Garbsen Nord is in Dschörmäni

Eine kleine ethnografische Skizze der deutschen Raststätte? Ja, unbedingt! Hab heute dieses Buch ausgelesen, das mich die letzten Tage begleitet hat und bin absolut begeistert! Florian Werner: „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“… Werners Erkundung des Herzens des Deutschen Autobahnsystems, die Raststätte Garbsen Nord an der A2 bei Hannover (er übernachtet dort 1 Woche im Raststättenmotel) erzählt so sehr sympathisch, klug und herzlich entlang der wirtschaftlichen, kulturellen und mentalen Geschichte  der Raststätten in Deutschland vom Soziotop (auch sogar Biotop der Zukunft; er war unterwegs an der Raststätte mit dem sog. „Extrembotaniker“ Jürgen Feder) eines Nicht-Ortes, einer Heterotopie von was? (war’s bzw. konnte es gar keine totale Institution sein?) und bringt einem Personal wie den Flaschensammler, die Rechte Hand, den Autobahnpolizisten (nichts mit Cobra 11) und natürlich den LKW-Fahrer. Und am Ende seiner Raststättenwoche lauscht er noch dem seltsamen Crescendo der Fahrbahn an der Leitplanke. Toll!

Für mich (es gab in der Nähe meiner Heimat erst eine Autobahn – A20 MV- ohne viel große Raststätte Anfang der 2000er) als meine Autofahrkindheit (wahlweise Richtung Niedersachsen oder Berlin) längst vorbei war, und die bedeutete in den 90ern jede Autobahn damals war ein Abenteuer und Raststätten genauso; als Kind schien mir dort das Essen viel bunter und besser – aus heutiger Sicht und dem Ruf geradezu schräg – es waren Schlösser und Burgen oder Tempel einer anderen Welt in der Kind beinah hatte wohnen wollen. Heute grausen oder deprimieren sie mich. Nach Lesen des Buches habe ich aber doch fast Lust bekommen beim nächsten Halt doch nochmal anders drauf zu schauen.

Am Ende packt ihn selbst wieder die Sehnsucht und er fährt mit seinem Freund M. (tatsächlich) zur einzigen nahe erreichbaren Raststätte seines Nahbereichs: Avus in Berlin…klasse beschrieben schon die Fahrt (mit Öffis) dahin als Zeitreise – kam mir auch alles beim Lesen so bekannt vor bis ich checkte, dass das ja da in der Nähe des ZOB ist, wo ich ja nun schon öfter rumgerannt/gefahren bin -und den Charme des denkmalgeschützten Ortes…hab ich fast Bock bekommen zu sagen: Ich will irgendwann mal im Avus übernachten!

Ich hab dann auch sofort mal schauen müssen, wo hier die nächste Motel-Raststätte ist…Hermsdorfer Kreuz natürlich und genialer Weise kann man die sogar zu Fuß (!) erreichen (wahlweise von Hermsdorf oder gleich Stadtrodaer Papiermühle aus unter der Teufelstalbrücke durch).

Gute Interviews mit Werner zum Buch:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/florian-werner-ueber-sein-raststaetten-buch-ein-ort.1270.de.html?dram%3Aarticle_id=492637

https://www.br.de/kultur/florian-werner-interview-die-raststaette-eine-liebeserklaerung-100.html

https://www.zeit.de/mobilitaet/2021-03/florian-werner-die-raststaette-eine-liebeserklaerung-buch-kultur-kapitalismus/komplettansicht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s