Post-Memory, Franken-Muzak und the allegro-pastell Vapor in the Mall

Als ich eines Morgens eher zufällig ein Feature über den Autor Leif Randt im Radio hörte (https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-gegenwart-von-leif-randt-ist-pastellfarben-ziemlich-nice.3720.de.html?dram:article_id=498859) in dem sein aktueller Roman „Allegro Pastell“ eine vordergründige Rolle spielt, hat mich das einmal mehr in Assoziationsgefilde getrieben. Ich habe den Roman nicht gelesen, höchstens ein paar Vorlesschnipsel gehört und ich habe es auch nicht vor, nichtdestotrotz hat mich das, was im Feature angesprochen und erzählt wird an ein anderes popkulturelles Phänomen dieser Tage erinnert. Und erinnern ist dabei schon Teil dieses Phänomens.

Alles begann mit den hier schon mal in einem vorherigen Beitrag beschriebenen Entwicklungen in der Musik und der sog. „Retromania“,sowie Postmemory-Nostalgie… In Sinn und Form 1/2020 gibt es einen äußerst lesenswerten, weil nachdenklich machenden Text der russischen Dichterin Maria Stepanowa über die sog. „Postmemory“.

Wenn die Zukunftsutopien außer Ideologen keinen mehr wirklich überzeugen und die angeblich totale Gegenwart gerade wegen der Totalität aufgelöst wird, dass viele Menschen sie gar nicht mehr wirklich erleben können/wollen, bleibt noch die Vergangenheit, die hier aber nicht als Reaktionärutopie gedacht ist (weil’s ja lediglich die Kehrseite der ersteren ist).

[Ein anderer Text von Jan Wagner über Lyrik und Fotografie ebenfalls in Sinn und Form (Heft 3/2020) passt ergänzend/erweiternd dazu (ich las beides zufällig hintereinander). Er lohnt nicht nur wegen der Gedichte, die Wagner dort bespricht; u.a. Rilke, Herbert, Pagis, Simic, sondern, weil er darüber nachdenkt, was große Fotos und große Gedichte gemeinsam haben, ein Augenblick und Ausschnitt der Welt, der aus Bevorzugung und Entscheidung gewählt wurde (und eben kein Rauschen ist) und den Betrachter/Leser einladen – Portraits beinhaltet immer schon den Blick in die Zukunft wie kaum eine andere Fotoform – genauer hinzuschauen …auf und in die Welt.]

„Postmemory. Dieses Gefühl, daß das eigene Leben mit seinen banalen Vorkommnissen und Problemen irgendwie weniger wichtig, weniger lebendig, weniger denkwürdig ist als das der vorangegangenen Generationen, daß die Vergangenheit überlebensgroß ist und das eigene Leben eher klein, daß es nicht verdient, erzählt oder gesehen zu werden: auch das ist Postmemory. Nach der Menge von Forschungsvorhaben zur Alltagsgeschichte, zur Aufzeichnung und Rekonstruktion von Familienüberlieferungen, zur Geschichte eines bestimmten Orts oder Gewerbes zu urteilen, ist dieses Gefühl heute extrem verbreitet: Es ist ein Trend geworden, aus dem etwas völlig Neues entsteht. Was für den privaten Raum der Familie bestimmt war, interessiert auf einmal ein breites Publikum, und immer mehr Menschen sind in diesen Vorgang involviert. Über die Ursprünge dieser Entwicklung kann man spekulieren – woher kommt eigentlich dieses Gedächtnis, das nicht nur einen eigenen Platz neben der offiziellen Geschichte beansprucht, sondern ihr manchmal geradezu widerspricht?“

