Post-Memory, Franken-Muzak und the allegro-pastell Vapor in the Mall

Als ich eines Morgens eher zufällig ein Feature über den Autor Leif Randt im Radio hörte (https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-gegenwart-von-leif-randt-ist-pastellfarben-ziemlich-nice.3720.de.html?dram:article_id=498859) in dem sein aktueller Roman „Allegro Pastell“ eine vordergründige Rolle spielt, hat mich das einmal mehr in Assoziationsgefilde getrieben. Ich habe den Roman nicht gelesen, höchstens ein paar Vorlesschnipsel gehört und ich habe es auch nicht vor, nichtdestotrotz hat mich das, was im Feature angesprochen und erzählt wird an ein anderes popkulturelles Phänomen dieser Tage erinnert. Und erinnern ist dabei schon Teil dieses Phänomens.

Alles begann mit den hier schon mal in einem vorherigen Beitrag beschriebenen Entwicklungen in der Musik und der sog. „Retromania“,sowie Postmemory-Nostalgie… In Sinn und Form 1/2020 gibt es einen äußerst lesenswerten, weil nachdenklich machenden Text der russischen Dichterin Maria Stepanowa über die sog. „Postmemory“.

Wenn die Zukunftsutopien außer Ideologen keinen mehr wirklich überzeugen und die angeblich totale Gegenwart gerade wegen der Totalität aufgelöst wird, dass viele Menschen sie gar nicht mehr wirklich erleben können/wollen, bleibt noch die Vergangenheit, die hier aber nicht als Reaktionärutopie gedacht ist (weil’s ja lediglich die Kehrseite der ersteren ist).

[Ein anderer Text von Jan Wagner über Lyrik und Fotografie ebenfalls in Sinn und Form (Heft 3/2020) passt ergänzend/erweiternd dazu (ich las beides zufällig hintereinander). Er lohnt nicht nur wegen der Gedichte, die Wagner dort bespricht; u.a. Rilke, Herbert, Pagis, Simic, sondern, weil er darüber nachdenkt, was große Fotos und große Gedichte gemeinsam haben, ein Augenblick und Ausschnitt der Welt, der aus Bevorzugung und Entscheidung gewählt wurde (und eben kein Rauschen ist) und den Betrachter/Leser einladen – Portraits beinhaltet immer schon den Blick in die Zukunft wie kaum eine andere Fotoform – genauer hinzuschauen …auf und in die Welt.]

„Postmemory. Dieses Gefühl, daß das eigene Leben mit seinen banalen Vorkommnissen und Problemen irgendwie weniger wichtig, weniger lebendig, weniger denkwürdig ist als das der vorangegangenen Generationen, daß die Vergangenheit überlebensgroß ist und das eigene Leben eher klein, daß es nicht verdient, erzählt oder gesehen zu werden: auch das ist Postmemory. Nach der Menge von Forschungsvorhaben zur Alltagsgeschichte, zur Aufzeichnung und Rekonstruktion von Familienüberlieferungen, zur Geschichte eines bestimmten Orts oder Gewerbes zu urteilen, ist dieses Gefühl heute extrem verbreitet: Es ist ein Trend geworden, aus dem etwas völlig Neues entsteht. Was für den privaten Raum der Familie bestimmt war, interessiert auf einmal ein breites Publikum, und immer mehr Menschen sind in diesen Vorgang involviert. Über die Ursprünge dieser Entwicklung kann man spekulieren – woher kommt eigentlich dieses Gedächtnis, das nicht nur einen eigenen Platz neben der offiziellen Geschichte beansprucht, sondern ihr manchmal geradezu widerspricht?“

https://www.sinn-und-form.de/?tabelle=leseprobe&titel_id=7329&kat_id=18

Man kann diesem oben beschriebenen Gefühl ja auch begegnen indem man sich in die überlebensgroß erscheinende, „wichtigere“ Vergangenheit wünscht/flüchtet, und weil man scheinbar nichts erlebt, muss man das dann über die Stimmung machen…wenn es ein Wort gibt, dass für diese Art Medienerleben im Grunde der Kern ist, dann ist das die Stimmung, deren zeitgeistiges Internet-Pendant die sog. ‚Aesthetics‘ sind. Gerade in den Sozialmedien wie Instagram und TikTok sind sie mittlerweile das A und O, das Ding und wenn man was in diesen Breiten reißen will, man muss wissen was man tut und welche Ästhetik man bedient, und das gilt auch für berühmte Musiker etc., die dort unterwegs sind. Videos, Bilder, Musik, alles muss vor allem eine Stimmung transportieren, der Rest ist im Grunde zweitrangig, die Leute schauen sich das an bzw. hören das zu Hause bevor sie zur Arbeit gehen oder von dort zurückkehren und um dann in diese oder jene Stimmung zu kommen. Und je besser etwas die jeweilige Aesthetic-Stimmung trifft, desto erfolgreicher.

