Weil, Bespaloff und die Ilias

Der Merkur veröffentlicht zur Feier seines 75. Jahrgangs ausgewählte Texte aus allen Zeiten online. Unter anderem auch Simone Weils Text zu Homers Ilias, der mit dem starken Satz beginnt: „Der wahre Held, der wahre Gegenstand, das Zentrum der Ilias ist die Gewalt.“ Man findet dann schnell raus, dass es dabei nicht um eine Kritik oder Absage an dieses „Ur-Epos“ geht. Weil führt für mich da einen etwas Seitenstrang zu Heraklits berühmten „ πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι“ aus und stellt außerdem die Verbindung zum Evangelium her, dessen griechischen Mantel ja auch (daher ist mir diese Sicht am bekanntesten, was nicht heißt, dass sonst keiner darüber schrieb) Eric Voegelin sehr heraushob. Dass Weil so damit beschäftigt und wie sie daran geht, ist auch deswegen bemerkenswert, da ja das Certamen Homeri et Hesiodi gibt, das ja selbst von einem Wettstreit zwischen Homer und Hesiod handelt ; Heraklit hat dabei stets Hesiod als Dichter affirmiert. Und Heinz Mundig (gemeinsam C.F.v. Weizsäcker) hat die Überlegung angestellt, ob die beiden verschiedenen Vorstellungen Homers und Hesiods des Begriffs ἔρις (éris) sich in Ilias und Erga äußern und sowas wie die vormoderne Unterscheidung darstellen zwischen guter und böser Eris, zwischen physischem Kampf und sublimierten Konkurrenzkampf und inwiefern letzteres förderlich als auch ein progressiv erscheinende Abkehr von aristokratischen Idealen sei. In Hesiods Erga wird dieser Konkurrenzkamp vor allem in strebsamer Arbeit gesehen, da laut Hesiod Arbeit ein natürliches menschliches Bedürfnis sei (file:///C:/Users/MEINPC~1/AppData/Local/Temp/37608-Artikeltext-118533-1-10-20170427.pdf)

Simone Weil, die ja selbst Fabrikarbeit erlebte und sich immer der unvermeidbaren natürlichen und sozialen Zwänge bewusst war, glaubte nicht an die Befreiung von der Arbeit, an die „verrückte Idee, dass Arbeiten eines Tages überflüssig sein könnte“, sondern an die Notwendigkeit, die Arbeit von Unterdrückung zu befreien. Ihre Beschreibungen dieser Demütigungen und Schmerzen der Arbeiter trägt evtl. mehr zur Förderung der Abhilfe dieser Sachen bei als viel sonstige intellektuelle Traktate. Und vielleicht gilt das – zumindest auch aus Weils Sicht – hinsichtlich den Krieg und die Gewalt auch für die Ilias.
Folgende Passagen bei Weil habe ich beim Lesen alsgleich markiert:


„…Die menschlichen Wesen um uns haben durch ihre bloße Gegenwart ein Vermögen, das nur ihnen angehört, jede Bewegung, zu der unser Körper sich anschickt, zum Stillstand zu bringen oder abzuändern; man erhebt sich, man geht, man setzt sich in seinem Zimmer nicht in der gleichen Art, wenn man allein ist oder wenn man Besuch hat…
Im übrigen ist auch die Mäßigung nicht immer ohne Gefahr, denn der Nimbus, der zu mehr als drei Viertel das Wesen der Gewalt ausmacht, rührt vor allem von der ungeheuern Gleichgültigkeit des Starken für die Schwachen her, und diese Gleichgültigkeit ist so ansteckend, daß sie sich denen mitteilt, die ihr Opfer sind…
Die Unbekümmertheit jener, die ohne Achtung mit Menschen und Dingen umgehen, über die sie Herr sind oder zu sein glauben, die Verzweiflung, die den Soldaten zwingt, zu zerstören, die Vernichtung des Sklaven und des Besiegten, das Hinmorden — all das fügt sich zu einem gleichförmigen Bild des Grauens zusammen, dessen einziger Held die Gewalt ist…
Die Häufung von Gewaltszenen würde erkältend wirken ohne den Ton unheilbarer Bitterkeit, den man ständig hindurchfühlt. Hierdurch, durch diese Bitterkeit, aus Liebe geboren, die sich wie das Sonnenlicht über alle Menschheit ergießt, wird die Ilias zu etwas so Einzigartigem. Sieger und Besiegte sind uns in gleichem Maß nahe, sind Ebenbilder des Dichters und des Hörers…
Alles aber, was im Seeleninnern und in den menschlichen Beziehungen der Herrschaft der Gewalt nicht erliegt, wird geliebt, mit Schmerz geliebt, weil es ständig in Gefahr ist, vernichtet zu werden…Man kann nur lieben und gerecht sein, wenn man die Macht der Gewalt kennt und fähig ist, sie nicht zu achten.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/simone-weil-ilias-dichtung-und-gewalt/



