Netzschau Alpha bis Omega

Politik

Zur Flutkatastrophe

https://www.cicero.de/innenpolitik/flutkatastrophe-renaissance-fursten-deutscher-politik-laschet

Wahleinfluss? 2 Podcasts:

Politiker und Nebeneinkünfte?

Meine ganz persönliche Sicht darauf – das Argument Verbot von Nebeneinkünften würde bestimmte Berufsgruppe von der aktiven Politik fernhalten, kann ich nur ernst nehmen, wenn nicht jetzt bereits ein Großteil der Berufgruppen quasi passiv ausgeschlossen wären und die Politiker mit hohen Nebeneinkünften alle aus solchen „prekären“ Berufsgruppen kämen. Dies ist nicht der Fall. „Die Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten stellen aus Sicht vieler Ökonomen ein Problem für die Qualität der Arbeit im Deutschen Bundestag dar. Laut neuestem Ökonomenpanel, einer regelmäßigen Umfrage des Ifo-Instituts und der F.A.Z. unter Wirtschaftsprofessoren an deutschsprachigen Universitäten, sehen rund zwei Drittel der Teilnehmer die Nebeneinkünfte kritisch. Nur ein knappes Viertel sieht darin kein Problem, der Rest zeigt sich unentschlossen. Am Panel teilgenommen haben diesmal 146 Professoren.“ https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/nebeneinkuenfte-von-abgeordneten-oekonomenpanel-von-ifo-institut-und-faz-17400478.html

Pflegesystem Deutschland

Ein Thema, dass so lange umtreibt, dass es jedes Mal wieder zornig macht, dass es „trendet“ um dann doch wieder vergessen bzw. beschwiegen zu werden. Das sind Gründe, warum Pflegeversicherungsbeiträgeerhöhung so ein Schlag ins Gesicht für die Versicherten ist, nicht weil man unsolidarisch ist, sondern, weil die, die daran verdienen ihre Unsolidarität denen aufbürden, die eh schon zu kämpfen haben: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/das-milliardengeschaeft-altenpflege-heime-als-gewinnmaschinen-fuer-konzerne-und-investoren/27424770.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

-> Satire stößt da an ihre Grenzen, wenn sie im Grunde nur noch den Status-Quo beschreibt: https://www.youtube.com/watch?v=NdfaNJZRGag

Identitätspolitik für Menschen statt für Strohmänner und -frauen

Ein wirklich lesenswerter Beitrag, der ziemlich genau auf den Punkt bringt, was wie ich Identitätspolitik verstehe. Dass man sich um die schlechten Holzschnitte der „Gegner“ nicht weiter echauffieren muss, sollte im Grunde klar sein, aber man sollte eben die Laubsägearbeiten ihrer allzu beflissenen Hyperverteidiger genauso wenig zum Modell machen. Wie meist ist die Wahrheit in der Mitte…“Das Missverständnis beruht darauf, dass Identitäten als kulturelles Phänomen von jenen Ausbeutungs- und Machtstrukturen abgekoppelt betrachtet werden, aus denen sie entstehen.“ Und diesen Passus betreiben eben nicht nur konservative Werthuberer, sondern auch grad jene weißen Bürgerlinge (ja!), die eben doch vor allem Lifestyle leben ohne eine Axt an die eigene Rollen in diesen Strukturen zu legen: „Hier erklären sechs Menschen, warum ihre soziale Identität keine Frage des Lifestyles ist. Warum nicht das Ampelmännchen weibliche ostdeutsche Identität seit der Wende prägt, sondern die sexistischen Arbeitsnormen des Westens. Warum Antirassismus kein cooler Schriftzug auf T-Shirts ist, sondern ein Kampf um das Überleben. Warum Versöhnung keine Frage des Wollens ist, sondern eine des Rüstungsstopps, der Abschaffung von Hartz IV, der Aufarbeitung deutscher Vorherrschaft, der Strafverfolgung von Neonazis, schlicht: eine Frage gesellschaftlicher Veränderung.https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wer-hat-angst-vor-identitaetspolitik

Die AfD als strategisches Projekt rechter Milliardäre?

Tom Röhrback als der mögliche finanziell politische Hintermann der AfD (aber auch anderen):

„Fünf Politiker und Geschäftsleute, mit denen die Reporter über Tom Rohrböck gesprochen haben, erzählten unabhängig voneinander und zum Teil ungefragt, Rohrböck habe ihnen gegenüber behauptet, er bekomme Geld von dem Milliardär August von Finck junior. Was Rohrböck mit diesem Geld anstellen soll? Seit über einem Jahrzehnt scheint er sich im Auftrag des Milliardärs um den Aufbau einer Partei rechts der CDU, eine deutsche „Haider-Partei“ zu bemühen. …Nachdem ein Versuch, eine solche Partei in Deutschland unter dem Titel „Aufbruch 21“ aufzubauen, scheiterte, sah Rohrböck ein besonderes Potenzial in der AfD. Dazu förderte er gleich zwei Mitgründer der Partei.“ https://perspektive-online.net/2021/06/hinter-der-afd-steht-das-kapital-und-dessen-soeldner-tom-rohrboeck/

Hier ist einer der beteiligten Investigativjournalisten hinter dieser Recherche im ZEIT-Podcast zum Thema zu hören: https://www.zeit.de/politik/2021-06/afd-tom-rohrboeck-einflussnahme-macht-unternehmer-nachrichtenpodcast

Die Doku dazu:

-> Und wen fördert im nächsten Schritt dann die AfD?: https://jacobinmag.com/2021/07/germany-alternative-fur-deutschland-dveri-balkans-anti-immigrant-far-right/

Bundeswehr und Sicherheitspolitik

Wiewohl ich ein Gegner der Sicherheitspolitik mit Militärdrohung bin und auch der Bundeswehr und Auslandseinsätzen fand ich dieses Interview mit dem Sicherheitsexperten Masala doch unbedingt lesenswert, selbst da, wo ich ihm eben nicht zustimme, aber deswegen auch da, wo ich mit im konform gehe; den Interventionismus der letzten Jahrzehnte, der noch mehr Unordnung brachte und die Wohlfühlformeln auf dieser Ebene, die mit der Realität wenig zu tun haben: „Die Sprache der Macht kann nur sprechen, wer Machtmittel hat. Wer sie nicht hat, macht sich leicht lächerlich. Wer großartige Ankündigungen macht, die er nicht mit Druck unterlegen kann, wird in der Welt der Macht schnell als Papiertiger entlarvt.“: https://www.zeit.de/2021/26/sicherheitspolitik-deutschland-bundeswehr-carlo-masala

-> siehe auch evtl.: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ard-dokumentarfilm-soldaten-begleitet-drei-rekruten-17425064.html

-> In dem Zusammenhang sicher ganz erwähnenswert: Ist die Linke die letzte Bastion des Pazifismus in der Parteienlandschaft und zu welchem Preis? https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/linien-und-spannungsfelder-linker-sicherheitspolitik/

Der Roboter am Arbeitsmarkt

Das mögliche Ersetztwerden ist evtl. gar nicht das Problem, sondern das Messen des Arbeitens an statitischen Daten für Abläufe und Algorithmen: https://www.vox.com/the-goods/22557895/automation-robots-work-amazon-uber-lyft

International

Fünf Jahre ist das jetzt schon her! Seither hat das Brexit-Votum die politische Debatte nachhaltig vergiftet – nicht nur auf der Insel: „Was genau der Game Changer war, der zum Brexit-Votum führte, lässt sich deshalb kaum ausmachen. War es die Spielerfigur Boris Johnson? War es die berühmte Lüge von den 350 Millionen Pfund, die Großbritannien angeblich jede Woche nach Brüssel schickte? Verbunden mit der Ansage: „Lasst uns das Geld lieber ins Gesundheitssystem stecken.“ War es die Kritik an der Austeritätspolitik der EU? Wobei es nicht der Ironie entbehrte, dass Epigonen von Margret Thatcher, wie der Tory-Brexiter Michael Gove, plötzlich die Sorge um Sozialstandards proklamierten. Thatcher dürfte mit ihrer sozialen Kahlschlag-Politik der britischen Bevölkerung mehr Schaden zugefügt haben als die EU, aber von der Schuld der Tories an den Ursprüngen der Verelendung ließ sich mit der Brexit-Kampagne ganz wunderbar ablenken. Waren es die Sehnsuchtsbilder vom Glanz des alten Empire? Oder schlicht das Thema Migration, das die Brexit-Debatte dominierte? Klar war nur, der Brexit markierte einen Triumph des Neo-Nationalismus.“ https://www.freitag.de/autoren/martina-mescher/schuld-an-der-misere

Eine neue ägyptische Hauptstadt aus China?