In diesem BR-Beitrag schön kurz zusammengefasst: https://www.ardaudiothek.de/klassik-aktuell/hintergrundmusik-alles-nur-manipulation/78855462 --> wie ganz konkret manipuliert werden kann, kann man an einem aktuellen Beispiel hier nachlesen: https://www.republik.ch/2019/04/13/musik-als-manipulation 
Eine auführlichere Geschichte der sog. Muzak und verwandter Themen bis heute sehr hörenswert hier: https://www.ardaudiothek.de/freistil/von-der-fahrstuhlmusik-zum-streaming-die-ueberall-musik/90078168

Dass Musik ein Träger von Stimmungen ist, braucht wohl nicht extra hervorgehoben werden, doch erscheint es als sei gerade in diesem Bereich das geschilderte Phänomen besonders ausgeprägt. Ein Kulminationspunktist ist für mich die sog. Vaporwave der 2010er,die freilich auch heute nochim Internet existiert (letztlich genau nur dort, es handelt sich um ein originäres Internetphänomen). Vaporwave bedient sich jenseits der Musik auch einer bestimmten Ästhetik, z.b. Pastell- und Neonfarben. Seine Nostalgie ist vor allem gespeist aus den 70er und 80ern. Vaporwave ist in Digitalien und seinen meist jüngeren Bewohnern wie ich las gerade mit am populärsten ist. Es handelt sich um eine Art Lo-fi 80sSynth (mit noch mehr Optik) oftmals im mittlerweile beliebten Musik-die-so-nebenbei-laufen-kann-Modus. Es gibt ein lesenswertes Büchlein über die Geschichte, die Methoden und den Stil der Vaporwave: Grafton Tanners „Babbling Corpse“

Der Untertitel des Buchs fasst schon das Grundthema an, dass Tanner in Vaporwave ausmacht: das Geisterhafte – in diesem Zusammenhang mag Vaporwave auch eine Verbindung schlagen zur sog. Hauntology. Einer deren bekanntesten Theoretiker Marc Fisher beschreibt Hauntology so:

Sonic hauntology similarly “blurs contemporaneity” with elements from the past, but,whereas postmodernism glosses over the temporal disjunctures, the hauntological artists foreground them.

Darin steckt für mich auch eine Vorstellung von so etwas wie negativer und positiver Nostalgie; negative Nostalgie als die ahistorische Verklärung einer Vergangenheit, die herbeigewünscht bzw. in die sich zurückgewünscht wird, positive Nostalgie als wahlweise Bewusstsein des Weiterwirken der Vergangenheit (wie William Faulkner es sagte: „The past is never dead. It’s not even past.“) und durchaus ihrer Affirmation, aber mit dem Bewusstsein, dass die zeit nicht zurückgedreht ist oder stehen bleibt und die Vergangenheit auf andere Weise noch überall existent in der Gegenwart ist. Letzteres beschreibt die Geisterhaftigkeit von der hier die Rede sein soll ganz gut. Die Geisterhaftigkeit wohnt dem wohl auch grundsätzlich inne, weil dem Genre durch seine Herstellung postmoderne Frankensteinigkeit anhaftet. Tanner beschreibt das passend so:

With the invention of the electronic musical sampler, gaps a1nu remediation took new forms. Now, recorded music could easily be manipulated to create new pieces of music, and entire songs could be constructed solely out of audio samples shorn of context and reference. It was the ultimate postmodern musical gesture… Music critic Simon Reynolds describes sampling as „a mixture of time-travel and seance“ and characterizes it as „the musical art of ghost coordination and ghost arrangement.“ […] It is Franken-music, using various pieces of former wholes to create a new being.

Das Digitale in der Musik hat aber nicht nur die Herstellung verändert, sondern ganz sicher auch die Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten wie Musik heute gehört wird. Dazu der erwähnte Simon Reynolds in seinem ebenfalls lesenswertem Buch „Retromania“ (hier im Interview Jahre nach dem Buch: https://thegap.at/sieben-jahre-nach-retromania-simon-reynolds-im-interview/) :

First music was reified, turned into a thing (vinyl records, analogue tapes) you could buy, store, keep under your own personal control. Then music was ‚liquefied,‘ turned into data that could be streamed, carried anywhere, transferred between different devices. With the MP3, music became a devalued currency in two senses: there was just too much of it (as with hyper-inflation, banks printing too much money), but also because of the way it flowed into people’s lives like a current or fluid. This made music start to resemble a utility (like water or electricity) as opposed to an artistic experience whose temporality you subjected yourself to. Music has become a continuous supply that is fatally susceptible to discontinuity (pause, rewind/fast-forward, save for later, and so forth).