https://www.sinn-und-form.de/?tabelle=leseprobe&titel_id=7329&kat_id=18

Man kann diesem oben beschriebenen Gefühl ja auch begegnen indem man sich in die überlebensgroß erscheinende, „wichtigere“ Vergangenheit wünscht/flüchtet, und weil man scheinbar nichts erlebt, muss man das dann über die Stimmung machen…wenn es ein Wort gibt, dass für diese Art Medienerleben im Grunde der Kern ist, dann ist das die Stimmung, deren zeitgeistiges Internet-Pendant die sog. ‚Aesthetics‘ sind. Gerade in den Sozialmedien wie Instagram und TikTok sind sie mittlerweile das A und O, das Ding und wenn man was in diesen Breiten reißen will, man muss wissen was man tut und welche Ästhetik man bedient, und das gilt auch für berühmte Musiker etc., die dort unterwegs sind. Videos, Bilder, Musik, alles muss vor allem eine Stimmung transportieren, der Rest ist im Grunde zweitrangig, die Leute schauen sich das an bzw. hören das zu Hause bevor sie zur Arbeit gehen oder von dort zurückkehren und um dann in diese oder jene Stimmung zu kommen. Und je besser etwas die jeweilige Aesthetic-Stimmung trifft, desto erfolgreicher.

In diesem BR-Beitrag schön kurz zusammengefasst: https://www.ardaudiothek.de/klassik-aktuell/hintergrundmusik-alles-nur-manipulation/78855462 --> wie ganz konkret manipuliert werden kann, kann man an einem aktuellen Beispiel hier nachlesen: https://www.republik.ch/2019/04/13/musik-als-manipulation 
Eine auführlichere Geschichte der sog. Muzak und verwandter Themen bis heute sehr hörenswert hier: https://www.ardaudiothek.de/freistil/von-der-fahrstuhlmusik-zum-streaming-die-ueberall-musik/90078168

Dass Musik ein Träger von Stimmungen ist, braucht wohl nicht extra hervorgehoben werden, doch erscheint es als sei gerade in diesem Bereich das geschilderte Phänomen besonders ausgeprägt. Ein Kulminationspunktist ist für mich die sog. Vaporwave der 2010er,die freilich auch heute nochim Internet existiert (letztlich genau nur dort, es handelt sich um ein originäres Internetphänomen). Vaporwave bedient sich jenseits der Musik auch einer bestimmten Ästhetik, z.b. Pastell- und Neonfarben. Seine Nostalgie ist vor allem gespeist aus den 70er und 80ern. Vaporwave ist in Digitalien und seinen meist jüngeren Bewohnern wie ich las gerade mit am populärsten ist. Es handelt sich um eine Art Lo-fi 80sSynth (mit noch mehr Optik) oftmals im mittlerweile beliebten Musik-die-so-nebenbei-laufen-kann-Modus. Es gibt ein lesenswertes Büchlein über die Geschichte, die Methoden und den Stil der Vaporwave: Grafton Tanners „Babbling Corpse“

Der Untertitel des Buchs fasst schon das Grundthema an, dass Tanner in Vaporwave ausmacht: das Geisterhafte – in diesem Zusammenhang mag Vaporwave auch eine Verbindung schlagen zur sog. Hauntology. Einer deren bekanntesten Theoretiker Marc Fisher beschreibt Hauntology so:

Sonic hauntology similarly “blurs contemporaneity” with elements from the past, but,whereas postmodernism glosses over the temporal disjunctures, the hauntological artists foreground them.

Darin steckt für mich auch eine Vorstellung von so etwas wie negativer und positiver Nostalgie; negative Nostalgie als die ahistorische Verklärung einer Vergangenheit, die herbeigewünscht bzw. in die sich zurückgewünscht wird, positive Nostalgie als wahlweise Bewusstsein des Weiterwirken der Vergangenheit (wie William Faulkner es sagte: „The past is never dead. It’s not even past.“) und durchaus ihrer Affirmation, aber mit dem Bewusstsein, dass die zeit nicht zurückgedreht ist oder stehen bleibt und die Vergangenheit auf andere Weise noch überall existent in der Gegenwart ist. Letzteres beschreibt die Geisterhaftigkeit von der hier die Rede sein soll ganz gut. Die Geisterhaftigkeit wohnt dem wohl auch grundsätzlich inne, weil dem Genre durch seine Herstellung postmoderne Frankensteinigkeit anhaftet. Tanner beschreibt das passend so:

With the invention of the electronic musical sampler, gaps a1nu remediation took new forms. Now, recorded music could easily be manipulated to create new pieces of music, and entire songs could be constructed solely out of audio samples shorn of context and reference. It was the ultimate postmodern musical gesture… Music critic Simon Reynolds describes sampling as „a mixture of time-travel and seance“ and characterizes it as „the musical art of ghost coordination and ghost arrangement.“ […] It is Franken-music, using various pieces of former wholes to create a new being.

