Die (Un)Ordnung der Gedankendinge

Wieder einmal durch das Zusammenkommen mehrerer zufälliger Aufschnappungen (schönes Wort) – was schon beim sich herauskristallisierenden Oberthema schier meta- selbstreferenziell-identisch anmutet – zu einem Denk-Konglomerat gekommen…Zutaten:

1.

ein Bericht über einen gewissen Leon Löwentraut, ein angeblicher junger Künstler, der wohl total gehypt wird und berühmter werden will als sein Vorbild Picasso (…man beachte berühmter, nicht besser oder genialer, nein nur berühmter, das nenne ich künstlerischen Anspruch…) und dessen Kunst horrende Preise bringt, obwohl er (jedenfalls in meinen Augen) nur ein ziemlich dreister Epigone seiner Vorbilder Picasso und Basquiat ist…es im Flusserschen Sinne also keine Kunst, sondern Kitsch in Reinform ist. Musste an eine Passage von Roger Willemsen in „Deutschlandreise“ denken:

„…Museumsbesucher über einen Raum verteilt, disparat, wie in einem Sterbezimmer. Geneigten Kopfes, mit auf dem Rücken gefalteten Händen oder in die Hosentasche eingehakten Daumen, ins Hohlkreuz geworfenen Oberkörper, zusammengezogenen Augenbrauen, schlafwandelnd, aber dabei ganz bewusst, zirkulieren sie zwischen den Exponaten. Wir reden von Gegenwartskunst. Da nennt man ein Werk nicht ein Werk, sondern eine ‚Arbeit‘ oder eine ‚wichtige Arbeit‘.
Aber eigentlich lassen sich längst beide Thesen gleich gut vertreten: Es gibt nichts Wichtiges in der Kunst, und es gibt nichts Wichtigeres als die Kunst. Eine Ausstellung jedenfalls besteht aus einer spezifischen Menge Publikum, die angezogen von einem bestimmten Versprechen, aufgespalten in Gruppen und Einzelne, eine bestimmte Haltung zu Gegenständen einnimmt, die man für Kunst hält, zu solcher erklärt oder in denen man sie vermutet.
Das eigentliche Kunstwerk- er weiß es nur nicht – ist aber der Mensch in seinem Verhalten zum Objekt, das er für ein Kunstwerk hält. Immerhin hat er in Jahrhunderten kulturhistorischer Vorbereitung eine eigene Attitüde dafür entwickelt, eine Haltung angenommen und übersetzt so Angelesenes, Erarbeitetes, Brocken aus Werbung, aus Fernsehberichten und Zeitungstexten in die Pantomime des Kunstsinnigen, Kontemplativen.
Kunst wirkt? ja, auf diese Weise.
Das Nachleben des Werkes beginnt erst mit dem Tod des Publikums, wenn nichts mehr da ist, das sich zu einem Objekt in Beziehung setzt. In dieser Vorstellung der Einsamkeit der Kunstwerke, als Hinterlassenschaften – besteht ihre Wirkung. Denn eigentlich ist das Optische doch das Uninteressanteste an der Kunst.[…]
Je einfacher die Produktion, desto künstlerischer wird der Betrachter.“

Wenn Malraux für seine Zeit (also höchstens bis in die 70er) meinte, die Kunst dieser Zeit sei nur denkbar mit Museum wie die gotische mit dem Glauben….vielleicht die jetzige auch ohne die Galerie bzw. den Kunstmarkt.

https://www.nzz.ch/amp/feuilleton/so-viel-schlechte-kunst-ld.1392254?__twitter_impression=true

2.

wegen eines Artikels über den großen, vlt. Verrückten Joycianer Literaturwissenschafter John Kidd, der wohl über das manische Lösenwollen des Ulysses-Enigma etwas wunderlich wurde und kaum noch sein Haus verlässt und nur noch mit Tauben spricht. In dem Artikel wird dann vom Autor zum einen vermutet Kidd würde einem horror vacui entgehen wollen und deswegen manisch sehr gehaltvolle und  intertextuelle Texte vergleichen; am Beispiel der Schilderung von Kidds Wohnung:

This quality was on vivid display the afternoon he welcomed me into his apartment, a unit in a high rise with a nice view of Rio. The place is neat and walled with books on shelves. There are lots of bureaus and built-in dressers, and at one point, when he went to retrieve a book, every drawer he opened was packed top to bottom, side to side, with even more books. “You really have to read Fernando Pessoa,” he said, handing me a collection of poems, in Portuguese, by this early-20th-century Lisbon writer, titled “A Little Larger Than the Entire Universe.” I cracked open Kidd’s copy to find a swarm of marginal notes on nearly every page, cataloging textual alternatives in the many other Portuguese editions he owns. This is how John Kidd reads everything — as a search for the perfected text. It’s not just an aesthetic choice for Kidd but a kind of compulsion toward completedness, suffusing not just how he reads literature but also how he talks about it. We discussed “Gargantua and Pantagruel” and “Don Quixote” and “Tristram Shandy.” He considers them all to be “antic” works, his coinage for books that are marked by a “comic take on the encyclopedic narrative just as the ‘Iliad’ is a tragic take on an encyclopedic narrative.” Those novels are playful, like “Ulysses,” but they mean to embrace and comprehend a sense of everything, and it’s this sense of totality and the longing for it that drives Kidd, too.“

Theoretiker, die Volkskunst studieren, beschreiben manchmal diese überfüllten, bildstarken Kreationen, nicht nur als ein prominentes Thema, sondern als eine Art psychische Krankheit, die der Form gemeinsam ist. Sie argumentieren, dass die Werke dieser Künstler Ausdruck eines Zwanges sind, eine existentielle Leere zu füllen- und Kidd bringt diese Intensität zu seinem Verständnis jedes Buches, das er liest. Und wenn Kritiker über Joyces sprechen, greifen sie typischerweise zu vergleichbaren Begriffen und beziehen sich auf Joyce ‚enzyklopädisches Wissen über Geschichte, Mythos und Sprache. In dem Zusammenhang werden Howard Finsters „Paradiesgarten“ oder Grandma Moses „Country Fair“ erwähnt (kannte ich bisher nicht).

Führt zu 3.

Finsters Paradiesgarten (der u.a. aus Dingen besteht, die Andere weggeworfen haben) und der mich zu einer dazugehörigen MA-Arbeit über „Salvation-Themed Visionary Art Environments“ geführt hat, die Finster und andere solche Werke (alle in den USA bemerkenswerter Weise) vorstellt und analysiert und mich an das Refugium des Schweizers Armand Schulthess (übrigens hat der Max Frisch zu seiner Holozän-Erzählung inspiriert…das enzyklopädische Buch dazu – der Ort wurde nach Schulthess‘ Tod abgerissen leider – ist sowas wie der verrückte kleine Bruder von Humboldts Kosmos) und einen Film über einen Mann, Jean-Marie Massou, im Nirgendwo von Limoges, der Höhlen gräbt um sie auszumalen um ein Rettungssystem für die geknechtete Frau zu bauen, das er Sodorome nennt (auch so ein Film, der nirgends mit UT zu bekommen ist) erinnert hat und in die Kategorie passen könnten.

https://www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/irrgaertner-des-menschlichen-wissens?urn=urn:srf:video:04ce6747-1d48-4458-b1a1-9ec24e0b8072

Und 4.

Hannes Bajohrs Digitale Literatur (Gedichte erschaffen durch Algorithmen z.b.), wobei die Datenkorpora für ihn Halbzeug ist (erinnert wohl nicht umsonst an Flussers Bezeichnung Halbfabrikat im Kulturkreislauf, also die Vorstufe von Kultur) und dann Kunst/Kultur geriert. Nettes Beispiel in welchem bei einigen bekannten Gedichten der deutschen Nachkriegsliteratur jedes Wort durch Synonyme ersetzt wurde. Als Beispiel der Anfang von Erich Frieds „Bevor ich sterbe“.

„Einst ich vollende                             Bevor ich sterbe

Noch einmal sprechen                        Auch später plaudern

von der Wärme des Lebens                von der Sonnenglut des Pulses

damit doch einige wissen:                  darauf sogar eine Handvoll durchschaut:

Es ist nicht warm,                               Es ist keineswegs gütig

aber es könnte warm sein.                  aber es könnte gütig heißen“

Was hat das jetzt alles miteinander zu tun? Ich finde viel, jedenfalls assoziierte sich mir viel, in dem Sinne bin ich selbst ein stetig Hypertexte klickendes Bewusstsein.