Musik als Stimmungsmacher immer und überall, der aber eben auch genauo verfügbar ist. Das Leben gerade auch in der Öffentlichkeit unterlegt mit dem, was man meint gerade zu „brauchen“. Musik, die Stimmungen produzieren sollte bzw. Stille überdecken wurde früher unabhängig vom Einzelnen als Hintergrundmusik quasi „von oben“ gewählt und entwickelt. Bestes Beispiel dafür ist die Muzak, bevorzugt an Nicht-Orten. Muzak ist der Corpus aus dem Vaporwave eine Menge Organe entnimmt, was heute, wo es das „neue Ding“ ist und Einzug ein den Mainstream gefunden hat besonders bezeichnend erscheint, wenn der Beginn von Vaporwave gerade diese Art Musik ironisierte und durchaus antikapitalistisch gedacht war.

Vaporwave producers sample the music we encounter in airports, supermarkets, shopping malls, supermarkets, waitingrooms and elevators, as well as the music we hear when we are placed on hold during a routine phone call or during a commercial while waiting for a television program to ‚ resume. This is music we hear as we perform a perfunctory, boring, but necessary action that typically involves consumption, and the music’s purpose is to turn our mind-numbing experience into something a bit less vapid while trying to sell us something in the process. It is the lubricant that glides us along our journey of daily material existence, from non-place to non-place, engaging in the glories of the free market while narcotizing ourselves to discomfort. This unobtrusive music can take many forms: Muzak, easy-listening, middle-of-the-road radio (MOR), smooth jazz, glitzy New Age, television bumpers, or other forms of anodyne music that populate our consumerist experience

Grafton Tanner

Und es gibt im Vaporwave viele Subgenres (von dem einige sicher auch schon Subsubgenres haben -und muss bei dieser Subisierung immer an Metal denken) von denen ich hier nur zwei besonders erwähnen möchte, weil ich in ihnen – oder zumindest einzelnen Trackes und Mixes darin – genau das wiederfand, was ich oben als positive Nostalgie bezeichnet habe, weil sie eine Art Selbstreflektion beinhalten, ersteres vielleicht unbewusst, letzteres wohl deutlich bewusster.

Bei der ersten Unterkategorie handelt es sich um Mallwave, quasi Chillsynthelectro für ein Durchstreifen der guten alten Mall. Mal davon ab, dass das ganze Mall-Ding auch eher eine US-Sache ist. Bemerkenswert ist ja, dass die Mall als ein Archetyp des Nicht-Ortes gerade für einige Jugendgenerationen in den USA diesen Nicht-Ort im Grunde für sich zu einem Ort machten. Wobei ich nicht weiß wie das in manchen Gegenden in Deutschland so war, denn ich hab mich in meiner Jugend nicht in Malls aufgehalten, allein schon weil es gar keine gab – man traf sich an der Bushaltestelle (Busstopwave!) oder irgendwelchen öffentlichen Plätzen, die damals tatsächlich nur von Jugendlichen oder den Stadtalkeholikern frequentiert waren, niemand sonst setzte sich dort hin, oder noch Parkplätzen (Carparkwave!), wo man evtl. noch Skateboard etc. fahren konnte – was wäre denn also das 90er Jahre Deutschlandpendant? Wie kann man sich nostalgisch über etwas fühlen als Jugendlicher, wenn man eben noch in dieser Jugend steckt und eine frühere Jugend herbeisehnt – ist das nur eine verkappte Version des „Früher war alles besser?“ Bezeichenderweise gibt es sogar tatsächlich sog. Fashwave (ja, das kommt vom Faschismus, die rechte Variante von Vaporwave sozusagen, gibts auch für Kommunisten, klar muss es für alles geben natürlich; es gibt tatsächlich ein Aesthetics Wiki: https://aesthetics.fandom.com/wiki/Vaporwave)

