Hundertwasser am Regentag in Apolda

„Die Abwesenheit von Kitsch macht unser Leben unerträglich. Ohne Romantik geht es nicht.“

Hundertwasser in „Die falsche Kunst“, 1981
„Gib acht wenn Du über die Prärie gehst“

Das Kunsthaus Apolda zeigt endlich seine Hundertwasser-Ausstellung. Ich bin wirklich froh für das Kunsthaus, dass das noch geklappt hat nachdem die Corona-Pandemie das fast komplett ins Wasser fallen lassen hätte und damit auch den Verein, der das Kunsthaus betreibt in große Bredouille gebracht hätte. Das Thema zieht halt auch enorm und war groß geplant, die Exponate harrten in ihren Boxen, die Versicherungen liefen.

In Apolda konzentriert man sich auf die Drucke, Holzschnitte und Radierungen.

Hundertwasser beherrschte und erneuerte viele grafische Techniken: Lithografie, Siebdruck, Radierung, Farbholzschnitt und Mixed media Drucktechniken. Er war einer der ersten, der eine völlige Transparenz der Technik, der Entstehungsdaten und Auflage für jede einzelne Originalgrafik gefordert und eingehalten hat. Viele von Hundertwassers Grafikauflagen bestehen aus mehreren Farbversionen und Varianten, die nicht separat nummeriert sondern durch die gesamte Auflage durchnummeriert sind. Sein Ziel in der Kunst der Originalgrafik war es, entsprechend der Vielfalt in der Natur innerhalb einer Auflage eine Vielfalt unterschiedlicher Blätter herzustellen. Gemeinsam mit seinen Druckern in Wien und Venedig erarbeitete Hundertwasser schwierige und effektvolle Druckprozesse. Er war der erste europäische Maler, dessen Werke von japanischen Meistern geschnitten und gedruckt wurden.

Ausstellungstext


Wiewohl ich rein inhaltlich/ästhetisch kein besonderen Faible für Hundertwasser habe, finde ich ihn gemessen an seinem Eigensinn, der Hintergehung von technischer Reproduktion auf Basis der Technik (der Druck als Vervielfältigungsmaschine des Gleichen, produziert durch kleine Eingriffe Unikate) und der tiefen Beschäftigung und Erweiterung bei den Drucktechniken einen bemerkenswerten Menschen und Künstler.

Höchst sympathisch ist ja bereits, dass der Vorwurf des möglichen Kitsches von Hundertwasser selbst bereits antizipiert und für sich ins Positive kehrt, nicht indem er sagt, dass kein Kitsch ist, sondern indem er es zu einem Bestandteil des Lebens bzw. der Menschen macht, der da und auch benötigt ist. Hundertwasser schreibt außerdem:

„Kunst muss wertvoll sein und Werte aufbauen und nicht Werte zerstören. Ind er Kunst muss man sich zu Hause fühlen, geborgen wie in der Heimat. Die Kunst muss schön und wahr und gut sein. Die Kunst muss zur Einfachheit zurückfinden in dieser verkomplizierten Welt.“


Für mich persönliche eine schwierige Definition allein deshalb, weil ’schön‘ und ‚gut‘ Begriffe ohne festen objektiven Inhalt sind. Und ob man sich in etwas zu Hause oder der Heimat fühlt – beides für mich auch nicht äquivalent oder zwingend verbunden – muss auch deswegen nicht unbedingt schön oder gut sein, in der Heimat gibt es auch das Schlechte, das Unheimliche, das Unschöne und letzteres hat manchmal seine eigene Schönheit und Größe. Wo ich mitgehe ist die Einfachheit. Aber selbst hier wird es schwamming, denn selbst das Einfache kann von verschiedenen Menschen verschieden beschrieben werden. Eine Besucherin der Ausstellung sagte zu ihrer Begleitung, sie würde es mögen mit was für einfachen Formen Hundertwasser arbeitete bei denen man sich doch nie fragte was es sei oder wie es real doch aussehen würde. Einfachheit ist nicht simpel und Einfachtheit hat immer etwas Wahres, sonst ist sie keine.

Und ein ganz kleiner, unauffälliger Holzschnitt eines japanischen Druckers (die drucken selten Westler) hat mir besonders gefallen, mit dem schönen Titel „Insel der verlorenen Wünsche„, wiewohl ein typischer Hundertwasser, ist es nah am japanischen Holzschnitt im Geiste Cezanne und Van Goghs. Und ebenso das zurückhaltende „Gib acht wenn Du über die Prärie gehst„.

„Insel der verlorenen Wünsche“


Im obersten Stockwerk des Hauses, dem Kabinett wurde ein herzallerliebst altmodischer Film aus den 70ern von Peter Schamoni gezeigt. Er zeigt den Werdegang, die Arbeitsweise und Gedankenwelt Hundertwassers, aber nicht nur seine Arbeit, sondern auch sein privates Umfeld, Gespräche mit Menschen auf der Straße und den Umgang mit seinen geliebten Tieren. Außerdem begleitet Schamoni den Künstler auf seinen zahlreichen Reisen.

