Post-Memory, Franken-Muzak und the allegro-pastell Vapor in the Mall

Als ich eines Morgens eher zufällig ein Feature über den Autor Leif Randt im Radio hörte (https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-gegenwart-von-leif-randt-ist-pastellfarben-ziemlich-nice.3720.de.html?dram:article_id=498859) in dem sein aktueller Roman „Allegro Pastell“ eine vordergründige Rolle spielt, hat mich das einmal mehr in Assoziationsgefilde getrieben. Ich habe den Roman nicht gelesen, höchstens ein paar Vorlesschnipsel gehört und ich habe es auch nicht vor, nichtdestotrotz hat mich das, was im Feature angesprochen und erzählt wird an ein anderes popkulturelles Phänomen dieser Tage erinnert. Und erinnern ist dabei schon Teil dieses Phänomens.

Alles begann mit den hier schon mal in einem vorherigen Beitrag beschriebenen Entwicklungen in der Musik und der sog. „Retromania“,sowie Postmemory-Nostalgie… In Sinn und Form 1/2020 gibt es einen äußerst lesenswerten, weil nachdenklich machenden Text der russischen Dichterin Maria Stepanowa über die sog. „Postmemory“.

Wenn die Zukunftsutopien außer Ideologen keinen mehr wirklich überzeugen und die angeblich totale Gegenwart gerade wegen der Totalität aufgelöst wird, dass viele Menschen sie gar nicht mehr wirklich erleben können/wollen, bleibt noch die Vergangenheit, die hier aber nicht als Reaktionärutopie gedacht ist (weil’s ja lediglich die Kehrseite der ersteren ist).

[Ein anderer Text von Jan Wagner über Lyrik und Fotografie ebenfalls in Sinn und Form (Heft 3/2020) passt ergänzend/erweiternd dazu (ich las beides zufällig hintereinander). Er lohnt nicht nur wegen der Gedichte, die Wagner dort bespricht; u.a. Rilke, Herbert, Pagis, Simic, sondern, weil er darüber nachdenkt, was große Fotos und große Gedichte gemeinsam haben, ein Augenblick und Ausschnitt der Welt, der aus Bevorzugung und Entscheidung gewählt wurde (und eben kein Rauschen ist) und den Betrachter/Leser einladen – Portraits beinhaltet immer schon den Blick in die Zukunft wie kaum eine andere Fotoform – genauer hinzuschauen …auf und in die Welt.]

„Postmemory. Dieses Gefühl, daß das eigene Leben mit seinen banalen Vorkommnissen und Problemen irgendwie weniger wichtig, weniger lebendig, weniger denkwürdig ist als das der vorangegangenen Generationen, daß die Vergangenheit überlebensgroß ist und das eigene Leben eher klein, daß es nicht verdient, erzählt oder gesehen zu werden: auch das ist Postmemory. Nach der Menge von Forschungsvorhaben zur Alltagsgeschichte, zur Aufzeichnung und Rekonstruktion von Familienüberlieferungen, zur Geschichte eines bestimmten Orts oder Gewerbes zu urteilen, ist dieses Gefühl heute extrem verbreitet: Es ist ein Trend geworden, aus dem etwas völlig Neues entsteht. Was für den privaten Raum der Familie bestimmt war, interessiert auf einmal ein breites Publikum, und immer mehr Menschen sind in diesen Vorgang involviert. Über die Ursprünge dieser Entwicklung kann man spekulieren – woher kommt eigentlich dieses Gedächtnis, das nicht nur einen eigenen Platz neben der offiziellen Geschichte beansprucht, sondern ihr manchmal geradezu widerspricht?“

https://www.sinn-und-form.de/?tabelle=leseprobe&titel_id=7329&kat_id=18

Man kann diesem oben beschriebenen Gefühl ja auch begegnen indem man sich in die überlebensgroß erscheinende, „wichtigere“ Vergangenheit wünscht/flüchtet, und weil man scheinbar nichts erlebt, muss man das dann über die Stimmung machen…wenn es ein Wort gibt, dass für diese Art Medienerleben im Grunde der Kern ist, dann ist das die Stimmung, deren zeitgeistiges Internet-Pendant die sog. ‚Aesthetics‘ sind. Gerade in den Sozialmedien wie Instagram und TikTok sind sie mittlerweile das A und O, das Ding und wenn man was in diesen Breiten reißen will, man muss wissen was man tut und welche Ästhetik man bedient, und das gilt auch für berühmte Musiker etc., die dort unterwegs sind. Videos, Bilder, Musik, alles muss vor allem eine Stimmung transportieren, der Rest ist im Grunde zweitrangig, die Leute schauen sich das an bzw. hören das zu Hause bevor sie zur Arbeit gehen oder von dort zurückkehren und um dann in diese oder jene Stimmung zu kommen. Und je besser etwas die jeweilige Aesthetic-Stimmung trifft, desto erfolgreicher.

In diesem BR-Beitrag schön kurz zusammengefasst: https://www.ardaudiothek.de/klassik-aktuell/hintergrundmusik-alles-nur-manipulation/78855462 --> wie ganz konkret manipuliert werden kann, kann man an einem aktuellen Beispiel hier nachlesen: https://www.republik.ch/2019/04/13/musik-als-manipulation 
Eine auführlichere Geschichte der sog. Muzak und verwandter Themen bis heute sehr hörenswert hier: https://www.ardaudiothek.de/freistil/von-der-fahrstuhlmusik-zum-streaming-die-ueberall-musik/90078168

Dass Musik ein Träger von Stimmungen ist, braucht wohl nicht extra hervorgehoben werden, doch erscheint es als sei gerade in diesem Bereich das geschilderte Phänomen besonders ausgeprägt. Ein Kulminationspunktist ist für mich die sog. Vaporwave der 2010er,die freilich auch heute nochim Internet existiert (letztlich genau nur dort, es handelt sich um ein originäres Internetphänomen). Vaporwave bedient sich jenseits der Musik auch einer bestimmten Ästhetik, z.b. Pastell- und Neonfarben. Seine Nostalgie ist vor allem gespeist aus den 70er und 80ern. Vaporwave ist in Digitalien und seinen meist jüngeren Bewohnern wie ich las gerade mit am populärsten ist. Es handelt sich um eine Art Lo-fi 80sSynth (mit noch mehr Optik) oftmals im mittlerweile beliebten Musik-die-so-nebenbei-laufen-kann-Modus. Es gibt ein lesenswertes Büchlein über die Geschichte, die Methoden und den Stil der Vaporwave: Grafton Tanners „Babbling Corpse“

Der Untertitel des Buchs fasst schon das Grundthema an, dass Tanner in Vaporwave ausmacht: das Geisterhafte – in diesem Zusammenhang mag Vaporwave auch eine Verbindung schlagen zur sog. Hauntology. Einer deren bekanntesten Theoretiker Marc Fisher beschreibt Hauntology so:

Sonic hauntology similarly “blurs contemporaneity” with elements from the past, but,whereas postmodernism glosses over the temporal disjunctures, the hauntological artists foreground them.

Darin steckt für mich auch eine Vorstellung von so etwas wie negativer und positiver Nostalgie; negative Nostalgie als die ahistorische Verklärung einer Vergangenheit, die herbeigewünscht bzw. in die sich zurückgewünscht wird, positive Nostalgie als wahlweise Bewusstsein des Weiterwirken der Vergangenheit (wie William Faulkner es sagte: „The past is never dead. It’s not even past.“) und durchaus ihrer Affirmation, aber mit dem Bewusstsein, dass die zeit nicht zurückgedreht ist oder stehen bleibt und die Vergangenheit auf andere Weise noch überall existent in der Gegenwart ist. Letzteres beschreibt die Geisterhaftigkeit von der hier die Rede sein soll ganz gut. Die Geisterhaftigkeit wohnt dem wohl auch grundsätzlich inne, weil dem Genre durch seine Herstellung postmoderne Frankensteinigkeit anhaftet. Tanner beschreibt das passend so:

With the invention of the electronic musical sampler, gaps a1nu remediation took new forms. Now, recorded music could easily be manipulated to create new pieces of music, and entire songs could be constructed solely out of audio samples shorn of context and reference. It was the ultimate postmodern musical gesture… Music critic Simon Reynolds describes sampling as „a mixture of time-travel and seance“ and characterizes it as „the musical art of ghost coordination and ghost arrangement.“ […] It is Franken-music, using various pieces of former wholes to create a new being.

Das Digitale in der Musik hat aber nicht nur die Herstellung verändert, sondern ganz sicher auch die Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten wie Musik heute gehört wird. Dazu der erwähnte Simon Reynolds in seinem ebenfalls lesenswertem Buch „Retromania“ (hier im Interview Jahre nach dem Buch: https://thegap.at/sieben-jahre-nach-retromania-simon-reynolds-im-interview/) :

First music was reified, turned into a thing (vinyl records, analogue tapes) you could buy, store, keep under your own personal control. Then music was ‚liquefied,‘ turned into data that could be streamed, carried anywhere, transferred between different devices. With the MP3, music became a devalued currency in two senses: there was just too much of it (as with hyper-inflation, banks printing too much money), but also because of the way it flowed into people’s lives like a current or fluid. This made music start to resemble a utility (like water or electricity) as opposed to an artistic experience whose temporality you subjected yourself to. Music has become a continuous supply that is fatally susceptible to discontinuity (pause, rewind/fast-forward, save for later, and so forth).

Musik als Stimmungsmacher immer und überall, der aber eben auch genauo verfügbar ist. Das Leben gerade auch in der Öffentlichkeit unterlegt mit dem, was man meint gerade zu „brauchen“. Musik, die Stimmungen produzieren sollte bzw. Stille überdecken wurde früher unabhängig vom Einzelnen als Hintergrundmusik quasi „von oben“ gewählt und entwickelt. Bestes Beispiel dafür ist die Muzak, bevorzugt an Nicht-Orten. Muzak ist der Corpus aus dem Vaporwave eine Menge Organe entnimmt, was heute, wo es das „neue Ding“ ist und Einzug ein den Mainstream gefunden hat besonders bezeichnend erscheint, wenn der Beginn von Vaporwave gerade diese Art Musik ironisierte und durchaus antikapitalistisch gedacht war.

Vaporwave producers sample the music we encounter in airports, supermarkets, shopping malls, supermarkets, waitingrooms and elevators, as well as the music we hear when we are placed on hold during a routine phone call or during a commercial while waiting for a television program to ‚ resume. This is music we hear as we perform a perfunctory, boring, but necessary action that typically involves consumption, and the music’s purpose is to turn our mind-numbing experience into something a bit less vapid while trying to sell us something in the process. It is the lubricant that glides us along our journey of daily material existence, from non-place to non-place, engaging in the glories of the free market while narcotizing ourselves to discomfort. This unobtrusive music can take many forms: Muzak, easy-listening, middle-of-the-road radio (MOR), smooth jazz, glitzy New Age, television bumpers, or other forms of anodyne music that populate our consumerist experience

Grafton Tanner

Und es gibt im Vaporwave viele Subgenres (von dem einige sicher auch schon Subsubgenres haben -und muss bei dieser Subisierung immer an Metal denken) von denen ich hier nur zwei besonders erwähnen möchte, weil ich in ihnen – oder zumindest einzelnen Trackes und Mixes darin – genau das wiederfand, was ich oben als positive Nostalgie bezeichnet habe, weil sie eine Art Selbstreflektion beinhalten, ersteres vielleicht unbewusst, letzteres wohl deutlich bewusster.

