Weil, Bespaloff und die Ilias

Der Merkur veröffentlicht zur Feier seines 75. Jahrgangs ausgewählte Texte aus allen Zeiten online. Unter anderem auch Simone Weils Text zu Homers Ilias, der mit dem starken Satz beginnt: „Der wahre Held, der wahre Gegenstand, das Zentrum der Ilias ist die Gewalt.“ Man findet dann schnell raus, dass es dabei nicht um eine Kritik oder Absage an dieses „Ur-Epos“ geht. Weil führt für mich da einen etwas Seitenstrang zu Heraklits berühmten „ πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι“ aus und stellt außerdem die Verbindung zum Evangelium her, dessen griechischen Mantel ja auch (daher ist mir diese Sicht am bekanntesten, was nicht heißt, dass sonst keiner darüber schrieb) Eric Voegelin sehr heraushob. Dass Weil so damit beschäftigt und wie sie daran geht, ist auch deswegen bemerkenswert, da ja das Certamen Homeri et Hesiodi gibt, das ja selbst von einem Wettstreit zwischen Homer und Hesiod handelt ; Heraklit hat dabei stets Hesiod als Dichter affirmiert. Und Heinz Mundig (gemeinsam C.F.v. Weizsäcker) hat die Überlegung angestellt, ob die beiden verschiedenen Vorstellungen Homers und Hesiods des Begriffs ἔρις (éris) sich in Ilias und Erga äußern und sowas wie die vormoderne Unterscheidung darstellen zwischen guter und böser Eris, zwischen physischem Kampf und sublimierten Konkurrenzkampf und inwiefern letzteres förderlich als auch ein progressiv erscheinende Abkehr von aristokratischen Idealen sei. In Hesiods Erga wird dieser Konkurrenzkamp vor allem in strebsamer Arbeit gesehen, da laut Hesiod Arbeit ein natürliches menschliches Bedürfnis sei (file:///C:/Users/MEINPC~1/AppData/Local/Temp/37608-Artikeltext-118533-1-10-20170427.pdf)

Simone Weil, die ja selbst Fabrikarbeit erlebte und sich immer der unvermeidbaren natürlichen und sozialen Zwänge bewusst war, glaubte nicht an die Befreiung von der Arbeit, an die „verrückte Idee, dass Arbeiten eines Tages überflüssig sein könnte“, sondern an die Notwendigkeit, die Arbeit von Unterdrückung zu befreien. Ihre Beschreibungen dieser Demütigungen und Schmerzen der Arbeiter trägt evtl. mehr zur Förderung der Abhilfe dieser Sachen bei als viel sonstige intellektuelle Traktate. Und vielleicht gilt das – zumindest auch aus Weils Sicht – hinsichtlich den Krieg und die Gewalt auch für die Ilias.
Folgende Passagen bei Weil habe ich beim Lesen alsgleich markiert:


„…Die menschlichen Wesen um uns haben durch ihre bloße Gegenwart ein Vermögen, das nur ihnen angehört, jede Bewegung, zu der unser Körper sich anschickt, zum Stillstand zu bringen oder abzuändern; man erhebt sich, man geht, man setzt sich in seinem Zimmer nicht in der gleichen Art, wenn man allein ist oder wenn man Besuch hat…
Im übrigen ist auch die Mäßigung nicht immer ohne Gefahr, denn der Nimbus, der zu mehr als drei Viertel das Wesen der Gewalt ausmacht, rührt vor allem von der ungeheuern Gleichgültigkeit des Starken für die Schwachen her, und diese Gleichgültigkeit ist so ansteckend, daß sie sich denen mitteilt, die ihr Opfer sind…
Die Unbekümmertheit jener, die ohne Achtung mit Menschen und Dingen umgehen, über die sie Herr sind oder zu sein glauben, die Verzweiflung, die den Soldaten zwingt, zu zerstören, die Vernichtung des Sklaven und des Besiegten, das Hinmorden — all das fügt sich zu einem gleichförmigen Bild des Grauens zusammen, dessen einziger Held die Gewalt ist…
Die Häufung von Gewaltszenen würde erkältend wirken ohne den Ton unheilbarer Bitterkeit, den man ständig hindurchfühlt. Hierdurch, durch diese Bitterkeit, aus Liebe geboren, die sich wie das Sonnenlicht über alle Menschheit ergießt, wird die Ilias zu etwas so Einzigartigem. Sieger und Besiegte sind uns in gleichem Maß nahe, sind Ebenbilder des Dichters und des Hörers…
Alles aber, was im Seeleninnern und in den menschlichen Beziehungen der Herrschaft der Gewalt nicht erliegt, wird geliebt, mit Schmerz geliebt, weil es ständig in Gefahr ist, vernichtet zu werden…Man kann nur lieben und gerecht sein, wenn man die Macht der Gewalt kennt und fähig ist, sie nicht zu achten.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/simone-weil-ilias-dichtung-und-gewalt/



Bei Weil zu Verwurzelung liest man das „ist wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele (…) Jeder Mensch braucht vielfache Wurzeln. Fast sein gesamtes moralisches, intellektuelles und spirituelles Leben muss er durch jene Lebensräume vermittelt bekommen, zu denen er von Natur aus gehört“ und:


„Was man heute unter Bildung für die Massen versteht, heißt: Man nimmt diese moderne Kultur, die in einem so geschlossenen, so verdorbenen, der Wahrheit so gleichgültig gegenüberstehenden Milieu entstanden ist, und stößt alles ab, was sie noch an purem Gold enthalten könnte – dies wird als populärwissenschaftliche Verarbeitung bezeichnet –, und stopft den Rest, so wie er ist, den Unglückseligen, die etwas lernen wollen, ins Gedächtnis, wie man den Vögeln eine Handvoll Körner hinwirft.
Im Übrigen ist der Wunsch, zu lernen um des Lernens willen, der Wunsch nach Wahrheit sehr selten geworden. Das Prestige der Bildung ist beinahe ausschließlich zu etwas Gesellschaftlichem abgesunken, sowohl bei dem Bauern, der davon träumt, dass sein Sohn Lehrer wird, als auch beim Lehrer, der davon träumt, dass sein Sohn eine Eliteuniversität besucht und in mondänen Kreisen verkehrt, wo man renommierte Wissenschaftler und Schriftsteller hofiert.
Die Prüfungen werden für die Jugend in den Schulen zur selben Obsession wie die Lohntüte für den Akkordarbeiter. Ein Gesellschaftssystem ist zutiefst krank, wenn ein Bauer bei der Feldarbeit denkt, dass er nur deshalb Bauer ist, weil er zu dumm ist, um Lehrer zu werden.“

Achtung Synergie…
Im Zuge der Nachricht, dass knapp 63 Jahre nach Ali Boumendjels Tod Macron am Dienstag »im Namen Frankreich|s« zugegeben hat, dass der algerische Freiheitskämpfer am 23. Mai 1957 von Geheimagenten der französischen Kolonialarmee umgebracht wurde…aus dem aktuellen Merkur ein äußerst lesenswerter (kurz, aber dicht) Text von Claus Leggewie über die Schatten es Algerienkrieges: https://volltext.merkur-zeitschrift.de/content/pdf/99.120210/mr-75-3-68.html