Ist Mallwave die zeitige Version des Ruinen und Vergangenheitskult der Romantik, die Dekadenz des Fin de Siècle 2.0? Im Artikel klingt an, dass es tatsächlich auch um Struktur- und Ordnungssehnsüchte gehen könnte, zumindest teilweise, was in dem Sinne witzig ist, da mir die 70er bis 2000er nicht vorkamen wie eine besonders geordnete, durchstrukturrierte Zeit, aber so ist das ja manchmal mit Verklärung. Dass was einige Menschen als neuen Kulturkampf bezeichnen findet wenn dann unbewusst und anderen Vorzeichen vielleicht an solchen Fronten statt. Abgesehen davon finde ich das konkrete Hörbeispiel von MEDIAFIRED sogar ganz interessant: https://melmagazine.com/en-us/story/the-teens-who-listen-to-mallwave-are-nostalgic-for-an-experience-theyve-never-had

Ein Beispiel, dass mich allerdings aus den oben angesprochenen Gründen auch persönlich tatsächlich sehr gecatcht hat ist vielleicht sogar unabsichtliche Mallwave. Da hat jemand einfach eine 70er Jahre Mall-Muzak-Tracklist mit Kathedral-Echo reverbert und schon hört man jene Geisterhaftigkeit der Vergangenheit, die ins Jetzt hineinwirkt als wäre es die Fade-out-Begräbnismusik für das 20. Jahrhundert (man gehe – wie ich – damit mal durch eine realtiv menschenleere Stadt und ihre Randgebiete, gibt einen interessanten Effekt):

Das zweite Subsubgenre, dass ich hier anbringen will ist Simpsonswave. Und ja, das hat mit der Fernsehserie „Die Simpsons“ zu tun; hier gibt’s einen kurzen Artikel dazu, der auch Links zu anderen Videos enthält: https://www.vice.com/de/article/kb53g9/simpsonwave-auf-den-spuren-eines-neuen-musikgenres

Der Clip den ich meine ist dieser hier:

Ausnahmsweise war es dieses Mal sehr aufschlussreich auch einmal die Youtube-Kommentare unterm Video zu lesen, die oftmals klar machen, dass es hier eben nicht um sehnsüchtige Nostalgie und wohlige Hintergrundbeschallung geht. Es ist vielfach davon die Rede, dass man aus seiner Kindheit, repräsentiert von der Figur Bart (einem 9jährigen Jungen) herauswuchs in die Erwachsenenwelt, repräsentiert durch Homer (den Vater der Familie), einhergehend mit dem Verständnis für eine Figur, die man damals nicht verstand, aber sich heute durchaus mit ihr identifizieren kann.

Simpsonswave ist auch deshalb interessant, weil die besten Tracks ein Problem widerspiegel, dass die Serie mit Hauntology und Vaporwave auf der negativen Seite gemein hat und sich wohl auch deswegen dazu eignet (auch wegen der Farbe sicherlich) so behandelt zu werden: Die Serie (wiewohl einer meiner Lieblingsserien zumindest bis zu einer bestimmten Staffel) ist leider mittlerweile selbst ein künstlicher Zombie, der seine Zeit längt überlebt hat, den man aber in Endlosschleife am Leben hält und mit ihr ihre Figuren. Was ebenfalls ein Beispiel für schlechte Nostalgie ist. Alte Folgen der Simpsons zu schauen und zu mögen und gleichzeitig zu wissen, dass sie in eine bestimmte Zeit gehören und aus ihr heraus gelebt haben, wäre eher die positive Variante. Eine gute Zusammenfassung des Problems (auch Simpsonswave erwähnend) kann man sich hier anschauen:

Die (Un)Ordnung der Gedankendinge

Wieder einmal durch das Zusammenkommen mehrerer zufälliger Aufschnappungen (schönes Wort) – was schon beim sich herauskristallisierenden Oberthema schier meta- selbstreferenziell-identisch anmutet – zu einem Denk-Konglomerat gekommen…Zutaten:

1.

ein Bericht über einen gewissen Leon Löwentraut, ein angeblicher junger Künstler, der wohl total gehypt wird und berühmter werden will als sein Vorbild Picasso (…man beachte berühmter, nicht besser oder genialer, nein nur berühmter, das nenne ich künstlerischen Anspruch…) und dessen Kunst horrende Preise bringt, obwohl er (jedenfalls in meinen Augen) nur ein ziemlich dreister Epigone seiner Vorbilder Picasso und Basquiat ist…es im Flusserschen Sinne also keine Kunst, sondern Kitsch in Reinform ist. Musste an eine Passage von Roger Willemsen in „Deutschlandreise“ denken:

„…Museumsbesucher über einen Raum verteilt, disparat, wie in einem Sterbezimmer. Geneigten Kopfes, mit auf dem Rücken gefalteten Händen oder in die Hosentasche eingehakten Daumen, ins Hohlkreuz geworfenen Oberkörper, zusammengezogenen Augenbrauen, schlafwandelnd, aber dabei ganz bewusst, zirkulieren sie zwischen den Exponaten. Wir reden von Gegenwartskunst. Da nennt man ein Werk nicht ein Werk, sondern eine ‚Arbeit‘ oder eine ‚wichtige Arbeit‘.
Aber eigentlich lassen sich längst beide Thesen gleich gut vertreten: Es gibt nichts Wichtiges in der Kunst, und es gibt nichts Wichtigeres als die Kunst. Eine Ausstellung jedenfalls besteht aus einer spezifischen Menge Publikum, die angezogen von einem bestimmten Versprechen, aufgespalten in Gruppen und Einzelne, eine bestimmte Haltung zu Gegenständen einnimmt, die man für Kunst hält, zu solcher erklärt oder in denen man sie vermutet.
Das eigentliche Kunstwerk- er weiß es nur nicht – ist aber der Mensch in seinem Verhalten zum Objekt, das er für ein Kunstwerk hält. Immerhin hat er in Jahrhunderten kulturhistorischer Vorbereitung eine eigene Attitüde dafür entwickelt, eine Haltung angenommen und übersetzt so Angelesenes, Erarbeitetes, Brocken aus Werbung, aus Fernsehberichten und Zeitungstexten in die Pantomime des Kunstsinnigen, Kontemplativen.
Kunst wirkt? ja, auf diese Weise.
Das Nachleben des Werkes beginnt erst mit dem Tod des Publikums, wenn nichts mehr da ist, das sich zu einem Objekt in Beziehung setzt. In dieser Vorstellung der Einsamkeit der Kunstwerke, als Hinterlassenschaften – besteht ihre Wirkung. Denn eigentlich ist das Optische doch das Uninteressanteste an der Kunst.[…]
Je einfacher die Produktion, desto künstlerischer wird der Betrachter.“

Wenn Malraux für seine Zeit (also höchstens bis in die 70er) meinte, die Kunst dieser Zeit sei nur denkbar mit Museum wie die gotische mit dem Glauben….vielleicht die jetzige auch ohne die Galerie bzw. den Kunstmarkt.

https://www.nzz.ch/amp/feuilleton/so-viel-schlechte-kunst-ld.1392254?__twitter_impression=true

2.

wegen eines Artikels über den großen, vlt. Verrückten Joycianer Literaturwissenschafter John Kidd, der wohl über das manische Lösenwollen des Ulysses-Enigma etwas wunderlich wurde und kaum noch sein Haus verlässt und nur noch mit Tauben spricht. In dem Artikel wird dann vom Autor zum einen vermutet Kidd würde einem horror vacui entgehen wollen und deswegen manisch sehr gehaltvolle und  intertextuelle Texte vergleichen; am Beispiel der Schilderung von Kidds Wohnung:

This quality was on vivid display the afternoon he welcomed me into his apartment, a unit in a high rise with a nice view of Rio. The place is neat and walled with books on shelves. There are lots of bureaus and built-in dressers, and at one point, when he went to retrieve a book, every drawer he opened was packed top to bottom, side to side, with even more books. “You really have to read Fernando Pessoa,” he said, handing me a collection of poems, in Portuguese, by this early-20th-century Lisbon writer, titled “A Little Larger Than the Entire Universe.” I cracked open Kidd’s copy to find a swarm of marginal notes on nearly every page, cataloging textual alternatives in the many other Portuguese editions he owns. This is how John Kidd reads everything — as a search for the perfected text. It’s not just an aesthetic choice for Kidd but a kind of compulsion toward completedness, suffusing not just how he reads literature but also how he talks about it. We discussed “Gargantua and Pantagruel” and “Don Quixote” and “Tristram Shandy.” He considers them all to be “antic” works, his coinage for books that are marked by a “comic take on the encyclopedic narrative just as the ‘Iliad’ is a tragic take on an encyclopedic narrative.” Those novels are playful, like “Ulysses,” but they mean to embrace and comprehend a sense of everything, and it’s this sense of totality and the longing for it that drives Kidd, too.“

Theoretiker, die Volkskunst studieren, beschreiben manchmal diese überfüllten, bildstarken Kreationen, nicht nur als ein prominentes Thema, sondern als eine Art psychische Krankheit, die der Form gemeinsam ist. Sie argumentieren, dass die Werke dieser Künstler Ausdruck eines Zwanges sind, eine existentielle Leere zu füllen- und Kidd bringt diese Intensität zu seinem Verständnis jedes Buches, das er liest. Und wenn Kritiker über Joyces sprechen, greifen sie typischerweise zu vergleichbaren Begriffen und beziehen sich auf Joyce ‚enzyklopädisches Wissen über Geschichte, Mythos und Sprache. In dem Zusammenhang werden Howard Finsters „Paradiesgarten“ oder Grandma Moses „Country Fair“ erwähnt (kannte ich bisher nicht).