Bei der ersten Unterkategorie handelt es sich um Mallwave, quasi Chillsynthelectro für ein Durchstreifen der guten alten Mall. Mal davon ab, dass das ganze Mall-Ding auch eher eine US-Sache ist. Bemerkenswert ist ja, dass die Mall als ein Archetyp des Nicht-Ortes gerade für einige Jugendgenerationen in den USA diesen Nicht-Ort im Grunde für sich zu einem Ort machten. Wobei ich nicht weiß wie das in manchen Gegenden in Deutschland so war, denn ich hab mich in meiner Jugend nicht in Malls aufgehalten, allein schon weil es gar keine gab – man traf sich an der Bushaltestelle (Busstopwave!) oder irgendwelchen öffentlichen Plätzen, die damals tatsächlich nur von Jugendlichen oder den Stadtalkeholikern frequentiert waren, niemand sonst setzte sich dort hin, oder noch Parkplätzen (Carparkwave!), wo man evtl. noch Skateboard etc. fahren konnte – was wäre denn also das 90er Jahre Deutschlandpendant? Wie kann man sich nostalgisch über etwas fühlen als Jugendlicher, wenn man eben noch in dieser Jugend steckt und eine frühere Jugend herbeisehnt – ist das nur eine verkappte Version des „Früher war alles besser?“ Bezeichenderweise gibt es sogar tatsächlich sog. Fashwave (ja, das kommt vom Faschismus, die rechte Variante von Vaporwave sozusagen, gibts auch für Kommunisten, klar muss es für alles geben natürlich; es gibt tatsächlich ein Aesthetics Wiki: https://aesthetics.fandom.com/wiki/Vaporwave)

Ist Mallwave die zeitige Version des Ruinen und Vergangenheitskult der Romantik, die Dekadenz des Fin de Siècle 2.0? Im Artikel klingt an, dass es tatsächlich auch um Struktur- und Ordnungssehnsüchte gehen könnte, zumindest teilweise, was in dem Sinne witzig ist, da mir die 70er bis 2000er nicht vorkamen wie eine besonders geordnete, durchstrukturrierte Zeit, aber so ist das ja manchmal mit Verklärung. Dass was einige Menschen als neuen Kulturkampf bezeichnen findet wenn dann unbewusst und anderen Vorzeichen vielleicht an solchen Fronten statt. Abgesehen davon finde ich das konkrete Hörbeispiel von MEDIAFIRED sogar ganz interessant: https://melmagazine.com/en-us/story/the-teens-who-listen-to-mallwave-are-nostalgic-for-an-experience-theyve-never-had

Ein Beispiel, dass mich allerdings aus den oben angesprochenen Gründen auch persönlich tatsächlich sehr gecatcht hat ist vielleicht sogar unabsichtliche Mallwave. Da hat jemand einfach eine 70er Jahre Mall-Muzak-Tracklist mit Kathedral-Echo reverbert und schon hört man jene Geisterhaftigkeit der Vergangenheit, die ins Jetzt hineinwirkt als wäre es die Fade-out-Begräbnismusik für das 20. Jahrhundert (man gehe – wie ich – damit mal durch eine realtiv menschenleere Stadt und ihre Randgebiete, gibt einen interessanten Effekt):

Das zweite Subsubgenre, dass ich hier anbringen will ist Simpsonswave. Und ja, das hat mit der Fernsehserie „Die Simpsons“ zu tun; hier gibt’s einen kurzen Artikel dazu, der auch Links zu anderen Videos enthält: https://www.vice.com/de/article/kb53g9/simpsonwave-auf-den-spuren-eines-neuen-musikgenres

Der Clip den ich meine ist dieser hier:

Ausnahmsweise war es dieses Mal sehr aufschlussreich auch einmal die Youtube-Kommentare unterm Video zu lesen, die oftmals klar machen, dass es hier eben nicht um sehnsüchtige Nostalgie und wohlige Hintergrundbeschallung geht. Es ist vielfach davon die Rede, dass man aus seiner Kindheit, repräsentiert von der Figur Bart (einem 9jährigen Jungen) herauswuchs in die Erwachsenenwelt, repräsentiert durch Homer (den Vater der Familie), einhergehend mit dem Verständnis für eine Figur, die man damals nicht verstand, aber sich heute durchaus mit ihr identifizieren kann.

Simpsonswave ist auch deshalb interessant, weil die besten Tracks ein Problem widerspiegel, dass die Serie mit Hauntology und Vaporwave auf der negativen Seite gemein hat und sich wohl auch deswegen dazu eignet (auch wegen der Farbe sicherlich) so behandelt zu werden: Die Serie (wiewohl einer meiner Lieblingsserien zumindest bis zu einer bestimmten Staffel) ist leider mittlerweile selbst ein künstlicher Zombie, der seine Zeit längt überlebt hat, den man aber in Endlosschleife am Leben hält und mit ihr ihre Figuren. Was ebenfalls ein Beispiel für schlechte Nostalgie ist. Alte Folgen der Simpsons zu schauen und zu mögen und gleichzeitig zu wissen, dass sie in eine bestimmte Zeit gehören und aus ihr heraus gelebt haben, wäre eher die positive Variante. Eine gute Zusammenfassung des Problems (auch Simpsonswave erwähnend) kann man sich hier anschauen:

Die (Un)Ordnung der Gedankendinge

Wieder einmal durch das Zusammenkommen mehrerer zufälliger Aufschnappungen (schönes Wort) – was schon beim sich herauskristallisierenden Oberthema schier meta- selbstreferenziell-identisch anmutet – zu einem Denk-Konglomerat gekommen…Zutaten:

1.

ein Bericht über einen gewissen Leon Löwentraut, ein angeblicher junger Künstler, der wohl total gehypt wird und berühmter werden will als sein Vorbild Picasso (…man beachte berühmter, nicht besser oder genialer, nein nur berühmter, das nenne ich künstlerischen Anspruch…) und dessen Kunst horrende Preise bringt, obwohl er (jedenfalls in meinen Augen) nur ein ziemlich dreister Epigone seiner Vorbilder Picasso und Basquiat ist…es im Flusserschen Sinne also keine Kunst, sondern Kitsch in Reinform ist. Musste an eine Passage von Roger Willemsen in „Deutschlandreise“ denken:

„…Museumsbesucher über einen Raum verteilt, disparat, wie in einem Sterbezimmer. Geneigten Kopfes, mit auf dem Rücken gefalteten Händen oder in die Hosentasche eingehakten Daumen, ins Hohlkreuz geworfenen Oberkörper, zusammengezogenen Augenbrauen, schlafwandelnd, aber dabei ganz bewusst, zirkulieren sie zwischen den Exponaten. Wir reden von Gegenwartskunst. Da nennt man ein Werk nicht ein Werk, sondern eine ‚Arbeit‘ oder eine ‚wichtige Arbeit‘.
Aber eigentlich lassen sich längst beide Thesen gleich gut vertreten: Es gibt nichts Wichtiges in der Kunst, und es gibt nichts Wichtigeres als die Kunst. Eine Ausstellung jedenfalls besteht aus einer spezifischen Menge Publikum, die angezogen von einem bestimmten Versprechen, aufgespalten in Gruppen und Einzelne, eine bestimmte Haltung zu Gegenständen einnimmt, die man für Kunst hält, zu solcher erklärt oder in denen man sie vermutet.
Das eigentliche Kunstwerk- er weiß es nur nicht – ist aber der Mensch in seinem Verhalten zum Objekt, das er für ein Kunstwerk hält. Immerhin hat er in Jahrhunderten kulturhistorischer Vorbereitung eine eigene Attitüde dafür entwickelt, eine Haltung angenommen und übersetzt so Angelesenes, Erarbeitetes, Brocken aus Werbung, aus Fernsehberichten und Zeitungstexten in die Pantomime des Kunstsinnigen, Kontemplativen.
Kunst wirkt? ja, auf diese Weise.
Das Nachleben des Werkes beginnt erst mit dem Tod des Publikums, wenn nichts mehr da ist, das sich zu einem Objekt in Beziehung setzt. In dieser Vorstellung der Einsamkeit der Kunstwerke, als Hinterlassenschaften – besteht ihre Wirkung. Denn eigentlich ist das Optische doch das Uninteressanteste an der Kunst.[…]
Je einfacher die Produktion, desto künstlerischer wird der Betrachter.“

Wenn Malraux für seine Zeit (also höchstens bis in die 70er) meinte, die Kunst dieser Zeit sei nur denkbar mit Museum wie die gotische mit dem Glauben….vielleicht die jetzige auch ohne die Galerie bzw. den Kunstmarkt.

https://www.nzz.ch/amp/feuilleton/so-viel-schlechte-kunst-ld.1392254?__twitter_impression=true

2.

wegen eines Artikels über den großen, vlt. Verrückten Joycianer Literaturwissenschafter John Kidd, der wohl über das manische Lösenwollen des Ulysses-Enigma etwas wunderlich wurde und kaum noch sein Haus verlässt und nur noch mit Tauben spricht. In dem Artikel wird dann vom Autor zum einen vermutet Kidd würde einem horror vacui entgehen wollen und deswegen manisch sehr gehaltvolle und  intertextuelle Texte vergleichen; am Beispiel der Schilderung von Kidds Wohnung:

This quality was on vivid display the afternoon he welcomed me into his apartment, a unit in a high rise with a nice view of Rio. The place is neat and walled with books on shelves. There are lots of bureaus and built-in dressers, and at one point, when he went to retrieve a book, every drawer he opened was packed top to bottom, side to side, with even more books. “You really have to read Fernando Pessoa,” he said, handing me a collection of poems, in Portuguese, by this early-20th-century Lisbon writer, titled “A Little Larger Than the Entire Universe.” I cracked open Kidd’s copy to find a swarm of marginal notes on nearly every page, cataloging textual alternatives in the many other Portuguese editions he owns. This is how John Kidd reads everything — as a search for the perfected text. It’s not just an aesthetic choice for Kidd but a kind of compulsion toward completedness, suffusing not just how he reads literature but also how he talks about it. We discussed “Gargantua and Pantagruel” and “Don Quixote” and “Tristram Shandy.” He considers them all to be “antic” works, his coinage for books that are marked by a “comic take on the encyclopedic narrative just as the ‘Iliad’ is a tragic take on an encyclopedic narrative.” Those novels are playful, like “Ulysses,” but they mean to embrace and comprehend a sense of everything, and it’s this sense of totality and the longing for it that drives Kidd, too.“

Theoretiker, die Volkskunst studieren, beschreiben manchmal diese überfüllten, bildstarken Kreationen, nicht nur als ein prominentes Thema, sondern als eine Art psychische Krankheit, die der Form gemeinsam ist. Sie argumentieren, dass die Werke dieser Künstler Ausdruck eines Zwanges sind, eine existentielle Leere zu füllen- und Kidd bringt diese Intensität zu seinem Verständnis jedes Buches, das er liest. Und wenn Kritiker über Joyces sprechen, greifen sie typischerweise zu vergleichbaren Begriffen und beziehen sich auf Joyce ‚enzyklopädisches Wissen über Geschichte, Mythos und Sprache. In dem Zusammenhang werden Howard Finsters „Paradiesgarten“ oder Grandma Moses „Country Fair“ erwähnt (kannte ich bisher nicht).

Führt zu 3.

Finsters Paradiesgarten (der u.a. aus Dingen besteht, die Andere weggeworfen haben) und der mich zu einer dazugehörigen MA-Arbeit über „Salvation-Themed Visionary Art Environments“ geführt hat, die Finster und andere solche Werke (alle in den USA bemerkenswerter Weise) vorstellt und analysiert und mich an das Refugium des Schweizers Armand Schulthess (übrigens hat der Max Frisch zu seiner Holozän-Erzählung inspiriert…das enzyklopädische Buch dazu – der Ort wurde nach Schulthess‘ Tod abgerissen leider – ist sowas wie der verrückte kleine Bruder von Humboldts Kosmos) und einen Film über einen Mann, Jean-Marie Massou, im Nirgendwo von Limoges, der Höhlen gräbt um sie auszumalen um ein Rettungssystem für die geknechtete Frau zu bauen, das er Sodorome nennt (auch so ein Film, der nirgends mit UT zu bekommen ist) erinnert hat und in die Kategorie passen könnten.

https://www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/irrgaertner-des-menschlichen-wissens?urn=urn:srf:video:04ce6747-1d48-4458-b1a1-9ec24e0b8072

Und 4.

Hannes Bajohrs Digitale Literatur (Gedichte erschaffen durch Algorithmen z.b.), wobei die Datenkorpora für ihn Halbzeug ist (erinnert wohl nicht umsonst an Flussers Bezeichnung Halbfabrikat im Kulturkreislauf, also die Vorstufe von Kultur) und dann Kunst/Kultur geriert. Nettes Beispiel in welchem bei einigen bekannten Gedichten der deutschen Nachkriegsliteratur jedes Wort durch Synonyme ersetzt wurde. Als Beispiel der Anfang von Erich Frieds „Bevor ich sterbe“.

„Einst ich vollende                             Bevor ich sterbe

Noch einmal sprechen                        Auch später plaudern

von der Wärme des Lebens                von der Sonnenglut des Pulses

damit doch einige wissen:                  darauf sogar eine Handvoll durchschaut:

Es ist nicht warm,                               Es ist keineswegs gütig

aber es könnte warm sein.                  aber es könnte gütig heißen“

Was hat das jetzt alles miteinander zu tun? Ich finde viel, jedenfalls assoziierte sich mir viel, in dem Sinne bin ich selbst ein stetig Hypertexte klickendes Bewusstsein.

