Hundertwasser am Regentag in Apolda

„Die Abwesenheit von Kitsch macht unser Leben unerträglich. Ohne Romantik geht es nicht.“

Hundertwasser in „Die falsche Kunst“, 1981
„Gib acht wenn Du über die Prärie gehst“

Das Kunsthaus Apolda zeigt endlich seine Hundertwasser-Ausstellung. Ich bin wirklich froh für das Kunsthaus, dass das noch geklappt hat nachdem die Corona-Pandemie das fast komplett ins Wasser fallen lassen hätte und damit auch den Verein, der das Kunsthaus betreibt in große Bredouille gebracht hätte. Das Thema zieht halt auch enorm und war groß geplant, die Exponate harrten in ihren Boxen, die Versicherungen liefen.

In Apolda konzentriert man sich auf die Drucke, Holzschnitte und Radierungen.

Hundertwasser beherrschte und erneuerte viele grafische Techniken: Lithografie, Siebdruck, Radierung, Farbholzschnitt und Mixed media Drucktechniken. Er war einer der ersten, der eine völlige Transparenz der Technik, der Entstehungsdaten und Auflage für jede einzelne Originalgrafik gefordert und eingehalten hat. Viele von Hundertwassers Grafikauflagen bestehen aus mehreren Farbversionen und Varianten, die nicht separat nummeriert sondern durch die gesamte Auflage durchnummeriert sind. Sein Ziel in der Kunst der Originalgrafik war es, entsprechend der Vielfalt in der Natur innerhalb einer Auflage eine Vielfalt unterschiedlicher Blätter herzustellen. Gemeinsam mit seinen Druckern in Wien und Venedig erarbeitete Hundertwasser schwierige und effektvolle Druckprozesse. Er war der erste europäische Maler, dessen Werke von japanischen Meistern geschnitten und gedruckt wurden.

Ausstellungstext


Wiewohl ich rein inhaltlich/ästhetisch kein besonderen Faible für Hundertwasser habe, finde ich ihn gemessen an seinem Eigensinn, der Hintergehung von technischer Reproduktion auf Basis der Technik (der Druck als Vervielfältigungsmaschine des Gleichen, produziert durch kleine Eingriffe Unikate) und der tiefen Beschäftigung und Erweiterung bei den Drucktechniken einen bemerkenswerten Menschen und Künstler.

Höchst sympathisch ist ja bereits, dass der Vorwurf des möglichen Kitsches von Hundertwasser selbst bereits antizipiert und für sich ins Positive kehrt, nicht indem er sagt, dass kein Kitsch ist, sondern indem er es zu einem Bestandteil des Lebens bzw. der Menschen macht, der da und auch benötigt ist. Hundertwasser schreibt außerdem:

„Kunst muss wertvoll sein und Werte aufbauen und nicht Werte zerstören. Ind er Kunst muss man sich zu Hause fühlen, geborgen wie in der Heimat. Die Kunst muss schön und wahr und gut sein. Die Kunst muss zur Einfachheit zurückfinden in dieser verkomplizierten Welt.“


Für mich persönliche eine schwierige Definition allein deshalb, weil ’schön‘ und ‚gut‘ Begriffe ohne festen objektiven Inhalt sind. Und ob man sich in etwas zu Hause oder der Heimat fühlt – beides für mich auch nicht äquivalent oder zwingend verbunden – muss auch deswegen nicht unbedingt schön oder gut sein, in der Heimat gibt es auch das Schlechte, das Unheimliche, das Unschöne und letzteres hat manchmal seine eigene Schönheit und Größe. Wo ich mitgehe ist die Einfachheit. Aber selbst hier wird es schwamming, denn selbst das Einfache kann von verschiedenen Menschen verschieden beschrieben werden. Eine Besucherin der Ausstellung sagte zu ihrer Begleitung, sie würde es mögen mit was für einfachen Formen Hundertwasser arbeitete bei denen man sich doch nie fragte was es sei oder wie es real doch aussehen würde. Einfachheit ist nicht simpel und Einfachtheit hat immer etwas Wahres, sonst ist sie keine.