Hundertwasser im bunt gestreiften Bademantel vor grauer, schwerer Wien-Kulisse oder im schwarz-weißen neblig-regnerischen Venedig, und dann legen sich die bunten Bilder des Künstler darüber. Dass ist gerade in Bezug auf Hundertwassers Kunstverständnis auf bezeichnende Art und Weise rührend und lebensfroh.

https://youtu.be/KW9QOV1lRiA

Ich denke man kommt nicht umhin vor dem Hintergrund der Bilderwelt in der wir seit wenigen Jahrzehnten leben, sich auch klar machen zu müssen, dass Hundertwasser damals auffällig und außergewöhnlich bunt und grell war im Gegensatz zu Vielem um ihn herum. Er sagt das selbst über Wien und sein Grau und seine Ignoranz und abschmetternde Schwere, die ihn gerade in diesem Gegensatz immer wieder hat kreativ werden lassen, als Gegenbild, als Widerstand.

Denn Hundertwasser sagt, wenn er malt, dann träumt er und dass die Kunst Träume sind.

Träume sind die letzte Zuflucht des Menschen, die letzten Königreiche, die ihm ganz gehören. Träume zerstören ist so, wie wenn man dem Menschen seine Wurzeln und seine Zukunft wegnähme und nichts bleibt, wonach er sich sehnen kann. Der Mensch lebt von Träumen.

1988

Wer Heiner Müllers Traumtext und Klaus Theweleits Ausführungen dazu kennt, die sich zwar im konkreten auf Litaratur und Theater, aber letztlich eben Kunst allgemein beziehen, mag vielleicht daran gedacht haben:

„Traum ist Text. Oder er ist, in den visuellen Medien, Gemälde bzw. Kinobild. Traum heißt das, existiert nicht außerhalb und nicht unabhängig von Kunstformen oder von Medienkonstellationen

[…]

Dies hieße nicht weniger, als daß es vom Akt des Aufschreibens her keinen prinzipiellen Unter-schied gäbe zwischen Traum und Literatur, sondern daß auch hier, wie meistens beim näheren Ansehn künstlicher Wirklichkeiten, die Differenz der Qualitäten, Quantitäten und Intensitäten entscheidend ist. Der Artist würde sich der Träume ebenso sehr »bedienen«, wie der Träumer der Literatur, interessant ist nur, im Fall der Produktherstellung und Veröffentlichung, der Kondensationsgrad ihrer Künstlichkeit, ihre energetische Aufladung durch literarischen Artismus oder durch eine gut konstruierte Traumtheorie.“

Klaus Theweleit in: „heiner müller. traumtext“

Vielleicht ist öffentlich erfolgreiche Kunst – und damit meine ich nicht unbedingt die, die teuer verkauft wird, sondern gerade die, die die „normalen“ Menschen in die Ausstellungen lockt und auf Postkarten verkauft wird, deshalb erfolgreich, weil sie jenes kollektive Unterbewusste, ein kollektives Träumen verewigen. Und ob dass dann Kitsch sei, würde sich beinah gar nicht mehr stellen. Er wäre das kollektive Bedürfnis…vielleicht nach Schönem, Guten und Einfachen.

Netzschau Alpha Omega

Politik

Die Deutschen die Steuer und der Sozialstaat:

Was ist eigentlich das Steuerprogramm der jeweilgen Partei?

„Es gibt also einen klaren Unterschied zwischen den Parteien links und rechts der Mitte: Erstere wollen vor allem die Mittelschicht entlasten und sich einen Teil der Einnahmeausfälle durch höhere Steuern für die Reichen wieder hereinholen. Letztere wollen auch die Steuern für die absoluten Topverdiener senken. Insofern entkräften die Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft gleich zwei Mythen dieses Wahlkampfs: 1) SPD, Linke und Grüne wollen einfache Leute stärker zur Kasse bitten. 2) Es gibt keine Unterschiede zwischen den Parteien mehr. Wie die unterschiedlichen Ansätze zu bewerten sind, das ist am Ende immer auch eine weltanschauliche Frage“: https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-06/steuersenkungen-wahlprogramme-bundestagswahl-2021-steuer-entlastungen-vergleich-parteien

Eine Diskussion dazu als Podcast hier: https://www.sueddeutsche.de/politik/sz-podcast-das-thema-wie-steuerpolitik-fuer-gerechtigkeit-sorgen-kann-1.5329291

Es soll jetzt sogar ein Steuerforschungsinstitut gegründet werden:

Ziel der Gründung des IfeS sei eine bessere Bereitstellung von Daten für Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Öffentlichkeit im Bereich Steuern. Das neue Institut solle zugleich die Politik durch datengetriebene Forschung bei Entscheidungen unterstützen. Das Bundesfinanzministerium wolle mit der Gründung eine Lücke schließen, die gegenüber anderen Politikfeldern, aber auch gegenüber anderen Ländern bestehe. Die genaue strukturelle und inhaltliche Konzeption werde noch ausgearbeitet. So ist dem Bericht zufolge etwa offen, wo das Institut angesiedelt wird, etwa direkt beim Bundesfinanzministerium, nachgelagert beim Bundeszentralamt für Steuern oder beim Statistischen Bundesamt.“ https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/finanzministerium-gruendet-institut-fuer-steuerforschung-a-bde9a0c7-e07a-4484-9d75-2216097bff1a