Das große Dach, das das für mich einfasst ist Flussers epizyklisches (posthistorisch bewusstes) Kulturmodell. Es gibt eine Erzählung und eine Erzählung von Wolfgang Hilbig („Die Kunde von den Bäumen“) in der es es viel um Abfall und Müllmänner geht und das der Abfall noch etwas birgt und zurückgewonnen werden kann, und die Verbindung zum Vergessen (die Müllmänner sind die Einzigen die nicht nicht vergessen können), das sich so in Flussers Überlegungen zum Abfall als ein Stadium des Kulturmodells (Abfall materieller wie immanterieller Natur) wiederfindet und seiner Überlegung des sog. „Collagisten“, der der echte Bezwinger des nachgeschichtlichen Denkens ist und gegen das Vergessen kämpft ohne Kitsch (denn das ist nur künstlich aufgewärmter Abfall) zu erzeugen, nahe steht. Aus dem Kulturmüll sammeln und etwas neues kreieren (genau deswegen ist ja Löwentraut Kitsch, weil nichts gesammelt und zusammengefügt wird, sondern einfach nur eine Kopie des schon Bestehenden oder Vergangenen ist, kommunikativ also Gerede statt Diskussion). Der Mensch als Jäger und Sammler von Informationen und der moderne Mensch, der ein Müllproblem hat und wo man entweder Kitschier oder Müllsammler bzw. Müllkünstler wird (bzw. psychisch gestörter Müllsammler – das Messi-Syndrom ist vlt. das Syndrom der Zeit)…und eine Ablösung vom Text als lineare Anordnung von Sinn…Flusser meint ja z.b., Film ist deswegen vielfach immer noch Text, weil er viel zu oft wie Text gemacht ist, obwohl er es im Grunde nicht ist oder sein müsste und nur wenige haben das bisher durchbrochen. Was im Grunde auch für alles Digitale gilt. Wo es mehr Müll gibt, weil alles scheinbar so schnell veraltet suchen manche nach Synthese…so wie Kittler das mal in den Aufschreibesystemen meinte:

„Es gibt noch immer Zonen, in denen [Levi-Strauss’] wilde[s] Denken […] relativ geschützt ist: das ist der Fall in der Kunst, der unsere Zivilisation den Status eines Naturschutzparks zubilligt, mit allen Vorteilen und Nachteilen, die sich mit einem so künstlichen Gebilde verbinden […] Die außergewöhnlichen Eigenschaften dieses Denkens, das wir wild nennen […] hängen besonders mit der Weitläufigkeit der Ziele zusammen, die es sich setzt. Es will zugleich analytisch und synthethisch sein, in beiden Richtungen bis an seine äußerste Grenze gehen und doch fähig bleiben, zwischen den beiden Polen zu vermitteln.“

Und man denke an Foucaults Prämissen in “Die Ordnung der Dinge”: In der Renaissance war das Denken aus Foucaults Sicht noch von Ähnlichkeiten und Verwandtschaften unter den Dingen gekennzeichnet, im klassischen Zeitalter ändert sich diese Episteme, denn nun geht es „nicht mehr um die Frage der Ähnlichkeiten, sondern um die der Identitäten und der Unterschiede“. Mit dem Ende der Repräsentation, mit dieser Transformation, die sich im Übergang von der Klassik hin zur Moderne vollzieht, taucht nach Michel Foucault eine neue epistemologisch Denkfigur auf: der Mensch. Stand noch in der Klassik eine diskursive Formation im Zentrum des Denkens, welche in Form der Repräsentation die wechselseitige Entsprechung der Dinge und des Denkens, der Natur und der menschlichen Natur entfaltete, so tritt nun der Mensch (und damit die Humanwissenschaften) an diesen Platz. Das Müllsammeln erscheint wie ein Wiedergewinnen der diskursiven Formation, wäre demnach eine Reaktion auf den Tod des Menschen (in positiver wie negativer Hinsicht). Ist bisschen auch eine neue Sinnmaschine im Sinnvernichter der spätkapitalistischen Konsumordnung.

Am Ende wird jenes Vertrauen und der Glaube an die Ordnung Emersons: „Welche Neugier die Ordnung der Dinge auch immer in uns geweckt hat, wir müssen der Perfektion der Schöpfung trauen und glauben, dass die Ordnung diese Neugier befriedigen kann., durch Wittgensteins Feststellung abgelöst: „„Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein. Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.“

Eine Ordnung könnte man mithin nur selbst schaffen. Und vielleicht ist das ja auch die moderne (teils dekadente?) Variante der Wunderkammer, Dioramen menschlichen Geistes oder der ja fast irgendwie abweichende, fremde oder vergangene Episteme, die durch techne sichtbar gemacht werden (auch sowas was Mark Dion z.b. macht):

„Alle, die früher in einer Wunderkammer der Renaissance gemeinsam tätig waren, die Künstler, die Gelehrten, die Musiker und die Ahnungsvollen müssen sich zusammentun. Wir kommen nämlich nicht darum herum, an einem Gegenalgorithmus zu arbeiten, der alles das aufsammelt, was die Algorithmen ausgeschlossen haben. Dazu müssen wir das, was wir Intelligenz nennen, in uns neu aufsuchen, neu festmachen, wie bei einem Schiff im Sturm.“

Alexander Kluge

Der stumme Zwang der Verhältnisse?

Es gibt ein gutes Radio-Gespräch zwischen Teddy Adorno, Max Horkheimer und Eugen Kogon, das ich sehr zum anhören empfehlen kann… es ist immer schön, was man im Web so immer alles finden kann, und heute noch dringlicher als damals…es ging um die verwaltete Welt…

hatte mal vor einiger Zeit tatsächlich was über Verwaltung gelesen, nachdem  mir irgendwer in der JVA von der sog. Verwaltungswissenschaft erzählte…

Öffentliche Verwaltung ist nach klassischer Definition die Tätigkeit des Staates außerhalb der Gesetzgebung, Rechtsprechung und Regierung. In Reinform der ‚vollziehenden Gewalt‘ treffen wir [sie] überall dort an, wo es um den Vollzug von Gesetzen außerhalb der Justiz geht. Typische Beispiele sind Einwohnermeldeämter, Regierungspräsidien, Finanzämter…oder Dienststellen der Gemeindeverwaltung… Aber es gibt auch Betriebe oder Einrichtungen…, die nach dem Verständnis ihrer Angehörigen keine ‚Verwaltung‘ sind, aber eine Verwaltung haben […] Im Hintergrund arbeitet dort eine Organisation, deren Zweck nicht die Dienstleistung selbst, sondern die Aufrechterhaltung des Betriebes ist…Verwaltungen sind allg. gesagt formale Organisationen, die nach Regeln arbeiten und mit eigens geschultem Personal öffentliche Aufgaben oder Assistenzfunktionen erfüllen.
Das Eigentümliche der Verwaltung ist, dass sie ebenso allgegenwärtig wie unentbehrlich und doch, was ihre eigentliche Natur betrifft, weitgehend unbekannt und nicht besonders hoch angesehen ist…Begreift man den Zusammenhang zwischen Unsicherheitszonen und Machtmobilisierung erst einmal, hat man einen schärferen Blick für die informellen Machtverhältnisse in der Verwaltung…
Verwaltung in der Demokratie kennt keine verantwortungsfreien Räume…Verwaltung als Institution ist etwas grundlegend anderes als Verwaltung als zweckrationale Organisation.“

W. Seibel – Verwaltung verstehen


Haben Adorno und Horkheimer also letzteren Unterschied nicht klar genug gemacht, wenn sie von verwalteter Welt sprachen oder genau aufgezeigt, dass ein zu dichtes Zusammenfügen eben diese verwaltete Welt und den Verwalteten und sich selbst Verwaltenden (ist das nicht der Grundzug vielleicht auch der menschlichen Kultur oder Gesellschaft, eine Art von innerlicher Selbstverwaltung, auch anhand der bestehenden Normen?) Menschen hervorgebracht hat?
Müsste es nicht eher kybernetische oder programmierte Welt heißen (wie bei Flusser z.b.) bzw. ist das was heute ‚Governance‘ genannt wird nicht erst die verwaltete Welt oder schon deren Gipfel? Der verwaltete und sich verwaltende Mensch ist ein Operator eines Apparats:


„Für unsere Lage ist es nämlich charakteristisch, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Werkzeug nicht die beiden klassischen Formen hat…Weder funktioniert der Apparat in Funktion des Operators…, noch funktioniert der Operator in Funktion des Apparates. Vielmehr sind die Funktionen…verschmolzen […] Ein >Operator< (oder Apparatschik) ist ein >Mensch< in einem neuen posthistorischen Sinne: weder ist er >tätig< (ein Handelnder, ein ‚Held‘), noch ist er >leidend< (ein Behandelter, ein ‚Dulder‘, sondern er funktioniert in Funktion von Funktionen, die in seiner Funktion funktionieren. Dieses nachgeschichtliche Dasein, dieses Dasein nicht nur jenseits von gut und böse, wahr und falsch, schön und häßlich, sondern überhaupt jenseits der Kategorie von aktiv – passiv, umgibt uns seit Jahrzehnten von allen Seiten (Beispiele: Eichmann, Manager, Parteisekretär…kurz >Funktionär<)“

Vilem Flusser


Man denkt an Arendt beim Eichmann-Prozess und ihr Vita Activa und Adornos Befund aus dem Interview gewinnt für mich noch an Schärfe und Schwärze:


„Jedenfalls will es mir dünken als ob der Menschentypus der heute auf die Welt kommt vorweg schon zu einem außerordentlich weiten Maß in die verwaltete Welt hineinpasst, dass er gleichsam in sie hinein geboren wird. Starr sind diese Menschen, weil sie eigentlich keine Spontanität mehr haben, weil sie eigentlich gar nicht mehr ganz leben, sondern weil sie selber sich bereits als die Dinge, als die Automaten erfahren als die sie verwendet werden.“

Außerdem passt (und passt auf heute noch mehr, fast gruselig) dazu eine Aussage Adornos aus einem Gespräch mit Gehlen:

Aber gerade dass, was da über die Psychoanalyse/Psychologie und ihre Entwicklung heute gesagt wird, ließ mich stark an die „Therapieansätze“ insbesondere in Anstalten, die mit stark vom Thema der „Abweichung“ denken, wo man gut unterscheiden kann, wer aus der tiefenpsychologischen Richtung oder der verhaltenstherapeutischen kommt, die sich der neueren Psychoanalyse nur ranwanzen um sich besser hinzustellen, obwohl das nun oft genug eine Art Zurichtung darstellt.

Von Milieuscham, Klassendistanz und Herkunftsverrat – “Der Platz” von Annie Ernaux

“Was soll ich sagen, er ist eben vom Land…”

Der französische Althistoriker Paul Veyne geht von einer Poesie der Ferne aus und hält die Römische Geschichte deswegen für so überaus interessant, weil sie so absolut fern von uns liegt. Annie Ernaux erscheint die Zeit der Lebenswelt ihres Vaters ähnlich fremd:

Wenn ich Proust oder Mauriac lese, kann ich nicht glauben, dass sie über die Zeit schreiben, als mein Vater Kind gewesen ist. Seine Welt ist das Mittelalter.”

Nicht nur die Welt des Vaters erscheint weit weg, sondern schon die Zeugnisse der Kultur, die wir heute noch schätzen, scheinen von ihr kaum Notiz genommen zu haben. Und eben diese andere Welt ist jene in die Ernaux aufgestiegen ist: “Ich war jetzt Teil jener Hälfte der Welt, für die die andere Hälfte nur Kulisse ist.”

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Deutschland und Frankreich sind weder auf historischen, noch soziologischen Terrain gut vergleichbar, viele Deutsche machen sich wenig Vorstellung davon wie agraisch Frankreich geprägt war (was auch damit zu tun haben mag, dass hier wie in Frankreich selbst der Fokus seit jeher immer auf Paris und der Isle de France gelegen hat als sei dies das Franzosentum schlechthin) und immer noch ist. Und dass das deutsche Mittelstandsmodell ein besonderes und kein genuin universelles Modell europäischer Prägung ist (das Urteil zum Beispiel, dass die Gelbwesten-Proteste nicht auf Deutschland hinüberpflanzbar sind, ist u.a. auch diesem Umstand geschuldet).