„In Egypt, a huge “New Administrative Capital” is being built, approximately 45km (28 miles) to the east of Cairo, on a swath of desert equal to the size of Singapore.If you take a walk or drive across Cairo, you may be tempted to think that the Egyptian government embarked on this multi-billion-dollar project to meet an urgent need. Indeed, the current capital is hardly functioning. Ministries and embassies surrounding Cairo’s central Tahrir Square are clogging the city’s arteries. With many streets blocked to ensure the security of these buildings and their occupants, it is at times impossible to go from A to B in the city. Moreover, the already overcrowded capital’s 22-million population is expected to double by 2050. So it is easy to believe the New Administrative Capital, which is expected to house embassies, government agencies, the parliament, 30 ministries, a spiralling presidential compound and some 6.5 million people when completed, is a necessity. It seems that it will not only move administrative buildings out of Cairo, but also create much-needed housing. Moreover, the government committed to allocate 15 square metres of green space per inhabitant in the new development. The new capital will have a central “green river”, a combination of open water and planted greenery twice the size of New York’s Central Park. So the project is also being sold as an effort to tackle pollution and make Egypt “greener”. But if you look beneath the surface, and most importantly, follow the money, you will clearly see this project is much more than an altruistic effort by the government to decongest Cairo and improve the living conditions of the city’s inhabitants.“: https://www.aljazeera.com/opinions/2021/7/5/why-is-egypt-building-a-new-capital

-> Und warum China davon profitiert: https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-05/aegypten-china-neue-haupstadt-aegypten-wirtschaftsbeziehung-seidenstrasse-iconic-tower?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Wohin steuert Indien?

Trilemma: https://das-blaettchen.de/2021/07/indiens-%e2%80%9etrilemma%e2%80%9c-57663.html

-> Stimmung gegen Muslime: https://www.theguardian.com/news/ng-interactive/2019/may/24/the-hour-of-lynching-vigilante-violence-against-muslims-in-india-video

Kultur

Peter Rohns Bilder von der Mauer in der Auflösung: https://www.maz-online.de/Thema/Specials/W/Wendezeit/Potsdamer-Maler-Peter-Rohn-dokumentierte-die-Mauer-in-Oelgemaelden

Im Dante-Jahr die erste Adaption des Infernos und der erste italienische Film überhaupt:

Die Geschichte von Kodak: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2021/07/kodak-rochester-new-york/619009/?utm_source=pocket_mylist

„New Women“-Movement der Fotografie im 20. Jh.: https://www.bbc.com/culture/article/20210705-how-the-new-woman-blazed-a-trail-of-empowerment?ocid=global_culture_rss

Fundstücke

Tolle Skizzen vom Fischmarkt in London: https://www.theguardian.com/artanddesign/gallery/2021/jul/03/sketches-traded-for-stories-at-billingsgate-fish-market-in-pictures

Die Gesichter der Dinge (also ich kenne das):

https://www.theguardian.com/australia-news/2021/jul/07/so-happy-to-see-you-our-brains-respond-emotionally-to-faces-we-find-in-inanimate-objects-study-reveals

Lora Webb Nichols created and collected some twenty-four thousand negatives documenting life in her small town.:

https://www.newyorker.com/culture/photo-booth/a-womans-intimate-record-of-wyoming-in-the-early-twentieth-century

Foto- und Fahrrad-Pionierin Alice Austen

https://www.brainpickings.org/2021/06/26/alice-austen/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+brainpickings%2Frss+%28Brain+Pickings%29

Guter Longread über die Chowchilla-Schulbus-Entführung und den Schatten, den sie immer noch wirft: https://www.vox.com/the-highlight/22570738/chowchilla-school-bus-kidnapping

Wie ein Kochbuch die Slowenische Sprache „rettete/erfand“: https://www.atlasobscura.com/articles/first-slovene-language-cookbook

Moderne Nomaden als Tachigali visicolor

Ich war gestern das allererste Mal seit dem Beginn der Corona-Pandemie wieder in einem Lichtspielhaus. Entgegen des vemeintlichen?) Trends, dass das Kinogehen ausstirbt, gehöre ich zu denen, die Filme noch am liebsten auf diese Art erleben – auch weil es mich deutlich mehr fokusiert als daheim auf dem Sofa zu sitzen.

Der oscarprämierte Film „Nomadland“ hat mich seinerzeit als ich den Trailer sah nicht so sehr überzeugt, tatsählich hegte ich große Sorge, dass da die Grenze zu naiver Romantik und Kitsch überschritten werden könnte. Was ich gleich sagen kann zum Glück ist dem nicht so (wenn es nah kommt, dann wird noch rechtzeitig abgebrochen bzw. einiges käme gar nicht in Gefahr, wenn es nicht dieses Einaudi-Geklimper im Hintergrund geben würde). Für mich ist der Film das, was man einen „Slowburner“ nennt, ich brauchte etwas Zeit um mich hineinzubegeben (es gibt sicher Menschen, die diesen Film langweilig finden werden,im Grunde geschieht auf der Oberfläche recht wenig), aber dann hatte er mich sehr eingesogen und ganz unmerklich sehr mitgenommen. Filme, die, wenn man das Kino verlässt einen in ihrer Atmosphärenblase weiter durch de Straßen weiterlaufen lassen.

Er basiert auf einem Reportagebuch über die modernen Auto-Nomaden in den USA und da bis auf die Hauptdarstellerin Frances McDormand Laiendarsteller sind und quasi eine Version ihrer Selbst spielen, hat der Film durchaus eine halbdokumentarische Dimension. Es wäre vielleicht einfach gewesen noch mehr Gewicht darauf zu legen, noch mehr der Kapitalismuskritik und des Sozialdramas aus dem Buch in den Film zu legen, aber man kann froh sein, dass es gerade nicht getan wurde. Zum einen, weil der Film sich dann in meinen Augen etwas ad absurdum geführt hätte (das wird auch in der SZ-Rezi oben angesprochen) und zum Anderen, Wichtigeren, weil er es deswegen schafft ein zeitloses Moment zu erreichen.

Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist die unglaubliche Balance zu der er fähig ist. Nicht nur,weil er wie bereits erwähnt zugleich ein zeitiger Film über das moderne (Arbeits)Leben im Kapitalismus, den USA im speziellen ist – der Film kontert das implizit mit der Karriere als Goldenem Kalb und dem Abgesang auf den Job als Lebensglückerfüllungsanstalt – und über grundmenschliche Gefühle wie Trauer, Erinnerung, Drang nach Freiheit, Sehnsucht, Angst und Freundschaft ist. Er schafft darin auch das Gleichgewicht, dass er das Leben der modernen Nomaden weder glorifiziert und romantisiert (wenn das im Film geschieht, tut dies bezeichender Weise die bürgerlich-mittelständisch lebende Schwester der Protagonistin in einer Mischung aus Bewunderung und kleinem, stillen Neid), noch werden sie bemitleidet, vorgeführt, noch für sonst eine Art von Norm oder Moral ausgenutzt; sie sind weder Helden, noch Parias. Und so sind sie genauso freiwillig wie unfreiwillig (Unfreiwilligkeit bezieht sich hier auf Umstände, die Entscheidungen nachhaltig beeinflussen, dass von freier evtl. keine wirkliche rede mehr sein kann) das, was sie sind. Aus welchen Umständen heraus sie sich für dieses Leben entschieden haben, sie leben im wahrsten Sinne des Wortes mit dieser Entscheidung und bedauern sich selbst nicht.

Und es ist sicher auch nicht unerwähnenswert, dass nicht nur die Hauptfigur eine Frau ist, sondern auch ein Großteil der Nebencharaktere. Die NomadIN, die Alleinreisende (gilt allgemein für das Alleinreisen, aber für Frauen immer noch im Besonderen – ich spreche da aus Erfahrung) ist immer noch eine Figur abseits der bekannten Fahrwasser, die sie vor dem Kitsch schützen kann, möge er positiv oder negativ sein.

Die andere Mitte, die der Film findet, hat mich persönlich sehr beeindruckt und das sie mir so sehr auffiel, mag eventuell dem geschuldet sein, dass ich vor dem Kinobesuch in der neuen Sonderschau „Ich hasse die Natur!“ im Schiller-Museum von Weimar gewesen bin, die zum Themenjahr „Neue Natur“ 2021 konzipiert wurde. „Nomadland“ ist für mich nämlich auch ein Film über den Menschen und die/seine Natur.

„Die Ausstellung setzt den idyllischen Weimarer Park¬anlagen einen starken Kontrapunkt entgegen. Bedrohlich, beherrschbar, faszinierend – die Natur begegnet dem Menschen auf viele Weisen. Wir selbst sind Natur und möchten doch noch etwas Anderes sein: mehr als sie, ihr nicht ausgeliefert, sie bewundernd und benutzend.“

Der Film spielt zu einem Großteil im amerikanischen Westen und jenen Regionen in denen die Prärien, Wüsten und Canyons ohne viele Menschen über die Weiten erstrecken. Es sind menschlich gesehen unwirtliche Gegenden, die mit klirrender Kälte und schonungsloser Hitze aufwarten und den Menschen, die sie durchqueren und in ihnen leben entgegenschleudern. Aber sie sind genauso schön und erhaben. Ihre leeren Weiten sind Risiko und Freiheit im gleichen Atemzug. Die Einfachheit des Nomadenlebens und die Möglichkeit des Erlebens/Seins in diesen Räumen verdichtete sich für mich in dem Filmbild in dem die Protagonistinmit einem Freund mit selbstgebauten Grill am Van Fleisch zubereitet, dass sie dann beide auf Klappstühlen sitzend am Rande eines riesigen Canyons wohl der Black Hills zu sich nehmen.