Und ein ganz kleiner, unauffälliger Holzschnitt eines japanischen Druckers (die drucken selten Westler) hat mir besonders gefallen, mit dem schönen Titel „Insel der verlorenen Wünsche„, wiewohl ein typischer Hundertwasser, ist es nah am japanischen Holzschnitt im Geiste Cezanne und Van Goghs. Und ebenso das zurückhaltende „Gib acht wenn Du über die Prärie gehst„.

„Insel der verlorenen Wünsche“


Im obersten Stockwerk des Hauses, dem Kabinett wurde ein herzallerliebst altmodischer Film aus den 70ern von Peter Schamoni gezeigt. Er zeigt den Werdegang, die Arbeitsweise und Gedankenwelt Hundertwassers, aber nicht nur seine Arbeit, sondern auch sein privates Umfeld, Gespräche mit Menschen auf der Straße und den Umgang mit seinen geliebten Tieren. Außerdem begleitet Schamoni den Künstler auf seinen zahlreichen Reisen.

Hundertwasser im bunt gestreiften Bademantel vor grauer, schwerer Wien-Kulisse oder im schwarz-weißen neblig-regnerischen Venedig, und dann legen sich die bunten Bilder des Künstler darüber. Dass ist gerade in Bezug auf Hundertwassers Kunstverständnis auf bezeichnende Art und Weise rührend und lebensfroh.

https://youtu.be/KW9QOV1lRiA

Ich denke man kommt nicht umhin vor dem Hintergrund der Bilderwelt in der wir seit wenigen Jahrzehnten leben, sich auch klar machen zu müssen, dass Hundertwasser damals auffällig und außergewöhnlich bunt und grell war im Gegensatz zu Vielem um ihn herum. Er sagt das selbst über Wien und sein Grau und seine Ignoranz und abschmetternde Schwere, die ihn gerade in diesem Gegensatz immer wieder hat kreativ werden lassen, als Gegenbild, als Widerstand.

Denn Hundertwasser sagt, wenn er malt, dann träumt er und dass die Kunst Träume sind.

Träume sind die letzte Zuflucht des Menschen, die letzten Königreiche, die ihm ganz gehören. Träume zerstören ist so, wie wenn man dem Menschen seine Wurzeln und seine Zukunft wegnähme und nichts bleibt, wonach er sich sehnen kann. Der Mensch lebt von Träumen.

1988

Wer Heiner Müllers Traumtext und Klaus Theweleits Ausführungen dazu kennt, die sich zwar im konkreten auf Litaratur und Theater, aber letztlich eben Kunst allgemein beziehen, mag vielleicht daran gedacht haben:

„Traum ist Text. Oder er ist, in den visuellen Medien, Gemälde bzw. Kinobild. Traum heißt das, existiert nicht außerhalb und nicht unabhängig von Kunstformen oder von Medienkonstellationen

[…]

Dies hieße nicht weniger, als daß es vom Akt des Aufschreibens her keinen prinzipiellen Unter-schied gäbe zwischen Traum und Literatur, sondern daß auch hier, wie meistens beim näheren Ansehn künstlicher Wirklichkeiten, die Differenz der Qualitäten, Quantitäten und Intensitäten entscheidend ist. Der Artist würde sich der Träume ebenso sehr »bedienen«, wie der Träumer der Literatur, interessant ist nur, im Fall der Produktherstellung und Veröffentlichung, der Kondensationsgrad ihrer Künstlichkeit, ihre energetische Aufladung durch literarischen Artismus oder durch eine gut konstruierte Traumtheorie.“

Klaus Theweleit in: „heiner müller. traumtext“

Vielleicht ist öffentlich erfolgreiche Kunst – und damit meine ich nicht unbedingt die, die teuer verkauft wird, sondern gerade die, die die „normalen“ Menschen in die Ausstellungen lockt und auf Postkarten verkauft wird, deshalb erfolgreich, weil sie jenes kollektive Unterbewusste, ein kollektives Träumen verewigen. Und ob dass dann Kitsch sei, würde sich beinah gar nicht mehr stellen. Er wäre das kollektive Bedürfnis…vielleicht nach Schönem, Guten und Einfachen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s