Ernaux erzählt, wie sie sich den fremd gewordenen Vater, dem sie zu Lebzeiten nicht mehr viel zu sagen hatte, schreibend zurückholen kann. Zugleich zieht diese Sprache aber eine neue Trennwand zwischen sie und ihr Elternhaus. Einmal mehr beschreibt sich Ernaux als zerrissen zwischen zwei Identitäten, weil sie ein «Erbe ans Licht holen» will, das sie selbst «an der Schwelle zur gebildeten, bürgerlichen Welt zurücklassen musste». Und sie entdeckt die feinen Bruchlinien der Zerrissenheit auch bei ihrem Vater, der sich ebenfalls schon von seiner Herkunft als Taglöhner auf dem Bauernhof entfernt hatte; “Am schlimmsten war es, sich wie ein Bauer zu verhalten, ohne einer zu sein…”

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»›Ich sollte das erklären.‹ Damit meine ich, über meinen Vater schreiben, über sein Leben und über die Distanz, die in meiner Jugend zwischen ihm und mir entstanden war. Eine Distanz, die mit Klasse zu tun hat und trotzdem etwas sehr Persönliches ist, für das es keinen Namen gibt. Eine Art distanzierte Liebe.«

Schon er hatte sich von seiner Herkunft emanzipiert als er Fabrikarbeiter und schließlich Kneipenwirt und Ladenbesitzer wird…”Sie gehören nicht mehr zu den am meisten Gedemütigten… Allmählich fanden sie ihren Platz, in der Armut oder knapp darüber” Schon sein Vater spürte das, was Ernaux‘ Vater vielleicht seiner Tochter gegenüber empfand:

“Es machte ihn rasend, wenn zu Hause jemand in ein Buch oder eine Zeitung vertieft war. Er hatte nie Zeit gehabt, lesen und schreiben zu lernen…Jedes Mal wenn mir jemand von ihm erzählte, fing es so an: „Er konnte weder lesen noch schreiben“, als wäre sein Leben und sein Charakter ohne diese Information nicht zu verstehen.”

Es ist eine Emanzipations- und Aufstiegsgeschichte, die sich dupliziert und potenziert und gleichzeitig auf beiden Seiten mit Scham und Versagen, Unverständnis und Distanziertheit einhergeht.

Die ganze Welt gegen uns verschworen. Hass und Unterwürfigkeit, Hass auf die eigene Unterwürfigkeit

“Lehrer brüllen: „Eure Eltern wollen wohl, dass ihr so arm bleibt wie sie! […] Immer die Angst oder VIELLEICHT DER WUNSCH, dass ich scheitere

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Bücher, Musik, dass ist etwas für dich. Ich brauche so was nicht, um zu leben

Er hatte mich großgezogen, damit ich einen Luxus genießen konnte, den er selbst nicht kannte

Der französische Soziologe Didier Eribon zollte der hierzulande immer noch zu wenig bekannten Schriftstellerin Ernaux in seiner „Rückkehr nach Reims“ größten Respekt. Im Nachfolgebuch «Gesellschaft als Urteil» widmet er ihr ein ganzes Kapitel. Ohne ihre literarische Vorarbeit wären seine eigenen Bücher kaum möglich gewesen. Auch Virginie Despentes zitierte Annie Ernaux als Inspiration für ihre Gegenwartsprobe «Vernon Subutex». Und Edouard Louis‘ „Das Ende von Eddy“ und „Wer hat meinen Vater getötet“ spricht von ähnlichen Ambivalenzen (bezeichnend, dass es sich um jüngere Schwule handelt, das Stigma ist doppelt, Klassenaufstieg und „abweichende“ Sexualität, während Ernaux‘ mit dem Aufstieg verbundene Hypergamie – es gibt eine aussagekräftige Passage darüber wie der bürgerliche Ehemann seinen Schwiegervater gegenüber empfindet – eine uralte Trope ist und sogar als Neigung empirisch belegt). Wobei allen gemeinsam ist, dass zwei Ebenen verbunden werden und auf Größere Zusammenhänge ausstrahlen.

Paul Veyne hielt die Soziologie für unersetzlich für die Geschichtswissenschaft. Es gelte die scheinbaren Gegensätze zwischen singulären Individuen und generalisierbaren Strukturen zu überwinden, um das Fremde und Eigenwillige vergangener Kulturen sichtbar zu machen. Nur wenn das Allgemeine und das Besondere in einem sich wechselseitig bedingenden Zusammenhang gesehen werden, vermag der Historiker die Originalität des Unbekannten offenzulegen.

Annie Ernaux‘ eigens mit diesem Roman entwickelte Form der unpersönlichen Autobiografie erscheint mir wie die literarische Variante dessen; so wie August Sanders Photographien. Das Individuelle als das Exemplarische, und Ernaux verbindet darüber hinaus das sehr Persönliche mit dem Historischen. Die Distanz des Klassenwechsels spiegelt heutzutage die Distanz und Entfremdung der Sozialdemokratie/der Linken in Frankreich zum „einfachen“ Lohnarbeiter. Was wunder also, dass Eribon, Despentes und Louis Ernaux so hoch schätzen.

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Und es ist Ernaux‘ besondere Autopoiesis, die das Unterfangen in meinen Augen so präzise macht…“L’Écriture comme un couteau“ (Wie mit dem Messer Geschriebenes) nennt sie selbst diesen Stil; nüchtern, fast steril, aber zwischen den Leerstellen sticht das Messer und ab und an verliert die entstandene Wunde Blut.

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Afghanistan: Kurzkommentar und Linksammlung

Kritik an der aktuellen Bundesregierung ist zweifellos berechtigt, aber es ist höchste Zeit, darüber zu Reden, wie das Desaster anfing. Das Zusatz-Desaster des Abzug kommt nur noch als „Krönung“ dazu, das eigentliche Desaster ist viel größer. Nämlich die ganzen 20 Jahre.

Die USA hatten den Bündnissfall aufgerufen nach 9/11. Der Angriff auf die TwinTowers erfolgte durch keinen Staat, trotzdem sah sich die damalige Regierung genötigt Militär nach Afghanistan zu entsenden ohne irgendeine Vorstellung, wie das wieder beendet werden soll. Es wurde unendlich viel Geld versenkt, das in der Entwicklungshilfe besser eingesetzt wäre. Und, man kann es nicht genug einfordern: Verteidigungsbündnisse dienen der Landesverteidigung und nicht Interventionskriegen. Wäre der deutsche Afghanistan-Einsatz mit der Erreichung des ursprünglichen Ziels, das schon fragwürdig genug war – Bekämpfung des Terrors – mit Ausschalten von Osama bin Laden 2011 beendet und nicht um einen neuen Auftrag – Nation Building – unter FDP-Außenminister Guido Westerwelle und CDU-Kanzlerin Angela Merkel erweitert und verlängert worden, dann wäre Deutschland womöglich die jetzige schändliche Katastrophe erspart geblieben.

Was den Afghanen erspart oder nicht erspart geblieben wäre, dass kann keiner wissen. Und wo man sich eben doch dazu entschlossen hatte zu tun, was man tat, nun die Leute im Stich zu lassen, die dabei halfen und darauf hofften. Stimmen hier: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-08/afghanistan-rettung-ortskraefte-bundeswehr-taliban-gefahr-protokolle?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Es ist ja bekannt, dass ein Großteil der Afghanen die Streitkräfte noch länger im Land haben wollten. Die Rolle der afghanischen Regierung und ihr ebenso kläglicher Abgang muss wohl nicht weiter kommentiert werden.

Gleichzeitig muss gesagt werden, dass viele Afghanen davon profitierten, dass die Taliban vertrieben wurden, allen voran eindeutig die Frauen. Sie sind es vor allem, denen jetzt meine Gedanken anhängen; den Schülerinnen (und Lehrerinnen), der Bürgermeisterinnen, Radfahrerinnen, Journalistinnen, jeder Frau dort, allen, die jetzt schon wieder aus Angst nicht mehr ihre Häuser verlassen und denen die Jahre der Anwesenheit westlicher Streitkräfte die Chancen boten ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu leben, vor allem in realtiver Freiheit und Sicherheit. Das sei bei aller Kritik an solchen Einsätzen immer auch zu berücksichtigt, denn ess ist keine Trivialität und kein Faktor, der einfach so beisseite zu schieben ist. Außer einem geht’s tatsächlich weniger um die Menschen als das Prinzip. Es ist im Grunde das Dilemma, das solchen vorhaben und Aktionen immer inhärent ist und man wird es nie sauber auflösen können. Auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, dass ausdrücklich „nur“ für Frauenrechte keine Streitmacht irgendwo einmarschieren würde – was dann auch wieder fast traurig ist.

Lesenswerte Beitrag eines russischen Journalisten über die Situation und den Umgang mit Afghanistan: https://www.dekoder.org/de/article/russland-afghanistan-krieg-taliban

Taliban im Kreis der Islamisten-Gruppen und hinsicthtlich der arabischen Welt: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/taliban-alkaida-is-101.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

-> drei hörenswerte Radiointerviews- insgesamt bringt der DLF die Tage wirklich gute Beiträge zum Theman – zu den aktuellen Entwicklungen:

-> ergänzend zum letzten Interview: https://www.aljazeera.com/news/2021/8/22/taliban-retakes-power-but-it-faces-mounting-challenges-ahead

-> Sehenswert auch diese drei Dokus über frühere Entwicklungen in Afghanistans im 19. Jh. schon und 1978 bis 1989,sowie der letzten und aktuellen Situation :

Über die Rolle der USA und möglichen Illusionen des Nation Building in Afghanistan:

Über Sinn und Unsinn von Auslandseinsätzen ingesamt: https://www.deutschlandfunk.de/diskussion-um-auslandseinsaetze-moegliche-lehren-aus-dem.2897.de.html?dram:article_id=501859

Die deutschen Soldaten in Afghanistan kommen zu Wort:

Terre Sauvage und die Geschlossenheit des Offenen

Eigentlich war die bis Ende August noch aktuelle Ausstellung „Magnetic North“ in der SCHIRN Frankfurt eine Art Begleitprogramm zur Frankfurter Buchmesse werden, dessen Gastland dieses Mal Kanada war. Wegen der bestehenden Situation fiel die Buchmesse aus und auch die Ausstellung legte man auf Eis. In jetzt etwas entspannterer Lage (vermeintlich, man weiß es nicht), entschloss man sich sie nun zu zeigen und verlängerte sie sogar. Zu meinem Glück, denn das gab mir die Gelegenheit sie zu besuchen.

Hier das sehr informative sog. Digitorial als Museumsgang für Daheim mit vielen Bildern (das Online-Angebot zur Ausstellung auf der SCHIRN-Seite ist insgesamt äußerst empfehlenswert): https://schirn.de/magneticnorth/digitorial/

Das Land Kanada, das Wort Kanada hat in mir seit jeher ganz bestimmte Assoziationen geweckt und das war schon als Kind so. Das hatte mit Büchern, Fernehsendungen und Filmen zu tun, die vor allem ein Bild dieses Landes vermittelten: weite, menschenleere Wildnis; unbeschädigt, ungebändigt und erhaben.

Dass dieses Bild vor allem eine Erfindung einer Gruppe von Malern war, habe ich durch die Ausstellung gelernt. Sie waren es, die dort ausgestell wurden. Sie nannten sich bzw. wurden The Group of Seven genannt und sind heute noch als diese bekannt. Die sieben Gründungsmitglieder waren Franklin Carmichael, Lawren Harris, Alexander Y. Jackson, Frank Johnston, Arthur Lismer, James E. MacDonald und Frederick Varley. Später schlossen sich noch Alfred J. Casson, Edwin Holgate und LeMoine Fitzgerald an. Ihr Programm war es sozusagen eine Kanadische Nationalkunst zu schaffen und das bedeutete für sie vor allem die Kanadische Landschaft als Sujet in den Vordergrund zu rücken. Sie wanderten, kanuten und zelteten in dne Wäldern, an den Flüssen, Seen und in den Bergen und malten dort ihre Bilder. Ihr Image ging auch mit Vorstellungen vom Menschen (oder Mann muss man vielfach wohl auch genauer sagen) als Einzelkämpfer in bzw. gegen die Natur. Der starke Abenteuerer, der den Elementen trotzt, die er aber stets auch mit leuchtenden Augen betrachtet.

Franklin Carmichael Autumn Hillside 1920

Im Umfeld dieser Geschichte ist nachträglch viel von Romantik die Rede, ich finde jedoch, dass das Programm hinter und auf der leinwand mit der Strömung des europäischen Romantik eher weniger gemein hat (sicherlich wird Romantik da auch vielfach als Allgemeinplatz verwandt). Als ich die Bilder zuerst sah, ohne viel über Hintergründe usw. gelesen zu haben, waren die ersten Impulse Postimpressionismus, Fauvismus, Expressionismus und Neue Sachlichkeit – diese Gemälde sind dezidiert vor dem Hintergrund solcher Strömungen entstanden und haben mit romantischen Gemälden der Frühmoderne wenig gemein.

Das Bemerkenswerte daran steckt schon im Anspruch Kanada vor allem über Landschaft/Wildnis zu verbildlichen, während das hauptsujet der oben genannten Strömungen vor allem die Stadt/das Städtische war.