Das Digitale in der Musik hat aber nicht nur die Herstellung verändert, sondern ganz sicher auch die Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten wie Musik heute gehört wird. Dazu der erwähnte Simon Reynolds in seinem ebenfalls lesenswertem Buch „Retromania“ (hier im Interview Jahre nach dem Buch: https://thegap.at/sieben-jahre-nach-retromania-simon-reynolds-im-interview/) :

First music was reified, turned into a thing (vinyl records, analogue tapes) you could buy, store, keep under your own personal control. Then music was ‚liquefied,‘ turned into data that could be streamed, carried anywhere, transferred between different devices. With the MP3, music became a devalued currency in two senses: there was just too much of it (as with hyper-inflation, banks printing too much money), but also because of the way it flowed into people’s lives like a current or fluid. This made music start to resemble a utility (like water or electricity) as opposed to an artistic experience whose temporality you subjected yourself to. Music has become a continuous supply that is fatally susceptible to discontinuity (pause, rewind/fast-forward, save for later, and so forth).

Musik als Stimmungsmacher immer und überall, der aber eben auch genauo verfügbar ist. Das Leben gerade auch in der Öffentlichkeit unterlegt mit dem, was man meint gerade zu „brauchen“. Musik, die Stimmungen produzieren sollte bzw. Stille überdecken wurde früher unabhängig vom Einzelnen als Hintergrundmusik quasi „von oben“ gewählt und entwickelt. Bestes Beispiel dafür ist die Muzak, bevorzugt an Nicht-Orten. Muzak ist der Corpus aus dem Vaporwave eine Menge Organe entnimmt, was heute, wo es das „neue Ding“ ist und Einzug ein den Mainstream gefunden hat besonders bezeichnend erscheint, wenn der Beginn von Vaporwave gerade diese Art Musik ironisierte und durchaus antikapitalistisch gedacht war.

Vaporwave producers sample the music we encounter in airports, supermarkets, shopping malls, supermarkets, waitingrooms and elevators, as well as the music we hear when we are placed on hold during a routine phone call or during a commercial while waiting for a television program to ‚ resume. This is music we hear as we perform a perfunctory, boring, but necessary action that typically involves consumption, and the music’s purpose is to turn our mind-numbing experience into something a bit less vapid while trying to sell us something in the process. It is the lubricant that glides us along our journey of daily material existence, from non-place to non-place, engaging in the glories of the free market while narcotizing ourselves to discomfort. This unobtrusive music can take many forms: Muzak, easy-listening, middle-of-the-road radio (MOR), smooth jazz, glitzy New Age, television bumpers, or other forms of anodyne music that populate our consumerist experience

Grafton Tanner

Und es gibt im Vaporwave viele Subgenres (von dem einige sicher auch schon Subsubgenres haben -und muss bei dieser Subisierung immer an Metal denken) von denen ich hier nur zwei besonders erwähnen möchte, weil ich in ihnen – oder zumindest einzelnen Trackes und Mixes darin – genau das wiederfand, was ich oben als positive Nostalgie bezeichnet habe, weil sie eine Art Selbstreflektion beinhalten, ersteres vielleicht unbewusst, letzteres wohl deutlich bewusster.

Bei der ersten Unterkategorie handelt es sich um Mallwave, quasi Chillsynthelectro für ein Durchstreifen der guten alten Mall. Mal davon ab, dass das ganze Mall-Ding auch eher eine US-Sache ist. Bemerkenswert ist ja, dass die Mall als ein Archetyp des Nicht-Ortes gerade für einige Jugendgenerationen in den USA diesen Nicht-Ort im Grunde für sich zu einem Ort machten. Wobei ich nicht weiß wie das in manchen Gegenden in Deutschland so war, denn ich hab mich in meiner Jugend nicht in Malls aufgehalten, allein schon weil es gar keine gab – man traf sich an der Bushaltestelle (Busstopwave!) oder irgendwelchen öffentlichen Plätzen, die damals tatsächlich nur von Jugendlichen oder den Stadtalkeholikern frequentiert waren, niemand sonst setzte sich dort hin, oder noch Parkplätzen (Carparkwave!), wo man evtl. noch Skateboard etc. fahren konnte – was wäre denn also das 90er Jahre Deutschlandpendant? Wie kann man sich nostalgisch über etwas fühlen als Jugendlicher, wenn man eben noch in dieser Jugend steckt und eine frühere Jugend herbeisehnt – ist das nur eine verkappte Version des „Früher war alles besser?“ Bezeichenderweise gibt es sogar tatsächlich sog. Fashwave (ja, das kommt vom Faschismus, die rechte Variante von Vaporwave sozusagen, gibts auch für Kommunisten, klar muss es für alles geben natürlich; es gibt tatsächlich ein Aesthetics Wiki: https://aesthetics.fandom.com/wiki/Vaporwave)