Ich gebe zu, dass ich lediglich die groben Koordinaten und Inhalte dieses Krieges kenne (was mir nach dem Lesen nochmals mehr bewusst wurde) und nimmt man das mit diesem Text zusammen, weiß ich im Grunde nichts über eine der dunklen Herzkammern der Französischen Republik.
Kommt mir aber auch, zumindest assoziativ, wie eine Überschneidung zu Weils Entwurzelung und Weils Geschichte der (Kriegs)Gewalt. Wer wird durch Krieg wie entwurzelt und wer lässt was zurück und nimmt was mit? Was bedeckt das große Schweigen, das keine Worte will und/oder hat?
Weil zu Homers Ilias und jene Rätselanekdote zu Homer, die freilich spaßig gemeint ist, die man aber durchaus in diesem Zusammenhang einen ernsten Anstrich geben kann mit jenen Worten, die Homer in der Geschichte nicht versteht:

>Ὅσσ‘ ἐλομεν λιπόμεσθ‘, ὅσσ‘ οὐχ ἐλομεν φερόμεσθα. /
Hoss‘ elomen lipomesth‘, hoss‘ ouch elomen pheromestha.<
((alles) was wir erwischten, ließen wir zurück, (alles) was wir nicht erwischten, tragen wir mit uns fort.))


Ist es so nicht auf den Krieg und die, die aus ihm zurückkehren nicht auch anwendbar? Ich muss an (und er ist ja der, der zu Rachel Beslakoff Ilias-Text ein Nachwort schrieb und den ich persönlich eben vor allem durch seinen Briefwechsel mit E. Voegelin kennenlernte – so schließt sich der Kreis) ein Gedicht von Hermann Broch denken (das sich auf den 2. WK bezieht):

"Diejenigen, die im kalten Schweiß

Diejenigen, die im kalten Schweiß der Hinrichtung
täglich, nächtlich erbleichten,
die höllenhaft Fiebernden
hätten heute ein Recht zu singen,
und wenn sie es täten,
sie täten es in fürchterlich neuer Sprache,
in der kein Wort dem andern
mehr ähnelt.

Aber sie schweigen; sie tragen
den Knebel des Schicksals
weiter in ihren Mündern zwischen den schmerzenden Kiefern,
denn was sie zu sagen hätten wäre uns
stumm, ein schrilles Glucksen der Zerstörung;
darum hat uns, die wir es hören müßten,
das Schicksal die Ohren verstopft.

Wir starren sie an, sie starren uns an:
die Augen, die ihren, die unsern,
vermögen noch zu blicken
und sich vorzulügen,
daß sie die Menschengestalt sehen."

Zur gleichen Zeit wie Weil schrieb auch eine andere Denkerin mit jüdischen Wurzel über die Ilias; Rachel Bespaloff (es gibt eine englische Publikation, die beide Texte gemeinsam stellt), deren Text mittlerweile auch in Deutsch erschienen ist. Bespaloff las später Weils Text, umgekehrt war das nicht möglich, da Weil bereits tot war als Bespaloffs Essay erschien…Und ich werde dazu kaum so viel schreiben wie ich vielleicht gern möchte, ist hier also pure Verkürzung…

Die ukrainische Jüdin Bespaloff lebte zu der Zeit bereits im Exil in den USA und hatte ursprünglich die Ilias mit ihrer Tochter als deren Schulaufgabe gelesen und stieg dann selbst mit Haut und Haar in das Epos hinein. Ihr Essay erschien 1943 Original in Französisch (wenn das Wort Gewalt/Kraft im Deutschen erscheint, schrieb Bespaloff – wie auch Weil – stets ‚force‘,). Das Vorwort (das in der dt. Ausgabe als Nachwort gegeben wird) schrieb Hermann Broch, der sich ebenfalls im US-Exil befand und u.a. einen regen Briefwechsel mit einem weiteren Exilanten führte, Erich Voegelin. Warum das extra erwähnenswert ist dazu gleich noch.

Wie für Weil ist bei Bespaloff jene ‚force‘ ein Kernstück der Ilias. Doch während Weil in der Ilias eher eine Antikriegsbotschaft ausmacht, vertritt Bespaloff eher – wie Homer selbst – einen neutraleren Standpunkt zum Gewalt/Kriegsgeschehen („Homer wundert sich nicht, noch empört er sich, noch hofft er auf eine Antwort. Wo sind in der Was die Guten? Wo die Bösen? Wohin man auch blickt, nichts als Leidende Menschen, Krieger im Kampf, die triumphieren oder unterliegen.“), für sie ist die Ilias das in Poesie gegossene Anstürmen der mit endlicher Kraft ausgestatteten Menschen gegen das Werden (das immer auch ein Verfall des einen um das Erblühen des Anderen ist) und das Vergessen.

Der Kampf der Griechen, der Kampf des Achills, des Hektors, des Priamos für die mögliche Unsterblichkeit in Ruhm, geretteter Heimat, überlebender Überlieferung und damit ein zutiefst menschlicher UND humaner Kampf, der ihrer Meinung nach erst wieder in Gänze und Zeitlosigkeit von Tolstoi in ‚Krieg und Frieden‘ beschrieben wird:

„Kriege werden ausgefochten, erlitten, verflucht oder besungen; ein Urteil kann man über sie freilich ebenso wenig fällen wie über das Schicksal selbst. Die einzige Antwort auf sie ist Stille – oder besser, die Unmöglichkeit der Worte: der ernüchterte Blick, den der sterbende Hektor auf Achill wirft, und der, mit dem Fürst Andrej das jenseits seines Todes zu ermessen scheint. […] Mit einigem Recht kann man von der Welt Dantes, Balzacs oder Dostojewskis sprechen, bei Homer und Tolstoi ist das unmöglich, denn ihr Universum ist in jedem Augenblick ganz und gar das unsere. Es ist nicht notwendig, das Reich der Ilias oder das von Krieg und Frieden zu betreten, denn wir bewohnen es bereits. […]  Die Notwendigkeit, die das Individuum zwingt, seine Vermassung unter Androhung von Versklavung, oder sogar Vernichtung zu ertragen, ohne dass seine Persönlichkeit dabei in der anonymen Masse aufginge, macht diese überhaupt erst kenntlich.“ Und sie sieht darin natürlich die Essenz der Griechischen Mythos Hermann Broch schreibt in seinem Vorwort (das auch so etwas wie seine kleine Mythentheorie ist): „Der Mythos ist die Urform jeglicher phänomenologischer Erkenntnis, deren der menschliche Geist fähig ist […] Die Zivilisation einer Epoche ist sein in die Tat umgesetzter Mythos.“