Der Fokus auf der Natur mag beinah konservativ wirken, jedoch – und das ist wohl einer der Knackpunkte an diesem Bilderprogramm, der heute noch augenfälliger sein mag als damals – erscheinen die inneren Motive gleichzeitig sehr zeitig fast etwas veräußerlicht chauvinistisch und gleichzeitig innerlich regelrecht eskapistisch. Der letzte Punkt klingt romantisch, aber eines fehlt diesen Bildern und diesem Programm völlig und das macht sie für mich auch so ambivalent und unfassbar. Sie hat trotz aller Geistesleistung und Konstruktion im Grunde etwas Inhumanes.

Terre Sauvage von A.Y. Jackson

Die in den Bilder beschworene unberührte Wildnis, diese Terre Sauvage war natürlich keines Wegs unberührt und das gleich in zweierlei Hinsicht. Davon ab, dass die Maler in den gegenden Kanadas, die man getrost unberührt nennen konnte und selbst heute teilweise noch kann nie gewesen sind, waren die Gegenden in denen sie ihr Pioniergeist- und Abenteurertum (man kommt nicht umhin an das US-amerikanische Frontierkonzept zu denken) auslebten schon seit tausedenden Jahren von Indigenen erkundet, genutzt und besiedelt. Es spricht einmal mehr für die Egozentrik dr Europäer, dass sie nicht nur die Indigenen in ihren Ansichten quasi ausblendeten, sondern dass das Konzept von Unberührtheit sich am Maß des Eingriffes maß, dass sie als Eingriff verstanden. Dies ist auch der zweite Aspekt der der vermeintlichen Unberührtheit, nämlich, dass die Kanadischen Wälder ind er Zeit der Group of Seven längt in die Industrialisierung einverleibt waren, insbesondere der Holzindustrie.

Der Untertitel der Ausstellung lautet nicht umsonst ‚Mythos Kanada‘ und die Einführung im Ausstellungskatalog spricht nicht zufällig vom ‚Wille zur Wildnis‘; Beschwörung allerorten. Nun ist dieser Blick auf Natur, der immer auch Projektion ist ja nicht neu, er ist zur Zeit sogar wieder sehr ‚in‘ und auf einer persönlichhen Ebene finde ich das sogar sehr nachvollziehbar und will mich selbst von solchen Anwandlungen überhaupt nicht freisprechen. Problematisch wird es dort, wo, wie hier, ein allgemeingültiges Bild erschaffen wird, dass man zur- nun ja – zweiten Realität macht und das hier sogar noch leicht nationalistische Züge trägt.

Das Basteln am Mythos wird da besonders interessant, wo sich dieser Mythos eben über jene Mythen schiebt, die ebenfalls schon dort waren, die der Indigenen. In der Ausstellung werden ältere ethnologische Filmaufnahmen gezeigt, die teilweise gestellt sind. Sie lavieren zwischen wahlweise ausgestellter und romantisierter ‚Primitivität‘ der indigenen Darsteller. Es ist vielleicht kein Zufalls, dass die einzigen Bilder in denen Spuren der First Nations auftauchen von einer Frau, Emily Carr, stammen,die zum erweiterten Kreis der Group of Seven gehörte. Das Imaginäre der Landschaft wird bei ihr auch viel deutlicher artikuliert, während die anderen Gemälde trotz des Anspruchs auf Abbildung teilweise etwas Bühnenhaftes haben. Das Bühnenhafte wird regelrecht zum Sakralen/Transzendentalen in den fast schon irgendwie präkubistischen Eisberg-Landschaften von Lawren Harris. Das vermeintliche Urwüchsige wird abstrahiert. Die Überlagerung der Mythen in dem ein Ort zur Bühne wird, der eigentlich gar nicht leer war, zeigt sich z.B. an dem Film „How a People Live“ von Lisa Jackson und Colleen Hemphill , der in der Ausstellung zu sehen war. Er begleitet eine Gruppe älterer und jüngerer Indigener, die an den Ort reisen von dem sie und ihre Vorfahren in den 60ern zwangsumgesiedelt wurden. Die Perfidie dieser Umsiedlung liegt nicht nur darin, dass es (außer um es der Verwaltung einfacher zu machen) keinen echten Grund dafür gab, dass man die Kinder dann über Jahre in die berüchtigten ‚Indiean Residentila Schools‘ schickte (ich werde auf das Thema nicht weiter eingehen, das kann man nachlesen; das „bessere Amerika“ hat buchstäblich noch viele Leichen im Keller), sondern auch darin, dass er Ort in den die Menschen umgesiedelt wurden vermüllt und viel zu klein für die Anzahl der Leute war – aus diesen Verhältnissen heraus enstand der Roman „How a people die“ von Alan Fry, der diese Verhälttnisse das erste Mal an die Öffentlichkeit brachte.

Als die Gruppe an den Ort der alten Siedlung zurückkehrt, kann man in den Augen der Alten die Rührung und die Emotionen sehen, die dieserBesuch hervorruft, der über das übliche Heimatgefühl hinausgeht. Spannend sind auch die Reaktionen der (Ur)Enkel, die selbst nie an diesem Ort gelebt haben, auch mit ihnen geschieht etwas. Es ist der Ort der Geschichten ihrer Eltern und Großeltern und genauso der Ort der Mythen ihrer Herkunft als Menschen. Diese herkunft ist bei den Indigenen ganz plastisch mit diesem Land verbunden, dass Europäer leer räumten um ihr Mythentheater drauf zu spielen. Und – um einmal im Bild zu bleiben – man kann sich richtig vorstellen wie jemand mit dem Kanu auf Abenteuertour an diesem Ort vorüberfährt und sich denkt, was das für eine schöne, unberührte Natur ist, wo aber vor 60 Jahren und hunderte Jahre davor eine florierende Siedlung bestand.

Nun muss man sagen, dass nicht nur die Indigenen in den Gemälden nicht vorkommen, sondern das für Menschen im Allgemeinen gilt. Fast alle Gemälde sind menschenleer. Selbst da, wo sich die Sieben ans Thema der Industrie und der menshclichen Siedlung wagten, denn auch diese Bilder gibt es, finden sich auf ihnen fast nie Menschen. Die Sägewerke und Minen stehen für sich – auch wieder äußerst bühnenhaft – und verraten weder etwas über ihre Eingriffe in jene Natur, die in den anderen Bildern so üppig dargestellt wird, noch über die Arbeitsbedingungen der Menschen an diesen Orten. Dass nicht jede Kunst ein sozialer Kommentar sein muss ja, aber eine Industrie ohne Menschen ist nicht nur scheinheilig, sie ist völlig inkonsequent – darin erinnern diese Bilder auch an einige Industrieftografien der20/30er Jahre.

Es sei gesagt, und das ist sicher der Verdienst dieser Ausstellung, dass trotz dieser Kritik bzw. dieser Einwürfe die Bilder der Group of Seven nichts von ihrer Schönheit und Faszination einbüßen. Die Kontextualisierung schmälert für mich nicht deren Genuss. J.E.H. MacDonalds Montreal River Falls, A.J. Crassons Credit Forks oder A.Y. Jacksons Polarlichter, genauso wie die schnellen, schreiend wilden Ölskizzen von Tom Thomson sind immer noch und weiterhin grandios anzusehen.

Und es ist nicht nur Tom Thomsons (der genau genommen nicht direkt zur Gruppe gehörte, sondern bisschen eine Art Vorläufer war auch als Personifizierung des Abenteuerkünstlers) Schicksal – er ertrank bei einem Kanuausflug – erinnerte mich die ganze Ausstellu an ein Buch, dass ich vor Jahren einmal gelesen habe; „The Golden Spruce“ von John Vaillant.

Arthur Lismer Isles of Spruce 1922

Dass Buch beschäftigt sich mit einem Fall aus Kanada bei dem der ehemalige Holzfäller Grant Hadwin 1997 einen berühmten riesigen über 300 Jahre alten Mammutbaum mit goldenen Nadeln in British Columbia als eine Art Protest gegen die zerstörerische Holzindustrie Kanadas in einer Nacht-und-Nebel-Aktion fällte und dann mit dem Kanu floh. Man hat ihn bis heute nicht gefunden, vermutet aber, dass er bei der Flucht mit dem Kanu verunglückte und starb. Abgesehen von diesem Fall, der sehr ambivalent betrachtet wurde (manche Leute hielten Hadwin für geistig gestört) und all der beschriebenen Gier der Holzindustrie, deren historische Entwicklung in Kanada da gut beschrieben wird, sowie der Tatsache, dass diese goldene Fichte ein Heiligtum des dort ansässigen indigenen Stammes der Haida Gwaii war, aber gleichzeitig eine Touristenattraktion, die auf dem Land der größten Holzkonzerns Kanadas (vielleicht auch der Welt) Macmillan Bloedel stand (da steckt so viel Widersprüchliches drin, auch das hat Hadwin wohl so empfunden), ist das Wunderbare an dem Buch, wie der Autor die Natur des Pacific Wests, insbesondere der Queeen Charlotte Islands/Haida Gwaii beschreibt, wirklich großartig, die Natur selbst und die Worte hat er auf jeden Fall auch dafür; er Regenwald, die Geisterbären, die Tide, die ganze Hecate Strait. Aber es ist auch erschreckend, wie die Holzindustrie das alles zerstört und auch wie die Indigenen selbst durch das Erscheinen der Europäer und ihrer Handelsinteressen quasi dazu getrieben wurden die berühmten Seeotter wegen ihres Pelzes fast auszurotten. Dieses Doppelgesicht Kanadas spiegelt sich in dieser Ausstellung wieder und es erstaunte mich eigentlich fast, dass der Fall so gar nicht erwähnt wurde.

Mein Frankfurter Aufenthalt führte mich schließlich auch in den Zoo. Und so wie keine Menschen in den Bildern der Group of Seven auftauchen, so tun es auch keinerlei Tiere.

Da der Zoo gut besucht war, kam ich nicht umhin einige Gespräche und Kommentare zu überhören. Mal davon ab, dass es stellenweise fast etwas gruselig wurde bei dem, was Eltern da ihren Kindern so über Tiere erzählen , war es eine Sache, die mich ganz besonders geärgert hat, war die fehlende Demut den Tieren (zoo hin oder her) gegenüber den Tieren. Es scheint nämlich eine Art Anspruchshaltung mancher Erwachsener hinsichtlich des Zoobesuchs zu geben; nach dem Motto: Wenn ich dafür bezahle, will ich die Tiere auch sehen, die müssen sich zeigen!…Nein, das müssen sie ganz bestimmt nicht, wir sind nicht im Zirkus. Es mag enttäuschend sein, wenn man manche Tiere nicht zu Gesicht bekommt, aber das ist eben so. Es handelt sich um Tiere, die man leidlich artgerecht und semi-natürlich halten will, dazu gehört auch die Unverfügbarkeit für Blicke.

„Warum sehen wir Tiere an?“, so fragt ein sehr lesenswerter Essay von John Berger und man kann sich weiter fragen, warum diese Menschen, die Bergers Essays ganz sicher nicht gelesen haben, Tiere sehen wollen und wenn das geschieht, sehen sie sie oder sehen sie sie tatsächlich an? Worin genau liegt eigentlich der Unterschied? Wenn man davon ausgeht, dass das Ansehen bedeutet, dass ‚mehr‘ passiert als ein optischer Reiz, was ist dann dieses ‚mehr‚ und kann man ebenso sagen, dass die Tiere die Menschen ansehen?

Ich war immer ein Zoo-Kind. Ich habe Zoos geliebt. Dass Lesen von Bergers Essay hat mein Gefühl für den Zoo und meinen Blick den Tieren gegenüber tatsächlich verändert bzw. ich kann das Gelesene nicht mehr ungelesen mache seitdem und es kehrt bei jedem Zoobesuch wieder in meinen Geist zurück. Berger schreibt:

Der Zoo kann nur enttäuschen. Der öffentliche Zweck eines Zoos besteht darin, den Besuchern die Möglichkeit zu geben, Tiere anzusehen. Doch nirgends im Zoo kann ein Fremder dem Blick des Tieres begegnen. Der Blick des Tieres flackert höchstens und wendet sich dann anderem zu. Die Tiere blicken aus den Augenwinkeln heraus. Sie sehen blind in die Ferne. Sie suchen alles mechanisch ab. Sie sind Begegnungen gegenüber immunisiert, da nichts mehr im
Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen kann.
Das ist die letzte Konsequenz ihrer Verdrängung. Dieser Blick zwischen Tier und Mensch, der vielleicht eine wesentliche Rolle in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gespielt hat und mit dem auf jeden Fall alle Menschen noch bis vor weniger als einem Jahrhundert gelebt haben, wurde ausgelöscht. Auch wenn der
Zoobesucher jedes einzelne Tier ansieht, ist er, wenn er ohne Begleitung kommt, immer allein.

