50 Jahre Polizeiruf 110

Die Jubiläumsfolge aus Halle lief zwar bereits sEnde Mai letzten Jahres, aber der eigentliche Geburttag ist erst am 27. Juni, denn genau dann vor 50 Jahren lief der erste Polizeiruf 110 im DDR-Fernsehen, sieben Monate nach dem ersten Tatort in der alten BRD.

Ich habe mir die Jubiläumsfolge „An der Saale hellem Strande“ erst jetzt angesehen und wirklich sehenswert gefunden. Er stammt vom Team Clemens Meyer (Buch) und Thomas Stuber (Regie), die auch schon den meiner Meinung nach kongenialen Murot-Tatort „Angriff auf Wache 08“ vernatwortet haben. So ist dieser Einführungs-Polizeiruf für’s neue Team Halle gerade keine typische Vorstellungsepisode und auch kein betulicher 0815-Krimi, sondern geht gleich hinein ins Geschehen und fokussiert sich dabei vor allem auf die möglichen Zeugen, die ein wahres Panoptikum an Persönlichkeiten und Lebenssituationen bieten.

In der Rezension der FAZ bringt es Jan Brachmann für mich recht gut auf den Punkt:

„Und wenn die DDR gar nicht untergegangen ist? Wenn sie – hoffnungslos, bleiern und dumpf – einfach weiterlebt als ein unendliches 1988? Wenn sie sich wie Rost ins vereinigte Deutschland frisst, Licht und Lebensfreude verschluckt, Zukunft vernichtet, jeden Mut einschüchtert, weil alle Hoffnungen, die mit ihrem Untergang verbunden waren, in Enttäuschungen umgeschlagen sind, in Verbitterung aus der Erfahrung von Betrug und Erniedrigung – nur noch viel schlimmer, weil jetzt das Wissen hinzukam, dass Auflehnung sich nicht mehr lohnt und es Alternativen nicht mehr gibt?

Der Drehbuchautor Clemens Meyer jedenfalls entwirft mit dem Regisseur Thomas Stuber in der Jubiläumsfolge zu fünfzig Jahren „Polizeiruf 110“ ein Bild von einem traumatisierten, in sich selbst versackten Land, das der Kameramann Nikolai von Gaevenitz nicht nur nachtsüber ins müde Gelb des Lichts von Natriumdampflampen taucht. Es ist eigentlich immer Nacht in diesem Film, auch am Tage, und es ist immer Herbst, auch im Frühling.“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tatort/polizeiruf-mit-jubilaeum-stell-dir-vor-es-waere-immer-1988-17363016.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

Das mag bewusste Überzeichnung sein, doch ist dieses Mittel durchaus dazu geeignet gerade dadurch den Kern einer Sache sichtbarer zu machen. Die Geister der Vergangenheit spuken immer noch im Hier und Jetzt herum (eine Art Hauntology des Polizeirufs und der DDR). Und vielleicht ist das so und vielleicht ist gerade deswegen auch Halle dafür der richtige Ort. Der Halle-Polizeiruf mit Jaecki Schwarz war mir persönlich immer viel zu betulic, miss-marple-haft und hinterging damit für mich gerade das, was den Polizeiruf in der DDR-Zeit zu etwas Besonderem machte.

Ich las davon bereits in der Taschen-Reihe „100 beste Filme des Jahrzehnts – 80er“ im Text über den DDR-Klassiker „Paul und Paula“, nämlich das DDR-Filme auch abseits ihres Genres und den Figurendramen darin immer auch bewusst wie unbewusst Erzählungen zum Alltag in der DDR waren.

„Die Ermittlungsteams stehen nicht im Zentrum, in gestoppten Sendeminuten verliert die Polizei, ist in den Filmen mehr vom normalen Leben zu sehen, jenseits aller „Derrick“-Welt. Der Alltag der Nachtpförtner, Werftarbeiterinnen, Bahngleisläufer, Postbeamtinnen, Automechaniker, die in den Fall verwickelt sind, mal am Rande, mal zentral.“

https://taz.de/50-Jahre-Polizeiruf-110/!5771125/

Der frühere Polizeiruf-Kommisssar Andreas Schmidt-Schaller sagt das auch so im FAZ-Artikel:

„Durch die Fokussierung auf die Täter wurde früher viel mehr „Gegenwart erzählt. Es wurden Bilder eingefangen, die zeigten, wie unsere Alltagswelt aussah. Diese Aufmerksamkeit für Gegenwart und Alltagsleben scheint mir heute etwas verlorengegangen oder zumindest beliebiger geworden zu sein. Man unterschätzt ein wenig, was das für die Reihe bedeutet. Durch die Verschiebung des Fokus hin zu den Ermittlern gleichen sich die Folgen einander an. Das Ergebnis ist eine stärkere Gleichförmigkeit.“

Mal davon ab, dass mich ein zu ausführlicher Fokus auf das Privatleben der Ermittler auch immer abschreckt, konnte man in der Langen Nacht des DLF zum Jubiläum, die auch die Ursprünge des Formats nachzeichnet anhören, was die Verantwortlichen und Kreativen von Anfang an trieb:

„Und wenn du eine Krimireihe machen würdest, die DDR-Fälle aufgreift, und die nicht eine Krimireihe ist, sondern vor allem Gegenwarts-Film ist,

[…]