Sozialstaat und Sozialpolitik-Forschung:

„Den Verdacht, die Sozialpolitikforschung trage selbst zum Wachstum ihres Gegenstandes bei, wollen Klammer und Nullmeier nicht stehen lassen. Die Ursachen für dessen Wachstum lägen zum einen in der demographischen Entwicklung der deutschen Gesellschaft, sagt Klammer, und aktuell natürlich auch in der Zuwanderung, die sich langfristig positiv auswirken werde, auf absehbare Zeit sozial­politisch aber noch ein Zusatzgeschäft sei. Der zweite Wachstumsfaktor sei eine Arbeitsmarktpolitik, die auf die Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtet gewesen sei, die soziale Sicherung im Alter aber nicht im Blick gehabt habe.

Das Wachstum des Sozialstaates sei kein Automatismus, den die Sozialpolitikforschung nur begleite, sondern die Folge einer teilweise verfehlten Arbeitsmarktpolitik, die ihre Kosten diesem Sozialstaat aufbürde, so ­Klammer. Die Zentrifugalkräfte innerhalb der Gesellschaft kämen nicht aus dem Sozialstaat, sondern aus den Risiken des Arbeitsmarktes und den von ihnen verursachten gesellschaftlichen Verteilung­kämpfen.

Sie seien mit ihrer Forschung „keine Treiber des Sozialstaates“, sagt auch Nullmeier. Dessen Wachstum hänge mit gesellschaftlichen Verwerfungen zusammen. Würden hingegen Reformen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt durchgesetzt, entstünden diese Risiken gar nicht erst. Expansiv angelegt sei die Sozialpolitikforschung dort, wo sie soziale Risiken identifiziere, welche die Betroffenen nicht aus eigener Kraft lösen können.

Doch es sei natürlich eines der Hauptziele der Sozialpolitikforschung der vergangenen Jahre gewesen, die Politik von den Prinzipien einer vorsorgenden Sozialpolitik zu überzeugen, anstatt nur nachholend Fehlentwicklungen zu reparieren. Folge die Politik dem Modell vorsorgender Sozialpolitik, lasse sich, so Nullmeier, auch die finanzielle Expansion des Sozialstaats aufhalten.https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/der-sozialstaat-im-klimawandel-17399804.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Parteikarrieren und Wählerpool

Zwei Beiträge in der taz widmen sich den immer gleichförmiger werdenden Karrieren der Parteimitglieder, die sicher auch dem Berufspolitikertum zu tun hat:

„Innerhalb des Politikbetriebs wird die Gleichförmigkeit von Nachwuchsbiografien eher achselzuckend hingenommen. Politik sei eben immer komplizierter geworden, heißt es, die oft kleinteiligen Fallstricke könnten nur diejenigen beherrschen, die schon vorher in eine Art Lehre bei einem Berufspolitiker gegangen sind. Dabei ist die Tendenz, dass die Politik ihren Nachwuchs zunehmend aus sich selbst heraus rekrutiert, kein Naturgesetz, sondern wurde kräftig gefördert durch immer günstigere Rahmenbedingungen.

[…]

Für das reibungslose Funktionieren der Politikmaschinerie mag es dienlich sein, wenn NachwuchspolitikerInnen das Handwerk bereits gelernt haben, für die Demokratie ist es aber schädlich, aus drei Gründen. Politik lebt erstens existentiell davon, dass verschiedene Lebenserfahrungen bei ihr einfließen.

Eine ehemalige Krankenpflegerin hätte im Bundestag schon vor Jahren auf die dramatische Lage in der Pflege aufmerksam machen können. Der Typus des Intel­lektuellen wiederum – eine ebenfalls rare Spezies in den Parlamenten – könnte auf die Widersprüche von gut gemeinten Gesetzesvorhaben hinweisen, die oftmals unbeabsichtigte Nebenwirkungen oder neue Ungerechtigkeiten nach sich ziehen.

Zweitens eint den Standardkarriere-Nachwuchs eine hohe Neigung zur Konformität. Als Abgeordnetenmitarbeiter geht es darum, still und effizient zuzuarbeiten; feurige Ideen werden von ihnen nicht erwartet. Sie haben gelernt, die Erwartungen der Partei zu antizipieren, in der Partei heikle Themen meiden sie vorbeugend.

Die parteiloyale Konformität, mit der sie sozialisiert wurden, erstickt Originalität und Gedankenfreiheit. Und weil ihnen das Sicherheitsnetz einer Berufsausbildung fehlt, steigert sich die Konformität mit den Jahren. Je älter sie werden, desto schwieriger ist ein Neustart in einem anderen Beruf, wenn sie in der Politik scheitern sollten.