Führt zu 3.

Finsters Paradiesgarten (der u.a. aus Dingen besteht, die Andere weggeworfen haben) und der mich zu einer dazugehörigen MA-Arbeit über „Salvation-Themed Visionary Art Environments“ geführt hat, die Finster und andere solche Werke (alle in den USA bemerkenswerter Weise) vorstellt und analysiert und mich an das Refugium des Schweizers Armand Schulthess (übrigens hat der Max Frisch zu seiner Holozän-Erzählung inspiriert…das enzyklopädische Buch dazu – der Ort wurde nach Schulthess‘ Tod abgerissen leider – ist sowas wie der verrückte kleine Bruder von Humboldts Kosmos) und einen Film über einen Mann, Jean-Marie Massou, im Nirgendwo von Limoges, der Höhlen gräbt um sie auszumalen um ein Rettungssystem für die geknechtete Frau zu bauen, das er Sodorome nennt (auch so ein Film, der nirgends mit UT zu bekommen ist) erinnert hat und in die Kategorie passen könnten.

https://www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/irrgaertner-des-menschlichen-wissens?urn=urn:srf:video:04ce6747-1d48-4458-b1a1-9ec24e0b8072

Und 4.

Hannes Bajohrs Digitale Literatur (Gedichte erschaffen durch Algorithmen z.b.), wobei die Datenkorpora für ihn Halbzeug ist (erinnert wohl nicht umsonst an Flussers Bezeichnung Halbfabrikat im Kulturkreislauf, also die Vorstufe von Kultur) und dann Kunst/Kultur geriert. Nettes Beispiel in welchem bei einigen bekannten Gedichten der deutschen Nachkriegsliteratur jedes Wort durch Synonyme ersetzt wurde. Als Beispiel der Anfang von Erich Frieds „Bevor ich sterbe“.

„Einst ich vollende                             Bevor ich sterbe

Noch einmal sprechen                        Auch später plaudern

von der Wärme des Lebens                von der Sonnenglut des Pulses

damit doch einige wissen:                  darauf sogar eine Handvoll durchschaut:

Es ist nicht warm,                               Es ist keineswegs gütig

aber es könnte warm sein.                  aber es könnte gütig heißen“

Was hat das jetzt alles miteinander zu tun? Ich finde viel, jedenfalls assoziierte sich mir viel, in dem Sinne bin ich selbst ein stetig Hypertexte klickendes Bewusstsein.

Das große Dach, das das für mich einfasst ist Flussers epizyklisches (posthistorisch bewusstes) Kulturmodell. Es gibt eine Erzählung und eine Erzählung von Wolfgang Hilbig („Die Kunde von den Bäumen“) in der es es viel um Abfall und Müllmänner geht und das der Abfall noch etwas birgt und zurückgewonnen werden kann, und die Verbindung zum Vergessen (die Müllmänner sind die Einzigen die nicht nicht vergessen können), das sich so in Flussers Überlegungen zum Abfall als ein Stadium des Kulturmodells (Abfall materieller wie immanterieller Natur) wiederfindet und seiner Überlegung des sog. „Collagisten“, der der echte Bezwinger des nachgeschichtlichen Denkens ist und gegen das Vergessen kämpft ohne Kitsch (denn das ist nur künstlich aufgewärmter Abfall) zu erzeugen, nahe steht. Aus dem Kulturmüll sammeln und etwas neues kreieren (genau deswegen ist ja Löwentraut Kitsch, weil nichts gesammelt und zusammengefügt wird, sondern einfach nur eine Kopie des schon Bestehenden oder Vergangenen ist, kommunikativ also Gerede statt Diskussion). Der Mensch als Jäger und Sammler von Informationen und der moderne Mensch, der ein Müllproblem hat und wo man entweder Kitschier oder Müllsammler bzw. Müllkünstler wird (bzw. psychisch gestörter Müllsammler – das Messi-Syndrom ist vlt. das Syndrom der Zeit)…und eine Ablösung vom Text als lineare Anordnung von Sinn…Flusser meint ja z.b., Film ist deswegen vielfach immer noch Text, weil er viel zu oft wie Text gemacht ist, obwohl er es im Grunde nicht ist oder sein müsste und nur wenige haben das bisher durchbrochen. Was im Grunde auch für alles Digitale gilt. Wo es mehr Müll gibt, weil alles scheinbar so schnell veraltet suchen manche nach Synthese…so wie Kittler das mal in den Aufschreibesystemen meinte:

„Es gibt noch immer Zonen, in denen [Levi-Strauss’] wilde[s] Denken […] relativ geschützt ist: das ist der Fall in der Kunst, der unsere Zivilisation den Status eines Naturschutzparks zubilligt, mit allen Vorteilen und Nachteilen, die sich mit einem so künstlichen Gebilde verbinden […] Die außergewöhnlichen Eigenschaften dieses Denkens, das wir wild nennen […] hängen besonders mit der Weitläufigkeit der Ziele zusammen, die es sich setzt. Es will zugleich analytisch und synthethisch sein, in beiden Richtungen bis an seine äußerste Grenze gehen und doch fähig bleiben, zwischen den beiden Polen zu vermitteln.“

Und man denke an Foucaults Prämissen in “Die Ordnung der Dinge”: In der Renaissance war das Denken aus Foucaults Sicht noch von Ähnlichkeiten und Verwandtschaften unter den Dingen gekennzeichnet, im klassischen Zeitalter ändert sich diese Episteme, denn nun geht es „nicht mehr um die Frage der Ähnlichkeiten, sondern um die der Identitäten und der Unterschiede“. Mit dem Ende der Repräsentation, mit dieser Transformation, die sich im Übergang von der Klassik hin zur Moderne vollzieht, taucht nach Michel Foucault eine neue epistemologisch Denkfigur auf: der Mensch. Stand noch in der Klassik eine diskursive Formation im Zentrum des Denkens, welche in Form der Repräsentation die wechselseitige Entsprechung der Dinge und des Denkens, der Natur und der menschlichen Natur entfaltete, so tritt nun der Mensch (und damit die Humanwissenschaften) an diesen Platz. Das Müllsammeln erscheint wie ein Wiedergewinnen der diskursiven Formation, wäre demnach eine Reaktion auf den Tod des Menschen (in positiver wie negativer Hinsicht). Ist bisschen auch eine neue Sinnmaschine im Sinnvernichter der spätkapitalistischen Konsumordnung.

Am Ende wird jenes Vertrauen und der Glaube an die Ordnung Emersons: „Welche Neugier die Ordnung der Dinge auch immer in uns geweckt hat, wir müssen der Perfektion der Schöpfung trauen und glauben, dass die Ordnung diese Neugier befriedigen kann., durch Wittgensteins Feststellung abgelöst: „„Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein. Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.“

Eine Ordnung könnte man mithin nur selbst schaffen. Und vielleicht ist das ja auch die moderne (teils dekadente?) Variante der Wunderkammer, Dioramen menschlichen Geistes oder der ja fast irgendwie abweichende, fremde oder vergangene Episteme, die durch techne sichtbar gemacht werden (auch sowas was Mark Dion z.b. macht):

„Alle, die früher in einer Wunderkammer der Renaissance gemeinsam tätig waren, die Künstler, die Gelehrten, die Musiker und die Ahnungsvollen müssen sich zusammentun. Wir kommen nämlich nicht darum herum, an einem Gegenalgorithmus zu arbeiten, der alles das aufsammelt, was die Algorithmen ausgeschlossen haben. Dazu müssen wir das, was wir Intelligenz nennen, in uns neu aufsuchen, neu festmachen, wie bei einem Schiff im Sturm.“

Alexander Kluge

Der stumme Zwang der Verhältnisse?

Es gibt ein gutes Radio-Gespräch zwischen Teddy Adorno, Max Horkheimer und Eugen Kogon, das ich sehr zum anhören empfehlen kann… es ist immer schön, was man im Web so immer alles finden kann, und heute noch dringlicher als damals…es ging um die verwaltete Welt…

hatte mal vor einiger Zeit tatsächlich was über Verwaltung gelesen, nachdem  mir irgendwer in der JVA von der sog. Verwaltungswissenschaft erzählte…