Dieses Auffassung zusammen mit der, dass Ordnungen durch mythosgesättigte vereinheitlichte Wertsysteme bestehen – wenn sie sich auflösen, bricht auch die Ordnung – und sich in ihnen stets Blütezeiten der Kunst ereignen („Solange ein Wertsystem lebendig wirkt und sein Weltbild unversehrt besteht, ist der Mensch imstande, seine individuellen Probleme innerhalb dieses überlieferten Rahmens zu lösen, aber in Zeiten des Wertzerfalls können derartige Lösungen nur erzielt werden, wenn der Mensch sein Weltbild in jedem und für jeden bestimmten Fall selber neu gestaltet. Es ist diese bindende Notwendigkeit, die Welttotalität für jeden Einzelfall und individuell für jeden Einzelmenschen neu zu erstellen, die als der wesentliche Grundzug der Romantik gelten kann…“) Das sind Gedanken, die Eric Voegelins ähneln und man weiß ja, dass beide sich ausgetauscht haben über ihre Theorien und Texte. Bemerkenswert ist jetzt aber, dass ja für Voegelin das griechische Denken und das alt-jüdische des Alten Testaments zwei Parallelentwicklungen für solche Ordnungsbrüche sind,, aber auch eine Art „Elternpaar“ für das kommende Christentum bilden (über genau das Thema habe ich meine Masterarbeit geschrieben). Und Rachel Bespaloff setzt nun im letzten Teil ihres Ilias-Essays zu genau solchen Überlegungen(auch poetischer und struktureller Natur) an:

„Im Universum Homers, das in eine Vielzahl einander widerstrebender Energien aufgespalten ist, die sich allesamt gegenseitig ausbremsen – bildlich kommen sie in den Duellen der Helden und den Streitigkeiten der Götter zum Ausdruck – erscheint die Gewalt allein als einheitliches Prinzip: identisch mit dem Werden, das sie ohne Ursprung noch Ziel lenkt. Sie ist, was sie ist, das erste, unbestimmte, absolute Prinzip all dessen, was aus ihr folgt. Im Gegensatz dazu birgt die Darstellung der Gewalt im biblischen Kontext eine fundamentale, wenn nicht gar ursprüngliche Heterogenität: auf der einen Seite die Endlichkeit der Gewalt als Wille zur Macht des Menschen, der sich anschickt, selbst Gott zu werden, auf der anderen Seite die Unendlichkeit der Gewalt, die Gott höchstpersönlich ist. Indem die Bibel die bestechliche Energie der kreativen Energie entgegensetzt, konstruiert sie eine Dualität, die nur in der Idee der Auferstehung überwunden werden kann. So ist es ursprünglich die Vorstellung der Gewalt, die gleichermaßen den Glauben der Griechen an die Unsterblichkeit und den Israels an die Auferstehung begründet.“

Aber im Gegensatz zu Voegelin, der Platon mit in die Hebammenfunktion hebt, erteilt Bespaloff dem eher eine Absage, weil sie meint Platon breche nicht genug mit dem Mythos, wobei letztlich Platon ein bisschen unterentwickelt ist bei ihr. Gleichzeitig sind beide sich allerdings einig, dass beide Stränge in einen Niedergang mündeten:

„Da der Mensch, die Last der kommenden Ohnmacht kennengelernt und sie sogar überlebt hat, sich aber nicht damit begnügt in Bedeutungslosigkeit dahinzuleben, versucht, die Kräfte, die seine Verzweiflung in ihm mobilisiert hat, zu nutzen, um die Intensität, die niemals von Dauer sein kann, in die Dauer zu integrieren und durch ständige Wiederholung den unbeherrschbaren Augenblick einzufangen. Im Übergang von der Ethik zur Moral liegt derselbe Verrat der Werte beschlossen wie auf der Schwelle vom ästhetischen Wohlgefallen zum Hedonismus: Die ethische Qualität, die keine Abstufungen kennt erniedrigt sich selbst zu einer zartbesaiteten, moralischen Qualität und macht sich dadurch kommensurabel. Es kommt aber darauf an, durch Disziplin einen Lebensstil zu verwirklichen, der die Erinnerung an jene Augenblicke vollendeter Innerlichkeit ins Unendliche verlängert, denn, einmal auf ihr normales Maß zurückgefallen, verliert die jäh gesteigerte Subjektivität automatisch ihre Fähigkeit zur Übersteigerung. Es ist ihr nicht gegeben, ihre Verwandlungen zu bewahren. Was übrig bleibt, ist ein ohnmächtiges Bild.

[…]

Als die außerordentliche Inspiriertheit der prophetischen Poesie versiegt, verkommt die Religion der Bibel zu fiebriger messianischer Mystik, und als die griechische Philosophie die Fragen Homers und Aischylos‘ durch Antworten zu ersetzen beginnt, verwandelt sich das tragische Ethos in Stoizismus. Die Moral bringt die Klagen des Helden zum Schweigen: Zu klagen wird fortan als unschicklich aufgefasst.“

Bespaloff sieht eher Solon und seine Gesetze (der Mensch, der sich eine Ordnung gibt im Chaos und den Launen der Götter und des Schicksals) als Nachfolger dessen, was für sie die Weisheit Homers und der Hector-Figur ausmacht und tut – es kreist hier vor allem um das Wort Gerechtigkeit; und nebenbei tut auch noch die ganze Aristotelesbesessenheit des christlichen Mittelalters als eher unpassend ab – Voegelins Aristotles-Bild ist zumindest ähnlich reserviert (was nicht gleichbedeutend mit negativ ist):

„»Die Verachtung für das Gesetz«, so Solon, »bedeckt die gesamte Stadt mit Übeln. […] Wo aber das Gesetz herrscht, schleift es das Raue, lässt die Gewalt ab-sterben, trocknet die Katastrophen aus und verwandelt sie in frische Blüten.« Dieser griechische Eudämonismus ist weniger weit vom biblischen entfernt, als man annehmen möchte, denn beide hegen eine unverbrüchliche Liebe zum Vaterland, in der das Gespür für die Wahrheit und der Wille zur Gerechtigkeit zusammenfließen. In dem Augenblick, in dem die Distanz am. größten erschien, hat das Christentum eine außer-gewöhnliche Synthese von messianischer Religion und mystischer Philosophie geschaffen. Um deren gesamte Tragweite zu ermessen, müssen wir in den großen jüdischen Poeten, den griechischen Tragikern und Homer das gemeinsame Fundament des griechischen und jüdischen Denkens offen-legen. In Wahrheit gibt es nämlich mehr Affinitäten zwischen dem robusten Pessimismus eines Hesiod und der inspirierenden Bitterkeit des Hosea, zwischen der Rebellion des Theognis und den Anrufungen des Habakuk, dein Klagelied Hiobs und den Totenklagen des Aischylos als zwischen Aristoteles und den Evangelien.“

Es ist schade, dass Bespaloff nicht auch etwas zur Odyssee schrieb – sie hat es dann vorgezogen den Kopf in den Herd zu stecken. Ob die Odyssee der wichtigere Text ist wie manchmal behauptet, da ich bin mir nicht so sicher, sie ist zumindest eine Weiterführung der Gedanken dort, auch Odysseus rennt gegen das Schicksal an und die Listen, die er anwendet sind teilweise eben immer noch Wissen der Anderen (zb wenn Kirke ihm von den Sirenen erzählt oder Kalypso, die ihn erst auf Geheiß der Götter wieder ziehen lässt und ihm hilft ein Floß zu bauen) und sie führen trotz allem nicht dazu, dass Odysseus das menschliche Los wie die Griechen es sich dachten überwindet, er ist genau das was Bespaloff meinte, einer, der als Individuum aus der Masse der Sterblichen herausragt für ein kurzes Leben, aber stetig in der Ordnung/’force‘ des Lebens/Werdens bleibt und ist das, was evtl Primos auf trojanischer Seite ist, der der den Anderen vom Trojanischen Krieg erzählen kann (deswegen preisen Agamemnon und Achill ihn ja auch am Ende). Und Odysseus kämpf auch nicht gegen die Natur, zum einen, weil diese Vorstellung zutiefst ungriechisch ist und alls das, was Odysseus seinen Kameraden voraus hat nicht seine Rationalität ist, sondern sein Antrieb, der auch Hector und Achilles je auf ihre Weise getrieben hat. Und die einfache Setzung, das Treiben der Götter = Naturkräfte, deswegen sei Odysseus instrumenteller Rationalist, erscheint mir flach. Im griechischen Epos Homers sind die Götter das längst nicht, sie sind keine Naturkräfte, sie sind menschlich, wenn auch nicht human, genau das ist „das Privileg“ der Sterblichen.