Für Berger ist das Tier selbst bereits die erste Metapher für das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, weil ihre Beziehung eine Metaphorische ist. Die Begegnung von tierischem und menschlichem Blick konstituiert erst Differenz und Gemeinsamkeit. Doch erscheint selbst das beim Sehen im Sinne der Leute, die ich oben erwähnte, bereits gar nicht mehr der Fall zu sein. Das andere Lebewesen ist eine Staffage.

KLEINER EXKURS

Wenn man vom Tier als Metapher spricht, fällt mir immer auch Brehm's Tierleben ein. Ich war die Tage bei der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf, dort, wo die beiden lebten; die alte Pfarre und das neuere Wohnhaus...ein Affenstall mit mehr als einem Vogel sozusagen. Die Ausstellung ist  gut gemacht; wohlwollend und trotzdem kritisch. Mir persönlich ist der alte Vogelpastor ja sympathischer, weil er den Tieren gegenüber trotzallem gütiger und demütiger war. Die Schießwut und so manch pejoratives Tierportraits des Jüngeren stoßen mir dagegen immer auf. Es gibt übrigens eine interessante Schilderung des Berliner Aquariums, das Alfred Brehm ja geplant hat von Huysmans.
In zwei Sälchen wurden Filme gezeigt. Zum einen einen wunderschönen aus der Spira-Reihe Alltagsgeschichten aus Wien, das Zeit- und Milieucolorit allein schon, von 1992 wirkt aber wie in den 70ern oder so...Leute und ihre Vögel; u.a. eine alte Dame, die jeden Tag die Arrondisement-Tauben mit 15kg Vogelfutter beglückt und jeden Tag ihre 3 toten Wellensittiche auf dem Friedhof besucht, sie meinte, außer Vögeln und ihrer Arbeit habe sie nie was geliebt im Leben. Ein Altersheim mit Vögeln wird auch besucht, traurig. Hier anzusehen:

https://www.youtube.com/watch?v=Uy6Ho_7sWfg


Die andere waren Kunstfilme. 
> "Unboxing Eden" über Leute, die im Internet oder sonstwo bestellte exotische Schlangen aus Kartons holen und wie sie die später riesigen Würgeschlangen in ihren kleinen Wohnungen herumwuchten, ob als Trophäe oder weil das Tier durch die schiere Größe zur Last geworden ist...die Last trägt am Ende am meisten das Tier...Dass das alles (und noch mehr; Tiger, Menschenaffen etc.) in den USA möglich ist, ist ein echtes Trauerspiel: https://vimeo.com/110342653

> "Two Homes" ist ne Parallelinstation mit einem Hauspapagei, der Kunststückchen macht und mit Frauchen schmust, und dem sich nicht verändernden Blick auf eine Hühnermastanlage von außen. 

> Und "Das Manteltier", da hat man aus Pelzmänteln und etwas Robotik Pseudotiere gebastelt und in einen Käfig gesetzt, der Brüller sind die Kommentare der Besucher, die mitgeschnitten wurden, erinnerte mich an die Doofheiten im Frankfurter Zoo neulich. Überhaupt, dass die tatsächlich jemand für echte Tiere hielt...: https://werkleitz.de/das-manteltier/
Texte aus der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf

Berger erwähnt, dass die Präsenz von Tieren in den Medien; ob als Comics, Plüschfiguren, künstlerische Darstellungen und beliebig codierbare Werbeträger zwar ungebrochen ist. Dem kann man entgegen setzen, dass ein Bild noch keine Begegnung und noch keine Nähe ist, es ist im Grunde sogar die Verfestigung der realen Ferne zum realen anderen Lebewesen. Nach was also sucht der Mensch, wenn er Tiere im Zoo ansieht? Berger antwortet so:

Die Augen eines Tieres sind, wenn sie einen Menschen betrachten, aufmerksam und wach. Das gleiche Tier wird wahrscheinlich andere Tiere auf die gleiche Weise ansehen. Für den Menschen ist kein besonderer Blick reserviert. Doch keine andere Gattung als die des Menschen wird den Blick des Tieres als vertraut empfinden. Andere Tiere nimmt der Blick gefangen. Der Mensch jedoch wird sich, indem er den Blick erwidert, seiner selbst bewusst. […] Auf Grund dieser Parallelität bieten die Tiere dem Menschen eine Gesellschaft an, die sich gänzlich von der menschlichen unterscheidet. Sie ist deshalb anders, weil sie der Einsamkeit des Menschen als Gattung angeboten wird.

Es wäre also gerade die Nicht-Erwiderung des menschlichen Blicks, der uns in diesen Momenten das Menschsein besonders bewusst macht, die ulitmative Differenz als Selbstgewissheit.

Ich erinnere mich an mein letztes Zooerlebnis in Nürnberg, an zwei Begegnungen (ist das Wort bereits eine Übertreibung?) eine mit einem Bartkauz und eine mit einem Mähnenwolf. Bezeichnenderweise war der Zoo bereits sehr leer, d.h. es waren wenig andere Menschen unterwegs. Mit dem Bartkauz focht ich (jedenfalls meinem Empfinden nach) ein Starrduell aus in Folge dessen sein Gesicht für mich fast menschlich wurde. Der Blick und die Kopfrotation folgten mir solange es möglich war und wahrscheinlich solange es etwas zu observieren gab Die Begegnung mit dem Mähnenwolf fällt unter die Kategorie unheimlich. Ich lief durch eine Untertunnelung, die in den Raubtierbereich führt und die direkt am Gehege des Mähnenwolfes rauskam. In dem Moment, wo ich um die Ecke ins Licht trat, stand er bereits da, dicht am Zaun genau im totel Winkel zwischen Tunnel und Gehege, und starrte mich an, wartete auf mich. Innerlich zuckte ich zusammen, eins war klar, er hatte mich lange bemerkt bevor ich ihm auch nur Gewahr wurde. In dem Moment in dem ich den Blick direkt erwiderte, schien er das Interesse verloren zu haben. Schon meiner Beschreibung ist anzumerken (und das wurde mir auch jetzt beim Schreiben bewusst) wie ich das methaphoriere. Hätten diese Tiere andere Menschen oder Tiere zumindest ähnlicher Größe (wobei der Mähnenwolf mich zuerst ja nicht gesehen hat) genauso angesehen, genauso auf sie reagiert? Wahrscheinlich schon, auch wenn ein kleiner Teil von mir das gerne anders glauben möchte: Dass sie mich ansahen, mich bemerkten, sich für mich interessierten, nicht als Gattungswesen, sondern als das Indiviuum, dass ich bin. Dass sie bald wegsahen unterläuft diesen Gedanken erneut und es wächst das Bewusstsein, dass das wahrscheinlich ein völlig anthropotentrischer Gedanke (und Wunsch) ist. So steckt im Moment der persönlichsten Anerkennungsphantasie die scheinbare Überlegenheit, die so traurig macht. Denn was wäre diese Überlegenheit? Bewusstsein? Und was ist, wenn dem gleichzeitig eine Sehnsucht innewohnt, Sehnsucht nach dem, was für Rilke die Eigenschaft des Tieres schlechthin war und das der Mensch nicht mehr oder nie besaß: Der Blick ins ‚Offene‘.

Da der Mensch in dieses ‚Offene‘ nicht blicken kann, muss er es schließen, aber indem er sich davon ausschließt – das ist kein bewusster Akt, er kann gar nicht anders. Das Höchste ist vielleicht ein paar Sekunden auszuhalten, zumindest hineinblicken zu wollen oder des Spaltes gewahr zu sein, der besteht.

Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene. Nur unsre Augen sind wie umgekehrt […] das Offene, das im Tiergesicht so tief ist„, schreibt Rilke in der Achten seiner Duineser Elegien, und „…daß ein Tier, ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch„. Und in derselben Elegie wird klar dargelegt, dass ‚Welt‘ etwas stets Verstellendes und Verstelltes, sowie Mittelbares ist: „[…] Immer ist es Welt /Und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine, Unüberwachte…“ Dagegen ist ‚Natur‘ eine sog. Wirklichkeit und Tiere sind ein Teil dieser Wirklichkeit: „gleich dahinter ists wirklich […] Hunde haben Natur.“ (X, V. 38ff). Der Mensch erscheint von der Natur getrennt, was außerdem der einzige weitere Vers versinnbildlicht in dem Rilke das Wort ‚Natur‘ direkt verwendet: „die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur in sich zurück.“ (I, V. 43f). Vom besonderen Status des Menschseins der Liebenden abgesehen, impliziert ein Zurückkehren in die Natur eine vorherige Trennung mit ein. Rilke bringt demnach zum Ausdruck, dass der Mensch im Gegensatz zu den Tieren in seiner grundständischen Daseinsform von der ihn umgebenen Natur getrennt oder entfremdet ist.

Blickt man auf die Entstehungszeit der Elegien, als Konvolut entstanden sie mit längeren Unterbrechungen zwischen 1912 und 1922, fällt unter historischem Gesichtspunkten sofort die Zugehörigkeit des Werkes in die sog. Moderne auf, die in der historischen Forschung jeglicher Richtung (Literatur, Kunst, Wirtschaft etc.) als eine Epoche des Umbruchs, radikaler Veränderungen und der Reflexivität mit daraus resultierenden Verunsicherungen, Ängsten und Orientierungslosigkeit gilt, die immensen Einfluss auf das Leben der Menschen hatten (und immer noch haben).

 „Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß.“

Diese Feststellung stammt von Max Scheler, einem der Begründer der Philosophischen Anthropologie, eine Denkrichtung, die sich u.a. in Reaktion auf die angesprochene in der Moderne massiv auftauchende Problematik, innerhalb der Philosophie und dem philosophischen Ansatz der Anthropologie entwickelte. Denn in Rilkes Elegien als Werk der Moderne finden sich neben Vorentsprechungen von Heideggers Existenzphilosophie und Eigentlichkeit, bereits diverse der Epoche Moderne zugeschriebene Figuren, Symbole und Auffassungen auf, die sich das Denkgebäude des philosophisch-anthropologischen Ansatzes später beziehen wird. Wie Laermann sehr nachvollziehbar davon ausgeht, dass Rilkes Dichtung ohne das Gefühl von Orientierungslosigkeit und einem „fortdauernden Ausfall des Weltvertrauens“ kaum möglich gewesen wäre, so stellen Fülleborn/Engel in ihrem Kommentar zu den Elegien heraus, dass die lyrische Verarbeitung persönlich entwickelter Grundzüge menschlicher Existenz bei Rilke in langer Tradition anthropologischer Sichtweisen steht, indem sie Menschliches im Gegensatz zum Nicht-Menschlichen vor allem als Gegen- und Grenzbilder darstellt. Hier kommt das Schauen in das angesprochene ‚Offene‘ erneut ins Spiel. Rilke selbst erläutert in einem Brief seine Intentionen (womit ‚das Offene‘ als eine unverstellte, nicht reflexive, konstruierte Sicht auf die Umwelt interpretiert werden, die den Tieren eigentümlich ist):

[…] den Begriff des „Offenen“, den ich in den Elegien vorzuschlagen versucht habe, so auffassen, daß der Bewußtseinsgrad des Tieres es in die Welt einsetzt, ohne daß es sie sich (wie wir es tun) jeden Moment gegenüber stellt; das Tier ist in der Welt; wir stehen vor ihr durch die eigentümliche Wendung und Steigerung, die unser Bewusstsein genommen hat… Mit dem „Offenen“ ist also nicht Himmel, Luft und Raum gemeint…

Rilke an Lev P. Struve  25.2.1926

Es war denn auch einer dieser Zufälle, dass ich nach dem Zoobesuch in der Bahnhofsbuchhandlung in der ich mich herumtrieb während ich auf meinen Zug wartete ein Buch fand: „Der Blick der Tiere“ von Jean-Christophe Bailly.

Erstaunlicherweise erwähnt Bailly John Berger mit keinem einzigen Wort, aber arbeitet sich an Rilkes Elegien ab. Und an Heidegger.