Das große Dach, das das für mich einfasst ist Flussers epizyklisches (posthistorisch bewusstes) Kulturmodell. Es gibt eine Erzählung und eine Erzählung von Wolfgang Hilbig („Die Kunde von den Bäumen“) in der es es viel um Abfall und Müllmänner geht und das der Abfall noch etwas birgt und zurückgewonnen werden kann, und die Verbindung zum Vergessen (die Müllmänner sind die Einzigen die nicht nicht vergessen können), das sich so in Flussers Überlegungen zum Abfall als ein Stadium des Kulturmodells (Abfall materieller wie immanterieller Natur) wiederfindet und seiner Überlegung des sog. „Collagisten“, der der echte Bezwinger des nachgeschichtlichen Denkens ist und gegen das Vergessen kämpft ohne Kitsch (denn das ist nur künstlich aufgewärmter Abfall) zu erzeugen, nahe steht. Aus dem Kulturmüll sammeln und etwas neues kreieren (genau deswegen ist ja Löwentraut Kitsch, weil nichts gesammelt und zusammengefügt wird, sondern einfach nur eine Kopie des schon Bestehenden oder Vergangenen ist, kommunikativ also Gerede statt Diskussion). Der Mensch als Jäger und Sammler von Informationen und der moderne Mensch, der ein Müllproblem hat und wo man entweder Kitschier oder Müllsammler bzw. Müllkünstler wird (bzw. psychisch gestörter Müllsammler – das Messi-Syndrom ist vlt. das Syndrom der Zeit)…und eine Ablösung vom Text als lineare Anordnung von Sinn…Flusser meint ja z.b., Film ist deswegen vielfach immer noch Text, weil er viel zu oft wie Text gemacht ist, obwohl er es im Grunde nicht ist oder sein müsste und nur wenige haben das bisher durchbrochen. Was im Grunde auch für alles Digitale gilt. Wo es mehr Müll gibt, weil alles scheinbar so schnell veraltet suchen manche nach Synthese…so wie Kittler das mal in den Aufschreibesystemen meinte:

„Es gibt noch immer Zonen, in denen [Levi-Strauss’] wilde[s] Denken […] relativ geschützt ist: das ist der Fall in der Kunst, der unsere Zivilisation den Status eines Naturschutzparks zubilligt, mit allen Vorteilen und Nachteilen, die sich mit einem so künstlichen Gebilde verbinden […] Die außergewöhnlichen Eigenschaften dieses Denkens, das wir wild nennen […] hängen besonders mit der Weitläufigkeit der Ziele zusammen, die es sich setzt. Es will zugleich analytisch und synthethisch sein, in beiden Richtungen bis an seine äußerste Grenze gehen und doch fähig bleiben, zwischen den beiden Polen zu vermitteln.“

Und man denke an Foucaults Prämissen in “Die Ordnung der Dinge”: In der Renaissance war das Denken aus Foucaults Sicht noch von Ähnlichkeiten und Verwandtschaften unter den Dingen gekennzeichnet, im klassischen Zeitalter ändert sich diese Episteme, denn nun geht es „nicht mehr um die Frage der Ähnlichkeiten, sondern um die der Identitäten und der Unterschiede“. Mit dem Ende der Repräsentation, mit dieser Transformation, die sich im Übergang von der Klassik hin zur Moderne vollzieht, taucht nach Michel Foucault eine neue epistemologisch Denkfigur auf: der Mensch. Stand noch in der Klassik eine diskursive Formation im Zentrum des Denkens, welche in Form der Repräsentation die wechselseitige Entsprechung der Dinge und des Denkens, der Natur und der menschlichen Natur entfaltete, so tritt nun der Mensch (und damit die Humanwissenschaften) an diesen Platz. Das Müllsammeln erscheint wie ein Wiedergewinnen der diskursiven Formation, wäre demnach eine Reaktion auf den Tod des Menschen (in positiver wie negativer Hinsicht). Ist bisschen auch eine neue Sinnmaschine im Sinnvernichter der spätkapitalistischen Konsumordnung.

Am Ende wird jenes Vertrauen und der Glaube an die Ordnung Emersons: „Welche Neugier die Ordnung der Dinge auch immer in uns geweckt hat, wir müssen der Perfektion der Schöpfung trauen und glauben, dass die Ordnung diese Neugier befriedigen kann., durch Wittgensteins Feststellung abgelöst: „„Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein. Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.“

Eine Ordnung könnte man mithin nur selbst schaffen. Und vielleicht ist das ja auch die moderne (teils dekadente?) Variante der Wunderkammer, Dioramen menschlichen Geistes oder der ja fast irgendwie abweichende, fremde oder vergangene Episteme, die durch techne sichtbar gemacht werden (auch sowas was Mark Dion z.b. macht):

„Alle, die früher in einer Wunderkammer der Renaissance gemeinsam tätig waren, die Künstler, die Gelehrten, die Musiker und die Ahnungsvollen müssen sich zusammentun. Wir kommen nämlich nicht darum herum, an einem Gegenalgorithmus zu arbeiten, der alles das aufsammelt, was die Algorithmen ausgeschlossen haben. Dazu müssen wir das, was wir Intelligenz nennen, in uns neu aufsuchen, neu festmachen, wie bei einem Schiff im Sturm.“

Alexander Kluge

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