Trassen-Traumata oder träumen Grenzhunde von der Freiheit?

Heute jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 60. Mal. In den Medien ist dazu wieder viel zu hören und zu lesen über die Menschen diesseits und jenseits dieser Mauer, aber abseits dessen haben nur wenige geschaut, diese dafür umso genauer und lesenswerter, weshalb dieser Beobachterin dieser Beitrag am Jubiläumstag gewidmet ist.

Während Walter Ulbricht noch meinte „So dient der 13. August wahrer Menschlichkeit“, hat eine Journalistin sich gefragt, was dieser Grenzbau eigentlich für die Hundeschaft bedeutet haben mag. Denn abseits der realen Mauer lag jener über Jahre immer weiter ausgebaute, militarisierte Todesstreifen, der tatsächlich keine Mauer im engeren Sinne war. Und inmitten dieser Abschnitte des Nichts und des Todes, dort, wo auch ein Grenzer kaum hinkam und die gerade deswegen als besonders fluchtbegünstigend galten, hatten sich die DDR-Oberen in den 60ern ganz besonderen Personals bedient: Hunden.

Diesen Hunden und dem System und Soziotop in dem sie lebten hat Marie-Luise Scherer 1994 eine Reportage gewidmet, die zuerst im Spiegel erschien (und hier noch nachgelesen werden kann, wenn auch schlecht editiert: https://www.spiegel.de/politik/die-hundegrenze-a-98cc6929-0002-0001-0000-000013684223?context=issue) und zum Glück auch vom Verlag Matthes&Seitz neu aufgelegt wurde

Dass Grenzsoldaten auch Hunde bei sich hatten, wirkt nicht sehr ungewöhnlich, dies sind aber nicht die Hunde über die Scherer berichtet, sondern jene Trassenhunde von denen hier die Rede ist, waren keine Begleiter, sie waren einsame Posten im Niemandsland. Sie fristeten ihr Dasein in Laufleinenanlagen, den sog. Hundetrassen. Auf drei Kilometer kamen mindestens 30 Hunde, die, an 50 bis 100m lange Laufseile gebunden, am Todesstreifen patrouillierten und bestenfalls einmal am Tag gefüttert und mit Wasser versorgt wurden (wenn Personal knapp war auch mal mehrere Tage nicht). Die Kriterien für einen guten Hund waren für die Trasse auch andere als für die Spür- und Wachhunde an den Leinen der Grenzer. So oder so wurde in der ganzen kleinen Republik nach ihnen fahndet. Die auf der altgriechischenen 4-Säfte-Lehre basierende Typologie des Trassenhundes aus Sicht der Grenzbeamten schildert Scherer so:

„Den Sanguiniker als den lebensvollen, in seinen Eigenschaften gut dosierten Typus führte Moldt nur der Vollständigkeit halber an. Dieser begreife schneller als ein Professor und gehöre, da er den wünschenswerten Hund verkörpere, nicht an die Trasse.

Brauchbarer (als der Phlegmatiker) verhalte sich der Melancholiker, ein Genosse der Angst. So wie ein hartes Wort ihn schon untröstlich stimme, er schon aufjaule, bevor der Schmerz ihn überhaupt treffe, so melde er eine herabfallende Eichel schon als Gefahr.

Erst wenn sich ihm (dem Melancholiker) das Toben des Cholerikers beimische, verdiene es Beachtung. Im günstigsten Fall sei der Melancholiker der Zuarbeiter des Cholerikers, der aus dem Schlaf in Attacke übergehe.

Ans untere Ende seiner Eignungsskala platzierte Moldt den Phlegmatiker. Ihn störe gar nichts. Bei allergrößter Hundeknappheit gebe er jedoch die Attrappe eines Wächters ab

Um diese Hunde herum kreist ein Personal aus Grenzsoldaten, Abschnittsbevollmächtigten, Hundezüchtern und jenen Bewohnern der Grenzregionen, die durch die Lage ihrer Häuse in besonderen Sperrzonen lebten. Ab und an blickt auch bei ihnen so etwas wie ein Anflug von Mitleid mit, das sich jedoch schnell als gleicher Auswuchs technokratischer Vorstellungen herausstellt wie das gesamte Trassensystem insgesamt:

Ständig sah er den exquisiten Hund vor sich, wie dieser im Leerlauf sich verzehrte, nicht anders als die, die er die ‚tauben Nüsse‘ nannte, diese nur hundeähnlichen Dorfkreaturen, denen aus seiner Sicht der Grenzdienst erst ein Dasein bescherte.

Dieses menschliche Personal in dessen Wervorstellungen des Hundes das versteckte durchaus chauvinistische, ökonomisierte Arbeitsgötzentum der Kleinbürger-DDR seine Blüten treibt, wirkt deutlich unmenschlcher als seine Hunde. Die Gestalten und ihre Handlungen grenzen beinah an absurdes Theater. Ich würde behaupten jeder, der in der DDR aufgewachsen ist bzw. wie ich in den 90ern noch das „Restpersonal“ gerade aus den ländlicheren Gegenden miterlebt hat, kennt solche Männer.

Das durchaus Theaterhafte der menschlichen Darsteller ist sicher auch dem geschuldet (was keinesfalls negativ gemeint ist, sondern ganz im Gegenteil), was hier unbedingt erwähnt werden muss, nämlich dem Schreiben Scherers. Auch wenn das Thema durchaus schon wegen seiner Abseitigung interessant genug ist, das wahre Highlight dieser Reportage ist die Art wie Scherer sie erzählt. Und das Wort ‚erzählt‘ ist hier bewusst gewählt, ein Sachbericht im eigentlichen Sinne ist dies nicht. Die oberflächliche Nüchternheit und Klarheit der Sprache schafft nicht nur die Atmopshäre, die zur Schilderung dieses Soziotops vonnöten ist, sie lässt es buchstäblich in die Sprache einwandern. Dass was der Text auf der Inhaltsebene beschreibt, findet man in der Sprache wieder, beinah wie Mimikry. Und gleichzeitig ist der text höchst artifiziell (man fragt sich,ob Scherer sich über Kram wie den zb von Relotius und Konsorten – egal, ob der Inhalt wahr ist oder nicht – nicht totlacht). Die Montage und Verschachtelung mit der die einzelnden Abschnitte ineinandergreifen und ineinandergeschoben werden, ist brilliant und lädt dazu ein mehrmals zu lesen. Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass das eine der besten Reportagen ist, die ich bisher im Leben gelesen habe.

P.S.: Dass 2016 das Theater Nordhausen daraus ein Bühnenstück gemacht hat, erscheint mir nur konsequent (zu schade, dass ich’s nie sah), man fragt sich, warum noch niemand einen Film daraus gemacht hat.

Das besagte Theaterstück kann man hier ansehen (die Videoqualität ist leider nicht die Beste):

2 Kommentare zu „Trassen-Traumata oder träumen Grenzhunde von der Freiheit?“

  1. Durs Grünbein hat jene Grenzhunde in seinem Gedichtband „Schädelbasislektion“ (1991) einfließen lassen, und zwar in dem 5. Kapitel „Der Cartesianische Hund“, darin „Portrait des Künstlers als junger Grenzhund“.

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