Bei Weil zu Verwurzelung liest man das „ist wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele (…) Jeder Mensch braucht vielfache Wurzeln. Fast sein gesamtes moralisches, intellektuelles und spirituelles Leben muss er durch jene Lebensräume vermittelt bekommen, zu denen er von Natur aus gehört“ und:


„Was man heute unter Bildung für die Massen versteht, heißt: Man nimmt diese moderne Kultur, die in einem so geschlossenen, so verdorbenen, der Wahrheit so gleichgültig gegenüberstehenden Milieu entstanden ist, und stößt alles ab, was sie noch an purem Gold enthalten könnte – dies wird als populärwissenschaftliche Verarbeitung bezeichnet –, und stopft den Rest, so wie er ist, den Unglückseligen, die etwas lernen wollen, ins Gedächtnis, wie man den Vögeln eine Handvoll Körner hinwirft.
Im Übrigen ist der Wunsch, zu lernen um des Lernens willen, der Wunsch nach Wahrheit sehr selten geworden. Das Prestige der Bildung ist beinahe ausschließlich zu etwas Gesellschaftlichem abgesunken, sowohl bei dem Bauern, der davon träumt, dass sein Sohn Lehrer wird, als auch beim Lehrer, der davon träumt, dass sein Sohn eine Eliteuniversität besucht und in mondänen Kreisen verkehrt, wo man renommierte Wissenschaftler und Schriftsteller hofiert.
Die Prüfungen werden für die Jugend in den Schulen zur selben Obsession wie die Lohntüte für den Akkordarbeiter. Ein Gesellschaftssystem ist zutiefst krank, wenn ein Bauer bei der Feldarbeit denkt, dass er nur deshalb Bauer ist, weil er zu dumm ist, um Lehrer zu werden.“

Achtung Synergie…
Im Zuge der Nachricht, dass knapp 63 Jahre nach Ali Boumendjels Tod Macron am Dienstag »im Namen Frankreich|s« zugegeben hat, dass der algerische Freiheitskämpfer am 23. Mai 1957 von Geheimagenten der französischen Kolonialarmee umgebracht wurde…aus dem aktuellen Merkur ein äußerst lesenswerter (kurz, aber dicht) Text von Claus Leggewie über die Schatten es Algerienkrieges: https://volltext.merkur-zeitschrift.de/content/pdf/99.120210/mr-75-3-68.html


Ich gebe zu, dass ich lediglich die groben Koordinaten und Inhalte dieses Krieges kenne (was mir nach dem Lesen nochmals mehr bewusst wurde) und nimmt man das mit diesem Text zusammen, weiß ich im Grunde nichts über eine der dunklen Herzkammern der Französischen Republik.
Kommt mir aber auch, zumindest assoziativ, wie eine Überschneidung zu Weils Entwurzelung und Weils Geschichte der (Kriegs)Gewalt. Wer wird durch Krieg wie entwurzelt und wer lässt was zurück und nimmt was mit? Was bedeckt das große Schweigen, das keine Worte will und/oder hat?
Weil zu Homers Ilias und jene Rätselanekdote zu Homer, die freilich spaßig gemeint ist, die man aber durchaus in diesem Zusammenhang einen ernsten Anstrich geben kann mit jenen Worten, die Homer in der Geschichte nicht versteht:

>Ὅσσ‘ ἐλομεν λιπόμεσθ‘, ὅσσ‘ οὐχ ἐλομεν φερόμεσθα. /
Hoss‘ elomen lipomesth‘, hoss‘ ouch elomen pheromestha.<
((alles) was wir erwischten, ließen wir zurück, (alles) was wir nicht erwischten, tragen wir mit uns fort.))