(Alle Filmstiils: Searchlight Pictures)

Das andere Bild, dass mir besonders im Gedächtnis blieb und einen speziellen Aspekt des Mensch/Natur-Themas illustriert ist wie die Protagonistin in der Abenddämmerung, nur noch Schatten vor dunkelndem Himmel vor einer Dinosauerierstatue, eingezäunt mitten in der Wüste von South Dakota, steht, dass das Restaurant in dem sie ihren Saisonjob vertut, auf seinem Gelände für die Kinder der Besucher aufgestellt hat. Sie sieht hinauf und beide sind allein, der eine längst ausgestorben, der Andere wird sterben, so oder so, wenn nicht als Gattung, dann aber defintiv als Einzelner.

Die Einsamkeit in „Nomadland“ ist genauso in Balance wie alles, sie ist tröstlich, sie kann ein Glücksmoment und ebenso kann sie Bürde und Last sein. Dass eine genießen und das andere aushalten, mag die Ars Moriendi sein. Und so macht der Film denn auch jenseits des Alleinseins der Hauptfigur, die ihren Mann und ihr Zuhause verloren hat vor der Kulisse der Natur diese Einsamkeit zu jener Existenziellen, die wahrscheinlich ein Grundmoment des menschlichen Daseins ist. J.J.Richards Kamerafahrten sind dabei sowas wie die Neue Sachlichkeits-Variante von Emmanuel Lubezkis Arbeiten gerade bei Malick-Filmen.

Als die Hauptfigur durch die Überreste ihrer alten Stadt, die aufgelöst wurde als der Industriezweig unrentabel wurde, der sie überhaupt erst enstehen ließ, durch ihre Erinnerungen läuft, sehen wir diese nicht, nur die modernen Ruinen einer Industriestadt, der am Ende auch jene Orte angehören, die der Film eben auch durchstreift; die Tankstellen, Campingsites, Industrie- und Gewerbeparks, Garagenländer, jene Edgelands der Menschen, die sich zwar einst in die Natur hineinfraßen und doch stets noch mit einem Bein in ihr sind, immer kurz davor zurückzufallen – eine Arbeit in der Ausstellung zeigt in einem Filmrondell genau das, die Zerstörung der Natur, die Verstädterung, der Rückfall der Städte in den Wald und wieder alles von vorne, immer wieder. Es sind nicht nur die Orte der Gesellschaftsränder und gesichtslosen Transite und Nicht-Orte, die dem modernen Nomadenleben inhärent sind, sie sind das was der Anthropozän-These (eine lesenswerte Kritik des Konzepts hier: https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/von-wegen-anthropozaen und ein lesenswerter, nüchterner Bericht zum „Symbolort“ Hambach: /https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/ortsbesuch-in-hambach/) entgegen steht, die Erschaffung neuer Räume, die keineswegs nur Zerstörung und Tod sind – nicht umsonst sind es gerade die menschlich unbewohnbar erscheinenden verseuchten, vergifteten Gebiete; Tschernobyl, ehemalige Milität- und Chemieanlagen, die mittlerweile artenvielfältige Biotope geworden sind. Der Mensch überschätzt sich weiterhin und unterschätzt die natur, das Anthropozän, dass wie die Zerknirschung wirkt, belässt und erhebt den Menschen genau in die Machtposition, die er damit eigentlich kritiseren will – die Natur findet immer einen Weg.

Hier sind wir durchgegangen

Mit unseren Werkzeugen

Hier stellten wir etwas Hartes an

Mit der ruhig rauchenden Heide


Hier lagen die Bäume verendet, mit nackten

Wurzeln, der Sand durchlöchert

Bis in die Adern, umzingelt der blühende Staub


Mit Stahlgestängen, aufgerissen die Orte

Überfahren mit rohen Kisten, abgeteuft die teuflischen

Schächte mitleidlos


‚Ausgelöffelt die weichen Lager, zerhackt, verschüttet,

zersiebt, das Unterste gekehrt nach oben und

durchgewalkt und entseelt und zerklüftet


Hier sind wir durchgegangen. […]


Das Restloch mit blauem Wasser

Verfüllt und Booten: der Erde

Aufgeschlagenes Auge

Und der weiße neugeborene Strand

Den wir betreten


Zwischen uns.

Volker Braun: Durchgearbeitete Landschaft (1974)

Das anthropozänige Klagen dieser Zeilen (in der Ausstellung liefen zu diesem Texten übrigens keine Bilder von Wäldern, Seen oder Baggern und Kränen, sondern von Schönheitsoperationen, das ist doppelter Boden) verkennt, was daraus entstand und verkennt, wie viele auch zeitige Umwelt- und Naturmoral, den durchaus reaktionären Charakter der Vorstellung, eine Landschaft werde unwiederbringlich zerstört als sei sie ein festes, umumstößliches Ding, hinter der eine simple mitteleuropäische Ästhetik der Kulturlandschaft steckt, die noch heute als pure Natur und Urzustand zelebriert und verkauft wird.

Das Naturidyll will wahrscheinlich auch von jener existenziellen Einsamkeit ablenken, die grad in der Natur manchmal erst besonders spürbar wird. Dass wie Plessner es schon geschrieben hat, der Menschen nie ganz im Innen ist, weil er immer auch Außen, außer sich und gleichzeitig deswegen immer in sich und nie ganz in der äußeren Welt ist, das ist sein Zwiespalt; das bewusste Unbewusste, hat Hölderlin im „Hyperion“ sehr gut beschrieben – „Nomadland“ hat auch Bilder dazu:

„O seelige Natur! Ich weiss nicht, wie mir geschiehet,

wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne,

aber alle Lust des Himmels ist in den Thränen,

die ich weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten.

[…] Eines zu seyn mit Allem, das ist Leben der Gottheit das ist der Himmel des Menschen.

Eines zu seyn mit Allem, was lebt, in seeliger Selbstvergessenheit wiederzukehren in’s All der Natur,

das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden,

das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe,

wo der Mittag seine Schwüle und der Donner

seine Stimme verliert und das kochende Meerder Wooge des Kornfelds gleicht.

Auf dieser Höhe steh‘ ich oft, mein Bellarmin!

Aber ein Moment des Besinnens wirft mich herab.

Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war,

allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit,

und meines Herzens Asyl, die ewig einige Welt, ist hin;

die Natur verschließt die Arme, und ich stehe,

wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht.“

In diesem Zusammhang fand ich etwas Weiteres in der Ausstellung bemerkenswert. Im letzten Raum waren Zitate zum Thema Umelt/Klima/Wissenschaft etc. an den Wänden angebracht, die man per Fußbutton liken konnte, ein Zähler darunter deutete einem wie viele Menschen das jeweilige Zitat bereits geliked haben. Der großteil der Zitate (ein Trumpzitat deswegen ausgenommen,weil’s halt ein typischer, blöder Trumpblurb ist von dem ich auch nichts erwarte) fand ich dermaßen banal, wie naiv-abgeschmackt in ihrer Konfusion aus Kleinklein („Weniger Auto fahren“) und Ganzgroß („Wir zerstören die Erde“), dass es mich beinah wütend gemacht hat. Ich habe nur eines geliked und das kam zu meiner eigenen Überraschung von Papst Benedikt XVI.:

„Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt, als der, der er ist und sich nicht selbst gemacht hat.“

Mal davon ab, dass man das gleichzeitig reaktionär lesen kann (nicht muss!) und es genauso fast einen Hauch Pantheismus möglich macht, muss man nicht an Gott glauben oder sonstwie esoterisch zu sein um die Aussage „Der Mensch macht sich nicht selbst“ ganz nüchtern hinzunehmen, weil sie bis zu einem weiten Grad einfach ein Fakt ist; der Mensch ist Biologie, er ist ein Naturwesen, aber das soll auch kein Determinismus sein. Trotzdem gibt es bestimmte Vorgänge, die unhintergehbar sind. Da scheint es beinahe müßig wie die Ausstellung am Ende zu fragen, welches Zukunftsszenario uns wohl ereilen mag; Anthropozän, Novozän (die Herrschaft intelligenter Maschinen/Programme) oder das Dendrozän (der Mensch als entweder Steinzeitler 2.0 als kleines Glied in der Fauna und vor allem Flora oder gar ganz getilgt…Fun Fact: Pflanzen machen mindestens 80 Prozent der Biomasse der Erde aus, während Tiere, einschließlich der Menschen, etwa 0,3 Prozent ausmachen. Mit anderen Worten, die Erde ist ein Pflanzenplanet, und Pflanzen sind die evolutionär erfolgreichsten Lebensformen auf diesem Planeten), denn nichts gestern, heute, morgen wird am besagten Grundzwiespalt des Menschen etwas ändern – außer er wäre tatsächlich ein ganz neuer Mensch…

„Seit fünf Jahren hatte ich keinen Menschen mehr gesehen, und war nicht böse darüber […] Schön saß sichs auf dem Weg. […] War Alles still und kühlig; auch feuchtlich; keine Grille schrillte mehr; nur dann und wann floß Hauch durch die Pflanzen zur Rechten zur Linken. Früher waren auf den Asphaltbändern lautlos Autolichter geglitten: jetzt herrschte nur noch der Mond. […] In 20 Jahren findet Niemand mehr Straßen auf der Welt; vielleicht erkennt man die Autobahnen noch, aber in 30 sind auch die weg. […] Ich stand steifgliedrig auf (war in letzter Zeit doch zu wenig Langstrecken gefahren), und beschaute noch einmal den Omnibus, dem ich auf dem Trittbrett gesessen hatte: sieht scharmant aus: ein Auto mit üppigem Gras auf dem Kühler! […] Gegen Morgen kam Gewölk auf (und Regenschauer). Frischer gelber Rauch wehte mich an: mein Ofen! So verließ ich den Wald und schob mich ans Haus: der letzte Mensch.“

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel (1951)

Und vielleicht ist das ja immer so, dass jeder immer und überall der letzte Mensch ist, weil immer eine Welt (nicht die Erde!) mit ihm stirbt. Das ist der wahre Weltschmerz. Ihn auszuhalten und nicht verrückt oder stumpf zu werden ist vielleicht das größte, was der Mensch wirklich erreichen kann, weil er sich in seiner Akzeptanz und Hinwendung selbst übersteigt.

