Klein-Instanbul in Kreuzberg

Dieses Jahr ist ja 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen und darüber ist ja schon einiges geschrieben worden, aber die Perspektiven ändern sich…Vor 20 Jahren bestimmten die Verhandlungen über einen EU-Beitritt das Bild, zehn Jahre später drängte sich ein Sarrazin mit seinen wirren Thesen als Bezugspunkt in den Fokus.

Heute dominiert der Blick auf Erdoğan. Einer der Texte aus dem aktuellen Merkur wählte eine erfrischend andere Perspektive und bezieht dabei auch andere Migrationsgruppen ein. Zum Anderen ist er eine schöne Hommage an Gabi Delgado-López: http://www.merkur-zeitschrift.de/2021/04/23/kebabtraeume-in-der-mauerstadt/

Jedenfalls, es musste erst dieser Essay kommen um mich endlich dazu zu bringen, die schon bei ihrem Erscheinen 2019 erworbene und immer noch eingeschweißte Berlin-Trilogie von Aras Ören endlich zum Lesen aus dem Regal zu ziehen; ein Umstand, der sich mehr als gelohnt hat. Bis zur Neuerscheinung hatte ich noch nie etwas von diesen Poemen gehört und finde schon, dass das bemerkenswert ist, aber negativ, denn ich würde behaupten, dass das nicht meiner Ignoranz geschuldet ist, sondern der Nicht-Thematisierung und Nicht-Sichtbarmachung dieser Texte über die letzten Jahrzehnte. Ören, der 2019 80 Jahre alt wurde, lebt seit 1969 in Berlin, arbeitete viele Jahre beim Sender Freies Berlin und begründete 1996 die türkische Redaktion des RBB. Und er schrieb Bücher. Der Tagesspiegel bezeichnet ihn als Erzvater der türkisch-deutschen oder deutsch-türkischen Autoren, ja der deutschsprachigen Migrantenliteratur.

„Fangen wir erst einmal zu sprechen an,

fangen wir erst einmal an zu erzählen

von unserem Leben, unserem Kampf,

schwer und roh spricht die Geschichte aus jedem Mund,

denn, nicht wahr, was haben wir alles erlebt,

während wir die Werkzeuge in den Händen hielten.

Und was wir erlebt haben, zeigt sich

darin, wie wir leben.“

„Nach der ‚Naunynstraße‘ wollte ich jedes Jahr ein Buch veröffentlichen, bis die Türken als Teil der Gesellschaft anerkannt sind“, sagt Ören. Die „Berliner Trilogie“ unterteilt sich letztlich doch „nur“ in die drei Kapitel „Was will Niyazi in der Naunynstraße?“ (1973), „Der kurze Traum aus Kagithane“ (1974) und „Die Fremde ist auch ein Haus“ (1980). Ören beginnt ausgehend von einem Mietshaus in der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg die Geschichte seiner Bewohner zu erzählen.

„Es schneit in Berlin.

Die Temperatur ist 3 Grad unter Null.

Die Naunynstraße ist zugefroren.

Ihre Häuser sind fertig zum Aufwachen.

Niyazi Gümüşkiliç aus der Naunynstraße

geht mit schnellen Schritten,

wie Mitte September,

zum Blaufischfang in der Bucht von Bebek

geht er spät, mit schnellen Schritten,

den Kopf tief zwischen den Schultern

zur Nachtschicht.“

Die taz hat Ören mal Barde der Großstadt genannt. Der erste Teil wirkt auf mich tatsächlich am stärksten, obwohl er gleichzeitig am leichtesten zu lesen ist. Hier schwingt Sprache im Rhythmus der Straße im Gehen, richtiger Flow, das ist das Kreuzberg der 70er Jahre, das bald Klein-Istanbul genannt wurde. Es gibt dieses Kreuzberg natürlich nicht mehr. Als „Tunnel“ beschreibt Ören die Naunynstraße der 70er, und als „Steppe“. Baumlos, kalt, zum Abriss frei gegeben. Ein Treffpunkt im Hinterhof, ein alter Kastanienbaum, zum Tanzen und Trinken. Und Ören lässt sie dann alle zu Wort kommen: Die Müllfahrer, die Fabrikarbeiter/innen, die Gewerkschaftler, die Arbeitslosen, die kommunistischen Aktivisten. Die Witwe Frau Kutzer ebenso, wie Kazim oder Süleyman oder die 15-jährige Emine. Und sie alle sind Helden und Schurken und nichts davon, weil sie als Menschen in all ihren Widersprüchlichkeiten dargestellt werden.

Gerade der zweite Teil hat mich persönlich gelehrt woher genau diese Menschen kamen, nicht geografisch, sondern aus welchen Leben, Kindheiten, Erinnerungen, Psychogeografien und wie sie sich mit dem Berliner Leben mischen und verknoten, überlappen. Was wissen die Leute – und da schließe ich mich selbst mit ein – denn über die Türkei jenseits von aktuellen Meldungen zu Erdogan oder Ferienresorts in Izmir? Damals war das sehr sicher nicht anders.

Und weil dieser Barde die Straße spricht und doch nie in simples Jargon verfällt, sondern poetisiert, liest sich das wie ein Berlin Alexanderplatz im alten Kreuzberg, als hätte Fassbinder Poeme geschrieben und die Struktur des Gehörten-Erzählenden erinnert mich an das, was Swetlana Alexejewitsch. Richtig toll!

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