Moderne Nomaden als Tachigali visicolor

Ich war gestern das allererste Mal seit dem Beginn der Corona-Pandemie wieder in einem Lichtspielhaus. Entgegen des vemeintlichen?) Trends, dass das Kinogehen ausstirbt, gehöre ich zu denen, die Filme noch am liebsten auf diese Art erleben – auch weil es mich deutlich mehr fokusiert als daheim auf dem Sofa zu sitzen.

Der oscarprämierte Film „Nomadland“ hat mich seinerzeit als ich den Trailer sah nicht so sehr überzeugt, tatsählich hegte ich große Sorge, dass da die Grenze zu naiver Romantik und Kitsch überschritten werden könnte. Was ich gleich sagen kann zum Glück ist dem nicht so (wenn es nah kommt, dann wird noch rechtzeitig abgebrochen bzw. einiges käme gar nicht in Gefahr, wenn es nicht dieses Einaudi-Geklimper im Hintergrund geben würde). Für mich ist der Film das, was man einen „Slowburner“ nennt, ich brauchte etwas Zeit um mich hineinzubegeben (es gibt sicher Menschen, die diesen Film langweilig finden werden,im Grunde geschieht auf der Oberfläche recht wenig), aber dann hatte er mich sehr eingesogen und ganz unmerklich sehr mitgenommen. Filme, die, wenn man das Kino verlässt einen in ihrer Atmosphärenblase weiter durch de Straßen weiterlaufen lassen.

Er basiert auf einem Reportagebuch über die modernen Auto-Nomaden in den USA und da bis auf die Hauptdarstellerin Frances McDormand Laiendarsteller sind und quasi eine Version ihrer Selbst spielen, hat der Film durchaus eine halbdokumentarische Dimension. Es wäre vielleicht einfach gewesen noch mehr Gewicht darauf zu legen, noch mehr der Kapitalismuskritik und des Sozialdramas aus dem Buch in den Film zu legen, aber man kann froh sein, dass es gerade nicht getan wurde. Zum einen, weil der Film sich dann in meinen Augen etwas ad absurdum geführt hätte (das wird auch in der SZ-Rezi oben angesprochen) und zum Anderen, Wichtigeren, weil er es deswegen schafft ein zeitloses Moment zu erreichen.

Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist die unglaubliche Balance zu der er fähig ist. Nicht nur,weil er wie bereits erwähnt zugleich ein zeitiger Film über das moderne (Arbeits)Leben im Kapitalismus, den USA im speziellen ist – der Film kontert das implizit mit der Karriere als Goldenem Kalb und dem Abgesang auf den Job als Lebensglückerfüllungsanstalt – und über grundmenschliche Gefühle wie Trauer, Erinnerung, Drang nach Freiheit, Sehnsucht, Angst und Freundschaft ist. Er schafft darin auch das Gleichgewicht, dass er das Leben der modernen Nomaden weder glorifiziert und romantisiert (wenn das im Film geschieht, tut dies bezeichender Weise die bürgerlich-mittelständisch lebende Schwester der Protagonistin in einer Mischung aus Bewunderung und kleinem, stillen Neid), noch werden sie bemitleidet, vorgeführt, noch für sonst eine Art von Norm oder Moral ausgenutzt; sie sind weder Helden, noch Parias. Und so sind sie genauso freiwillig wie unfreiwillig (Unfreiwilligkeit bezieht sich hier auf Umstände, die Entscheidungen nachhaltig beeinflussen, dass von freier evtl. keine wirkliche rede mehr sein kann) das, was sie sind. Aus welchen Umständen heraus sie sich für dieses Leben entschieden haben, sie leben im wahrsten Sinne des Wortes mit dieser Entscheidung und bedauern sich selbst nicht.

Und es ist sicher auch nicht unerwähnenswert, dass nicht nur die Hauptfigur eine Frau ist, sondern auch ein Großteil der Nebencharaktere. Die NomadIN, die Alleinreisende (gilt allgemein für das Alleinreisen, aber für Frauen immer noch im Besonderen – ich spreche da aus Erfahrung) ist immer noch eine Figur abseits der bekannten Fahrwasser, die sie vor dem Kitsch schützen kann, möge er positiv oder negativ sein.