Ich persönlich finde ja bspw. die berühmte Adorno/Horkheimer-Lesart (die am Ende im Kern ja bei Borchardt „geklaut“ ist und noch so tut als „korrigiere“ sie, was gar nicht gesagt wurde) obwohl unterhaltsam und sicher auch absichtlich polemisch eher als fehlgeleitet in ihrer fast schon fatalen Rückprojektion ihres Denkens – was in sich selbst natürlich höchst modern ist, aber auch, zumindest für mich – ein Beispiel dafür wie man etwas liest, wenn man schon seine konkreten Dinge sucht…Odysseus der Bourgois, der andere für sich rudern lässt…auch Agamemnon und Achill sind nicht selbst gerudert…das ist so eine kontextlose Klitterung, das erinnert mich schon an heutige Lifestlylelinken-Tweets zu politischen Themen. Und das Kunstverständnis, dass in der Odyssee herauskommen soll ist 1A Adornos, aber nicht weil er’s rausdestilliert hat für sich, sondern reingelegt hat. Provokation hin oder her es ist mir zu platt oder eben nur ein Vehikel um ihr eigenes Zeug loszuwerden, was man auch ohne hätte machen können. Damit meine ich jetzt nicht die ganze Dialektik der Aufklärung, da ist sehr viel Wahres darin, sondern die konkrete Lesart der Odyssee.

Die „neue“ Sahra Wagenknecht

Im aktuellen Merkur, lesenswerter Text (weiter unten Auszüge) in dem der us-amerikanische Historiker Jackson Lears anhand der Situation/Vorgänge in den USA (und kleinen Exkursionen nach Polen, England, Frankreich), sowie dezidiert am neuen Buch von Anne Applebaum (vielleicht das, was man Lifestyle-Rechte nennen kann) meiner Meinung nach aufzeigt, was immer noch das Kernproblem ist und für das, was gerade auch wieder um die Aussagen von Sahra Wagenknecht kursiert auch wieder nur an der Oberfläche kratzt. Ich hab SW immer verteidigt und halte sie immer noch für eine eloquente Politikerin, aber auch ich finde das, was sie zuletzt gerade über Corona und nun teilweise im neuen Buch schreibt nicht grenzwertig (das wäre mir schon wieder zu ideologisch verbrämt), aber ich finde es, gerade von ihr, manchmal extrem schwach und überpolemisch und das enttäuscht mich. Ich finde man merkt, dass mittlerweile die Emotionen mitschwingen und die Sicht eher verunklaren (grad sie galt ja lange stets als recht unemotional). Die große Frage ist ja mittlerweile: ist Wagenknecht selbst mit ihren Standpunkten traditionell links – oder schon auf dem Weg zur Rechten? Welche ihrer Inhalte sind denn konrket mit der politischen Rechten vereinbar? Ich fürchte der entscheidende Punkt, den sie nicht (mehr) in den Vordergrund rückt, aber in dem sie Recht hat und der mir aber der entscheidende ist (und der Text unterstreicht das, denn hier kommt das Wort Elite ins Spiel): wo waren all die letzten Jahre bereits die Überschneidungen zwischen dem was man heute Links/Rechts (allein daran zeigt sich, dass das Schema immer schwammiger wird) – Liberale nennt; ja es ist der meritokratische Neoliberalismus (und man weiß doch, dass die AfD abseits des Rassismus vor allem eine neoliberale Partei ist, deren Personal relativ begütert ist), der die eint, die sich um ihr Geld und ihre gesellschaftliche Annerkennung kaum bis gar keine Sorgen machen müssen – augenfälliger ist das tatsächlich in den USA, wo sich ein Biden nicht zu schade ist, den arbeitslosen Bergarbeitern fast schon mariantoinetthaft entgegen zu werfen: „Lernt programmieren, um Himmels willen!“ Und ich habe es bereits früher geschrieben und denke das weiterhin: Es gibt Leute – und die sind nicht zwingend gutmeinende Linke -, die ein Intresse an einer bestimmten Art von Identitätspolitik haben, einfach weil sie von dieser ihnen zugutekommenden Meritokratie ablenkt und den Fokus auf etwas verlagert, dass allein dieses Problem stets abdeckeln wird. Und Elite bedeutet nicht nur oder unbedingt viel Geld, es bedeutet Macht, Machtpositionen, Jobs und die finden sich nicht nur in der Politik.
Das politische Profil ist dann beinah austauschbar. Ein FDPler zb hat kein Problem damit, wenn alles supi dupi vielfältig ist und es ganz viele tolle Identitäten gibt, denn dann kann er denen ,jedem für sich, ein anderes Produkt verkaufen.