Ist Mallwave die zeitige Version des Ruinen und Vergangenheitskult der Romantik, die Dekadenz des Fin de Siècle 2.0? Im Artikel klingt an, dass es tatsächlich auch um Struktur- und Ordnungssehnsüchte gehen könnte, zumindest teilweise, was in dem Sinne witzig ist, da mir die 70er bis 2000er nicht vorkamen wie eine besonders geordnete, durchstrukturrierte Zeit, aber so ist das ja manchmal mit Verklärung. Dass was einige Menschen als neuen Kulturkampf bezeichnen findet wenn dann unbewusst und anderen Vorzeichen vielleicht an solchen Fronten statt. Abgesehen davon finde ich das konkrete Hörbeispiel von MEDIAFIRED sogar ganz interessant: https://melmagazine.com/en-us/story/the-teens-who-listen-to-mallwave-are-nostalgic-for-an-experience-theyve-never-had

Ein Beispiel, dass mich allerdings aus den oben angesprochenen Gründen auch persönlich tatsächlich sehr gecatcht hat ist vielleicht sogar unabsichtliche Mallwave. Da hat jemand einfach eine 70er Jahre Mall-Muzak-Tracklist mit Kathedral-Echo reverbert und schon hört man jene Geisterhaftigkeit der Vergangenheit, die ins Jetzt hineinwirkt als wäre es die Fade-out-Begräbnismusik für das 20. Jahrhundert (man gehe – wie ich – damit mal durch eine realtiv menschenleere Stadt und ihre Randgebiete, gibt einen interessanten Effekt):

Das zweite Subsubgenre, dass ich hier anbringen will ist Simpsonswave. Und ja, das hat mit der Fernsehserie „Die Simpsons“ zu tun; hier gibt’s einen kurzen Artikel dazu, der auch Links zu anderen Videos enthält: https://www.vice.com/de/article/kb53g9/simpsonwave-auf-den-spuren-eines-neuen-musikgenres

Der Clip den ich meine ist dieser hier:

Ausnahmsweise war es dieses Mal sehr aufschlussreich auch einmal die Youtube-Kommentare unterm Video zu lesen, die oftmals klar machen, dass es hier eben nicht um sehnsüchtige Nostalgie und wohlige Hintergrundbeschallung geht. Es ist vielfach davon die Rede, dass man aus seiner Kindheit, repräsentiert von der Figur Bart (einem 9jährigen Jungen) herauswuchs in die Erwachsenenwelt, repräsentiert durch Homer (den Vater der Familie), einhergehend mit dem Verständnis für eine Figur, die man damals nicht verstand, aber sich heute durchaus mit ihr identifizieren kann.

Simpsonswave ist auch deshalb interessant, weil die besten Tracks ein Problem widerspiegel, dass die Serie mit Hauntology und Vaporwave auf der negativen Seite gemein hat und sich wohl auch deswegen dazu eignet (auch wegen der Farbe sicherlich) so behandelt zu werden: Die Serie (wiewohl einer meiner Lieblingsserien zumindest bis zu einer bestimmten Staffel) ist leider mittlerweile selbst ein künstlicher Zombie, der seine Zeit längt überlebt hat, den man aber in Endlosschleife am Leben hält und mit ihr ihre Figuren. Was ebenfalls ein Beispiel für schlechte Nostalgie ist. Alte Folgen der Simpsons zu schauen und zu mögen und gleichzeitig zu wissen, dass sie in eine bestimmte Zeit gehören und aus ihr heraus gelebt haben, wäre eher die positive Variante. Eine gute Zusammenfassung des Problems (auch Simpsonswave erwähnend) kann man sich hier anschauen:

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