Die künstlich-natürlichen Paradiese

„Die Apfelinsel […] hat ihren Namen, weil sie alles von allein produziert; die Felder müssen nicht gepflügt werden und nichts muss angebaut werden, weil die Natur alles bietet. Sie produziert von selbst Getreide und Trauben, und Apfelbäume wachsen in ihren Wäldern aus dem dichten Gras.“

Geoffrey Monmouth: Vita Merlini.

„Des heiligen Römischen Reiches Gärtner“, so hat Luther schon die Erfurter genannt. Und es war der Erfurter Gartenpionier und Wissenschaftler Christian Reichart, der mit der Begründung des Erwerbsgartenbau Erfurt als Gartenbau- oder Blumenstadt europaweit zu einem hervorragenden Ruf verhalf. Man kann ihm nicht nur an seinem Denkmal im Luisenpark begegnen, sondern auch im deutschen Gartenbaumuseum.

Die Stadt Erfurt steht derzeit ganz unter dem Bann der BUGA und wer links und rechts des Weges läuft, kann mehr entdecken als (zugegeben sehr schön anzusehende) manigfaltig bunte Blumen und den gemeinen Deutschen im Freizeitmodus. Eins kann ich schon einmal vorausschicken: das deutsche Gartenbaumuseum hat das Beste aus der alten in bestimmten Bahnen durch überkommenen Institution Museum gemacht wie man es derzeit machen kann. Begleitet wird das alles auch von den beiden Kunststätten der Stadt, dem Angermuseum mit seiner Flower Power-Ausstellung über die Kunst mit Blumen zu sprechen und der Kunsthalle mit ihrem Blühstreifen und dem Fokus des Gartens in der Kunst.

Pflanzen waren immer Teil der christlichen Ikonographie und so führen auch alle drei Ausstellungen ins Paradies und zu Adam und Eva. Es waren die Perser, die ihre Gärten Paradies nannten (pairi daēza) und in den hebräischen Texten der Thora wurden sie zu jenem ersten, vollkommenen Garten (in) Eden. Die christlich gedeutete Geschichte vom paradisischen Ur-Garten sollte sattsam bekannt sein. Und die Weltgeschichten von den Ur-Gärten sind immer auch Geschichten eines Schlaraffenlands, einer Utopie. Aber genauso erzählen sie stets ein Welt- und Kulturverständnis.

„Er sah große Feuer brennen, entlang von Gärten aus Kürbissen, Melonen und Mais. Hinter den Gärten befand sich ein einzelnes Haus aus Stein. Dort saß eine Person mit gesenktem Kopf und schlief.”

aus den Mythen der Hopi

Umso gespannter lauscht man dem Mythos der Hopis in dem die Menschen unter der Erde leben und eines Tages hianufsteigen auf eine dunkle Erde und einen nur von einem großen umgebenden Feuer beleuchteten, wunderschönen Garten vorfinden, dessen jugendlicher Herr, der Frühling, sie die Garten- und Feldkunst und den Umgang mit dem Feuer lehrt, bei dem sich jedoch später herausstellt, dass er noch ein zweites Gesicht – einen Totenschädel besitzt, weil er zugleich der Tod ist. Jener Tod, der den Menschen zeigt, wenn sie sterben, gehen sie wieder hinab in die Erde, aber eingebettet und träumend in einem Blumenmeer. So lernen die Menschen den Tod sehen und entwickeln Riten gegen Krankheit und Leiden.

Das Wort 'Hopi' ist abgeleitet vom Hopi-Wort "Hopitu shinumu" und bedeutet "friedliche Leute". Sie sind ein Volksstamm vom Zweig der Shoshonen. Als die Europäer das südliche Nordamerika eroberten, da traf er 1540 nicht nur auf wilde Kriegerstämme, sondern auch auf die kultivierten Pueblo-Indianer. Zu ihnen gehörte auch das Volk der Hopi. Sie waren geschickte Bauern. So legten sie in den unwirtlichen Bergen Arizonas Bewässerungssysteme an, damit dort Pflanzen wachsen konnten. Ihre festen Häuser aus Stein hatten sie lange Zeit vor ihren Feinden geschützt: https://de.wikipedia.org/wiki/Hopi

Es gäbe viel zu sagen über diesen Mythos, der mich als westliche-christliche-Kulturalisierte zu vielen Assoziationen verleitet hat…in der Naturreichelehre sind die Pflanzen (und die Steine) sowas wie die First Nations des Landes…der Frühling/das Leben und der Tod,so als seien Persephone und Hades eine Person geworden, Leben und Tod nur Aspekte der gleichen Sache…die genuine Verbindung von Feuer und Kultur, die gegenüber dem Prometheus-Mythos noch viel enger verbunden ist und cultura zuerst als Gartenkunst und nicht als Ackerbau begreift und der Mensch die Kultur für sich nutzt – die Menschen sind es, die in dieser Geschichte die Sonne (ein Segeltuch) und den Mond (ein Tierfell) aus ihren Werkstücken an den Himmel setzen – das Leben im Einklang mit allem Wachsendem und Geschaffenen…Wer Gärten säht wird im Tod auf Blumen gebettet und bleibt damit auch ein Teil des Gartens. Das Paradies ist rückwärts und vorwärts gewandt.

In allen Hochkulturen schaffen und schufen Menschen Gärten und Parks, die ihre Vorstellungen von Vollkommenheit erfüllen (sollten): als Wohltat für Körper und Seele. Dass das nicht nur mythische Romantik ist, wird einem nicht erst bei Reicharts Entwicklung des Erwerbsgartens klar, sondern bereits, wenn die Magd Barbara zu Wort kommt, die grad die Früchte ihrer Arbeit zum Markt trägt. Schon vor Jahrtausenden haben Menschen die Natur aufmerksam beobachtet, um ihre Gesetze zu verstehen und für sich zu nutzen bzw. im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu manipulieren. Sie waren und sind fasziniert von der Vielfalt und den Fähigkeiten der Pflanzen, ihrem Zusammenspiel mit Boden, Wetter und Tieren. Die Domestikation von Pflanzen (und Tieren) wird heute immer weniger als einseitiger Prozess beschrieben. Mit der Kultur im engeren Sinne bgann auch die Produktion und mit ihr der Überschuss. Man jagte und sammelte nicht mehr nur, was man gerade benötigte, man produzierte Vorräte. Diese Entwicklung ist im Grunde der Urmechanismus der stratifizierten Gesellschaft. Es gibt Leute, die produzieren und Leute, die lediglich konsumieren – die Oberschicht. Diese Stratifizierung existiert auch heute noch, ganz egal, ob offensichtlich Feudalsysteme isnatlliert sind oder nicht (es gibt viele empfehlenswerte Bücher zum Thema, ich führe das nicht weiter aus). So sind Gärten immer auch Ausdruck komplexer Bedingungen in einer Kultur.

Was Sozialräume, ihre Aufteilung und ihre Soziologie mit Bäumen zu tun haben können, kann man hier am Beispiel der Stadt Houston nachlesen (und auf einer interaktiven Karte sehr anschaulich nachvollziehen): https://www.theguardian.com/us-news/2021/jun/28/houston-trees-shade-heat-temperatures-race-class

Die Mythen vereinen in sich immer all die Aspekte des Gartens, die darin relevant werden. Denn die Geschichte des Garten(baus) handelt immer von Nahrung, von Schönheit, von Gemeinschaft und auch von Macht. Menschen entwickeln Visionen und Techniken, um all dies gut zu nutzen. Sie ringen um die Ernährung der Menschheit, gestalten prachtvolle Orte und soziale Räume – allein in Feld oder Garten, in der Gemeinschaft der Stadt, am Zeichenbrett oder im Labor. Immer schon.