„Jeder vollständige Begriff von Demokratie beinhaltet eine lebhafte, informierte Debatte darüber, was das Gemeinwohl sein soll und wie es gefördert werden kann. Doch das Zusammentreffen der meritokratischen Betonung des indivi-duellen Leistungsstrebens mit den Über-bleibseln der altehrwürdigen Arbeitsethik hat jede Vorstellung von Gemeinwohl ausgehöhlt. Selbst während einer Pande-mie gibt es nur eine diffuse Vorstellung davon, was es bedeuten könnte, dass wir alle in einem Boot sitzen. Das öffentliche Interesse wird weiterhin als die Summe…
Letztendlich verschmilzt die Meritokratie mit einer providentialistischen Auffassung, die sogar weiter geht als jene, die im 19. Jahrhundert die Ungleichheiten rechtfertigen musste. Die Gewinner haben es nicht nur verdient zu gewinnen, sie stehen außerdem auf der »richtigen Seite der Geschichte«. Der Glaube an den unausweichlichen Fortschritt steigert die erneute Popularität von Joseph Schumpeters Begriff der »schöpferischen Zerstörung« — all die geschlossenen Fabriken, die verlorenen Arbeitsplätze, die verödeten Gemeinden seien nur der vorübergehende Preis, den die Arbeiterklasse für unternehmerische Innovationen zu zahlen habe, die schließlich größeren Reichtum für alle bringen werden. Der Markt ist im siebten Himmel, und die Welt ist in Ordnung…
Der Aufstieg des Neoliberalismus in der Politik war keine ausschließlich amerikanische Entwicklung. Meritokratische Mantras rechtfertigten die wachsende Ungleichheit auch in anderen Gesellschaften, die ihre Politik auf den Markt ausrichteten, vor allem in Großbritannien und Frankreich. Aber die Amerikaner, insbesondere diejenigen, die bei der Globalisierung auf der Strecke geblieben waren, sahen sich einer ganz besonderen Lage ausgesetzt. Da viele von ihnen auf der Suche nach wirtschaftlicher Absicherung zum Militär gingen, war für sie die Wahrscheinlichkeit am höchsten, in die aussichtslosen Kriege gegen den Terror verwickelt zu werden…
Mit seinem Versprechen, den endlosen Kriegen ein Ende zu setzen und die amerikanische Industrie wieder aufzubauen, bot Trump denjenigen, die durch den globalen Kapitalfluss arbeitslos geworden waren und durch die Irrsinnigkeiten des imperialen Abenteuers in körperlicher, geistiger oder in beiderlei Hinsicht geschädigt wurden, eine falsche Hoffnung. Er spielte schamlos mit rassistischen, frauenverachtenden und fremdenfeind-lichen Ängsten, aber er gab seinen enteigneten Anhängern auch die Chance, ihrer Wut gegen die Architekten des Imperiums und die meritokratische Elite Luft zu machen, die sie als »deplorables« abtaten, als die Erbärmlichen, Bedauernswerten, die sich an Religion und Waffen klammerten. Dass er tatsächlich die Wahl gewann, schockierte die Führungsriege der Demokratischen Partei dermaßen, dass sie sich in einen panischen, inkohärenten und letztlich erfolglosen Versuch stürzte, ihre Niederlage als Ergebnis russischer Absprachen mit Trumps Wahlkampfteam zu erklären. Die Demokraten versäumten es, ein ernstzunehmendes eigenes politisches Programm vorzulegen und konzentrierten sich stattdessen einfach darauf, Trump zu dämonisieren. An dieser Strategie hielten sie auch dann noch fest, als es auf die Wahl 2020 zuging. Selbst als es durch die Pandemie zu Firmenpleiten, Zwangsräumungen und Massenentlassungen kam, blieben sie hauptsächlich die »Nicht-Trump«-Partei — und unempfänglich für die Bedürfnisse und Ängste der Arbeiterklasse…
Die gängigste Verteidigungsstrategie, vor allem bei denjenigen, die sich selbst innerhalb einer nebulösen »politischen Mitte« positionierten, bestand darin, schlicht die Möglichkeit zu ignorieren, dass ihre eigenen Werte, Ideologien und politischen Entscheidungen dazu beigetragen haben könnten, eine popu-listische Reaktion zu provozieren. Selbstkritik stand nicht auf der Tagesordnung-, niemand wollte sich eingestehen, wie voll-ständig die Demokratie durch die neoliberale Politik und Ideologie untergra-ben worden war. Stattdessen schlugen sie Alarm: Die Barbaren standen vor den Toren, die Zivilisation selbst war bedroht…
Dafür, dass es ein Buch über Demokratie ist, kommen in nie Verlockung des Autoritären erstaunlich wenige normale Bürger vor… Applebaum zeigt wenig Interesse für oder Wissen über amerikanische Politik, aber das hält sie nicht davon ab, pauschale Behauptungen über die »clercs« aufzustellen, über die sie schreibt: »In den Vereinigten Staaten leben sie nicht in Gemeinden, die von der Opioid-Krise zerstört wurden, sie verbringen nicht viel Zeit in Diners im Mittleren Westen, sie entsprechen in der Tat keinem der abgedroschenen Klischees, mit denen Trump-Wähler sonst oft beschrieben werden — einschließlich einiger der Klischees, die sie selbst erfunden haben.« Die Frage »Woher will sie das wissen?« drängt sich auf, vor allem, wenn man bemerkt, dass sie nicht ein einziges konkretes Beispiel anführt. Und viel Zeit in den Diners des Mittleren Westens hat sie offensichtlich auch nicht verbracht…
Die Erfolgreichen sind erfolgreich, weil die Prinzipien, nach denen sie leben, den Erfolgreichen zugutekommen: Da ist etwas Wahres dran. Darin steckt aber auch eine meritokratische Wunschvorstellung der Erfolgreichen, nämlich der Glaube, der Wettbewerb würde stets »die Fähigsten« belohnen. Dennoch, so viel gesteht Applebaum zu, ist Wettbewerb nicht für jeden etwas: »Ein korrumpiertes und nicht wettbewerbsorientiertes System hört sich wie eine schlechte Idee an, wenn man in einer Gesellschaft leben will, die von begabten Menschen geführt wird. Aber wenn das gar nicht das Ziel ist, was sollte dann falsch daran sein?« Das Amerika vor Trump — etwa während der Bush-Cheney-Jahre — als »eine Gesellschaft, die von den Begabten geführt wird«, zu beschreiben, ist eineabsurde Farce.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/03/25/orthodoxie-der-eliten/


Und Wagenknecht…Und sowas zu sagen, ist weder rechts, noch ein Angriff auf Minderheiten und ihre Rechte, zeigt aber das, was ich oben und schon vor ein paar Tagen meinte:

„Die Linke kann noch siegen. Sie kann Multis wie Unilever in die Knie zwingen. Aufgrund der Rassismusdebatte in den sozialen Netzwerken, teilte das Unternehmen im August 2020 mit, werde der Knorr-Klassiker Zigeunersauce ab sofort unter neuem Namen, nämlich als Paprikasauce Ungarische Art in den Supermarktregalen zu finden sein. Unilever ist nicht der einzige Konzern, der sich dem Druck linksliberaler Meinungsführer und ihres fleißig twitternden Anhangs beugen musste. Mit den gleichen Mitteln wurde auch die langjährige Personalchefin von Adidas, Karen Parkin, im Juni 2020 zum Rücktritt gezwungen. Sie habe das Thema Rassismus verharmlost und sich zu wenig um Diversity, also um die Karriere nicht-weißer Mitarbeiter, bei Adidas gekümmert. Freilich, der verschlechterte Tarifvertrag, den Unilever fast zeitgleich zum heroischen Abschied von der Zigeunersauce den 550 verbliebenen Mitarbeitern im Knorr-Stammwerk Heilbronn mit der Drohung aufgezwungen hatte, den Betrieb andernfalls ganz zu schließen, besteht unverändert. Er bedeutet für die Knorr-Beschäftigten Personalabbau, niedrigere Einstiegsgehälter, geringere Lohnsteigerungen und Samstagsarbeit. Anders als die Zigeunersauce hatte all das allerdings nie für bundesweite Schlagzeilen oder gar für einen Shitstorm der sich links fühlenden Twittergemeinde gesorgt. Und dass die Arbeitsbedingungen bei den asiatischen Zulieferern von Adidas so schlimm sind, dass das Unternehmen im Index des »Fashion Checker« die schlechteste Note in der Kategorie »Löhne, die das Existenzminimum garantieren« kassierte, nun ja, auch dieses Thema eignet sich eher schlecht für virale Empörungsposts. Die Diversity-Freunde können sich schließlich nicht auch noch um bettelarme nicht-weiße Arbeiter im fernen Südostasien kümmern.“

in „Die Selbstgerechten“

Und – schlägt damit in die Kerbe Lears, der auch die moralisierende, auch arrogante Diochotomieerzählung Offen/Geschlossen anspricht :

„Mit dem vermeintlichen Ideal des Kosmopolitismus und der »offenen Gesellschaft« stellt der Linksliberalismus also eine Erzählung bereit, mittels deren sich Wirtschaftsliberalismus, Sozialabbau und Globalisierung als gerecht und progressiv begründen lassen.“

I insisted on the dark city.I persisted in the dark city.