Die andere Mitte, die der Film findet, hat mich persönlich sehr beeindruckt und das sie mir so sehr auffiel, mag eventuell dem geschuldet sein, dass ich vor dem Kinobesuch in der neuen Sonderschau „Ich hasse die Natur!“ im Schiller-Museum von Weimar gewesen bin, die zum Themenjahr „Neue Natur“ 2021 konzipiert wurde. „Nomadland“ ist für mich nämlich auch ein Film über den Menschen und die/seine Natur.

„Die Ausstellung setzt den idyllischen Weimarer Park¬anlagen einen starken Kontrapunkt entgegen. Bedrohlich, beherrschbar, faszinierend – die Natur begegnet dem Menschen auf viele Weisen. Wir selbst sind Natur und möchten doch noch etwas Anderes sein: mehr als sie, ihr nicht ausgeliefert, sie bewundernd und benutzend.“

Der Film spielt zu einem Großteil im amerikanischen Westen und jenen Regionen in denen die Prärien, Wüsten und Canyons ohne viele Menschen über die Weiten erstrecken. Es sind menschlich gesehen unwirtliche Gegenden, die mit klirrender Kälte und schonungsloser Hitze aufwarten und den Menschen, die sie durchqueren und in ihnen leben entgegenschleudern. Aber sie sind genauso schön und erhaben. Ihre leeren Weiten sind Risiko und Freiheit im gleichen Atemzug. Die Einfachheit des Nomadenlebens und die Möglichkeit des Erlebens/Seins in diesen Räumen verdichtete sich für mich in dem Filmbild in dem die Protagonistinmit einem Freund mit selbstgebauten Grill am Van Fleisch zubereitet, dass sie dann beide auf Klappstühlen sitzend am Rande eines riesigen Canyons wohl der Black Hills zu sich nehmen.

(Alle Filmstiils: Searchlight Pictures)

Das andere Bild, dass mir besonders im Gedächtnis blieb und einen speziellen Aspekt des Mensch/Natur-Themas illustriert ist wie die Protagonistin in der Abenddämmerung, nur noch Schatten vor dunkelndem Himmel vor einer Dinosauerierstatue, eingezäunt mitten in der Wüste von South Dakota, steht, dass das Restaurant in dem sie ihren Saisonjob vertut, auf seinem Gelände für die Kinder der Besucher aufgestellt hat. Sie sieht hinauf und beide sind allein, der eine längst ausgestorben, der Andere wird sterben, so oder so, wenn nicht als Gattung, dann aber defintiv als Einzelner.

Die Einsamkeit in „Nomadland“ ist genauso in Balance wie alles, sie ist tröstlich, sie kann ein Glücksmoment und ebenso kann sie Bürde und Last sein. Dass eine genießen und das andere aushalten, mag die Ars Moriendi sein. Und so macht der Film denn auch jenseits des Alleinseins der Hauptfigur, die ihren Mann und ihr Zuhause verloren hat vor der Kulisse der Natur diese Einsamkeit zu jener Existenziellen, die wahrscheinlich ein Grundmoment des menschlichen Daseins ist. J.J.Richards Kamerafahrten sind dabei sowas wie die Neue Sachlichkeits-Variante von Emmanuel Lubezkis Arbeiten gerade bei Malick-Filmen.

Als die Hauptfigur durch die Überreste ihrer alten Stadt, die aufgelöst wurde als der Industriezweig unrentabel wurde, der sie überhaupt erst enstehen ließ, durch ihre Erinnerungen läuft, sehen wir diese nicht, nur die modernen Ruinen einer Industriestadt, der am Ende auch jene Orte angehören, die der Film eben auch durchstreift; die Tankstellen, Campingsites, Industrie- und Gewerbeparks, Garagenländer, jene Edgelands der Menschen, die sich zwar einst in die Natur hineinfraßen und doch stets noch mit einem Bein in ihr sind, immer kurz davor zurückzufallen – eine Arbeit in der Ausstellung zeigt in einem Filmrondell genau das, die Zerstörung der Natur, die Verstädterung, der Rückfall der Städte in den Wald und wieder alles von vorne, immer wieder. Es sind nicht nur die Orte der Gesellschaftsränder und gesichtslosen Transite und Nicht-Orte, die dem modernen Nomadenleben inhärent sind, sie sind das was der Anthropozän-These (eine lesenswerte Kritik des Konzepts hier: https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/von-wegen-anthropozaen und ein lesenswerter, nüchterner Bericht zum „Symbolort“ Hambach: /https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/ortsbesuch-in-hambach/) entgegen steht, die Erschaffung neuer Räume, die keineswegs nur Zerstörung und Tod sind – nicht umsonst sind es gerade die menschlich unbewohnbar erscheinenden verseuchten, vergifteten Gebiete; Tschernobyl, ehemalige Milität- und Chemieanlagen, die mittlerweile artenvielfältige Biotope geworden sind. Der Mensch überschätzt sich weiterhin und unterschätzt die natur, das Anthropozän, dass wie die Zerknirschung wirkt, belässt und erhebt den Menschen genau in die Machtposition, die er damit eigentlich kritiseren will – die Natur findet immer einen Weg.