Balthasar van der Ast

Ein Beispiel für die Verquickung aller dieser Dimensonen sind die Stilleben der Niederländischen Goldenen Zeitalters, ob üppige Marktbilder, bunte, exotische Blumensträuße oder das genossene Mahl, in ihnen präsentieren sich die Bürger als Teil eines Welthandels, als vermögend und geschmackvoll und letztlich als versorgt. Viele Bilder dieser Art bewahren indes noch jene Janusköpfigkeit des Hopi-Jünglings indem die Vanitas in ihnen stets spürbar bleibt (siehe auch meinen Beitrag zum Essennsstilleben). Die moderne Variante dieser Habitus-Bilder, nur eben meist ohne Vanitas sind vielleicht jene schön arrangierten Food-Blogs und Wohnzeitschriften-Bilder. Ein Beispiel für das Zusammenspiel von Schönheit und Macht sind z.b. die Gärten von Versailles. Und auch später das Aufkommen von Botanischen Gärten und Aquarien oder dem Succulentenboom für das bürgerliche Heim des 19. Jh. stehen am Ende durchaus in dieser Tradition (und dem beginnenden popularisierten Naturwissenschaftsboom dieser Zeit). Dahinter steht freilich nicht nur die Stratifikation im eigenen Land, sondern die dahinter scheinabr unsichtbare Folie Welthandels und des Kolonialismus. Exotische Pflanzen im Eigenheim sind nie unschuldig gewesen.

Die BUGA widmet sich auch zwei Gartenpionieren in deren Arbeiten sich diese Verschachtelungen zeigen (wiewohl das damals so nicht gesehen wurde): Alwin Berger, einem Sukkulentenforscher und leitendem Mitarbeiter diverser Botanischer Gärten während er Gründerszeit und dem Gartenarchitekten/Gartenphilosophen und Stauden-Experten Karl Foerster, dessen ihm gewidmeter Garten auf der BUGA im Gegensatz zu meinem letzten Besuch dieses Mal bereits grünte und blühte. Foersters eigener Garten in Potsdam ist ein Paradebeispiel für den Garten als Zuflucht und Ort des entpolitisierten inneren Exils – Foerster „versteckte und bedeckte“ sich in ihm während der Naziszeit, während des Stalinismus, während der DDR – gefeiert wurde er von allen. Der Garten als Refugium und materielle Bubble, das selbstgebaute Paradies, dass sich der Welt bedient:

„Es handelt sich bei modernen Naturgärtchen nicht um eine bloße Nacherschaffung wilden Naturreizes …Durch die Hinzunahme eindrucksvollster Pflanzengestalten anderer Länder und Welten entsteht hier ein universales Nachbild der Natur, das uns noch tiefer in seinen Bann zieht, aber von der Dumpfheit eines früheren Bannes befreit. Der Garten ist ein Brennspiegel geworden, worin sich Strahlen ausaller Welt sammeln. Das kleine Stückchen Kosmos um unser Wohnhaus herum wird uns allmählich eine Zauberwerkstatt von immer kostbareren Möglichkeiten.“

Karl Foerster (https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm%3Aaudio_id=926796)

Dass die Pflanzen auch eine andere Seite haben, dass wird nicht nur in den Vanitas-Bilder deutlich und das zeigen nicht nur Bauelaires „Fleurs du Mal“, sondern das hat Emile Zola gleich in zwei Teilen seines Rougon-Macquart-Zyklus verarbeitet. In La faute de l’Abbé Mouret wird das wuchernde Paradies der Flucht vor den Dogmen der Welt auch ein Hort der Schwere, Trägheit und des Verfalls, in La curée werden die exotischen Pflanzen mit ihren Ausdünstungen im Gewächshaus zum Ort an dem die titelgebende Beute ganz fleischlich überwältigt wird – ds tropische Klima und das Schlingen der Pflanzen als erotischer Symbolismus, dessen Steigerung nur noch das Verschlingen sein kann an dem noch einmal die Ohnmacht des Menschen vor der Natur erneuert wird. Ich denke an Werner Herzogs fast horrorhafte Vorstellung der Natur, die er wohl nicht umonst im südamerikanischen Regenwald entwickelte:

Ich frage mich, ob er sich selbst von dieser Schreckensvorstellung erlöst hat als er den Film „Schwingen der Hoffnung“ über Juliane Kopecke drehte, jenes damals 17jährige Mädchen, dass als einzige ein Flugzeugunglück im peruanischen Jungle überlebte und sich 11 Tage durch diese feindliche Umwelt durchschlug bis ein paar Waldarbeiter sie auflasen. Herzog lässt ihre Geschichte bezeichnender Weise in einer Rettungsfantasie enden, die er mit Wagners Rheingold-Vorspiel untermalt.

Der Mensch ist Ohnmächtiger und Mächtiger und der Garten kann ein Ort beider Rollen sein.

Die immer größere Vielfalt der Pflanzen aus aller Welt in den privaten wie öffentlichen Gärten stellt die Natürlichkeit, die dem Garten im landläufig romantisierten Sinne gern zugesprochen wird letztlich immer mehr in Frage. Damit ist der Garten der vermeintliche Schnittpunkt des alten Dualismus zwischen Natur und Kultur/Technik, der immer weniger haltbar ist (zu diesem Passus habe ich hier bereits etwas geschrieben).

Die Domestikation und Züchtung der Pflanzen (und der Tiere) ist der Vorgang in dem dieser scheinbare Dualismus sich seit jeher aufhebt. Es wundert daher nicht, dass die Kunst das Gartensujet bis heute immer wieder aufgreift. Seien es Gartenfresken in Pompeji, Blumenstillleben oder die Fotografien von z.b. Karl Blossfeldt oder Albert Renger-Patzsch. Das künstlich-natürliche Element wird hier besonders deutlich. Mit dem Siegeszug der Fotografie ab Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich Schritt für Schritt ein neues Sehen. Mit Hilfe einer immer elaborierteren Kameraoptik und lichtempfindlicher Papiere ließen sich die Erscheinungen der Welt in einer bisher nicht gekannten Sachlichkeit und Detailschärfe abbilden. Auch Weitwinkel- und Makroaufnahmen veränderten unser Sehen fundamental. Pioniere der neusachlichen Fotografie wie Renger-Patzsch verstanden sich nicht als Künstler, sondern als sachlicher Zeuge und Reporter dessen, was „auf rein fotografischem Wege“ von der Welt sichtbar wird. Seine Aversion gegen die Ansprüche der Kunstfotografie-Bewegung kann nicht darüber hin-wegtäuschen, dass auch er die Kamera nicht wie ein Roboter bediente, son-dern ethische und ästhetische Interessen sein Tun und Lassen lenkten. Dennoch können seine Bilder durchaus wie abstrakte Kompositionen wirken.

Während schon Dürers so gerühmte Grasstudien keiensfalls auf der Wiese liegend entstanden, sperrt Hermann de Vries das echte große Rasenstück buchstäblich in einen Rahmen ein, braucht Hiroyuki Masujama gar kein Gras mehr, sondern setzt nur noch Fotos der Natur in Lichtboxen bis hin zu Gerhard Mantz, der die Fahrt durch den Jungle nur noch komplett ins animierte Digitalien verlegt. In Karin Brosas Virtual Greenhouse laufen die Menschen nur noch in den leeren gewächshausruinen der Vergangenheit mit VR-Brillen herum, die ihnen das Grün von einst „erlebbar“ machen.

Der Garten selbst wurde aber auch zur Kunstform, insbesondere im Barock. Und auch die Landschaftsgärten der späten Neuzeit ist mit seinen Blickachsen, Ruinen etc. eine zutiefst künstliche Anlage.

Der Garten ist eine Landschaftsfabrik; wie wir wissen, eignet er sich zwar für die Spiele der Umwelt, aber da er den Traum enthält, trägt er einen Entwurf der Gesellschaft in sich.

(Gilles Clément, 2012)

Wie weiter oben erwähnt ist der Garten ein Ausdruck des Bestehenden (Gärten können mondän, akkurat oder wild oder spießbürgerlich sein), aber immer auch eine Utopie. Der Begriff der ‚Zweiten Natur‘ (für deren Existenz ja schon eine alleerste angenommen werden müsste) bekommt vor diesem Hintergrund noch einen bedeutend doppeldeutigeren Bezug jenseits von Entfremdung und Verdinglichung indem er in seiner Künstlichkeit zwar heute mehr als früher auch aus diesen Strömungen gespeist ist und ihnen doch durch sich selbst ein transistorisches Element zugesteht bzw. sogar schafft.

In Hinblick auf die Welternährung, den Klimawandel, Umweltschäden und die Verstädterung bekommt der Gartenbau ein ganz neues Gesicht. Dass wie immer ambivalent ist. Neben Saatmonopolen und der monokulturellen Bodenverwüstungen, den riesigen Gewächshaus-Edgelands auf denen Billigslohnkräfte für den Überkonsum durchaus Priviligierter schuften und der horrenden Lebensmittelverschwendung und den Träumen von Allverfügbarkeit und Genexperiment, stehen das Urban Gardening, die Mikrolandwirtschaft, Permakultur-Bewegung, die Aquaponik bei der Fisch- und Pflanzenzucht kombiniert werden und ganz neue Möglichkeiten für das Grüne Bauen.