Also geht es ihnen darum, eine Legislaturperiode ohne größere Blessuren zu überstehen, um für die nächste Wahl einen aussichtsreichen Listenplatz zu bekommen. Schließlich eint den Politiknachwuchs neuen Typs ein technokratisches Verständnis von Politik. Politik wird verstanden als Aneinanderreihung von Spiegelstrich-Forderungen, die in Gesetze gegossen werden sollen. Je mehr Gesetze oder „Projekte“ die eigene Fraktion umgesetzt hat, desto höher wird der Erfolg bemessen. Was oft fehlt, sind übergeordnete Leitideen von gesellschaftlichen Zielen jenseits der gerade angesagten Parteifloskeln. https://taz.de/PolitikerInnen-Karrieren/!5777386/

Und fragt bei der Linken, welche Wähler man eigentlich ansprechen will und warum Uneindeutigkeit in diesem Feld auch eine Gefahr ist:

Denn Parteien sind immer Apparate, die den Anlass ihrer Gründung überlebt haben. Der SPD wurde schon vor Jahrzehnten bescheinigt, sie habe ihre historische Mission erfolgreich beendet. Die Grünen wurden als Generationenprojekt beerdigt, die FDP als überflüssige Klientelpartei. Insofern ist die akute Erzählschwäche und Sinnkrise der Linkspartei zwar nicht schön. Aber noch nicht lebensbedrohlich – oder nur in Kombination mit anderen Defekten. Etwa der Frage: Wen vertritt die Linkspartei? Die antirassistischen, woken Ak­ti­vis­tIn­nen in Berlin-Kreuzberg, oder die Krankenpflegerin und den Malocher in der Provinz? Darum tobt ein Kulturkampf, der mit typisch linkem Ernst ausgetragen wird. https://taz.de/Zukunft-der-Linkspartei/!5777284/

In diesem Zusammenhang unbedingt lesenswert einer der Kerne der Linken, nämlich das Verhältnis zur Sicherheitspolitik: https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/linien-und-spannungsfelder-linker-sicherheitspolitik/

Das schwarz-grüne Krankenhaus?

Eigentlich gelingen große Krankenhausreformen nie, zu viele starke Lobbygruppen beeinflussen die Gesundheitspolitik. Aber dieses Mal stehen die Chancen besser. Die Corona-Pandemie hat den Blick der Bürgerinnen und Bürger auf das Gesundheitssystem geschärft. …Wenn nun auch noch unkontrolliert Klinik um Klinik schließt, drängt sich der Eindruck auf, hier versage der Staat in einer existenziellen Frage.
Wie eine ideale Reform aussehen könnte, darüber sind sich Fachpolitiker von Grünen und CDU und deren Berater erstaunlich einig
.
 

Erstens: Bund und Länder müssten gemeinsam planen, wie die Krankenhauslandschaft aussieht. Ausgangsfrage wäre, wie lang eine Patientin oder ein Patient zu seiner Klinik unterwegs ist. Wo muss dann ein Krankenhaus stehen, das alles kann, wie beispielsweise eine Uniklinik? Wo eine Spezialklinik, wo ein Grundversorger? Und welches Krankenhaus wird überflüssig?

Zweitens: Das Verhältnis von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten müsste neu geregelt werden. Denn bislang verdient eine Klinik vor allem daran, dass sie Menschen stationär aufnimmt. Die ambulante Versorgung liegt bei den Haus- und Fachärzten. Künftig sollten Krankenhäuser mehr Patientinnen und Patienten ambulant versorgen dürfen. Kassen, Kliniken und niedergelassene Ärzte müssten sich jedoch gemeinsam darüber verständigen, für welche Behandlungen das die Regel sein soll. 

Drittens: Auf dem Land, wo Haus- und Facharztpraxen knapp sind, könnten Kliniken dann zu Gesundheitszentren erweitert werden, wo alles von der Erkältung über eine ausgekugelte Schulter und einen einfachen Armbruch bis zur Blinddarmentzündung behandelt wird. Den Umbau müsste der Bund finanziell unterstützen. Die Länder waren schon bisher nicht willens oder in der Lage, die notwendigen Investitionen zu finanzieren. https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-06/krankenhausreform-jens-spahn-union-die-gruenen-wahlprogramm/komplettansicht

Kultur

Nachdem klar ist, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), die größte Kulturorganisation der Bundesrepublik in ihrer bisherigen Form doch weiterbestehen hier nochmal zum Gutachten, dasdie Abtrennung der Forschungs-, Bibliotheks- und Archivbereiche der SPK von den Staatlichen Museen in Berlin vorgesehen hatte und dessen Empfehlung das Aufsichtsgremium der SPK nun offenbar nicht folgt.