Ist es so nicht auf den Krieg und die, die aus ihm zurückkehren nicht auch anwendbar? Ich muss an (und er ist ja der, der zu Rachel Beslakoff Ilias-Text ein Nachwort schrieb und den ich persönlich eben vor allem durch seinen Briefwechsel mit E. Voegelin kennenlernte – so schließt sich der Kreis) ein Gedicht von Hermann Broch denken (das sich auf den 2. WK bezieht):

"Diejenigen, die im kalten Schweiß

Diejenigen, die im kalten Schweiß der Hinrichtung
täglich, nächtlich erbleichten,
die höllenhaft Fiebernden
hätten heute ein Recht zu singen,
und wenn sie es täten,
sie täten es in fürchterlich neuer Sprache,
in der kein Wort dem andern
mehr ähnelt.

Aber sie schweigen; sie tragen
den Knebel des Schicksals
weiter in ihren Mündern zwischen den schmerzenden Kiefern,
denn was sie zu sagen hätten wäre uns
stumm, ein schrilles Glucksen der Zerstörung;
darum hat uns, die wir es hören müßten,
das Schicksal die Ohren verstopft.

Wir starren sie an, sie starren uns an:
die Augen, die ihren, die unsern,
vermögen noch zu blicken
und sich vorzulügen,
daß sie die Menschengestalt sehen."

Zur gleichen Zeit wie Weil schrieb auch eine andere Denkerin mit jüdischen Wurzel über die Ilias; Rachel Bespaloff (es gibt eine englische Publikation, die beide Texte gemeinsam stellt), deren Text mittlerweile auch in Deutsch erschienen ist. Bespaloff las später Weils Text, umgekehrt war das nicht möglich, da Weil bereits tot war als Bespaloffs Essay erschien…Und ich werde dazu kaum so viel schreiben wie ich vielleicht gern möchte, ist hier also pure Verkürzung…

Die ukrainische Jüdin Bespaloff lebte zu der Zeit bereits im Exil in den USA und hatte ursprünglich die Ilias mit ihrer Tochter als deren Schulaufgabe gelesen und stieg dann selbst mit Haut und Haar in das Epos hinein. Ihr Essay erschien 1943 Original in Französisch (wenn das Wort Gewalt/Kraft im Deutschen erscheint, schrieb Bespaloff – wie auch Weil – stets ‚force‘,). Das Vorwort (das in der dt. Ausgabe als Nachwort gegeben wird) schrieb Hermann Broch, der sich ebenfalls im US-Exil befand und u.a. einen regen Briefwechsel mit einem weiteren Exilanten führte, Erich Voegelin. Warum das extra erwähnenswert ist dazu gleich noch.

Wie für Weil ist bei Bespaloff jene ‚force‘ ein Kernstück der Ilias. Doch während Weil in der Ilias eher eine Antikriegsbotschaft ausmacht, vertritt Bespaloff eher – wie Homer selbst – einen neutraleren Standpunkt zum Gewalt/Kriegsgeschehen („Homer wundert sich nicht, noch empört er sich, noch hofft er auf eine Antwort. Wo sind in der Was die Guten? Wo die Bösen? Wohin man auch blickt, nichts als Leidende Menschen, Krieger im Kampf, die triumphieren oder unterliegen.“), für sie ist die Ilias das in Poesie gegossene Anstürmen der mit endlicher Kraft ausgestatteten Menschen gegen das Werden (das immer auch ein Verfall des einen um das Erblühen des Anderen ist) und das Vergessen.