Öffentliche Verwaltung ist nach klassischer Definition die Tätigkeit des Staates außerhalb der Gesetzgebung, Rechtsprechung und Regierung. In Reinform der ‚vollziehenden Gewalt‘ treffen wir [sie] überall dort an, wo es um den Vollzug von Gesetzen außerhalb der Justiz geht. Typische Beispiele sind Einwohnermeldeämter, Regierungspräsidien, Finanzämter…oder Dienststellen der Gemeindeverwaltung… Aber es gibt auch Betriebe oder Einrichtungen…, die nach dem Verständnis ihrer Angehörigen keine ‚Verwaltung‘ sind, aber eine Verwaltung haben […] Im Hintergrund arbeitet dort eine Organisation, deren Zweck nicht die Dienstleistung selbst, sondern die Aufrechterhaltung des Betriebes ist…Verwaltungen sind allg. gesagt formale Organisationen, die nach Regeln arbeiten und mit eigens geschultem Personal öffentliche Aufgaben oder Assistenzfunktionen erfüllen.
Das Eigentümliche der Verwaltung ist, dass sie ebenso allgegenwärtig wie unentbehrlich und doch, was ihre eigentliche Natur betrifft, weitgehend unbekannt und nicht besonders hoch angesehen ist…Begreift man den Zusammenhang zwischen Unsicherheitszonen und Machtmobilisierung erst einmal, hat man einen schärferen Blick für die informellen Machtverhältnisse in der Verwaltung…
Verwaltung in der Demokratie kennt keine verantwortungsfreien Räume…Verwaltung als Institution ist etwas grundlegend anderes als Verwaltung als zweckrationale Organisation.“

W. Seibel – Verwaltung verstehen


Haben Adorno und Horkheimer also letzteren Unterschied nicht klar genug gemacht, wenn sie von verwalteter Welt sprachen oder genau aufgezeigt, dass ein zu dichtes Zusammenfügen eben diese verwaltete Welt und den Verwalteten und sich selbst Verwaltenden (ist das nicht der Grundzug vielleicht auch der menschlichen Kultur oder Gesellschaft, eine Art von innerlicher Selbstverwaltung, auch anhand der bestehenden Normen?) Menschen hervorgebracht hat?
Müsste es nicht eher kybernetische oder programmierte Welt heißen (wie bei Flusser z.b.) bzw. ist das was heute ‚Governance‘ genannt wird nicht erst die verwaltete Welt oder schon deren Gipfel? Der verwaltete und sich verwaltende Mensch ist ein Operator eines Apparats:


„Für unsere Lage ist es nämlich charakteristisch, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Werkzeug nicht die beiden klassischen Formen hat…Weder funktioniert der Apparat in Funktion des Operators…, noch funktioniert der Operator in Funktion des Apparates. Vielmehr sind die Funktionen…verschmolzen […] Ein >Operator< (oder Apparatschik) ist ein >Mensch< in einem neuen posthistorischen Sinne: weder ist er >tätig< (ein Handelnder, ein ‚Held‘), noch ist er >leidend< (ein Behandelter, ein ‚Dulder‘, sondern er funktioniert in Funktion von Funktionen, die in seiner Funktion funktionieren. Dieses nachgeschichtliche Dasein, dieses Dasein nicht nur jenseits von gut und böse, wahr und falsch, schön und häßlich, sondern überhaupt jenseits der Kategorie von aktiv – passiv, umgibt uns seit Jahrzehnten von allen Seiten (Beispiele: Eichmann, Manager, Parteisekretär…kurz >Funktionär<)“

Vilem Flusser


Man denkt an Arendt beim Eichmann-Prozess und ihr Vita Activa und Adornos Befund aus dem Interview gewinnt für mich noch an Schärfe und Schwärze:


„Jedenfalls will es mir dünken als ob der Menschentypus der heute auf die Welt kommt vorweg schon zu einem außerordentlich weiten Maß in die verwaltete Welt hineinpasst, dass er gleichsam in sie hinein geboren wird. Starr sind diese Menschen, weil sie eigentlich keine Spontanität mehr haben, weil sie eigentlich gar nicht mehr ganz leben, sondern weil sie selber sich bereits als die Dinge, als die Automaten erfahren als die sie verwendet werden.“

Außerdem passt (und passt auf heute noch mehr, fast gruselig) dazu eine Aussage Adornos aus einem Gespräch mit Gehlen:

Aber gerade dass, was da über die Psychoanalyse/Psychologie und ihre Entwicklung heute gesagt wird, ließ mich stark an die „Therapieansätze“ insbesondere in Anstalten, die mit stark vom Thema der „Abweichung“ denken, wo man gut unterscheiden kann, wer aus der tiefenpsychologischen Richtung oder der verhaltenstherapeutischen kommt, die sich der neueren Psychoanalyse nur ranwanzen um sich besser hinzustellen, obwohl das nun oft genug eine Art Zurichtung darstellt.

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