„Die Stiftung soll weiter als ein im Prinzip erweiterbarer interdisziplinärer Forschungsverbund tätig sein und nicht ein Verband von Museen. Gleichwohl wird die SPK organisatorisch verändert: Ziel des bereits eingeleiteten Reformprozesses ist die Ablösung der bisherigen weitgehend hierarchisch-behördlichen Führungsstruktur durch eine moderne und kooperative. Der Beschluss des SPK-Stiftungsrats wird dazu erste Eckpunkte enthalten.“: https://www.zeit.de/2020/29/stiftung-preussischer-kulturbesitz-gutachten-aufloesung-wissenschaftsrat

Christoph Franke ist Tonmeister der Digital Concert Hall. Im Studio hoch über der Bühne gestaltet er die Klangqualität der Konzertaufzeichnungen: https://www.tagesspiegel.de/kultur/besuch-im-schwalbennest-der-philharmonie-das-ohr-der-philharmoniker/27366722.html

Abseitiges

Eine lustige Schau von Verirrungen der Taxidermie:

https://crappytaxidermy.com/

Thüringenwahl

Da ich vor einigen Tagen erst noch ein Gespräch zu den anstehenden Landtagswahlen in Thüringen hatte und pessimistisch mit fehlendem Langzeitgedächtnis oder aber Ignoranz vieler Mitbürger rechne, erhoffte ich mir nichtdestotrotz, dass es genau eine Sache sei /gewesen ist, die sich den Leuten hätte ins Hirn brennen müssen:

wie opportunistisch (und das ist noch euphemistisch) und geradezu widerlich FDP und CDU damals gespielt haben und damit im Grunde ihre wahre Fratze preigegeben haben.

Kemmerich hatte Anfang des Jahres noch vollmundig Neuwahlen zugesagt. Und jetzt sowas:

Und das sagt nun ausgerechnet eine Partei, die durch ihre Kungelei mit der AfD diese Situation zu verantworten hat. Bester Halbsatz: „…ohne auf die AfD angewiesen zu sein“ von der FDP. Deren Vorsitzender sich von der AfD hat zum Bauern-MP wählen lassen. Kann man sich nicht ausdenken. Das Schauspiel, das die FDP veranstaltet, wäre weniger unwürdig, wenn sie sich nicht von der AfD hätte zum Erfüllungsgehilfen machen lassen. Peinlich bis regelrecht infam.

Und noch mehr, die für den 19. Juli geplante Auflösung des Thüringer Landtags steht wirklich auf der Kippe: Vier Abgeordnete der CDU-Fraktion haben in einer gemeinsamen Erklärung angekündigt, nicht für die Selbstauflösung des Parlaments zu stimmen. Damit käme die nötige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Parlaments nicht zustande. Diese ist zwingend nötig, um den Weg für eine Neuwahl am 26. September frei zu machen.

Das ganze Spiel nachzulesen hier: https://www.sueddeutsche.de/politik/thueringen-landtagswahl-cdu-1.5298865

Wer das Vertrauen in die Politik in Thüringen maßlos beschädigt hat, kann sich jeder selbst beantworten, der die Vorgänge seit dem denkwürdigen Tag der Kür von Kemmerich zum MP verfolgt hat. Das dieser Herr aus NRW immer noch das große Wort schwingt, ist schon erstaunlich und zeigt einmal mehr um was für einen Typen es sich da handelt. Hoffentlich vergessen die Thüringer das bei der Wahl nicht.

Und ob man für oder gegen Neuwahlen ist, sollte nicht davon abhängig sein, ob man sich dadurch einen Machtzuwachs oder Machtverlusst verspricht. Denn solche taktischen Spielchen führen zu Politikverdrossenheit. Es wurden Neuwahlen angekündigt, jetzt sollten sie auch zeitnah durchgeführt werden, selbst wenn Umfragen einen Machtverlust für die jetztige Landesregierung erwarten ließen.

Ich empfehle auch den immer noch lesenswerten, absichtlich polemisch-überzogenen Text von Moritz Rudolph zum „Sonderfall Thüringen“: https://www.merkur-zeitschrift.de/2020/03/23/zerfall-und-ueberschuss-thueringen-als-politisches-formproblem/

50 Jahre Polizeiruf 110

Die Jubiläumsfolge aus Halle lief zwar bereits sEnde Mai letzten Jahres, aber der eigentliche Geburttag ist erst am 27. Juni, denn genau dann vor 50 Jahren lief der erste Polizeiruf 110 im DDR-Fernsehen, sieben Monate nach dem ersten Tatort in der alten BRD.

Ich habe mir die Jubiläumsfolge „An der Saale hellem Strande“ erst jetzt angesehen und wirklich sehenswert gefunden. Er stammt vom Team Clemens Meyer (Buch) und Thomas Stuber (Regie), die auch schon den meiner Meinung nach kongenialen Murot-Tatort „Angriff auf Wache 08“ vernatwortet haben. So ist dieser Einführungs-Polizeiruf für’s neue Team Halle gerade keine typische Vorstellungsepisode und auch kein betulicher 0815-Krimi, sondern geht gleich hinein ins Geschehen und fokussiert sich dabei vor allem auf die möglichen Zeugen, die ein wahres Panoptikum an Persönlichkeiten und Lebenssituationen bieten.