Für uns war die Aufgabe nicht schlechthin, sowas wie „Tatort“ zu machen, sondern wir wollten einen interessanten Kriminalfall, realistische Situationen, soziale Konflikte, also ein Stück Wirklichkeit, wie sie sich bei uns abgespielt hat. Denn in Fernsehspielen war das so ohne weiteres nicht möglich. Und da war der Kriminalfilm ein wunderbares Mittel, Gegenwartskunst zu machen, Konflikte zu beschreiben, wenn auch die notwendige künstlerische Qualität damit verbunden war

[…]

Also das MdI hat ja uns ja nicht nur die Fälle vorgegeben, sondern hat dann auch die Bücher gelesen, die fertig wurden. Und hat darauf geachtet, dass die beiden Hauptpolizisten im Umgang der Wirklichkeit der Kriminalpolizei entsprachen. Das war eine wichtige Sache.

[…]

Es waren zum Teil (auch) Krimiautoren, aber in der Regel ohne Erfahrung auf dem Gebiet der Krimis, weil wir auch wollten oder ich auch wollte, dass sie auch ihr Interesse für Gegenwartsprobleme in den Krimi einbringen.

[…]

Also da ist viel im Polizeiruf erzählt worden, was in einem anderen Format innerhalb des Fernsehens nicht erzählt hätte werden können.Das war ja das Interessante an der Arbeit, dass man eine spannende Gegenwartsgeschichte hatte, und es jetzt darum ging: wie packst du die in eine Kriminalerzählung? Wie wird aus einer Gegenwartsgeschichte eine Kriminalgeschichte, dass du sie als Krimi erzählen kannst?

[…]

Wann immer es geht, werden den Fernsehzuschauern moderne Großfahndungen und neuste Polizeitechnik vorgeführt…Das MdI hatte ja mit dem Fernsehen der DDR einen Vertrag gemacht. In dem Vertrag stand, dass alle technischen und organisatorischen Probleme, die mit der Kriminalpolizei im Film darzustellen sind, vom MdI gestellt werden. Also ob Hubschrauber, Mannschaftswagen, Wasserschutzpolizei, Kräder, Spurensuche, Hundestaffel, also was sozusagen kriminalistische Arbeit ausmacht. Das wurde alles gestellt. D. h., dass musste das Fernsehen nicht bezahlen.“

https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-lange-nacht-zum-polizeiruf-110-einsatzgruppe-fuchs.1024.de.html?dram:article_id=498904

Und weil wegen des Jubiläums viele alte Folgen in der Mediethek zu finden sind und die FAZ einige besonders erwähnte, habe ich mir die die Tage über dann auch mal angesehen.

Währennd die erst vor Jahren wiederveröffentliche, lange unter Verschluss gehaltene Folge „Im Alter von…“, der der Hagedorn-Fall zugrunde lag und den DDR-Oberen deswegen zu heiß wurde, regelrecht altbacken und verklemmt daherkommt, sollte man „Mann im Baum“ (1988) über einen Vergewaltiger, der vom „netten“ Publikumsliebling Gunther Schubert großartig gespielt ist und sich für diese Zeit (nicht nur der DDR) bei der Darstellung viel wagt, sondern auch viel Gewicht auf den Umgang der Bevölkerung mit solchen Taten legt, unbedingt mal gesehen haben.

Die Folge „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ auf dem auch in der aktuellen Jubiläumsfolge referiert wird, ist nicht nur erschreckend gut gespielt, er zeichnet den Weg des Alkoholikers nicht als bereits von Grund auf verbummelt, sondern als Folge von Schicksalsschlägen, die langsam in die Katastrophe führen. Ähnliches tut die (nach einer Ausstrahlung im Giftschrank verschwundene und seinem Autor/Regisseur passives Berufsverbot bescherend) „Schuldig“ in dem nicht nur eine Alkoholikerin die Hauptperson ist, sondern auch indirekt die Wohnungspolitik der DDR kritisiert wird und ein Phänomen, das selbst heute immer noch vielfach beschwiegen wird, nämlich der einsame Tod (es ist hier am Ende zwar doch Mord, aber das tut dem Eindruck keinen Abbruch, ist evtl. auch ein Zugeständnis) eines Vergessenen, den auch die Nachbarn nicht mitbekommen (wollen).

Die Folge „Außenseiter“ spielt in einem Sanatorium in Heiligendamm und sowohl von der Geschichte als auch vom gefilmten Ambiente wirkt das als hätte man sich überlegt, wir nehmen Thomas Mann „Zauberberg“ und „Tod in Venedig“ mischen noch etwas Ibsen „Gespenster“ hinein und lassen es als Krimi in der DDR spielen, großartig!

Unbedingt erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch einer der letzten DDR-Polizeirufe „Das Duell“ in dem die Handlung auf kluge und die Kritik aufnehmende Weise in die gesellschaftspolitischen Ereignisse des Oktobers 1989 eingebettet wird und wie ein Abgesang auf Staat und Format daherkommt bis zum offenen Ende. Das ist wirklich sehr gut gemacht. Und geschrieben von Jürgen Frohriep, der selbst den Kommissar Hübner in vielen Polizeirufen spielte.

[Alle erwähnten Folgen sind entweder (noch) in der ARD-Methiathek oder auf Videoportalen wie youtube, vimeo oder dailymotion ansehbar]

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