Von Milieuscham, Klassendistanz und Herkunftsverrat – “Der Platz” von Annie Ernaux

“Was soll ich sagen, er ist eben vom Land…”

Der französische Althistoriker Paul Veyne geht von einer Poesie der Ferne aus und hält die Römische Geschichte deswegen für so überaus interessant, weil sie so absolut fern von uns liegt. Annie Ernaux erscheint die Zeit der Lebenswelt ihres Vaters ähnlich fremd:

Wenn ich Proust oder Mauriac lese, kann ich nicht glauben, dass sie über die Zeit schreiben, als mein Vater Kind gewesen ist. Seine Welt ist das Mittelalter.”

Nicht nur die Welt des Vaters erscheint weit weg, sondern schon die Zeugnisse der Kultur, die wir heute noch schätzen, scheinen von ihr kaum Notiz genommen zu haben. Und eben diese andere Welt ist jene in die Ernaux aufgestiegen ist: “Ich war jetzt Teil jener Hälfte der Welt, für die die andere Hälfte nur Kulisse ist.”

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Deutschland und Frankreich sind weder auf historischen, noch soziologischen Terrain gut vergleichbar, viele Deutsche machen sich wenig Vorstellung davon wie agraisch Frankreich geprägt war (was auch damit zu tun haben mag, dass hier wie in Frankreich selbst der Fokus seit jeher immer auf Paris und der Isle de France gelegen hat als sei dies das Franzosentum schlechthin) und immer noch ist. Und dass das deutsche Mittelstandsmodell ein besonderes und kein genuin universelles Modell europäischer Prägung ist (das Urteil zum Beispiel, dass die Gelbwesten-Proteste nicht auf Deutschland hinüberpflanzbar sind, ist u.a. auch diesem Umstand geschuldet).

Ernaux erzählt, wie sie sich den fremd gewordenen Vater, dem sie zu Lebzeiten nicht mehr viel zu sagen hatte, schreibend zurückholen kann. Zugleich zieht diese Sprache aber eine neue Trennwand zwischen sie und ihr Elternhaus. Einmal mehr beschreibt sich Ernaux als zerrissen zwischen zwei Identitäten, weil sie ein «Erbe ans Licht holen» will, das sie selbst «an der Schwelle zur gebildeten, bürgerlichen Welt zurücklassen musste». Und sie entdeckt die feinen Bruchlinien der Zerrissenheit auch bei ihrem Vater, der sich ebenfalls schon von seiner Herkunft als Taglöhner auf dem Bauernhof entfernt hatte; “Am schlimmsten war es, sich wie ein Bauer zu verhalten, ohne einer zu sein…”

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»›Ich sollte das erklären.‹ Damit meine ich, über meinen Vater schreiben, über sein Leben und über die Distanz, die in meiner Jugend zwischen ihm und mir entstanden war. Eine Distanz, die mit Klasse zu tun hat und trotzdem etwas sehr Persönliches ist, für das es keinen Namen gibt. Eine Art distanzierte Liebe.«

Schon er hatte sich von seiner Herkunft emanzipiert als er Fabrikarbeiter und schließlich Kneipenwirt und Ladenbesitzer wird…”Sie gehören nicht mehr zu den am meisten Gedemütigten… Allmählich fanden sie ihren Platz, in der Armut oder knapp darüber” Schon sein Vater spürte das, was Ernaux‘ Vater vielleicht seiner Tochter gegenüber empfand:

“Es machte ihn rasend, wenn zu Hause jemand in ein Buch oder eine Zeitung vertieft war. Er hatte nie Zeit gehabt, lesen und schreiben zu lernen…Jedes Mal wenn mir jemand von ihm erzählte, fing es so an: „Er konnte weder lesen noch schreiben“, als wäre sein Leben und sein Charakter ohne diese Information nicht zu verstehen.”

Es ist eine Emanzipations- und Aufstiegsgeschichte, die sich dupliziert und potenziert und gleichzeitig auf beiden Seiten mit Scham und Versagen, Unverständnis und Distanziertheit einhergeht.

Die ganze Welt gegen uns verschworen. Hass und Unterwürfigkeit, Hass auf die eigene Unterwürfigkeit

“Lehrer brüllen: „Eure Eltern wollen wohl, dass ihr so arm bleibt wie sie! […] Immer die Angst oder VIELLEICHT DER WUNSCH, dass ich scheitere

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Bücher, Musik, dass ist etwas für dich. Ich brauche so was nicht, um zu leben

Er hatte mich großgezogen, damit ich einen Luxus genießen konnte, den er selbst nicht kannte

Der französische Soziologe Didier Eribon zollte der hierzulande immer noch zu wenig bekannten Schriftstellerin Ernaux in seiner „Rückkehr nach Reims“ größten Respekt. Im Nachfolgebuch «Gesellschaft als Urteil» widmet er ihr ein ganzes Kapitel. Ohne ihre literarische Vorarbeit wären seine eigenen Bücher kaum möglich gewesen. Auch Virginie Despentes zitierte Annie Ernaux als Inspiration für ihre Gegenwartsprobe «Vernon Subutex». Und Edouard Louis‘ „Das Ende von Eddy“ und „Wer hat meinen Vater getötet“ spricht von ähnlichen Ambivalenzen (bezeichnend, dass es sich um jüngere Schwule handelt, das Stigma ist doppelt, Klassenaufstieg und „abweichende“ Sexualität, während Ernaux‘ mit dem Aufstieg verbundene Hypergamie – es gibt eine aussagekräftige Passage darüber wie der bürgerliche Ehemann seinen Schwiegervater gegenüber empfindet – eine uralte Trope ist und sogar als Neigung empirisch belegt). Wobei allen gemeinsam ist, dass zwei Ebenen verbunden werden und auf Größere Zusammenhänge ausstrahlen.

Paul Veyne hielt die Soziologie für unersetzlich für die Geschichtswissenschaft. Es gelte die scheinbaren Gegensätze zwischen singulären Individuen und generalisierbaren Strukturen zu überwinden, um das Fremde und Eigenwillige vergangener Kulturen sichtbar zu machen. Nur wenn das Allgemeine und das Besondere in einem sich wechselseitig bedingenden Zusammenhang gesehen werden, vermag der Historiker die Originalität des Unbekannten offenzulegen.

Annie Ernaux‘ eigens mit diesem Roman entwickelte Form der unpersönlichen Autobiografie erscheint mir wie die literarische Variante dessen; so wie August Sanders Photographien. Das Individuelle als das Exemplarische, und Ernaux verbindet darüber hinaus das sehr Persönliche mit dem Historischen. Die Distanz des Klassenwechsels spiegelt heutzutage die Distanz und Entfremdung der Sozialdemokratie/der Linken in Frankreich zum „einfachen“ Lohnarbeiter. Was wunder also, dass Eribon, Despentes und Louis Ernaux so hoch schätzen.

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Und es ist Ernaux‘ besondere Autopoiesis, die das Unterfangen in meinen Augen so präzise macht…“L’Écriture comme un couteau“ (Wie mit dem Messer Geschriebenes) nennt sie selbst diesen Stil; nüchtern, fast steril, aber zwischen den Leerstellen sticht das Messer und ab und an verliert die entstandene Wunde Blut.

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