In der Rezension der FAZ bringt es Jan Brachmann für mich recht gut auf den Punkt:

„Und wenn die DDR gar nicht untergegangen ist? Wenn sie – hoffnungslos, bleiern und dumpf – einfach weiterlebt als ein unendliches 1988? Wenn sie sich wie Rost ins vereinigte Deutschland frisst, Licht und Lebensfreude verschluckt, Zukunft vernichtet, jeden Mut einschüchtert, weil alle Hoffnungen, die mit ihrem Untergang verbunden waren, in Enttäuschungen umgeschlagen sind, in Verbitterung aus der Erfahrung von Betrug und Erniedrigung – nur noch viel schlimmer, weil jetzt das Wissen hinzukam, dass Auflehnung sich nicht mehr lohnt und es Alternativen nicht mehr gibt?

Der Drehbuchautor Clemens Meyer jedenfalls entwirft mit dem Regisseur Thomas Stuber in der Jubiläumsfolge zu fünfzig Jahren „Polizeiruf 110“ ein Bild von einem traumatisierten, in sich selbst versackten Land, das der Kameramann Nikolai von Gaevenitz nicht nur nachtsüber ins müde Gelb des Lichts von Natriumdampflampen taucht. Es ist eigentlich immer Nacht in diesem Film, auch am Tage, und es ist immer Herbst, auch im Frühling.“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tatort/polizeiruf-mit-jubilaeum-stell-dir-vor-es-waere-immer-1988-17363016.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

Das mag bewusste Überzeichnung sein, doch ist dieses Mittel durchaus dazu geeignet gerade dadurch den Kern einer Sache sichtbarer zu machen. Die Geister der Vergangenheit spuken immer noch im Hier und Jetzt herum (eine Art Hauntology des Polizeirufs und der DDR). Und vielleicht ist das so und vielleicht ist gerade deswegen auch Halle dafür der richtige Ort. Der Halle-Polizeiruf mit Jaecki Schwarz war mir persönlich immer viel zu betulic, miss-marple-haft und hinterging damit für mich gerade das, was den Polizeiruf in der DDR-Zeit zu etwas Besonderem machte.

Ich las davon bereits in der Taschen-Reihe „100 beste Filme des Jahrzehnts – 80er“ im Text über den DDR-Klassiker „Paul und Paula“, nämlich das DDR-Filme auch abseits ihres Genres und den Figurendramen darin immer auch bewusst wie unbewusst Erzählungen zum Alltag in der DDR waren.

„Die Ermittlungsteams stehen nicht im Zentrum, in gestoppten Sendeminuten verliert die Polizei, ist in den Filmen mehr vom normalen Leben zu sehen, jenseits aller „Derrick“-Welt. Der Alltag der Nachtpförtner, Werftarbeiterinnen, Bahngleisläufer, Postbeamtinnen, Automechaniker, die in den Fall verwickelt sind, mal am Rande, mal zentral.“

https://taz.de/50-Jahre-Polizeiruf-110/!5771125/

Der frühere Polizeiruf-Kommisssar Andreas Schmidt-Schaller sagt das auch so im FAZ-Artikel:

„Durch die Fokussierung auf die Täter wurde früher viel mehr „Gegenwart erzählt. Es wurden Bilder eingefangen, die zeigten, wie unsere Alltagswelt aussah. Diese Aufmerksamkeit für Gegenwart und Alltagsleben scheint mir heute etwas verlorengegangen oder zumindest beliebiger geworden zu sein. Man unterschätzt ein wenig, was das für die Reihe bedeutet. Durch die Verschiebung des Fokus hin zu den Ermittlern gleichen sich die Folgen einander an. Das Ergebnis ist eine stärkere Gleichförmigkeit.“

Mal davon ab, dass mich ein zu ausführlicher Fokus auf das Privatleben der Ermittler auch immer abschreckt, konnte man in der Langen Nacht des DLF zum Jubiläum, die auch die Ursprünge des Formats nachzeichnet anhören, was die Verantwortlichen und Kreativen von Anfang an trieb:

„Und wenn du eine Krimireihe machen würdest, die DDR-Fälle aufgreift, und die nicht eine Krimireihe ist, sondern vor allem Gegenwarts-Film ist,

[…]

Für uns war die Aufgabe nicht schlechthin, sowas wie „Tatort“ zu machen, sondern wir wollten einen interessanten Kriminalfall, realistische Situationen, soziale Konflikte, also ein Stück Wirklichkeit, wie sie sich bei uns abgespielt hat. Denn in Fernsehspielen war das so ohne weiteres nicht möglich. Und da war der Kriminalfilm ein wunderbares Mittel, Gegenwartskunst zu machen, Konflikte zu beschreiben, wenn auch die notwendige künstlerische Qualität damit verbunden war

[…]

Also das MdI hat ja uns ja nicht nur die Fälle vorgegeben, sondern hat dann auch die Bücher gelesen, die fertig wurden. Und hat darauf geachtet, dass die beiden Hauptpolizisten im Umgang der Wirklichkeit der Kriminalpolizei entsprachen. Das war eine wichtige Sache.

