Bücher von denen ich annahm, dass sie sich gut ergänzen (sind ja zumindest auch aus der gleichen Reihe DE NATURA des Matthes&Seitz-Verlags)…

Birgit Recki setzt in „Natur und Technik. Eine Komplikation“ dazu an, dass man sich endlich vom im Grunde schon immer unbrauchbar konstruierten Natur/Kultur-Dualismus (den das Christentum mit seinem Kreationismus und dessen Ableitungen zwar nicht ex nihilo erfunden, aber immens  eingekerbt und verschärft hat) entfenrt (indem man ihn bestenfalls als Binnenspannung, und sie tut das nicht vordergründig an ihren beiden Fallbeispielen, Kapps Organprojektion und Dessauers Weiterschöpfung aus prästabilisierten Potenzialen, die sie eher als Kabinettstückchen verwendet um an ihnen grundsätzliche Überlegungen festzumachen um dann mit Kants vorsichtiger Spekulation von der Projektion der Handlungsrationalität in die Natur, die darin gipfelt, die menschliche Freiheit und damit die Kultur sei der letzte Zweck der Natur, insofern also nichts anderes als Letztere.

Kants „“Natur als Inbegriff von allem, was nach Gesetzen bestimmt existiert“, könnte man versimpelt auch dazu hernehmen zu sagen, da alle Technik aus Ressource der Natur und den Naturgesetzen funktioniert, warum sollte sie außerhalb oder im Gegensatz der Natur stehen? Der Mensch bringt sie hervor, der selbst zwar Kultur, aber darin immer auch ein Naturwesen bleibt.

„Die übertriebene Schlussfolgerung aus den Befunden vom Anthropozän dagegen ist – gerade auch wegen ihrer Kongruenz mit den hartnäckigen Gemeinplätzen des geläufigen Dualismus – eine diskursive Abgrenzung wert: Es macht einen die Unterschied, die populäre ontologische Entgegensetzeng von Natur und Kultur aufzuheben in dem holistischen Gedanken, dass die Errungenschaft eines Lebewesens auch dann Teil der Natur sind, wenn dieses Wesen mittels elaborierter Intelligenz und der daraus hervorgehenden Leistungen (Bewusstsein, Selbstbewusstsein, objektiver Geist, Normativität, Kultur) eine selbständige Perspektive auf seine Herkunftsbedingungen entwickeln, ja zu ihnen auf Distanz gehen kann – und an dieser Distanz mittels kategorialen und methodischen Differenzierungen auch festzuhalten (1); oder die durchdringende Kulturaktivität des Menschen als einen ontologischen Umschwung zu verkennen und die Differenz zwischen Natur und Kultur zu kassieren in der Behauptung, dass nichts mehr Natur, alles nur noch Kultur wäre (2). Im Zuge der ersten These wird der absolute Gegensatz von Kultur und Natur bestritten. Die Kultur soll begreifbar werden als eine Komplikation in dem Ganzen, das die Natur ist; deren Bestehen im Prozess der wirkenden Kräfte, der stets Differenzierung und so Veränderung mit sich bringt, wird nicht in Frage gestellt. Behauptet ist mit dieser Position die Kultur als Element der Natur. Im Zuge der zweiten These wird hingegen der Begriff der Natur als systematisch obsolet, als Gegenstand eines nur noch historischen Rückblicks verabschiedet. Kultur erscheint als das System der (nur noch vom Menschen ausgehenden) wirkenden Kräfte, das per Absorption und Aufhebung die Stelle der Natur eingenommen habe…“

Angesichts dessen macht Recki klar, dass es ihr zum einen nicht um esoterische Ganzheitsgewabbere oder neu zu entdeckende Naturnähe zu tun ist und zum anderen, dass Teil des alten Dualismus ebenso die verbreitete Annahme ist, man befände sich in einem Zeitalter nach der Natur, die es gar nicht mehr gäbe, weil alles kulturell überformt sei; dies geht mit einem Rousseuismus-Begriff „unberührter Natur“ einher, der selbst ein Konstrukt des Dualismus ist.

Und indem sie Mittelstraß‘ enggeführten Leoanrdo-Welt-Gedanke in dem Sinne umgekehrt, dass sie ausdrücklich betont, dass Leonardo eben zuallererst Künstler war (und blieb) und dann Wissenschaftler/Ingenieur wurde und nicht etwa umgekehrt, sodass im alten techné Sinne Kunst zu Technik zählt, aber eben doch in ihrer eigenen Dynamik und prädisponierter Stellung – der Renaissance-Streit um imitation oder inventio ist zuvorderst ein Kunstdiskurs gewesen – sie ist der privilegierte Zugang zur dritten Dimension der Natur (1. Natur als medium der Kultur, 2. Natur als Ressource der Kultur), dem Modus der natura naturans.

Und Günther Vogt und Violeta Burckhardt bringen mit ihrem Büchlein schließlich quasi Beispiele, wo die „getrennten“ Sphären Natur und Technik/Kultur wieder zusammenkommen und den Liminal Space bilden, der eigentlich nur da ist, wenn man es eben getrennt sieht und einen Übergangskorridor braucht, das Edgeland wird dann der Ort, wo das neue Natur/Technik-Bewusstsein sich erst entfaltet, die bislang noch viel zu ignorierte ThirdSpace- Heterotopie dieses Naturverständnisses; die Masoala Halle im Züricher Zoo, der Lohsepark in Hamburg, die Via Giulia in Rom oder Rectory Farm in Hounslow: https://www.theguardian.com/cities/2017/jul/17/london-park-underground-mega-basement

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