Aus der endlosen Reihe Sozialbrachen/Brennesselgefilde…Die Brachenautin ist mal wieder unterwegs gewesen…diesmal auf Tauchfahrt durchs Dampfschlangentor ins ehemaligen Urgrenzmeer, wo noch die letzten Algen und Korallen den Boden bevölkern, Farne und Seegräser wild wuchern, Glasseegurken, Wassersofaschwämme, kleine und große Reifenmuscheln den Meeresboden säumen und die Skelette alter Lampenfische und Gehäuse verstorbener Sandriesenblockkrabben zurückgeblieben sind, bis zur alten Göschwitz-Tauchstation und bis zurück zum Burgauer Grabenbruch.
Ich liebe dies Strukturen und Farbspiele.


Dann habe ich das hier gehört:


https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/marta-zapparoli-nocturnal-zusammenspielen-heimstudio-100.html


GROß-AR-TIG!💙🖤
Bin ich froh, dass ich das heute entdeckt habe…Wie jenseits der Funkwellen/-stimmen mit ein paar Tönen der für mich typische Nachtsound der „Stille“ im Kopf getroffen wird ist genial. Und insgesamt sowieso radiomagnetische Wellenals ständiges Hintergrundrauschen und sich überlappendes Knäuel im Äther. Auch das zweite kürzere Stück. Ich mag’s total.

Ich muss am Ende des Tages an ein Gedicht von Ingeborg Bachmann denken, das Hans Werner Henze widmete:

Enigma
Für Hans Werner Henze aus der Zeit der ARIOSI

Nichts mehr wird kommen.

Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.

Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat –
es wird nichts mehr kommen.

Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.

Sonst
sagt
niemand
etwas.

Auf dem Jenaer Jägerberg

Heute auf der Sozialbrachenbühne für Sie das Stück „DECAY – Warten auf Molder“ der Künstlergruppe AnthroPo10…
Jägerberg klingt so wildromantisch, die Wahrheit ist aber eine Andere; Altlastenabdeckung, die zu Renaturierung erklärt wird…altes NVA-Sicherheitsgelände ua für Raketen.
Oben lagen auch einige Schafschädel und Knochen rum, musste irgendwie an Francis Bacons/Peter Beards Elefantenskelette denken …(wer nicht weiß was gemeint ist: https://www.theguardian.com/artanddesign/2021/apr/07/horror-safari-francis-bacon-peter-beard-inflamed-dead-elephants-heart-of-darkness
Ich bin über den kleineren Heiligenberg weiter nach oben und da war das…oben außer einem einzelnen Vögelchen kein Laut, keine Leute.

Garbsen Nord is in Dschörmäni

Eine kleine ethnografische Skizze der deutschen Raststätte? Ja, unbedingt! Hab heute dieses Buch ausgelesen, das mich die letzten Tage begleitet hat und bin absolut begeistert! Florian Werner: „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“… Werners Erkundung des Herzens des Deutschen Autobahnsystems, die Raststätte Garbsen Nord an der A2 bei Hannover (er übernachtet dort 1 Woche im Raststättenmotel) erzählt so sehr sympathisch, klug und herzlich entlang der wirtschaftlichen, kulturellen und mentalen Geschichte  der Raststätten in Deutschland vom Soziotop (auch sogar Biotop der Zukunft; er war unterwegs an der Raststätte mit dem sog. „Extrembotaniker“ Jürgen Feder) eines Nicht-Ortes, einer Heterotopie von was? (war’s bzw. konnte es gar keine totale Institution sein?) und bringt einem Personal wie den Flaschensammler, die Rechte Hand, den Autobahnpolizisten (nichts mit Cobra 11) und natürlich den LKW-Fahrer. Und am Ende seiner Raststättenwoche lauscht er noch dem seltsamen Crescendo der Fahrbahn an der Leitplanke. Toll!

Für mich (es gab in der Nähe meiner Heimat erst eine Autobahn – A20 MV- ohne viel große Raststätte Anfang der 2000er) als meine Autofahrkindheit (wahlweise Richtung Niedersachsen oder Berlin) längst vorbei war, und die bedeutete in den 90ern jede Autobahn damals war ein Abenteuer und Raststätten genauso; als Kind schien mir dort das Essen viel bunter und besser – aus heutiger Sicht und dem Ruf geradezu schräg – es waren Schlösser und Burgen oder Tempel einer anderen Welt in der Kind beinah hatte wohnen wollen. Heute grausen oder deprimieren sie mich. Nach Lesen des Buches habe ich aber doch fast Lust bekommen beim nächsten Halt doch nochmal anders drauf zu schauen.

Am Ende packt ihn selbst wieder die Sehnsucht und er fährt mit seinem Freund M. (tatsächlich) zur einzigen nahe erreichbaren Raststätte seines Nahbereichs: Avus in Berlin…klasse beschrieben schon die Fahrt (mit Öffis) dahin als Zeitreise – kam mir auch alles beim Lesen so bekannt vor bis ich checkte, dass das ja da in der Nähe des ZOB ist, wo ich ja nun schon öfter rumgerannt/gefahren bin -und den Charme des denkmalgeschützten Ortes…hab ich fast Bock bekommen zu sagen: Ich will irgendwann mal im Avus übernachten!

Ich hab dann auch sofort mal schauen müssen, wo hier die nächste Motel-Raststätte ist…Hermsdorfer Kreuz natürlich und genialer Weise kann man die sogar zu Fuß (!) erreichen (wahlweise von Hermsdorf oder gleich Stadtrodaer Papiermühle aus unter der Teufelstalbrücke durch).

Gute Interviews mit Werner zum Buch:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/florian-werner-ueber-sein-raststaetten-buch-ein-ort.1270.de.html?dram%3Aarticle_id=492637

https://www.br.de/kultur/florian-werner-interview-die-raststaette-eine-liebeserklaerung-100.html

https://www.zeit.de/mobilitaet/2021-03/florian-werner-die-raststaette-eine-liebeserklaerung-buch-kultur-kapitalismus/komplettansicht

BRD Noir

BRD Noir… ein Buch, das ich schon damals bei Erscheinen 2016 gelesen hab und es kam mir die letzten Tage wieder in die Hände als ich mit der Ma der Goldene Handschuh sah, immer noch gut. Mich hat damals tatsächlich schlicht der Titel so angesprochen, dass ich das Buch ohne große, weitere Infos gekauft habe. Es gab dieses Gespräch als DLF-Sendung, die ich auch gern gehört habe seiner Zeit.
Quasi in Abgrenzung zum Grau des Nachkriegswestdeutschlands geht’s ans spezifisch Schwarze heran, wobei ich das Noir der Alt-BRD ja vor allem braun finde (das ist jetzt nicht ausschließlich politisch gemeint, sondern ingesamt, eben so wie in diesem Band – dumpfe Biederkeit und verdrängte Gewalt). Die Autoren Felsch und Witzel thematisieren die Verdrängungs- und Verklemmungsszenarien einer Gesellschaft im Übergang. Wohlweislich handelt es sich vor allem eben um ein Gesprächsband, nicht eine fachwissenschaftliche Analyse, man sollte also den Anspruch daran auch nicht so haben, viel mehr lädt es ein, sich auch näher und tiefer damit zu beschäftigen.
Felsch schreibt in einer Art Vorwort:

„Die alte Bundesrepublik? Das war doch das Land, in dem die Achtundsechziger mehr Demokratie wagen, wollten, bevor ihren Kindern beim Playmobilspielen der Glaube an eine bessere Zukunft verloren ging. Vollbeschäftigung und Voltigieren, soziale Marktwirtschaft und Wetten, dass..?. Wenn es stimmt, dass sich jede Zeit in der Mythologie ihrer jüngeren Vergangenheit bespiegelt, dann reflektierte sich die Berliner in der Harmlosigkeit der Bonner Republik. Politisch unpolitisch und ästhetisch unergiebig: Wer von der neuen Hauptstadt aus die alten Bundesländer bereiste, wurde den Eindruck nicht los, in eine von der Geschichte abgehängte Provinz zu kommen. Im Gegensatz zu den östlichen Landesteilen hatten die Fußgängerzonen und sonstigen Bausünden der Siebziger- und Achtzigerjahre nicht einmal Ruinenromantik zu bieten, sondern waren einfach nur hässlich.
[…]
Die Bestandsaufnahme ihrer zivilisatorischen. Errungenschaften scheint bis auf Weiteres abgeschlossen. Jetzt folgt die schwarze Romantik der Bundesrepublik. In letzter Zeit wird sie ästhetisiert, verfremdet und verzaubert, wobei die älteren Narra-tive keineswegs als wirklicher oder wahrer zu gelten haben. Doch anders als der Ostalgie in ihren verschiedenen Spielarten liegt diesen Reminiszenzen das Idyllische vollkommen fern. Hinter dem Gewöhnlichen spüren sie das Bizarre, hinter dem All-tag den Abgrund und in der Provinz das Unheil auf. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Optik des BRD Noir. Ein Kulturwissenschaftler untersucht die Kachelfassaden der Kölner Nachkriegsarchitektur und denkt über die Obsession der Abwaschbarkeit nach. Ein Fotograf bildet die Hinterlassenschaften eines Paderborner Witwers in grellem Blitzlicht ab und entdeckt in der Begegnung von Flaschenöffner und Fernbedienung auf einer marmornen Couchtischplatte die geheime Essenz der BRD. Ein viel diskutierter Autor rekonstruiert den Fall eines Hamburger Prostituiertenmörders aus den Siebzigerjahren und verfolgt, wie sein Protagonist bei über vier Promille in einen heillosen Blutrausch geriet. Ein mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Autor schildert ein katholisches Milieu in Wiesbaden, dessen Archaik eher an Süditalien als an Westdeutschland denken lässt.“

In dem Zusammenhang auch wieder aus dem Merkur-Archiv:
Viele kennen sicher dieses legandäre Radio-Gespräch zwischen Adorno und Gehlen von 1965 kennst? Gibt’s auch auf youtube.
Einen Text Gehlens von 1963 hat der Merkur auch wieder hervorgeholt und ich finde ihn auf mehreren Ebenen bemerkenswert: Gehlen zeigt sich hier als Kulturkritiker, der nicht zu Tode kritisiert, sondern versucht produktiv zu sein (wider die Mechanisierung des Lebens), und als genauer Beobachter der alten BRD. Für mich nimmt er nicht nur die Nachkrieg-Beschleunigungskritiken vorweg, sondern durchaus auch einen Anflug der Risikogesellschaft – und vor dem Corona-Hintergrund liest sich der Text auch nochmal mit einer speziellen Brille. Last but not least taucht hier schon auf ein Moment auf des aktuellen Social Media Diskurses, aber auch allegemein auf: das Verschwinden der erlebten Gegenwart zugunsten der Zukunftsantizipation.
Hier unterhalten sich die Herausgeber mit dem Journalisten Thomas E. Schmidt über den Text – das Gespräch beginnt angenehm, ich hatte aber leider das Gefühl, dass die beiden Herausgeber unbedingt darauf aus waren Gehlens nicht zu leugnenden Konservatismus zu einem genrellen Problem zu machen:
https://www.youtube.com/watch?v=8zYvMRLxjiQ&feature=youtu.be

„…im Unterschied zu allen Zeiten vor uns fallen aus technischen Gründen in dieselbe Zeitspanne weit größere Ereignismassen als früher, die nun in irgendeiner Weise zu verarbeiten sind. Denn mit der Schnelligkeit der Übermittlung steigt natürlich auch die Zahl der Ereignisse, die ankommen oder fällig werden können, weil in demselben Verhältnis der »Einzugsbereich« sich vergrößert. Dabei bleibt die Notwendigkeit, auf wichtige Vorgänge schnell zu reagieren, in unserer Überlegung noch außer Ansatz, aber es ist klar, daß mit der Zahl der Informationen auch die Zahl der wichtigen unter ihnen zunehmen muß. Oder wenn ich in wenigen Stunden in Hamburg oder Wien oder Paris erscheinen und mich dort informieren oder betätigen kann, dann werden zahlreiche Ereignisreihen sozusagen dispositionsfähig, sie werden im Sinne des Michangehens »möglich«, während sie vorher völlig außerhalb des Bewußtseins lagen.

[…]

Eine irgendwie verantwortliche Tätigkeit nämlich besteht ja nicht in dem Aufarbeiten der Agenden in der Reihenfolge des Eintreffens oder der Fälligkeit. Wäre dem so, dann ließen sich auch wachsende Mengen von Geschäften durch die Temposteigerung der Erledigung abfangen. Aber eine derartige Routinearbeit charakterisiert die verantwortlichen Positionen gerade nicht, dort kommt es nämlich zum großen Teil auf das Veranlassen von Ereignissen an, auf ihre Vorberücksichtigung, Vorberechnung und Vorbewertung. Je wirksamer man nun in diesem Sinne plant, kalkuliert und die Daten bereits im vorhinein auf Abruf abklärt, je rationaler man verfährt, um Störungen und Zufälle auszuschließen, um so mehr leere Zeit schafft man in der Zukunft, in die neue Ereignismassen einrücken können. Ein Prozeß dieser Art reißt den Menschen in die Zukunft hinein, und läßt ihn nicht zum ruhigen Gefühl der Gegenwart, zum Sichsammeln kommen. Zeit hat man natürlich jetzt nicht, die hat man allenfalls später; mit der Zeit in der Zukunft kann man aber schlechterdings nichts anderes anfangen, als sie zu verplanen, denn leben in ihr kann man nicht. Da man aber früher schon immer genauso verfuhr, so ist auch die Gegenwart »ausgelastet«. Kraft dieser Gesetzlichkeit leben wir daher der Gegenwart vorweg, und zwar mit nicht mehr steigerungsfähigem Tempo, und diese Gegenwart bekommt einen wesentlich negativen Zug: sie besteht im Abhaken, im Erledigen des für jetzt Vorwegarrangierten. Quer in diesen Strom schießen aber die unvorhergesehenen Begebnisse ein, die aus unbestimmt großen Räumen einfallen und sofort beantwortet, beurteilt, beschieden werden müssen.