Hier sind wir durchgegangen

Mit unseren Werkzeugen

Hier stellten wir etwas Hartes an

Mit der ruhig rauchenden Heide


Hier lagen die Bäume verendet, mit nackten

Wurzeln, der Sand durchlöchert

Bis in die Adern, umzingelt der blühende Staub


Mit Stahlgestängen, aufgerissen die Orte

Überfahren mit rohen Kisten, abgeteuft die teuflischen

Schächte mitleidlos


‚Ausgelöffelt die weichen Lager, zerhackt, verschüttet,

zersiebt, das Unterste gekehrt nach oben und

durchgewalkt und entseelt und zerklüftet


Hier sind wir durchgegangen. […]


Das Restloch mit blauem Wasser

Verfüllt und Booten: der Erde

Aufgeschlagenes Auge

Und der weiße neugeborene Strand

Den wir betreten


Zwischen uns.

Volker Braun: Durchgearbeitete Landschaft (1974)

Das anthropozänige Klagen dieser Zeilen (in der Ausstellung liefen zu diesem Texten übrigens keine Bilder von Wäldern, Seen oder Baggern und Kränen, sondern von Schönheitsoperationen, das ist doppelter Boden) verkennt, was daraus entstand und verkennt, wie viele auch zeitige Umwelt- und Naturmoral, den durchaus reaktionären Charakter der Vorstellung, eine Landschaft werde unwiederbringlich zerstört als sei sie ein festes, umumstößliches Ding, hinter der eine simple mitteleuropäische Ästhetik der Kulturlandschaft steckt, die noch heute als pure Natur und Urzustand zelebriert und verkauft wird.

Das Naturidyll will wahrscheinlich auch von jener existenziellen Einsamkeit ablenken, die grad in der Natur manchmal erst besonders spürbar wird. Dass wie Plessner es schon geschrieben hat, der Menschen nie ganz im Innen ist, weil er immer auch Außen, außer sich und gleichzeitig deswegen immer in sich und nie ganz in der äußeren Welt ist, das ist sein Zwiespalt; das bewusste Unbewusste, hat Hölderlin im „Hyperion“ sehr gut beschrieben – „Nomadland“ hat auch Bilder dazu:

„O seelige Natur! Ich weiss nicht, wie mir geschiehet,

wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne,

aber alle Lust des Himmels ist in den Thränen,

die ich weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten.

[…] Eines zu seyn mit Allem, das ist Leben der Gottheit das ist der Himmel des Menschen.

Eines zu seyn mit Allem, was lebt, in seeliger Selbstvergessenheit wiederzukehren in’s All der Natur,

das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden,

das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe,

wo der Mittag seine Schwüle und der Donner

seine Stimme verliert und das kochende Meerder Wooge des Kornfelds gleicht.

Auf dieser Höhe steh‘ ich oft, mein Bellarmin!

Aber ein Moment des Besinnens wirft mich herab.

Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war,

allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit,

und meines Herzens Asyl, die ewig einige Welt, ist hin;

die Natur verschließt die Arme, und ich stehe,

wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht.“

In diesem Zusammhang fand ich etwas Weiteres in der Ausstellung bemerkenswert. Im letzten Raum waren Zitate zum Thema Umelt/Klima/Wissenschaft etc. an den Wänden angebracht, die man per Fußbutton liken konnte, ein Zähler darunter deutete einem wie viele Menschen das jeweilige Zitat bereits geliked haben. Der großteil der Zitate (ein Trumpzitat deswegen ausgenommen,weil’s halt ein typischer, blöder Trumpblurb ist von dem ich auch nichts erwarte) fand ich dermaßen banal, wie naiv-abgeschmackt in ihrer Konfusion aus Kleinklein („Weniger Auto fahren“) und Ganzgroß („Wir zerstören die Erde“), dass es mich beinah wütend gemacht hat. Ich habe nur eines geliked und das kam zu meiner eigenen Überraschung von Papst Benedikt XVI.:

„Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt, als der, der er ist und sich nicht selbst gemacht hat.“

Mal davon ab, dass man das gleichzeitig reaktionär lesen kann (nicht muss!) und es genauso fast einen Hauch Pantheismus möglich macht, muss man nicht an Gott glauben oder sonstwie esoterisch zu sein um die Aussage „Der Mensch macht sich nicht selbst“ ganz nüchtern hinzunehmen, weil sie bis zu einem weiten Grad einfach ein Fakt ist; der Mensch ist Biologie, er ist ein Naturwesen, aber das soll auch kein Determinismus sein. Trotzdem gibt es bestimmte Vorgänge, die unhintergehbar sind. Da scheint es beinahe müßig wie die Ausstellung am Ende zu fragen, welches Zukunftsszenario uns wohl ereilen mag; Anthropozän, Novozän (die Herrschaft intelligenter Maschinen/Programme) oder das Dendrozän (der Mensch als entweder Steinzeitler 2.0 als kleines Glied in der Fauna und vor allem Flora oder gar ganz getilgt…Fun Fact: Pflanzen machen mindestens 80 Prozent der Biomasse der Erde aus, während Tiere, einschließlich der Menschen, etwa 0,3 Prozent ausmachen. Mit anderen Worten, die Erde ist ein Pflanzenplanet, und Pflanzen sind die evolutionär erfolgreichsten Lebensformen auf diesem Planeten), denn nichts gestern, heute, morgen wird am besagten Grundzwiespalt des Menschen etwas ändern – außer er wäre tatsächlich ein ganz neuer Mensch…

„Seit fünf Jahren hatte ich keinen Menschen mehr gesehen, und war nicht böse darüber […] Schön saß sichs auf dem Weg. […] War Alles still und kühlig; auch feuchtlich; keine Grille schrillte mehr; nur dann und wann floß Hauch durch die Pflanzen zur Rechten zur Linken. Früher waren auf den Asphaltbändern lautlos Autolichter geglitten: jetzt herrschte nur noch der Mond. […] In 20 Jahren findet Niemand mehr Straßen auf der Welt; vielleicht erkennt man die Autobahnen noch, aber in 30 sind auch die weg. […] Ich stand steifgliedrig auf (war in letzter Zeit doch zu wenig Langstrecken gefahren), und beschaute noch einmal den Omnibus, dem ich auf dem Trittbrett gesessen hatte: sieht scharmant aus: ein Auto mit üppigem Gras auf dem Kühler! […] Gegen Morgen kam Gewölk auf (und Regenschauer). Frischer gelber Rauch wehte mich an: mein Ofen! So verließ ich den Wald und schob mich ans Haus: der letzte Mensch.“

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel (1951)

Und vielleicht ist das ja immer so, dass jeder immer und überall der letzte Mensch ist, weil immer eine Welt (nicht die Erde!) mit ihm stirbt. Das ist der wahre Weltschmerz. Ihn auszuhalten und nicht verrückt oder stumpf zu werden ist vielleicht das größte, was der Mensch wirklich erreichen kann, weil er sich in seiner Akzeptanz und Hinwendung selbst übersteigt.

2 Kommentare zu „Moderne Nomaden als Tachigali visicolor“

  1. Das ist ein Film und ein Buch, die mich ebenfalls interessieren. Auch von dieser ganzen Thematik Armut, Pauperismus und einer Freiheit her, die zugleich ungeheure Entbehrung und Armut bedeutet. Und diese Kombination, eine Dokumentation in einen Spielfilm zu packen – und dann noch bei dieser Schauspielerin, die ja bereits in „Fago“ großartig war, wie sie diese seltsame und zugleich coole Polizistin als Landei verkörperte: all das hat auf den ersten Blick etwas.

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    1. Frances McDormand ist im Grunde immer sehenswert. Ich hatte das Buch seinerzeit mal in der Hand, bin dann aber wieder irgendwie abgekommen davon bis dann der Film angekündigt wurde. Lohnt sich, weil Buch und Film eben doch auch sehr verschieden sind in dem worauf sie den Fokus legen.

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