Die „neue“ Sahra Wagenknecht

Im aktuellen Merkur, lesenswerter Text (weiter unten Auszüge) in dem der us-amerikanische Historiker Jackson Lears anhand der Situation/Vorgänge in den USA (und kleinen Exkursionen nach Polen, England, Frankreich), sowie dezidiert am neuen Buch von Anne Applebaum (vielleicht das, was man Lifestyle-Rechte nennen kann) meiner Meinung nach aufzeigt, was immer noch das Kernproblem ist und für das, was gerade auch wieder um die Aussagen von Sahra Wagenknecht kursiert auch wieder nur an der Oberfläche kratzt. Ich hab SW immer verteidigt und halte sie immer noch für eine eloquente Politikerin, aber auch ich finde das, was sie zuletzt gerade über Corona und nun teilweise im neuen Buch schreibt nicht grenzwertig (das wäre mir schon wieder zu ideologisch verbrämt), aber ich finde es, gerade von ihr, manchmal extrem schwach und überpolemisch und das enttäuscht mich. Ich finde man merkt, dass mittlerweile die Emotionen mitschwingen und die Sicht eher verunklaren (grad sie galt ja lange stets als recht unemotional). Die große Frage ist ja mittlerweile: ist Wagenknecht selbst mit ihren Standpunkten traditionell links – oder schon auf dem Weg zur Rechten? Welche ihrer Inhalte sind denn konrket mit der politischen Rechten vereinbar? Ich fürchte der entscheidende Punkt, den sie nicht (mehr) in den Vordergrund rückt, aber in dem sie Recht hat und der mir aber der entscheidende ist (und der Text unterstreicht das, denn hier kommt das Wort Elite ins Spiel): wo waren all die letzten Jahre bereits die Überschneidungen zwischen dem was man heute Links/Rechts (allein daran zeigt sich, dass das Schema immer schwammiger wird) – Liberale nennt; ja es ist der meritokratische Neoliberalismus (und man weiß doch, dass die AfD abseits des Rassismus vor allem eine neoliberale Partei ist, deren Personal relativ begütert ist), der die eint, die sich um ihr Geld und ihre gesellschaftliche Annerkennung kaum bis gar keine Sorgen machen müssen – augenfälliger ist das tatsächlich in den USA, wo sich ein Biden nicht zu schade ist, den arbeitslosen Bergarbeitern fast schon mariantoinetthaft entgegen zu werfen: „Lernt programmieren, um Himmels willen!“ Und ich habe es bereits früher geschrieben und denke das weiterhin: Es gibt Leute – und die sind nicht zwingend gutmeinende Linke -, die ein Intresse an einer bestimmten Art von Identitätspolitik haben, einfach weil sie von dieser ihnen zugutekommenden Meritokratie ablenkt und den Fokus auf etwas verlagert, dass allein dieses Problem stets abdeckeln wird. Und Elite bedeutet nicht nur oder unbedingt viel Geld, es bedeutet Macht, Machtpositionen, Jobs und die finden sich nicht nur in der Politik.
Das politische Profil ist dann beinah austauschbar. Ein FDPler zb hat kein Problem damit, wenn alles supi dupi vielfältig ist und es ganz viele tolle Identitäten gibt, denn dann kann er denen ,jedem für sich, ein anderes Produkt verkaufen.