In der Kunsthalle war ein Film zu sehen, der sich damit beschäftigte wie im Libanon einen Saatgut-Bank angelegt wird, die eine Sammlung aus Syrien, die während des Bürgerkriegs zum Großteil zerstört wurde mit Hilfe der Saatbank in Norwegen wieder hergestellt wird. Wie es im Libanaon selbst mit der Pflanzewirtschaft bestellt ist: https://www.aljazeera.com/news/2021/7/6/lebanese-ngo-helping-the-uplift-agriculture-sector

Die größten Veränderungen betreffen sicherlich den Raum des Gartens, der womöglich jenseits des Draußen liegen mag. Forscher entwickeln zukunftsfähige Anbauweisen, die unabhängiger von Umwelt und landwirtschaftlichen Flächen funktionieren und Transportwege verkürzen. Vertical Farming ist eine davon: Hier wachsen die Pflanzen auf wenig Grundfläche in mehreren Etagen übereinander. Meistens drinnen, dann ersetzen LED-Lampen das Sonnenlicht. Nicht einmal Erde brauchen die Pflanzen unbedingt. Bei der Hydroponik mit ihrer In-Vitro-Befruchtung versorgt sie stattdessen Wasser optimal mit Nährstoffen (beispielhaft dies: https://www.atlasobscura.com/places/metro-farm-subway-seoul)

„Das künstliche Licht dieser futuristischen, industriellen Gewächshäuser taucht die Felder in psychedelische Grün-, Rot- und Blautöne; es ist ein Licht, das die Grenzen des Gehäuses ebenso verschiebt wie die der menschlichen Vorstellungskraft. Die Zukunft der Landwirtschaft erscheint buchstäblich in einem anderen Licht …“

Günther Vogt/Violeta Burckhardt: Paradise Now. Die neuen Grenzen des Gartes.

Das Gewächshaus in der ein oder anderen Form wird der Garten einer vielelicht fernen Zukunft sein, manchmal vielleicht sogar ein Museum der verschwundenen Arten, die dort künstlich am Leben erhalten werden. Dystopisch gesprochen wären es Inseln im Meer der dürren, versteppten, versalzten Böden. Und die Erde war wüst und leer…und darin waren die künstlichen Paradiese.

Appendix – Linksammlung

Von der Tauchfahrt zur Junglexpedition

Ich war das erste Mal im April an diesem Ort (hier) als er noch viel kahler war, nun war alles grün und noch bewucherter.

Ich habe im Gestrüpp dicht neben mir ein Reh aufgeschreckt, das eilig flüchtete, aber es hat mich nicht minder erschreckt als ich es.

Es ist langsam einer meiner Lieblingsorte und ich überlege, ob ich den Brennesselgefilden von Jena nicht eine eigene Seite auf diesem Blog einrichte.

Ein Leben ohne Facebook – sub specie aeternitatis

„And here we all were, recording memories we would later forget to share online with people who barely know us.“

Grafton Tanner

Mein im akuten Moment unfreiwilliger Abgang bei Facebook (und damit jeglicher Social Media, denn ich war nur auf dieser Plattform) nach 10 Jahren, der mir in der Prä-Antizipation immer wie eine Zäsur erschien, war es nun im Grunde gar nicht…ein Leben ohne Facebook ist (natürlich) möglich und vor allem macht es sich kaum so bemerkbar wie ich befürchtet habe. Dass man generell weniger fatalistisch an seine eigene Nutzung rangehen sollte, um es sich tatsächlich leichter zu machen: „Are smartphones and social media addictive? Tech critics say yes. But actual addiction researchers say something else — and they point to ways in which our broad use of the word “addiction” can cause real harm. In this episode, we look at the history of supposedly “addictive” technologies, understand the surprisingly odd science behind today’s scariest claims, and discover who really has the power to break these supposed “addictions.” (Hint: It’s you.)“ Podcast: https://www.jasonfeifer.com/episode/you-are-not-addicted-to-technology/

Gleichzeitig habe ich angefangen mir fragen zu stellen: Warum habe ich die Ablösung nicht selbst geschafft? Warum war ich letztlich auf Facebook, was habe ich da gemacht und warum? Wie hat Facebook in mein Leben hineingewirkt, gerade unterbwusst?

Zur letzten Frage gehört die vielleicht bittere Erkenntnis, dass ich realisierte, dass ich manche Dinge immer schon in Hinblick auf Facebook gesehen und gemacht habe. Das soll nicht heißen, dass ich an einen Ort ging um Fotos für Facebook zu machen (so weit war es zum Glück noch nicht, es gibt diese Tendenz bei vielen Menschen aber sicherlich), aber alles was ich sah, alles was ich tat wurde schon davon überschattet, was davon und wie man es bei Facebook darstellen kann – beängstigend. Nathan Jurgenson nennt das „The Facebook-Eye“, dass über das „it did not happen unless it is posted on Facebook.“ noch weit hinausgeht. Es ist die zeitige Variante des Kamera-Blicks.

„Many have rightly criticized Facebook over how the site turns the unquantifiable beauty of human experience into something that fits into a database , or how Facebook misuses that database to earn fantastic profits. These are valid critiques; however, my concern is that the ultimate power of social media is how it burrows into us, our minds, our consciousness, changing how we consciously experience the world even when logged off.

[…]

Invented some 150 years ago, photography caused a global sensation around the new possibility: to document ourselves and our world in new ways, in greater detail and in lasting permanence.

[…]

Today, we are in danger of developing a „Facebook Eye“: our brains always looking for moments where the ephemeral blur of lived experience might best be translated into a Facebook post…“

https://www.theatlantic.com/technology/archive/2012/01/the-facebook-eye/251377/

Genau was Jurgenson hier über die Unterscheidung zweier Ebenen sagt, nämlich: Was will der Nutzer mit Facebook? und Was will der Konzern mit Facebook? muss wie wohl es miteinander natürlich interagiert und sich beeinflusst bei Fragen der Motivation auseinander gehalten werden. Und er Fokus soll auf der Seite des Nutzers liegen.

Deswegen hat er auch das in meinen Augen wichtige Buch „The Social Photo: On photography and social media” geschrieben.

Jurgensons Blog gibt es hier: https://nathanjurgenson.wordpress.com/

Was das speziell in der Corona-Pandemie bedeuten kann, erläutert er hier im Interview: https://news.artnet.com/art-world/nathan-jurgenson-interview-social-photo-1860240

Wider der oft recht oberflächlichen Erklärung der Social Media-Kultur, insbesondere der der Bilder geht Jurgenson eben nicht allein vom Narzissmus und Selbstdarstellungstrieb aus (ich will nicht sagen, dass das gar keine Rolle spielen mag und sicher von Nutzer zu Nutzer unterschiedlich stark ausgeprägt ist, aber die Reduktion allein darauf greift zu kurz), sondern vom Social Media Bild als Kommunikationsmittel sowohl einer Stimmung als auch eines Ereignisses, das aus dem Strom der dahinfließenden Gegenwart herausgehoben werden soll und dies gerade auch über die pathische Ebene tut.

Ausgehend vom Selfie geht Eva Horn in ihrem Essay aus Sinn und Form 6/2000 auch dieser Mentalität nach. Auch bei ihr beginnt sie letztlich mit der Binnenfrage: „Aber was heißt es, wenn eine Medientechnik der Dokumentation und Spurensicherung plötzlich überall und jederzeit zur Verfügung steht? Was tun wir damit?“ Die Antwort folgt auf dem Fuße: „Ganz offensichtlich geht es weniger um eine lustvolle Selbstinszenierung, eher um ein Festhalten der Gegenwart.“

Horn geht dem Festhalten der Gegenwart auch in der Geschichte nach; das Tagebuch (später auch das Netztagebuch/der Blog) sind Formen der Selbstbeschäftigung und einer Art des Habhaftwerdens der umgebenden Ereignisse in der jeweiligen Gegenwart, die natürlich sehr alt ist. Der offensichtliche Unterschied ist nicht nur das analoge Medium selbst, sondern, dass der Empfänger. De Großteil der Tagebücher, die geschrieben wurden und werden ist privat, für keinen geschrieben als für die Person selbst, Selbstvergewisserung und auch Abbau von Emotion. Dazu zählen auch jene Tagebücher, die später zufällig entdeckt wurden und historisch interessant geworden sind, auch sie waren nicht von Beginn an zu diesem Zweck verfasst. Nun gibt es aber auch öffentliche Tagebücher, die im Grunde bereits immer schon auf diese Art Zweck hin geschrieben wurden – zumindest ist es bei vielen stark anzunehmen -, Horn führt z.B. Ernst Jünger an. Die Frage, ob dies evtl. auch auf digitaler Ebene über Rainald Götz‘ Blog zu sagen ist, der im Text auch vorkommt, da verschimmt vielleicht etwas die Präzision. Horn unterscheidet aber zum Beispiel frühere Tagebücher, selbst die, die dafür geschrieben wurden um absichtsvoll Jahre nach dem Tod des Autors publiziert zu werden wie bei Chateaubriend, den Zugang bei diesem Tun vom Denken des sub specie aeternitatis heraus – untheologisch also im Grunde vom Gesichtspunkt des Todes her. Man kann immer Fragen wieviel Selbstinszenierung selbst in etwas steckt, was erstmal niemand als man selbst zu Gesicht bekommt; der Wunsch nach einer Art Fortbestand über den Tod hinaus durch Überlieferung, Zeugenschaft oder „nur“ Erinnerung in denen, z.b. seinen Kindern, denen man solche Dokumente evtl. übervarantwortet; weil dahinter die große Frage steckt, warum tut man das?