[…]

Früher z. B. wurden die Menschen von irgendwelchen Krankheiten überfallen, es ging gut oder nicht, und sie schöpften schon Hoffnung, wenn der Arzt den lateinischen Namen nannte. Viel mehr wußte er selbst nicht davon. Heute kennen wir erstens von sehr vielen Krankheiten bis ins einzelne Ursachen und Ablaufsformen, wir kennen die Heilmittel und ihre Art der Einwirkung, und vor allem haben wir eine Krankheitsverwaltung, die diese Dinge auch wirklich an den Kranken heranbringt.

Darüber hinaus aber entsteht eben mit dieser Handlichkeit der Ereignisse auch wieder der Sog in die Zukunft: nächster Schritt ist dann natürlich die Vorwegverhütung des Eintretens von Krankheiten, und damit entstehen neue Forschungen, Fabrikationen, Propagandamaßnahmen, Kontrollen und Stichproben, die nacheinander zur Bearbeitung anrücken. Ich habe den Ausdruck »Handlichkeit« gebraucht: die rational durchsichtigen Realitäten sind diejenigen, die wir kausal beherrschen, sie tragen sozusagen unsichtbare Handgriffe und sind »verfügbar«. Die Masse derartig disponibler Tatsachen wächst nun unaufhaltsam, es wächst auch ihre Verwicklung und gegenseitige Durchdringung, doch wiederum auch unsere Fähigkeit, recht komplizierte Ereignisgeflechte zu handhaben. Heutzutage kann man Ernteerträge, Parlamentswahlen, Bevölkerungszunahmen, Verkehrssteigerungen, Geldwertänderungen und Kunstrichtungen vorkalkulieren, also auch vorweg beeinflussen oder irgendwie verwerten, man stellt sich auf sie ein und veranlaßt das Nötige.

[…]

Folglich entsteht ein Unfallverhütungs-Programm, es beschäftigt schon Stäbe und Forschungsgruppen, und nur der Mangel an Ärzten verhindert die Nachuntersuchung sämtlicher Inhaber von Führerscheinen. Solche Projekte werden erwogen, um das künftige Entstehen unkontrollierter Ereignisse möglichst heute schon zu verhindern. Diese Daseinsform führt eine ungemeine moralische Belastung und wahrscheinlich sogar moralische Überreizung mit sich. Die Überlastung besteht darin, daß mit der Zunahme der Größe und Handlichkeit der Ereignismassen der Zukunftsbereich des überhaupt Möglichen immer erfüllter und deutlicher wird, wie mit dem Fernrohr angeschaut, und daß nun bereits das zukünftig Mögliche, also das Wahrscheinliche, unser Verantwortungsgefühl aufstöbert. Man kann das Wahrscheinliche nicht auf sich beruhen lassen, es läßt uns keine Ruhe, es gibt kein dolce far niente.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/arnold-gehlen-das-gestoerte-zeit-bewusstsein/

Und noch ein 60er Jahre Schlager aus dem Merkur: Plessners 1962er Text über die Faszination und Sehnsucht der damaligen BRD für die sog. „Goldenen Zwanziger“…auch das ja derzeit nicht unaktuell, die Legende und seltsam erfahrungslose Nostalgie nach diesem Jahrzehnt ist ja nicht erst seit „Babylon Berlin“ wieder höchstpräsent:

„Die zwanziger Jahre haben es zur Zeit sehr gut bei uns. Der Expressionismus steht wieder in hohem Ansehen. Die Drei-Groschen-Oper ist nicht totzukriegen und selbst die Schlager von damals erleben eine Renaissance. Kaum eine wissenschaftliche Disziplin —ich erinnere an die einflußreichen Schulen der Phänomenologie, der neukantischen Tradition und des Wiener Kreises in der Philosophie, an die Gestaltpsychologie und die Psychoanalyse, an Planck, Einstein und die rapide Entwicklung der Physik, an den Einfluß Georges auf Literaturwissenschaft und Geschichtsschreibung — keine künstlerische Disziplin, kein literarisches, bildnerisches, architektonisches, musikalisches Bemühen, das nicht die anderthalb Jahrzehnte zwischen 18 und 33 um ihre Ideenfülle, ihren Wagemut, ihre Ausstrahlungskraft beneidet.

Das ist insofern merkwürdig, als sich in dieser Zeit die katastrophale Entwicklung zum Nationalsozialismus vollzogen hat, für welche die Weimarer Republik in ihrer Rechtsprechung, Finanz- und Wirtschaftspolitik unmittelbar die Verantwortung trägt; mittelbar aber gerade auch das geistige Klima, dem wir die Ideenfülle, ihren Schwung und ihren Extremismus verdanken. Politisch ergibt sich die Anknüpfung an den ersten Versuch einer demokratisch-parlamentarischen Ordnung in Deutschland heute von selbst, eine Anknüpfung allerdings mit eingebauten Sicherungen, die eine abermalige Selbstzerstörung durch innere Kräfte unmöglich machen sollen. Psychologisch jedoch erklärt sich das Anlehnungs- und Orientierungsbedürfnis aus der Generationslagerung heute: geschieden von der fraglichen Epoche durch die Todeszone des Dritten Reiches, steht sie für die über Sechzigjährigen im Glanz ihrer eigenen Jugend und für die Jungen unter Vierzig im Lichte einer Zeit, die sie nur aus Erzählungen kennen. Beide Aspekte wirken im gleichen Sinne einer Übersteigerung und perspektivischen Verkürzung, welche die Fülle des Talents, den Reichtum der noch heute gültigen, ja erst recht wieder gültigen Namen auf ein seltsam begünstigtes Dezennium zusammendrängen und seiner Legende Vorschub leisten.

Begünstigt war es — wenn auch nicht eben glücklich, denn bis 23 dauerte die Inflation und 29 begann die große Krise — durch die plötzliche Entsicherung der Nation, welcher der Rückhalt an einer sie im Ganzen überzeugenden Staatsidee fehlte, genauer gesagt: zu einem Zeitpunkt wieder genommen wurde, in dem er sich gerade zu bilden begonnen hatte. Ohne diesen zu frühen Abbruch einer an sich verspäteten Entwicklung 1914 lassen sich die zwanziger Jahre nicht verstehen.

[…]

Diese 1918 uns durch einen verlorenen Krieg gewonnene Chance haben wir seit 1933 wieder verspielt. Seit 1945 ein Volk ohne Hauptstadt, beginnen wir die verlorenen Möglichkeiten der zwanziger Jahre zu begreifen. Darin liegt ihre Aktualität. Der Stolz auf das, was wir einmal konnten, hat weniger mit einem verletzten Nationalgefühl zu tun als mit der allzu berechtigten Furcht, den Sinn für Maßstäbe zu verlieren und einer Provinzialisierung zu verfallen, deren Gefahren uns unsere Geschichte nur zu deutlich vor Augen stellt.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/hellmuth-plessner-die-legende-von-den-zwanziger-jahren/