„Jeder vollständige Begriff von Demokratie beinhaltet eine lebhafte, informierte Debatte darüber, was das Gemeinwohl sein soll und wie es gefördert werden kann. Doch das Zusammentreffen der meritokratischen Betonung des indivi-duellen Leistungsstrebens mit den Über-bleibseln der altehrwürdigen Arbeitsethik hat jede Vorstellung von Gemeinwohl ausgehöhlt. Selbst während einer Pande-mie gibt es nur eine diffuse Vorstellung davon, was es bedeuten könnte, dass wir alle in einem Boot sitzen. Das öffentliche Interesse wird weiterhin als die Summe…
Letztendlich verschmilzt die Meritokratie mit einer providentialistischen Auffassung, die sogar weiter geht als jene, die im 19. Jahrhundert die Ungleichheiten rechtfertigen musste. Die Gewinner haben es nicht nur verdient zu gewinnen, sie stehen außerdem auf der »richtigen Seite der Geschichte«. Der Glaube an den unausweichlichen Fortschritt steigert die erneute Popularität von Joseph Schumpeters Begriff der »schöpferischen Zerstörung« — all die geschlossenen Fabriken, die verlorenen Arbeitsplätze, die verödeten Gemeinden seien nur der vorübergehende Preis, den die Arbeiterklasse für unternehmerische Innovationen zu zahlen habe, die schließlich größeren Reichtum für alle bringen werden. Der Markt ist im siebten Himmel, und die Welt ist in Ordnung…
Der Aufstieg des Neoliberalismus in der Politik war keine ausschließlich amerikanische Entwicklung. Meritokratische Mantras rechtfertigten die wachsende Ungleichheit auch in anderen Gesellschaften, die ihre Politik auf den Markt ausrichteten, vor allem in Großbritannien und Frankreich. Aber die Amerikaner, insbesondere diejenigen, die bei der Globalisierung auf der Strecke geblieben waren, sahen sich einer ganz besonderen Lage ausgesetzt. Da viele von ihnen auf der Suche nach wirtschaftlicher Absicherung zum Militär gingen, war für sie die Wahrscheinlichkeit am höchsten, in die aussichtslosen Kriege gegen den Terror verwickelt zu werden…
Mit seinem Versprechen, den endlosen Kriegen ein Ende zu setzen und die amerikanische Industrie wieder aufzubauen, bot Trump denjenigen, die durch den globalen Kapitalfluss arbeitslos geworden waren und durch die Irrsinnigkeiten des imperialen Abenteuers in körperlicher, geistiger oder in beiderlei Hinsicht geschädigt wurden, eine falsche Hoffnung. Er spielte schamlos mit rassistischen, frauenverachtenden und fremdenfeind-lichen Ängsten, aber er gab seinen enteigneten Anhängern auch die Chance, ihrer Wut gegen die Architekten des Imperiums und die meritokratische Elite Luft zu machen, die sie als »deplorables« abtaten, als die Erbärmlichen, Bedauernswerten, die sich an Religion und Waffen klammerten. Dass er tatsächlich die Wahl gewann, schockierte die Führungsriege der Demokratischen Partei dermaßen, dass sie sich in einen panischen, inkohärenten und letztlich erfolglosen Versuch stürzte, ihre Niederlage als Ergebnis russischer Absprachen mit Trumps Wahlkampfteam zu erklären. Die Demokraten versäumten es, ein ernstzunehmendes eigenes politisches Programm vorzulegen und konzentrierten sich stattdessen einfach darauf, Trump zu dämonisieren. An dieser Strategie hielten sie auch dann noch fest, als es auf die Wahl 2020 zuging. Selbst als es durch die Pandemie zu Firmenpleiten, Zwangsräumungen und Massenentlassungen kam, blieben sie hauptsächlich die »Nicht-Trump«-Partei — und unempfänglich für die Bedürfnisse und Ängste der Arbeiterklasse…
Die gängigste Verteidigungsstrategie, vor allem bei denjenigen, die sich selbst innerhalb einer nebulösen »politischen Mitte« positionierten, bestand darin, schlicht die Möglichkeit zu ignorieren, dass ihre eigenen Werte, Ideologien und politischen Entscheidungen dazu beigetragen haben könnten, eine popu-listische Reaktion zu provozieren. Selbstkritik stand nicht auf der Tagesordnung-, niemand wollte sich eingestehen, wie voll-ständig die Demokratie durch die neoliberale Politik und Ideologie untergra-ben worden war. Stattdessen schlugen sie Alarm: Die Barbaren standen vor den Toren, die Zivilisation selbst war bedroht…
Dafür, dass es ein Buch über Demokratie ist, kommen in nie Verlockung des Autoritären erstaunlich wenige normale Bürger vor… Applebaum zeigt wenig Interesse für oder Wissen über amerikanische Politik, aber das hält sie nicht davon ab, pauschale Behauptungen über die »clercs« aufzustellen, über die sie schreibt: »In den Vereinigten Staaten leben sie nicht in Gemeinden, die von der Opioid-Krise zerstört wurden, sie verbringen nicht viel Zeit in Diners im Mittleren Westen, sie entsprechen in der Tat keinem der abgedroschenen Klischees, mit denen Trump-Wähler sonst oft beschrieben werden — einschließlich einiger der Klischees, die sie selbst erfunden haben.« Die Frage »Woher will sie das wissen?« drängt sich auf, vor allem, wenn man bemerkt, dass sie nicht ein einziges konkretes Beispiel anführt. Und viel Zeit in den Diners des Mittleren Westens hat sie offensichtlich auch nicht verbracht…
Die Erfolgreichen sind erfolgreich, weil die Prinzipien, nach denen sie leben, den Erfolgreichen zugutekommen: Da ist etwas Wahres dran. Darin steckt aber auch eine meritokratische Wunschvorstellung der Erfolgreichen, nämlich der Glaube, der Wettbewerb würde stets »die Fähigsten« belohnen. Dennoch, so viel gesteht Applebaum zu, ist Wettbewerb nicht für jeden etwas: »Ein korrumpiertes und nicht wettbewerbsorientiertes System hört sich wie eine schlechte Idee an, wenn man in einer Gesellschaft leben will, die von begabten Menschen geführt wird. Aber wenn das gar nicht das Ziel ist, was sollte dann falsch daran sein?« Das Amerika vor Trump — etwa während der Bush-Cheney-Jahre — als »eine Gesellschaft, die von den Begabten geführt wird«, zu beschreiben, ist eineabsurde Farce.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/03/25/orthodoxie-der-eliten/