Der Dokumentationszwang wie Eva Horn das nennt, heute im Digitalen lagert sich jedoch anders, auch abseits der handfesten Medialität.

„Welche Lage zeigt sich eigentlich in der permanenten Dokumentation der Gegenwart? Paradoxerweise zeigt sich gerade ein unerfüllter Wunsch nach Gegenwärtigkeit. Nach einem Jetzt, das blitzhaft beglückt oder schreckhaft entsetzt, einem Augenblick, der als herausgehobener, einzigartiger Moment aufscheint, nicht als Abfall, nicht als Alltag, sondern als Ereignis. Es ist die Sehnsucht nach einer Zäsur, die alles ändert, an die man sich erinnern wird.“

Diese Feststellung ist letztlich der große Aufhänger eines weiteren unbedingt lesenswerten Buches zum Thema: Roberto Simanowskis „Facebook-Gesellschaft.

Hier ist ein Gespräch mit Simaowski zum Thema bei Sternstunde Philosophie des srf

Auch Simanowski ist die reine kulturkritische Herangehensweise zu platt, weshalb auch er eine übergeordnete Frage stellt und erst einmal knapp in der Einleitung wie folgend beantwortet:

„Die Frage ist nicht, mit welch unredlichen Mitteln zu welch unlauteren Zwecken Facebook seine Nutzer zum Veröffentlichen ihres Privatlebens bringt. Die Frage ist, worin der Reiz dieser Offenlegung besteht. Was ist die kulturelle Basis des Lock-in? Warum werden noch immer so viele so hoffnungsvoll zu Facebookern? […] Man muss jenseits des Naheliegenden Facebook als Antwort auf ein Problem verstehen, das das (post)moderne Subjekt mehr oder weniger bewusst umtreibt. Man muss Facebook als Symptom einer kulturellen Entwicklung verstehen, die geschichtsphilosophisch zu denken ist und nicht vorschnell auf Szenarien politischer Unterdrückung und ökonomischer Aus-beutung reduziert werden sollte. Die politisch-ökonomischen Konsequenzen des Systems Facebook sind tiefer anzusetzen. [Es] produziert…durch seine Einladung zu reflexionsarmer Selbsterfahrung genau jene Subjekte, die an diesem Prozess keinen Anstoß mehr nehmen. Damit liegt es im Trend des affirmativen Gesellschaftsbezugs und treibt diesen zugleich voran. Facebook ist so beliebt, weil es erlaubt, die Gesellschaft , die die unsrige ist, zu lieben.“

Lieben ist ein großes Wort, vielleicht sogar zu positiv, ertragen wäre zu negativ und am Ende ist es wahrscheinlich genau eine Mischung aus beidem, die wegen dieser Widersprüchlichkeit das Phänomen so schwer greifbar und leicht gruselig macht. Der Netzaktivismus erscheint mir wie die Kulmination dessen: als Einzelner keine Macht über die verkehrte Welt haben, aber über das Netz seine Ohmacht vor sich selbst kompensieren als würde es tatsächlich ermächtigen – der Clou, dass gerade in Gesellschaften, wo handfest im ganz Alltäglichen politische Ohnmacht mit diktatorischem Zwang einher geht die sind in denen Netzaktivismus wenn überhaupt tatsächlich etwas bewirkt jenseits von wieder nur Onlinediskussionen um den Gegenstand und sich selbst, der im Netz verbleibt. Ist es nicht paradox, dass Diktatoren Angst vor Social Media und Bloggern haben, während in der „freien Welt“ die tatsächlichen politischen Vorgänge trotz Social Media eben doch kaum angegriffen oder verändert werden? Und gerade der „Aktivismus“ in diesem Feld am erfolgrichsen war, der genau das Diktatorische eher wieder anschaffen will (siehe die Bewegungen in den USA oder all das, was man in Deutschland unter „Hygiene-Demos“ zusammenfassen kann)? Facebook kann Dinge und Menschen größer und wichtiger erscheinen lassen als sie sind, das gilt ganz offensichtlich für solche Netzbewegungen wie die zu Anti-Corona und anderen abtrusen Thesen. Das gilt aber genauso für Bewegungen zu Netzfeminismus und spezifischen Themen der Identitätspolitik. Eine Absurdität dieses Widerspruchs in die ich selbst auch schon geriet und das dann realisierte ist ja das Teilen von Social Media-Kritik auf Social Media-Plattformen. Die Überhöhung von Bedeutung ist aber sicher auch abseits solcher Formen im ganz persönlichen Gebrauch sicher ein Faktor. das „Ich bin da!“ des Individuum im gleichgültigen Fluss der Zeit.

Nun war Facebook nie ein Tagebuch für mich und auch dieser Blog ist das nicht, privates Vergnügen ist nicht gleichbedeutend mit privatesten Inhalten, sondern referiert lediglich auf mögliche Kommerzialisierungs- und Verwertungsmotive. Ehe ich Facebook benutzte (in den Anfangsjahren tatsächlich weitaus sporadischer, der Ausgangspunkt der Anmedlung damals war eher pragmatischer Natur) schrieb ich sowohl Tagebuch, Notzibücher (was das bei mir genau war, nennt man heute in „cool“: scrapbooking/scrapping“, zu Deutsch wahrscheinlich: “Schnipselbücher” – dazu wohl mal einen gesonderten Beitrag) als auch Briefe (teilweise lange Briefe), in letzter zeit hab ich auch das Fotoalben kleben wieder begonnen, und wiewohl das mit der erhöhten Aktivität auf der Plattform abnahm, hat das nie aufgehört, was heißt eine Tendent zur Selbstbefragung, Mitteilung etc. existierte auch ohne Facebook und wird auch danach existieren. Facebook hat diesen Drang – zumindest bei mir – also nicht erzeugt, bestenfalls erhöht, schlimmstenfalls ausgenutzt bzw. beides.

Was dieser Drang ist und wie Facebook/Social Media ihn verändert und ja, ausbeutet das beschreibt Hans Ulrich Gumbrecht z.b. als Hyperkommunikation, doch seine dahinter liegende Vorstellug einer verbreiterten Gegenwart trifft auf das permanente pathische Rufen gerade nicht zu, weil sie einer Steigerungslogik folgt bei der noch nicht ganz klar ist wie sie sich eigentlich selbst bedingt :

„Gegenwart zu akkumulieren heißt, immer mehr und vor allem immer schneller zu dokumentieren, posten, twittern, also mediale Zeichen unserer Existenz zu geben. Umgekehrt werden die Zeitfenster immer kleiner, um unsererseits geteilt oder geliked zu werden. Der einst so ruhige Fluß des Alltags fließt immer schnel-ler. Unsere Gegenwart, so wie wir sie aufbereiten und medial herrichten, wird damit nicht »breiter«, sondern hastiger, schmaler, kurzatmiger.“

Eva Horn

Ich kenne diese Getriebenheit – und war zumindest immer noch zu so selbstreflexiv, dass ich gemerkt habe wie dumm da ist -, die eigentlich keine wirkliche Quelle hat, sei es nun die Angst etwas zu verpassen, was bei mir eher nebensächlich war, oder die seltsame Vorstellung nicht oft genug gerufen zu haben: Ich bin noch da!, das ehrlicherweise kaum Resonanz findet, wohl auch weil die Motivation dahinter schon eine völlig verquere Denke ist; das „Ich poste also bin ich!“ ist natürlich ein selbstgemachter Käfig. Aber die Augenblicke geschehen und sie sind vergänglich egal, ob man davon ein Foto oder einen Post absetzt. Man kann sie erleben, aber man muss es eben auch, weil es einen Unterschied macht,ob ich nach einiger Zeit Freunden oder wem auch immer davon berichte oder ob ich im Augenblick einen Social Media Beitrag absetze:

„Diese mangelnde Zeitgenossenschaft resultiert aus dem paradoxen Gegenwartsverhältnis der Facebook-Gesellschaft : sie vernichtet die Gegenwart, indem sie diese permanent festhält. Das klingt widersinnig und kontraintuitiv, denn immerhin führt die auf Facebook (und anderen sozialen Netzwerken) praktizierte Kultur des Mitteilens dazu, dass immer mehr Menschen so gut wie alles, was sie erleben, auch dokumentieren und einander präsentieren. Genau dieser Mitteilungsdrang aber verhindert, dass die Gegenwart tatsächlich wahrgenommen wird. Das mehr oder weniger reflexhafte, mehr oder weniger reflexionslose Dokumentieren des erlebten Augenblicks ersetzt dessen wirkliche Erfahrung. Indem Gegenwart archiviert wird, so eine These dieses Essays, wird sie zugleich verneint, ignoriert, außer Kraft gesetzt; man fällt im Grunde aus der Zeit, und zwar nicht obwohl, sondern weil man diese permanent festhält.