Heidegger (dessen Existenzphilosophie in der Rilke-Rezeption sehr häufig als Folie verwendet wurde) kehrt dieses Verhältnis mit Bezug auf den Rilke’schen Begriff, den er ‚Unverborgenheit‘ nennt und etwas gänzlich anderes damit meint als Rilke, um. Bei ihm kann nur der Mensch ‚das Offene‘ sehen, während das Tier (ganz im Uexkülls’schen Sinne) lediglich auf seine Umwelt und seinen Körper reagiert, nie aber auf sich selbst, da es sich seiner Selbst gar nicht bewusst ist, dieses ‚Selbst-Sein‘ und ‚Bewusstsein des Seins‘ aber für Heidegger eine der wichtigsten Komponente für die ‚Unverborgenheit‘ ist. Davon ausgehend stellt Heidegger in seiner Vorlesung über die Grundbegriffe der Metaphysik die Thesen auf:

„Das Tier ist weltarm […] der Mensch ist weltbildend.“

Demnach besitzt das Tier keine Welt, was eine Unterfütterung der Überlegung wäre, ‚Welt‘ sei eine explizit menschliche, vor allem tätig-kreierende Kategorie, da eine Konstruktion bzw. Bildung impliziert wird. Würde ‚Welt‘ als streng materiell-kultureller Bereich angesehen werden, fänden sich in Rilkes Elegien durchaus entsprechende Verse wie: „Säulen, Pylone, der Sphinx, das strebende Stemmen / grau aus vergehender Stadt oder aus fremder, des Doms // War es nicht Wunder?“(VII, V. 73ff), die menschliche Errungenschaften aufzählen und rühmen, doch muss der Begriff Konstruktion weiter gefasst werden, nämlich in Bezug auf die bereits angesprochene Ebene einer Deutung der umgebenden Dinge und vor allem auf das Menschsein und des individuellen ‚Selbst-Sein‘ besonders auf der Ebene von Sprachlichkeit.

Schon die Stummheit der Tiere ist ja genau genommen eine sehr anthropozentrische Vorstellung. Stumm sind Tiere natürlich nicht, sie haben nur keine Sprache im engeren Sinne, miteinander kommunizieren sie ja durchaus. Dieser Aspekt, den Bailly ebenfalls anführt, mag auch ein Grund sein, warum der Blick der Tiere fasziniert und gleichzeitig unruhig machen kann, keine Sprache erklärt ihn, das Geheimnis kann nicht artikuliert werden, das Andere kann nicht verkluasuliert und damit angeignet werden, es bleibt fremd und eben offen. Bailly formuliert das so und geht damit darüber hinaus:

Unterhalb aller Sprache, aller Modulation, aller Aussage bleiben das Schweigen und die Schreie der Tiere, beide Effekte ihrer vielbeschworenen Abwesenheit in der Sprache, als das eindringliche und immer wiederholte Zeichen dafür, dass sie vor uns da waren…Diese Präzedenz, diese Altehrwürdigkeit, diese Aura, vorher dagewesen zu sein, die haben sie alle, und das sieht man auch, wenn man sieht, wie sie uns anblicken, oder wenn man sie einfach untereinander sieht, in ihren Gebieten. Auch wenn sie gegenüber dieser Präzedenz auf die Zerstörung jeglicher Achtung hinausläuft, die hier normalerweise angebracht wäre, erkennt die prätentiöse Ideologie des Menschen als Krone der Schöpfung – ob a priori wie in der christlichen Hypothese oder als letzte und höchste genealogische Entwicklung wie in der wissenschaftlich-humanistischen Beschreibung – dieses höhere Alter zumindest implizit an. Angemessener wäre es allerdings, herauszutreten aus dem Schatten solcher Hierarchisierung, wie sie sich hinter der Chronik der Altersbestimmungen abzeichnet…Man muss jedes Tier, dem man begegnet, als das jüngste Kind, den jüngsten Sprössling einer Genealogie sehen, die zwar nicht unendlich ist, aber extrem lang, und wie ein einziger Faden durchs aufgedröselte Knäuel des Lebendigen führt…

Jenseits aller Fantasmen biologischer Empathie (dem Pathos des Lebendigen, der Feier des Lebens als Wert an sich) baut sich hier eine endlose Verwandtschaft auf, die von der Verschiedeneit aller Einzelexistenzen vorangetrieben wird.

Mich erinnerte gerade der letzte Absatz an eine Szene aus der wundberbaren Kanacek-Oper „Das schlaue Füchslein“ (sie sei hier wie jegliches Janacek-Werk ausdrücklich empfohlen). Zu Beginn der Geschichte trifft der Förster hier auf einen Frosch und gegen Ende als ein Jahr vergangen ist, trifft er erneut einen Frosch, der ihm mitteilt, dass er der Enkel des früheren Frosches ist; der eine erinnert sich, der andere hat Geschichten des Älteren gehört. Ich finde, es hat etwas Tröstliches, sicher auch Melancholisches. Das ganze Ende der Oper mit dem Monolog des Försters klingt ja auf eine gewisse Weise so unaufgeregt aus, dass die Oper eigentlich gleich wieder von Neuem beginnen könnte, das Ende ist hier kein Aufhören, kein abruptes Ausbleiben, es ist ein Übergang ins nächste, das Rad des Lebens eben. Und wenn das Fröschlein dann meint, der Opa hätte ihm vom Förster erzählt, ist das für mich nicht nur ein Symbol vom Weiterströmen des Lebens, sondern auch vom Weiterströmen der Erinnerung, nicht nur die des Großvater-Froschs, sondern auch die an den Großvater-Frosch selber. Das hat etwas Trauriges, weil Erinnerungen stets der Hauch des Vergangenen umweht, aber es ist eine schöne, liebevolle Traurigkeit.

Jedenfalls machen Heideggers Thesen jedoch eine Hierarchierung des Seinsbezug auf und auch, wenn er an einigen Stellen einer Wertung mit Verweis auf einen möglichen Reichtum ‚reinen‘ Lebens widerspricht, bleibt der Gedanke, die Weltarmut der Tiere sei ein Defizit gegenüber dem Weltbildenden des Menschen, da Heidegger die Stufung als Stufen hin zur Vollkommenheit versteht, der menschliche Seinsbezug also höherwertig gesehen wird. Dies ist dem Denken Rilkes in den Elegien völlig entgegen gesetzt, viel eher kann von einer Sehnsucht nach dem Seins-Zuständen und der damit verbundenen Möglichkeit des Schauens ins Offene gesprochen werden, wobei weder eine Wertung beider Zustände vorgenommen wird, und ausdrücklich festgestellt werden soll, dass Rilke nie wie Heidegger behauptet eine Vermenschlichung der Tiere oder Vertierung des Menschen herbeiwünscht, viel eher sind die gesamten Elegien durchzogen von dem Versuch, das nun mal so Gegebene und nicht mehr umkehrbare Menschsein mit dem Sein des Tieres so zu verbinden, dass das Konflikthafte im Menschlichen, auf das noch näher eingegangen wird, überwunden werden könnte. In diesem Sinne haben die Elegien beinah ein utopisches Moment.

Die so oft auf die Duineser Elegien angewandte Philosophie Heideggers ist demnach nicht nur, weil sie als Rekurs viel zu häufig als Erklärungsvehikel fungiert und auf dogmatisch-deduktive Weise von der Philosophie auf die Dichtung schließt, obwohl die Schlüsse bei Heidegger stark von dem abweichen, was Rilke lyrisch vorstellt, problematisch. Sondern ebenso, weil Heideggers Verständnis von Dichtung in genau die Richtung läuft, sie als ein dem philosophischen Denken stark verwandten Ausdruck zu verstehen und damit a priori eine weltanschauliche Botschaft anzunehmen und womöglich als Dogma lediglich deren Entsprechung in den Elegien aufzuzeigen, was nicht nur Rilke in die Rolle einer Art „lyrisierten“ Heideggers stellt, sondern auch seinen poetologischen Ausdruck, die sprachlichen Mittel und die Form, die Werkzeug als auch Gegenstand der Dichtung sind, völlig außer Acht lässt. Im gleichen Zuge muss auch Derridas Abhandlung „Vom Geist: Heidegger und die Frage“, der Heideggers Rilke-Exegese dekonstruiert und dabei auch Rilkes vermeintliche Definitionen gleich mit, betrachtet werden. Doch Rilke ist Dichter, seine Texte sind zuallererst Lyrik und haben als solche nie den Anspruch erhoben Definitionen zu liefern.

Viel eher im Rilke’schen Sinne einer Stufung kann Helmuth Plessner gelesen werden. Er geht in „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ zwar auch von einem unterschiedlichen Seinsbezug von Tier und Mensch aus, ohne jedoch eine normative Wertung dieser Zustände abzugeben. Das Tier lebt in „zentrischer“ Organisationsform: es agiert aus der eigenen Mitte heraus in ein Umfeld hinein, es ‚merkt‘ das Umfeld und das Agieren, aber es kann das ‚Merken‘ nicht erfassen. Der Mensch lebt in ‚exzentrischer‘ Organisationsform: er agiert aus der eigenen Mitte heraus in ein Umfeld hinein, er gewahrt dieses Agieren und er kann das Gewahren erfassen. Dies gibt ihm die Möglichkeit, sich als Zentrum des Handelns zu erleben und ein ‚Ich‘ auszubilden. Bei Plessner unterscheidet sich also der Mensch zwar ebenso wie bei Heidegger vor allem dadurch von den Tieren, dass er sich zu sich selbst verhalten kann und sich seiner selbst bewusst ist, doch da er das Menschsein an drei Bedingungen festmacht, die positional eine Person und damit den Menschen ausmachen: „das Lebendige ist Körper, im Körper […] und außer dem Körper als Blickpunkt, von dem es beides ist “, stellt er den Mensch als eine Form des Tieres dar. Dem Tier fehlt das Außersichsein, welches aus einem Tier einen Menschen macht. Diese Überlegung ist in der Nähe dessen, was Rilke als Umkehrung des Menschen in der Kindheit verarbeitet. Aus dem auch dem Menschen ursprünglich gegebenen Zustand des ‚ins Offene‘ schauen, wird durch Deutung der Welt bei Plessner eine „frontale Gestelltheit gegen das Umfeld“ und dieses Bewusstsein der eigenen Grenzen ermöglicht für ihn gleichzeitig die Entgrenzung von Orts- und Zeitgebundenheit. Aus diesem Grund steht der Mensch nicht mehr im von Plessner sog. ‚Hier-Jetzt‘.

Bei Rilke, „…Nur unsere Augen sind / wie umgekehrt“(VIII, V. 2f), „Der Schöpfung immer zugewendet“(VIII, V. 29), ist diese ‚Gegengestelltheit‘ ein bloßes Zusehen: „Und wir: Zuschauer, immer überall, / dem allen zugewandt und nie hinaus ein!“ (VIII, V. 66f). Statt In der Schöpfung zu sein und von dort ins ‚Offene‘ zu sehen, ist es beim Menschen immer ein ‚Draufsehen‘. Das Bewusstsein einer Abgrenzung, „…Aber Lebendige machen / alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden…“(I, V. 80f), lässt den Menschen nicht aus seiner Mitte heraus agieren, weil er nicht zentrisch wie das Tier lebt. Es lebt aus seiner Mitte heraus, ist sich dieser Mitte an sich jedoch nicht bewusst. Es ist ein in sich geschlossenes, womöglich nach Rilke gehend deshalb fähig in ‚das Offene‘ zu sehen, während der Mensch durch sein Außersichsein Distanz zur eigenen Mitte haben kann. Die Entgrenzung ist im Gegensatz zu Plessners späterer Auffassung bei Rilke jedoch keine Möglichkeit ort- und zeitlos zu sein, sondern gerade aufgrund dieser exzentrischen Positionalität nie von einer Ort- und Zeitgebundenheit loszukommen, „Immer ist es Welt / und niemals Nirgends ohne Nicht“(VIII, V. 16f), während das Tier nicht raum-zeitlich gebunden ist:

„…sein Sein ist ihm

unendlich, ungefaßt und ohne blick

auf seinen Zustand, rein, so wie sein Augenblick.

Und wo wir Zukunft sehn, dort sieht es Alles

Und sich in Allem…“

(VIII, V. 38-42)

Das Tier kennzeichnet das ‚Hier-Jetzt‘-Sein ohne dessen Gegenwärtigkeit: Das Tier-Sein als schieres Leben an sich, aber auch als Positionalität aus dem eigenen Verhalten heraus, ein Tier verhält sich, aber handelt nicht, es ist sozusagen einfach, einfach da. Der Begriff des positiv erlebten und damit ersehnten „Hierseins“ im Verbund mit dem „Dasein“ ist bei Rilke jedoch eben durch die angesprochene Ort- und Zeitlosigkeit des Tieres jener Zustand, der dem Menschen nicht, oder wenn nur in gewissen kurzen Augenblicken, gegeben ist:

„Hiersein ist herrlich

[…]

Denn eine Stunde war jeder, vielleicht nicht

ganz eine Stunde, ein mit den Maßen der Zeit kaum

Meßliches zwischen zwei Weilen-, das sie ein Dasein

hatte. Alles. Die Adern voll Dasein.“

(VIII, V. 39-45)

Was ist nun aber das Besondere und Andersartige, mit Rilke als negativ wahrgenommen, am Außersichsein des Menschen, dass es ihm laut Rilke verwehrt ort- und zeitlos und somit lediglich da zu sein?