Und Wagenknecht…Und sowas zu sagen, ist weder rechts, noch ein Angriff auf Minderheiten und ihre Rechte, zeigt aber das, was ich oben und schon vor ein paar Tagen meinte:

„Die Linke kann noch siegen. Sie kann Multis wie Unilever in die Knie zwingen. Aufgrund der Rassismusdebatte in den sozialen Netzwerken, teilte das Unternehmen im August 2020 mit, werde der Knorr-Klassiker Zigeunersauce ab sofort unter neuem Namen, nämlich als Paprikasauce Ungarische Art in den Supermarktregalen zu finden sein. Unilever ist nicht der einzige Konzern, der sich dem Druck linksliberaler Meinungsführer und ihres fleißig twitternden Anhangs beugen musste. Mit den gleichen Mitteln wurde auch die langjährige Personalchefin von Adidas, Karen Parkin, im Juni 2020 zum Rücktritt gezwungen. Sie habe das Thema Rassismus verharmlost und sich zu wenig um Diversity, also um die Karriere nicht-weißer Mitarbeiter, bei Adidas gekümmert. Freilich, der verschlechterte Tarifvertrag, den Unilever fast zeitgleich zum heroischen Abschied von der Zigeunersauce den 550 verbliebenen Mitarbeitern im Knorr-Stammwerk Heilbronn mit der Drohung aufgezwungen hatte, den Betrieb andernfalls ganz zu schließen, besteht unverändert. Er bedeutet für die Knorr-Beschäftigten Personalabbau, niedrigere Einstiegsgehälter, geringere Lohnsteigerungen und Samstagsarbeit. Anders als die Zigeunersauce hatte all das allerdings nie für bundesweite Schlagzeilen oder gar für einen Shitstorm der sich links fühlenden Twittergemeinde gesorgt. Und dass die Arbeitsbedingungen bei den asiatischen Zulieferern von Adidas so schlimm sind, dass das Unternehmen im Index des »Fashion Checker« die schlechteste Note in der Kategorie »Löhne, die das Existenzminimum garantieren« kassierte, nun ja, auch dieses Thema eignet sich eher schlecht für virale Empörungsposts. Die Diversity-Freunde können sich schließlich nicht auch noch um bettelarme nicht-weiße Arbeiter im fernen Südostasien kümmern.“

in „Die Selbstgerechten“

Und – schlägt damit in die Kerbe Lears, der auch die moralisierende, auch arrogante Diochotomieerzählung Offen/Geschlossen anspricht :

„Mit dem vermeintlichen Ideal des Kosmopolitismus und der »offenen Gesellschaft« stellt der Linksliberalismus also eine Erzählung bereit, mittels deren sich Wirtschaftsliberalismus, Sozialabbau und Globalisierung als gerecht und progressiv begründen lassen.“

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