Der stumme Zwang der Verhältnisse?

Es gibt ein gutes Radio-Gespräch zwischen Teddy Adorno, Max Horkheimer und Eugen Kogon, das ich sehr zum anhören empfehlen kann… es ist immer schön, was man im Web so immer alles finden kann, und heute noch dringlicher als damals…es ging um die verwaltete Welt…

hatte mal vor einiger Zeit tatsächlich was über Verwaltung gelesen, nachdem  mir irgendwer in der JVA von der sog. Verwaltungswissenschaft erzählte…

Öffentliche Verwaltung ist nach klassischer Definition die Tätigkeit des Staates außerhalb der Gesetzgebung, Rechtsprechung und Regierung. In Reinform der ‚vollziehenden Gewalt‘ treffen wir [sie] überall dort an, wo es um den Vollzug von Gesetzen außerhalb der Justiz geht. Typische Beispiele sind Einwohnermeldeämter, Regierungspräsidien, Finanzämter…oder Dienststellen der Gemeindeverwaltung… Aber es gibt auch Betriebe oder Einrichtungen…, die nach dem Verständnis ihrer Angehörigen keine ‚Verwaltung‘ sind, aber eine Verwaltung haben […] Im Hintergrund arbeitet dort eine Organisation, deren Zweck nicht die Dienstleistung selbst, sondern die Aufrechterhaltung des Betriebes ist…Verwaltungen sind allg. gesagt formale Organisationen, die nach Regeln arbeiten und mit eigens geschultem Personal öffentliche Aufgaben oder Assistenzfunktionen erfüllen.
Das Eigentümliche der Verwaltung ist, dass sie ebenso allgegenwärtig wie unentbehrlich und doch, was ihre eigentliche Natur betrifft, weitgehend unbekannt und nicht besonders hoch angesehen ist…Begreift man den Zusammenhang zwischen Unsicherheitszonen und Machtmobilisierung erst einmal, hat man einen schärferen Blick für die informellen Machtverhältnisse in der Verwaltung…
Verwaltung in der Demokratie kennt keine verantwortungsfreien Räume…Verwaltung als Institution ist etwas grundlegend anderes als Verwaltung als zweckrationale Organisation.“

W. Seibel – Verwaltung verstehen


Haben Adorno und Horkheimer also letzteren Unterschied nicht klar genug gemacht, wenn sie von verwalteter Welt sprachen oder genau aufgezeigt, dass ein zu dichtes Zusammenfügen eben diese verwaltete Welt und den Verwalteten und sich selbst Verwaltenden (ist das nicht der Grundzug vielleicht auch der menschlichen Kultur oder Gesellschaft, eine Art von innerlicher Selbstverwaltung, auch anhand der bestehenden Normen?) Menschen hervorgebracht hat?
Müsste es nicht eher kybernetische oder programmierte Welt heißen (wie bei Flusser z.b.) bzw. ist das was heute ‚Governance‘ genannt wird nicht erst die verwaltete Welt oder schon deren Gipfel? Der verwaltete und sich verwaltende Mensch ist ein Operator eines Apparats:


„Für unsere Lage ist es nämlich charakteristisch, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Werkzeug nicht die beiden klassischen Formen hat…Weder funktioniert der Apparat in Funktion des Operators…, noch funktioniert der Operator in Funktion des Apparates. Vielmehr sind die Funktionen…verschmolzen […] Ein >Operator< (oder Apparatschik) ist ein >Mensch< in einem neuen posthistorischen Sinne: weder ist er >tätig< (ein Handelnder, ein ‚Held‘), noch ist er >leidend< (ein Behandelter, ein ‚Dulder‘, sondern er funktioniert in Funktion von Funktionen, die in seiner Funktion funktionieren. Dieses nachgeschichtliche Dasein, dieses Dasein nicht nur jenseits von gut und böse, wahr und falsch, schön und häßlich, sondern überhaupt jenseits der Kategorie von aktiv – passiv, umgibt uns seit Jahrzehnten von allen Seiten (Beispiele: Eichmann, Manager, Parteisekretär…kurz >Funktionär<)“

Vilem Flusser


Man denkt an Arendt beim Eichmann-Prozess und ihr Vita Activa und Adornos Befund aus dem Interview gewinnt für mich noch an Schärfe und Schwärze:


„Jedenfalls will es mir dünken als ob der Menschentypus der heute auf die Welt kommt vorweg schon zu einem außerordentlich weiten Maß in die verwaltete Welt hineinpasst, dass er gleichsam in sie hinein geboren wird. Starr sind diese Menschen, weil sie eigentlich keine Spontanität mehr haben, weil sie eigentlich gar nicht mehr ganz leben, sondern weil sie selber sich bereits als die Dinge, als die Automaten erfahren als die sie verwendet werden.“

Außerdem passt (und passt auf heute noch mehr, fast gruselig) dazu eine Aussage Adornos aus einem Gespräch mit Gehlen:

Aber gerade dass, was da über die Psychoanalyse/Psychologie und ihre Entwicklung heute gesagt wird, ließ mich stark an die „Therapieansätze“ insbesondere in Anstalten, die mit stark vom Thema der „Abweichung“ denken, wo man gut unterscheiden kann, wer aus der tiefenpsychologischen Richtung oder der verhaltenstherapeutischen kommt, die sich der neueren Psychoanalyse nur ranwanzen um sich besser hinzustellen, obwohl das nun oft genug eine Art Zurichtung darstellt.

Ein Gedanke zu „Der stumme Zwang der Verhältnisse?“

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