Der Kampf der Griechen, der Kampf des Achills, des Hektors, des Priamos für die mögliche Unsterblichkeit in Ruhm, geretteter Heimat, überlebender Überlieferung und damit ein zutiefst menschlicher UND humaner Kampf, der ihrer Meinung nach erst wieder in Gänze und Zeitlosigkeit von Tolstoi in ‚Krieg und Frieden‘ beschrieben wird:

„Kriege werden ausgefochten, erlitten, verflucht oder besungen; ein Urteil kann man über sie freilich ebenso wenig fällen wie über das Schicksal selbst. Die einzige Antwort auf sie ist Stille – oder besser, die Unmöglichkeit der Worte: der ernüchterte Blick, den der sterbende Hektor auf Achill wirft, und der, mit dem Fürst Andrej das jenseits seines Todes zu ermessen scheint. […] Mit einigem Recht kann man von der Welt Dantes, Balzacs oder Dostojewskis sprechen, bei Homer und Tolstoi ist das unmöglich, denn ihr Universum ist in jedem Augenblick ganz und gar das unsere. Es ist nicht notwendig, das Reich der Ilias oder das von Krieg und Frieden zu betreten, denn wir bewohnen es bereits. […]  Die Notwendigkeit, die das Individuum zwingt, seine Vermassung unter Androhung von Versklavung, oder sogar Vernichtung zu ertragen, ohne dass seine Persönlichkeit dabei in der anonymen Masse aufginge, macht diese überhaupt erst kenntlich.“ Und sie sieht darin natürlich die Essenz der Griechischen Mythos Hermann Broch schreibt in seinem Vorwort (das auch so etwas wie seine kleine Mythentheorie ist): „Der Mythos ist die Urform jeglicher phänomenologischer Erkenntnis, deren der menschliche Geist fähig ist […] Die Zivilisation einer Epoche ist sein in die Tat umgesetzter Mythos.“

Dieses Auffassung zusammen mit der, dass Ordnungen durch mythosgesättigte vereinheitlichte Wertsysteme bestehen – wenn sie sich auflösen, bricht auch die Ordnung – und sich in ihnen stets Blütezeiten der Kunst ereignen („Solange ein Wertsystem lebendig wirkt und sein Weltbild unversehrt besteht, ist der Mensch imstande, seine individuellen Probleme innerhalb dieses überlieferten Rahmens zu lösen, aber in Zeiten des Wertzerfalls können derartige Lösungen nur erzielt werden, wenn der Mensch sein Weltbild in jedem und für jeden bestimmten Fall selber neu gestaltet. Es ist diese bindende Notwendigkeit, die Welttotalität für jeden Einzelfall und individuell für jeden Einzelmenschen neu zu erstellen, die als der wesentliche Grundzug der Romantik gelten kann…“) Das sind Gedanken, die Eric Voegelins ähneln und man weiß ja, dass beide sich ausgetauscht haben über ihre Theorien und Texte. Bemerkenswert ist jetzt aber, dass ja für Voegelin das griechische Denken und das alt-jüdische des Alten Testaments zwei Parallelentwicklungen für solche Ordnungsbrüche sind,, aber auch eine Art „Elternpaar“ für das kommende Christentum bilden (über genau das Thema habe ich meine Masterarbeit geschrieben). Und Rachel Bespaloff setzt nun im letzten Teil ihres Ilias-Essays zu genau solchen Überlegungen(auch poetischer und struktureller Natur) an:

„Im Universum Homers, das in eine Vielzahl einander widerstrebender Energien aufgespalten ist, die sich allesamt gegenseitig ausbremsen – bildlich kommen sie in den Duellen der Helden und den Streitigkeiten der Götter zum Ausdruck – erscheint die Gewalt allein als einheitliches Prinzip: identisch mit dem Werden, das sie ohne Ursprung noch Ziel lenkt. Sie ist, was sie ist, das erste, unbestimmte, absolute Prinzip all dessen, was aus ihr folgt. Im Gegensatz dazu birgt die Darstellung der Gewalt im biblischen Kontext eine fundamentale, wenn nicht gar ursprüngliche Heterogenität: auf der einen Seite die Endlichkeit der Gewalt als Wille zur Macht des Menschen, der sich anschickt, selbst Gott zu werden, auf der anderen Seite die Unendlichkeit der Gewalt, die Gott höchstpersönlich ist. Indem die Bibel die bestechliche Energie der kreativen Energie entgegensetzt, konstruiert sie eine Dualität, die nur in der Idee der Auferstehung überwunden werden kann. So ist es ursprünglich die Vorstellung der Gewalt, die gleichermaßen den Glauben der Griechen an die Unsterblichkeit und den Israels an die Auferstehung begründet.“

Aber im Gegensatz zu Voegelin, der Platon mit in die Hebammenfunktion hebt, erteilt Bespaloff dem eher eine Absage, weil sie meint Platon breche nicht genug mit dem Mythos, wobei letztlich Platon ein bisschen unterentwickelt ist bei ihr. Gleichzeitig sind beide sich allerdings einig, dass beide Stränge in einen Niedergang mündeten:

„Da der Mensch, die Last der kommenden Ohnmacht kennengelernt und sie sogar überlebt hat, sich aber nicht damit begnügt in Bedeutungslosigkeit dahinzuleben, versucht, die Kräfte, die seine Verzweiflung in ihm mobilisiert hat, zu nutzen, um die Intensität, die niemals von Dauer sein kann, in die Dauer zu integrieren und durch ständige Wiederholung den unbeherrschbaren Augenblick einzufangen. Im Übergang von der Ethik zur Moral liegt derselbe Verrat der Werte beschlossen wie auf der Schwelle vom ästhetischen Wohlgefallen zum Hedonismus: Die ethische Qualität, die keine Abstufungen kennt erniedrigt sich selbst zu einer zartbesaiteten, moralischen Qualität und macht sich dadurch kommensurabel. Es kommt aber darauf an, durch Disziplin einen Lebensstil zu verwirklichen, der die Erinnerung an jene Augenblicke vollendeter Innerlichkeit ins Unendliche verlängert, denn, einmal auf ihr normales Maß zurückgefallen, verliert die jäh gesteigerte Subjektivität automatisch ihre Fähigkeit zur Übersteigerung. Es ist ihr nicht gegeben, ihre Verwandlungen zu bewahren. Was übrig bleibt, ist ein ohnmächtiges Bild.

[…]

Als die außerordentliche Inspiriertheit der prophetischen Poesie versiegt, verkommt die Religion der Bibel zu fiebriger messianischer Mystik, und als die griechische Philosophie die Fragen Homers und Aischylos‘ durch Antworten zu ersetzen beginnt, verwandelt sich das tragische Ethos in Stoizismus. Die Moral bringt die Klagen des Helden zum Schweigen: Zu klagen wird fortan als unschicklich aufgefasst.“

Bespaloff sieht eher Solon und seine Gesetze (der Mensch, der sich eine Ordnung gibt im Chaos und den Launen der Götter und des Schicksals) als Nachfolger dessen, was für sie die Weisheit Homers und der Hector-Figur ausmacht und tut – es kreist hier vor allem um das Wort Gerechtigkeit; und nebenbei tut auch noch die ganze Aristotelesbesessenheit des christlichen Mittelalters als eher unpassend ab – Voegelins Aristotles-Bild ist zumindest ähnlich reserviert (was nicht gleichbedeutend mit negativ ist):