[…]

Gegenwart wird nicht erkenntnistheoretisch auf eine höhere Stufe gehoben, sondern auf eine niedrigere abgesenkt. Denn erst die distanzierte Nähe der Reflexion erlaubt, Gegenwart zu verstehen: ihre Komplexität, ihr Potenzial, ihre Schattenseiten und die Alternativen, die sie versperrt.“

Roberto Simanowski

Das schon internalisierte Facebook Eye schaut beim Augenblick bereits mit, schiebt sich schon vor das Erleben wie eine Sonnenbrille. Und fast ist es als müssten die Anderen den Moment und das damit verbundene Erlebnis bezeugen und spiegeln, durch Likes und Shares und Comments – eine Art Second Hand Bestätigung für den Moment, den man verpasst hat, weil man ihn posten wollte, gerade weil man seiner Flüchtigkeit Herr werden wollte.

Einige Soziologen nennen unsere Gesellschaft atomisiert. Die Folge ist, dass wir uns wie isolierte Atome in einem kalten Universum fühlen. Das sei die Grundangst der Moderne. Und nachdem gemeinschaftstiftende Verbände, Rituale immer mehr ins Hintertreffen geraten, sucht man das womöglich in den Sozialen Medien, die ja nicht umsonst so genannt wurden. Doch eins muss man sich bewusst werden (am Ende gilt das für diesen Blog gleichermaßen):

After all, you are still alone in your room even after checking Facebook, downloading a trove of music, and watching pornography. This bitter loneliness, one that gives the illusion of socializing on these social-media platforms, is a facet of this digital melancholia: we surf the web alone and binge on media alone.

Grafton Tanner

Verpassen tut man letztlich nichts. Es tut mir leid um viele Kontakte (sowas kann man aber zum Glück auch anders lösen) und um manchen Text oder einige Fotos, die auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind (auf irgendeinem Facebook-Server mögen sie noch existieren, aber das ist letztlich irrelevant), der Großteil macht keinen Unterschied, er war nicht nur vor der Ewigkeit unwichtig, selbst vor der ganz persönlichen Bilanzierung hat er keinerlei Bewandnis, nicht mal nostalgische Gefühle. Denn er fehlte mir keinen Tag. Das ist die Wahrheit.

Was Facebook und Co. damit bezwecken sollte auch mittlerweile klar geworden sein. Leute zusammenbringen, kreativ werden etc. ist es jedenfalls nicht:

„Das einzige, was zuverlässig von der Masse der Dokumente, die wir herstellen, übrigbleibt, sind Informationen darüber, wie alt wir sind, wohin wir reisen, welche Dinge wir kaufen möchten, was uns im Netz interessiert. Es bleibt nicht das gelebte Leben, sondern wer wir laut Datenauswertung sind — sei es für Sozial Media Marketing, sei es für die NSA. Wir akkumulieren Gegenwart als Metadaten.“

Eva Horn

Und würden die Facebook-Server aus irgendwelchen Gründen crashen oder gar das Stromnetz auf unbestimmte Zeit, nicht einmal diese Daten gäbe es noch. Jeder Facebook-User existiert dann nicht mehr und tut es natürlich doch wie er es vor Facebook getan hat und eben auch danach würde. Nichts ginge verloren außer Bytes und Bits. Und die Erinnerungen an Ereignisse an die wir uns nicht erinnern.

Dieser Blog, für den die letzte Konsequenz so genauso gilt, der meinem Empfinden nach wenigstens aber dem inneren Monolog des Tagebuchs näher steht, weil er die Unmittelbarkeit abkapselt und weniger öffentlich ist (nicht wegen der Möglichkeit, allein wegen der geringen Reichweite eines Facebook gegenüber) führt mich zumindest im ersten Schritt raus aus dieser Spirale. Und jetzt merke ich bereits schon aufgrund dessen, dass so ein Blog-Beitrag ganz händisch weitaus aufwendiger ist als ein Facebook-Post (auch so ein Facebook-Mechanismus der treibt) überlege ich viel eher, ob das, was ich mitteilen will wirklich den Aufwand wert erscheint und wieviel man tatsächlich zu einer Sache zu sagen hat, was über das Posten eines Links oder eines Fotos hinausgeht. Darüber hinaus habe ich wieder analog angefangen das zu tun, was Eva Horn das Aufzeichnen des Geschmacks der Tage nennt und manchmal eben selbst analog nicht aufgezeichnet wird/werden soll:

„Wer heutzutage [Tagebuch schreibt], sollte besser nicht darüber reden. Denn man riskiert, von Leuten, die täglich Dutzende von Whats-App-Nachrichten darüber verschicken, was sie so gegessen haben, gefragt zu werden: »Was an deinem Leben ist denn so bedeutend, daß du es aufzeichnest?«…Der tägliche Stoffwechsel besteht heute aus gestanzten Formaten der Witzigkeit, der Reflektiertheit, des guten Aussehens, der weiten Reisen, wichtigen Begegnungen und pittoresken Szenerien…Aber niemand hindert uns daran, uns von der Welt berühren zu lassen, uns zu begeistern, hingerissen zu sein. intensive Begegnungen zu haben…Die Akkumulation der Gegenwart in Konserven bringt jedoch etwas ganz anderes zuverlässig zum Verschwinden. Sie entzieht uns den privaten, heimlichen, schwer auf den Punkt zu bringenden Geschmack der Tage. Denn die sind manchmal einfach unbedeutend, fad, traurig, gehetzt oder bloß normal. Die stummen, alltäglichen Tage sind nicht mehr abbildbar, sie werden von uns ja kaum mehr ausgehalten. Es sind Tage, an denen wir etwas Wichtiges verpaßt haben. Tage, an denen wir damit zufrieden waren, nicht gesehen und geliked zu werden. Tage, an denen wir unsichtbar waren. Oder auch Tage, an denen wir etwas dachten oder fühlten, was nicht zu konservieren war — außer in unseren Körpern und Köpfen. Den Schmerz über ihre Flüchtigkeit wird uns kein Medium nehmen können.“

Als Appendix sozuagen: Es war im Übrigen dieser Artikel in der NZZ, der mich dazu bewogen hat, hier auf diesem Blog nicht nur den Facbook-Button, sondern den auch mit Facebook verbundenen Like-Button zu deaktivieren. Nicht nur möchte ich Facbook noch mehr Daten in den Rachen werfen, auch nicht die Anderer, sondern es ist auch so wie es dort steht: Entweder ich habe etwas zu sagen oder eben nicht. Das leere mögliche Goutieren des Like-Buttons – ich weiß ja wie ich ihn selbst genutzt habe – hat mit Kommunikation nichts zu tun. Etwas zu mögen ohne darüber viel Worte zu verlieren ist nichts Schlimmes, aber vielfach eben auch nichts, was zwingend einer Mitteilung bedarf – alles andere ist schon kurzgetaktete Verwertungs- und Bedeutungslogik unserer Zeit, der ich mich immer wieder entgegen stellen werde, weil sie am Ende Null echte Resonanz erzeugt.

„Die Diskussionen um den Like-Button können als Schritt hin zur Emergenz von normativen Erwartungen gegenüber den Affordanzen einer neuen Technologie aus der Mitte der Gesellschaft beschrieben werden…. 

Vielmehr entbrannte innerhalb von Facebook eine Diskussion zwischen der Analytics-Abteilung und den Business-Managern über die «gültige» Interpretation des neuen digitalen Artefakts. Maschinen sind bekanntlich nicht fähig, Intentionen zu entwickeln. Aber Menschen und soziale Systeme können Erwartungen an die (Gebrauchs-)Möglichkeiten schaffen, die einer Technologie innewohnen. In der Wissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von «Affordanzen».

Für die Analytics-Abteilung von Facebook stand die Möglichkeit im Vordergrund, über den Like-Button genauere Kenntnisse der Nutzerpräferenzen zu erhalten, um so die zugänglich zu machenden Inhalte noch präziser auf das Persönlichkeitsprofil jeder einzelnen Nutzerin zuzuschneiden.

Die Business-Manager waren von dieser Interpretation ebenfalls angetan, weil die Personalisierung von Inhalten die Möglichkeit versprach, der Werbebranche individualisierte Anzeigen zu verkaufen. Diese geschäftsorientierte Interpretation konnte sich letztlich durchsetzen: Seither erzielt Facebook mit dem Like-Button Milliardeneinnahmen.

Pearlman und Rosenstein konnten sich nicht damit abfinden, dass sich statt ihrer gemeinwohlorientierten jene Interpretation des Like-Buttons in der «design constituency» durchgesetzt hatte, die Facebook die Maximierung von Werbeeinnahmen ermöglicht. Sie verliessen den Konzern und übten nun auf der Seite der «impact constituency» vehemente Kritik an dem, was sie als weiteren Schritt zur Ökonomisierung des Internets brandmarkten.

Dieser Kritik schlossen sich zahlreiche Internetaktivisten und auch Teile der Wissenschaft an. Dies mit dem Ziel, die «Normalisierung» einer bestimmten Interpretation des Like-Buttons zu verhindern und die Möglichkeit gesellschaftspolitischer Korrektur aufrechtzuerhalten.“

https://www.nzz.ch/feuilleton/gedacht-war-er-als-hilfe-fuer-die-menschen-heraus-kam-ein-spion-wie-der-like-button-von-facebook-neues-recht-entstehen-laesst-ld.1625065