[…]

Es waren zum Teil (auch) Krimiautoren, aber in der Regel ohne Erfahrung auf dem Gebiet der Krimis, weil wir auch wollten oder ich auch wollte, dass sie auch ihr Interesse für Gegenwartsprobleme in den Krimi einbringen.

[…]

Also da ist viel im Polizeiruf erzählt worden, was in einem anderen Format innerhalb des Fernsehens nicht erzählt hätte werden können.Das war ja das Interessante an der Arbeit, dass man eine spannende Gegenwartsgeschichte hatte, und es jetzt darum ging: wie packst du die in eine Kriminalerzählung? Wie wird aus einer Gegenwartsgeschichte eine Kriminalgeschichte, dass du sie als Krimi erzählen kannst?

[…]

Wann immer es geht, werden den Fernsehzuschauern moderne Großfahndungen und neuste Polizeitechnik vorgeführt…Das MdI hatte ja mit dem Fernsehen der DDR einen Vertrag gemacht. In dem Vertrag stand, dass alle technischen und organisatorischen Probleme, die mit der Kriminalpolizei im Film darzustellen sind, vom MdI gestellt werden. Also ob Hubschrauber, Mannschaftswagen, Wasserschutzpolizei, Kräder, Spurensuche, Hundestaffel, also was sozusagen kriminalistische Arbeit ausmacht. Das wurde alles gestellt. D. h., dass musste das Fernsehen nicht bezahlen.“

https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-lange-nacht-zum-polizeiruf-110-einsatzgruppe-fuchs.1024.de.html?dram:article_id=498904

Und weil wegen des Jubiläums viele alte Folgen in der Mediethek zu finden sind und die FAZ einige besonders erwähnte, habe ich mir die die Tage über dann auch mal angesehen.

Währennd die erst vor Jahren wiederveröffentliche, lange unter Verschluss gehaltene Folge „Im Alter von…“, der der Hagedorn-Fall zugrunde lag und den DDR-Oberen deswegen zu heiß wurde, regelrecht altbacken und verklemmt daherkommt, sollte man „Mann im Baum“ (1988) über einen Vergewaltiger, der vom „netten“ Publikumsliebling Gunther Schubert großartig gespielt ist und sich für diese Zeit (nicht nur der DDR) bei der Darstellung viel wagt, sondern auch viel Gewicht auf den Umgang der Bevölkerung mit solchen Taten legt, unbedingt mal gesehen haben.

Die Folge „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ auf dem auch in der aktuellen Jubiläumsfolge referiert wird, ist nicht nur erschreckend gut gespielt, er zeichnet den Weg des Alkoholikers nicht als bereits von Grund auf verbummelt, sondern als Folge von Schicksalsschlägen, die langsam in die Katastrophe führen. Ähnliches tut die (nach einer Ausstrahlung im Giftschrank verschwundene und seinem Autor/Regisseur passives Berufsverbot bescherend) „Schuldig“ in dem nicht nur eine Alkoholikerin die Hauptperson ist, sondern auch indirekt die Wohnungspolitik der DDR kritisiert wird und ein Phänomen, das selbst heute immer noch vielfach beschwiegen wird, nämlich der einsame Tod (es ist hier am Ende zwar doch Mord, aber das tut dem Eindruck keinen Abbruch, ist evtl. auch ein Zugeständnis) eines Vergessenen, den auch die Nachbarn nicht mitbekommen (wollen).

Die Folge „Außenseiter“ spielt in einem Sanatorium in Heiligendamm und sowohl von der Geschichte als auch vom gefilmten Ambiente wirkt das als hätte man sich überlegt, wir nehmen Thomas Mann „Zauberberg“ und „Tod in Venedig“ mischen noch etwas Ibsen „Gespenster“ hinein und lassen es als Krimi in der DDR spielen, großartig!

Unbedingt erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch einer der letzten DDR-Polizeirufe „Das Duell“ in dem die Handlung auf kluge und die Kritik aufnehmende Weise in die gesellschaftspolitischen Ereignisse des Oktobers 1989 eingebettet wird und wie ein Abgesang auf Staat und Format daherkommt bis zum offenen Ende. Das ist wirklich sehr gut gemacht. Und geschrieben von Jürgen Frohriep, der selbst den Kommissar Hübner in vielen Polizeirufen spielte.

[Alle erwähnten Folgen sind entweder (noch) in der ARD-Methiathek oder auf Videoportalen wie youtube, vimeo oder dailymotion ansehbar]

Klein-Instanbul in Kreuzberg

Dieses Jahr ist ja 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen und darüber ist ja schon einiges geschrieben worden, aber die Perspektiven ändern sich…Vor 20 Jahren bestimmten die Verhandlungen über einen EU-Beitritt das Bild, zehn Jahre später drängte sich ein Sarrazin mit seinen wirren Thesen als Bezugspunkt in den Fokus.