„»Die Verachtung für das Gesetz«, so Solon, »bedeckt die gesamte Stadt mit Übeln. […] Wo aber das Gesetz herrscht, schleift es das Raue, lässt die Gewalt ab-sterben, trocknet die Katastrophen aus und verwandelt sie in frische Blüten.« Dieser griechische Eudämonismus ist weniger weit vom biblischen entfernt, als man annehmen möchte, denn beide hegen eine unverbrüchliche Liebe zum Vaterland, in der das Gespür für die Wahrheit und der Wille zur Gerechtigkeit zusammenfließen. In dem Augenblick, in dem die Distanz am. größten erschien, hat das Christentum eine außer-gewöhnliche Synthese von messianischer Religion und mystischer Philosophie geschaffen. Um deren gesamte Tragweite zu ermessen, müssen wir in den großen jüdischen Poeten, den griechischen Tragikern und Homer das gemeinsame Fundament des griechischen und jüdischen Denkens offen-legen. In Wahrheit gibt es nämlich mehr Affinitäten zwischen dem robusten Pessimismus eines Hesiod und der inspirierenden Bitterkeit des Hosea, zwischen der Rebellion des Theognis und den Anrufungen des Habakuk, dein Klagelied Hiobs und den Totenklagen des Aischylos als zwischen Aristoteles und den Evangelien.“

Es ist schade, dass Bespaloff nicht auch etwas zur Odyssee schrieb – sie hat es dann vorgezogen den Kopf in den Herd zu stecken. Ob die Odyssee der wichtigere Text ist wie manchmal behauptet, da ich bin mir nicht so sicher, sie ist zumindest eine Weiterführung der Gedanken dort, auch Odysseus rennt gegen das Schicksal an und die Listen, die er anwendet sind teilweise eben immer noch Wissen der Anderen (zb wenn Kirke ihm von den Sirenen erzählt oder Kalypso, die ihn erst auf Geheiß der Götter wieder ziehen lässt und ihm hilft ein Floß zu bauen) und sie führen trotz allem nicht dazu, dass Odysseus das menschliche Los wie die Griechen es sich dachten überwindet, er ist genau das was Bespaloff meinte, einer, der als Individuum aus der Masse der Sterblichen herausragt für ein kurzes Leben, aber stetig in der Ordnung/’force‘ des Lebens/Werdens bleibt und ist das, was evtl Primos auf trojanischer Seite ist, der der den Anderen vom Trojanischen Krieg erzählen kann (deswegen preisen Agamemnon und Achill ihn ja auch am Ende). Und Odysseus kämpf auch nicht gegen die Natur, zum einen, weil diese Vorstellung zutiefst ungriechisch ist und alls das, was Odysseus seinen Kameraden voraus hat nicht seine Rationalität ist, sondern sein Antrieb, der auch Hector und Achilles je auf ihre Weise getrieben hat. Und die einfache Setzung, das Treiben der Götter = Naturkräfte, deswegen sei Odysseus instrumenteller Rationalist, erscheint mir flach. Im griechischen Epos Homers sind die Götter das längst nicht, sie sind keine Naturkräfte, sie sind menschlich, wenn auch nicht human, genau das ist „das Privileg“ der Sterblichen.

Ich persönlich finde ja bspw. die berühmte Adorno/Horkheimer-Lesart (die am Ende im Kern ja bei Borchardt „geklaut“ ist und noch so tut als „korrigiere“ sie, was gar nicht gesagt wurde) obwohl unterhaltsam und sicher auch absichtlich polemisch eher als fehlgeleitet in ihrer fast schon fatalen Rückprojektion ihres Denkens – was in sich selbst natürlich höchst modern ist, aber auch, zumindest für mich – ein Beispiel dafür wie man etwas liest, wenn man schon seine konkreten Dinge sucht…Odysseus der Bourgois, der andere für sich rudern lässt…auch Agamemnon und Achill sind nicht selbst gerudert…das ist so eine kontextlose Klitterung, das erinnert mich schon an heutige Lifestlylelinken-Tweets zu politischen Themen. Und das Kunstverständnis, dass in der Odyssee herauskommen soll ist 1A Adornos, aber nicht weil er’s rausdestilliert hat für sich, sondern reingelegt hat. Provokation hin oder her es ist mir zu platt oder eben nur ein Vehikel um ihr eigenes Zeug loszuwerden, was man auch ohne hätte machen können. Damit meine ich jetzt nicht die ganze Dialektik der Aufklärung, da ist sehr viel Wahres darin, sondern die konkrete Lesart der Odyssee.

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