Heute dominiert der Blick auf Erdoğan. Einer der Texte aus dem aktuellen Merkur wählte eine erfrischend andere Perspektive und bezieht dabei auch andere Migrationsgruppen ein. Zum Anderen ist er eine schöne Hommage an Gabi Delgado-López: http://www.merkur-zeitschrift.de/2021/04/23/kebabtraeume-in-der-mauerstadt/

Jedenfalls, es musste erst dieser Essay kommen um mich endlich dazu zu bringen, die schon bei ihrem Erscheinen 2019 erworbene und immer noch eingeschweißte Berlin-Trilogie von Aras Ören endlich zum Lesen aus dem Regal zu ziehen; ein Umstand, der sich mehr als gelohnt hat. Bis zur Neuerscheinung hatte ich noch nie etwas von diesen Poemen gehört und finde schon, dass das bemerkenswert ist, aber negativ, denn ich würde behaupten, dass das nicht meiner Ignoranz geschuldet ist, sondern der Nicht-Thematisierung und Nicht-Sichtbarmachung dieser Texte über die letzten Jahrzehnte. Ören, der 2019 80 Jahre alt wurde, lebt seit 1969 in Berlin, arbeitete viele Jahre beim Sender Freies Berlin und begründete 1996 die türkische Redaktion des RBB. Und er schrieb Bücher. Der Tagesspiegel bezeichnet ihn als Erzvater der türkisch-deutschen oder deutsch-türkischen Autoren, ja der deutschsprachigen Migrantenliteratur.

„Fangen wir erst einmal zu sprechen an,

fangen wir erst einmal an zu erzählen

von unserem Leben, unserem Kampf,

schwer und roh spricht die Geschichte aus jedem Mund,

denn, nicht wahr, was haben wir alles erlebt,

während wir die Werkzeuge in den Händen hielten.

Und was wir erlebt haben, zeigt sich

darin, wie wir leben.“

„Nach der ‚Naunynstraße‘ wollte ich jedes Jahr ein Buch veröffentlichen, bis die Türken als Teil der Gesellschaft anerkannt sind“, sagt Ören. Die „Berliner Trilogie“ unterteilt sich letztlich doch „nur“ in die drei Kapitel „Was will Niyazi in der Naunynstraße?“ (1973), „Der kurze Traum aus Kagithane“ (1974) und „Die Fremde ist auch ein Haus“ (1980). Ören beginnt ausgehend von einem Mietshaus in der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg die Geschichte seiner Bewohner zu erzählen.

„Es schneit in Berlin.

Die Temperatur ist 3 Grad unter Null.

Die Naunynstraße ist zugefroren.

Ihre Häuser sind fertig zum Aufwachen.

Niyazi Gümüşkiliç aus der Naunynstraße

geht mit schnellen Schritten,

wie Mitte September,

zum Blaufischfang in der Bucht von Bebek

geht er spät, mit schnellen Schritten,

den Kopf tief zwischen den Schultern

zur Nachtschicht.“

Die taz hat Ören mal Barde der Großstadt genannt. Der erste Teil wirkt auf mich tatsächlich am stärksten, obwohl er gleichzeitig am leichtesten zu lesen ist. Hier schwingt Sprache im Rhythmus der Straße im Gehen, richtiger Flow, das ist das Kreuzberg der 70er Jahre, das bald Klein-Istanbul genannt wurde. Es gibt dieses Kreuzberg natürlich nicht mehr. Als „Tunnel“ beschreibt Ören die Naunynstraße der 70er, und als „Steppe“. Baumlos, kalt, zum Abriss frei gegeben. Ein Treffpunkt im Hinterhof, ein alter Kastanienbaum, zum Tanzen und Trinken. Und Ören lässt sie dann alle zu Wort kommen: Die Müllfahrer, die Fabrikarbeiter/innen, die Gewerkschaftler, die Arbeitslosen, die kommunistischen Aktivisten. Die Witwe Frau Kutzer ebenso, wie Kazim oder Süleyman oder die 15-jährige Emine. Und sie alle sind Helden und Schurken und nichts davon, weil sie als Menschen in all ihren Widersprüchlichkeiten dargestellt werden.

Gerade der zweite Teil hat mich persönlich gelehrt woher genau diese Menschen kamen, nicht geografisch, sondern aus welchen Leben, Kindheiten, Erinnerungen, Psychogeografien und wie sie sich mit dem Berliner Leben mischen und verknoten, überlappen. Was wissen die Leute – und da schließe ich mich selbst mit ein – denn über die Türkei jenseits von aktuellen Meldungen zu Erdogan oder Ferienresorts in Izmir? Damals war das sehr sicher nicht anders.

Und weil dieser Barde die Straße spricht und doch nie in simples Jargon verfällt, sondern poetisiert, liest sich das wie ein Berlin Alexanderplatz im alten Kreuzberg, als hätte Fassbinder Poeme geschrieben und die Struktur des Gehörten-Erzählenden erinnert mich an das, was Swetlana Alexejewitsch. Richtig toll!