In einem Brief, nach der Fertigstellung der Duineser Elegien, beschreibt Rilke die Schwierigkeiten des Schreibens, die sich über die lange Zeit mehrerer Jahre hinzog, als Gefühlszustände ähnlich dem eines „aufgerissenen Spalts“ unter dem sich mit der Beendigung der Texte eine verborgene Tiefe auftat, die sein zerspaltenes Gemüt wiederherstellte und fährt fort mit der Vermutung, dass diese Ereignisse über ein rein privates Erleben hinaus gehen:

„…denn es ist damit ein Maß gegeben für die unerschöpfliche Schichtung unserer Natur, und wie viele […] sich zerrissen glauben“

Rilke

Hierbei macht Rilke sowohl darauf aufmerksam, dass eine gefühlte Zerrissenheit im Menschen auch eine Form der Deutung (‚glauben‘) sein kann, die überwindbar ist, aber mehr noch, sowohl Spaltung und darunter liegende Tiefen, in der Natur des Menschen, somit anthropologische Konstanten, sein könnten. Was bei Plessner Gestelltheit gegen das eigene Sein ist und bei Rilke das Gegenüber dem ‚Offenen‘ ist das dualistische Lebensgefühl des Menschen, das denkende ,Ich‘, welches sich autonom macht vom bloßen körperlichen, reagierenden Seins und damit erst in der Lage oder wahlweise dazu verurteilt ist die Welt und sich selbst zu erklären und damit zu deuten, was einschließt sich an Ort und Zeit zu binden, um sich bestimmbar und erklärbar zu machen. Sobald der Ort- und Zeitaspekt eintritt, treten mit ihm Worte wie Herkunft, sowie Vergangenheit und Zukunft ins Bewusstsein. Der Mensch ist sich demnach seiner Herkunft bewusst. Diese Entfremdung vom eigenen Ursprung, die Kluft zwischen Herkunft und Jetztsein, die im Menschen am stärksten ausgeprägt ist, weil er genau um seine Herkunft weiß, macht Rilke in einer stufigen Tier-Analogie in der Achten Elegie deutlich, wo die Entfremdung zum einen allen Tieren mehr oder minder unbewusst zugeteilt wird:

„Und doch ist in den wachsam warmen Tier

Gewicht und Sorge einer großen Schwermut.

Denn ihm auch haftet immer an, was uns

oft überwältigt, – die Erinnerung,

als sei schon einmal das, wonach man drängt,

näher gewesen…“

(VIII, V. 43-48)

Und der symbolhaft genutzte (Mutter)Schoß zu dem es uns zurückdrängt, als ein Zurückkehren-Wollen in den offenen unbegrenzten Raum jenseits der abgespaltenen exzentrischen Deutung („denn Schoß ist Alles“ VIII, V. 55) verstanden werden kann. Zum zweiten das Bewusstsein dieser Entfremdung mit der Stufenleiter von nicht säugenden Insekten, „Seligkeit der kleinen Kreatur, / die immer bleibt im Schoß, der sie austrug; / o Glück der Mücke“ (VIII, V. 52ff), über die Eier legenden (und damit einem säugenden Mutterschoß näher stehenden) Vögel mit „halbe[r] Sicherheit“ (VIII, V. 56) ihres Ursprungs bis zu einem „…das fliegen muß / und stammt aus einem Schoß“ (VIII, V. 61f), der Fledermaus als fliegendem Säuger, deren Flug wie „ein Sprung durch eine Tasse geht“ (VIII, V. 63f). Dieser Sprung als unterbewusste Wahrnehmung der Entfremdung, die im Menschen bald als Riss, Spaltung oder gar Kluft empfunden wird und sich im ‚immer gegenüber sein‘ äußert.

Dem Bewusstsein einer Herkunft schließt sich ein Bewusstsein von Vergangenheit an, also die zeitliche Dimension des menschlichen Denkens. Das Tier, das sich seiner Selbst nicht bewusst ist, kennt keine Vergangenheit und auch keine Zukunft, „…wo wir Zukunft sehn, dort sieht es Alles / und sich in Allem und geheilt für immer.“(VIII, V. 41f) Das zeitliche Denken des Menschen dagegen trennt schmerzlich das Sein in Gewesenes und Kommendes, weswegen das Präsens des „Hierseins“, als frei von Vergangenheit und Zukunft als so unvergleichlicher erstrebenswerter Zustand erscheint. Das Kommende erscheint allerdings weniger klar und deutbar, und damit fremder als das Vergangene, eine „unruhige Zukunft“ (III, V. 41).

Mit dem Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft geht denn auch ein weiteres Bewusstsein einher, das in den Elegien einen großen Raum einnimmt und nach Rilke eventuell als das Bewusstsein des Menschen, welches ihm am stärksten vom ,Offenen‘ trennt, gesehen werden kann; und das mich auch wieder zurück führt zu dem was John Berger schrieb: das Bewusstsein der Vergänglichkeit. Der Mensch nimmt wahr und erlebt die Schwinden der Dinge um ihn und deren unwiderrufliche Vergänglichkeit: „…dieses Schwindende, das / seltsam uns angeht […] Ein Mal / jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nichtmehr“(IX, V. 11ff). Vor allem weiß er aber auch um seine eigene. Das Bewusstsein des eigenen Todes als Alleinstellungsmerkmal des Menschen, denn das sagt Plessner:„[n]ur der Mensch weiß, daß er sterben wird.“ Das Tier dagegen ist:

…Frei von Tod.

Ihn sehen wir allein; das freie Tier

hat seinen Untergang stets hinter sich

[…]

und wenn es geht, so geht’s

in Ewigkeit…

(VIII, V. 10-13)

Indem das Tier frei vom Gedanken an den eigenen Tod ist, hat es den Tod nie vor sich wie der Mensch, der ein Ende nahen empfinden kann, sondern hat den eigenen Tod immer schon „hinter sich“ (VIII, V. 11) und kann deswegen heraus ‚ins Offene‘ blicken. Deshalb kann Rilke das Tier ein „Sorglossein“ attestieren, denn dadurch, dass der Mensch sein Ende wissend vor sich hat, entsteht Angst bzw. Sorge. Diese Sorge ist die Zerrissenheit, die den Menschen vom Hiersein/Dasein trennt.

In der Zehnten Elegie stellt Rilke anhand eines lärmenden Jahrmarkts dar, wie die Menschen seiner Meinung nach diese Zerrissenheit und Sorge in sich zu verbannen versuchen:

…in der falschen, aus Übertönung gemachten

Stille, stark, aus der Gußform des Leeren der Ausguß

prahlt: der vergoldete Lärm

[…]

Buden jeglicher Neugier

werben, trommeln und plärrn…

(X, V. 17ff, 28f)

Die pejorative Beschreibung macht deutlich, dass all dieses hohle Treiben die Spaltung im Menschen nicht aufhebt oder heilt, lediglich als Form selbstvergessener Ablenkung überdeckt und verhüllt, was in den Versen:

hinter den letzten Planke, beklebt mit Plakaten des >Todlos<,

jenes bitteren Biers, das den Trinkenden süß scheint,

wenn sie immer dazu frische Zerstreuung kaun…

(X, V. 35ff)

kulminiert, wo Todesvergessenheit als scheinbar schöner Rauschzustand beschrieben wird, solange er genügsam mit immer neuen Amüsement der Verdrängung dient. Somit wird die Zerrissenheit nicht aufgelöst.

Wer bis hier gelesen hat, mag sich fragen, was das mit den vorher geschilderten Zoobesuchern, die unbedingt Tiere für ihr Geld sehen wollen zu tun hat. Während John Berger den Zoo vor allem als Spiegel von Isolation sieht, und ich würde dem auch nicht wiedersprechen, ist für mich der Unterschied im Sehen und Ansehen. Dass was Berger über die Präsens medialer Tierbilder sagt, die ganz andere Funktionen haben als Begegnung mit Lebewesen und was besagte Zoobesucher verlangen ist „Entertainment“ (was für mich persönlich beinah das Gegenteil eines Erlebnisses oder einer Erfahrung ist) und Zerstreuung, es ist Rilkes Jahrmarkt. Tiere werden als Bilder und eine Art Theater gesehen und beobachtet, der Mensch ist beim Sehen ganz in seinem Außen des Beobachters, also auch jeseits des ‚Selbst-bewusst-Seins‘. Wer sich die Mühe macht und auch Glück hat, ein Tier anzusehen und von ihm angesehen zu werden, also einen Blick auszutauschen, wird darin gerade keine Zerstreuung finden. Damit will ich nicht behaupten, dass keine Freude darin sein kann, aber meiner Meinung nach wird es dann stets ein gemischtes Gefühl sein. Und das gilt vielleicht genauso auch für die Natur abseits der Tiere und kann vielleicht auch im Blick zweier Menschen liegen. Bailly schreibt:

Die Wahrheit ist: Im Verhältnis, das wir zu den Tieren haben, wird immer ein Punkt der Einsamkeit erreicht.

Niemand bezahlt Geld um im Zoo einen Punkt der Einsamkeit zu erreichen. Noch weniger um wie John Berger es ja formuliert die Einsamkeit des Menschen als Gattung zu erleben;:“Der Mensch in der Masse gehört einer Spezies an, die schliesslich auch isoliert wurde.“ Und es liegt darin eine Dialektik und Berger liegt nicht so falsch, wenn er meint:

… Tiere [sind] immer die Beobachteten. Die Tatsache, dass sie uns beobachten können, hat jede Bedeutung verloren. Sie sind die Objekte unseres sich immer weiter ausdehnenden Wissens. Was wir über sie wissen, ist das Maß unserer Machtfülle, und daher ein Maß dessen, was uns von ihnen trennt. Je mehr wir wissen, desto weiter sind sie von uns entfernt.

[…]

Die kulturelle Verdrängung der Tiere ist natürlich ein komplexerer Prozess als ihre physische Verdrängung. Die Phantasietiere können nicht so leicht verjagt werden. Sprichwörter, Träume, Spiele, Geschichten, Aberglauben, die Sprache selbst, erinnern an sie: die sind nicht verjagt worden, statt dessen hat man sie anderen Kategorien zugeschrieben, so dass die Kategorie Tier ihre zentrale Bedeutung verloren hat.

Was ich meine ist, wenn der Zoo eine Anstalt ist, die den Menschen vermeintlich etwas erleben lässt, was sonst gar nicht mehr erlebbar ist, in diesem Sinne also ein Gedächtnisort wäre (was den Zoo im Übrigen zum Ort von macht und Ohmacht des Menschen machen würde), was würde es mit den Menschen, die sich ja immer vor allem durch über die Tiere abgegrenzt und sozusagen profiliert haben geschehen, wenn es tatsächlich eine Erde ohne Tiere gäbe? In der sie physisch geschwunden sind und damit evtl. auch im zukünftigen kulturellen Gedächtnis immer mehr verschwinden? Bailly fragt sich, was eine Erde ohne sie wäre und ob das jemanden wollen kann. Ich frage, würde das die besagte Gattungseinsamkeit verändert oder auflösen? Und wie würde sich der Mensch, dieser Welt- und Selbstdeuter deuten ohne die so immanent wichtige Projektionsfläche, die ihm die Tier so lange gaben?

Einer der interessantesten Gedanken bei Bailly fand ich den, dass sich durch Tiere eben erweise, dass die Erde, die wir betrachten auch von anderen Lebewesen betrachtet wird, die Sichtbarkeit eine gemeinsame ist.

Das Trennende mag sein, dass die jeweilige Sicht nie nachvollzogen, nie ebenfalls gesehen werden kann. Und vielleicht macht das Wissen um diesen anderen Blick auf die Erde, die Möglichkeit, dass es eine andere Welt zu sehen gibt einen Vorstellungs- und Phantasieraum auf, der genutzt wird und der die Erde noch faszinierender und trotz aller Wissenschaft weiterhin geheimnisvoll und unergründlich macht. Die Fremdheit und Differenz an sich als Quelle eines Selbst- und Welterleben.

Solange dem Tier noch die Möglichkeit einer Präsenz in der Landschaft zugestanden wird, hängt noch ein Summen in der Luft…Erst wenn das Tier aus der Landschaft entfernt oder vertrieben wird, ist das Gleichgewicht zerbrochen, und man gelangt zu Formen der Aktivität, die in erster Linie nicht mehr Formen von Brutalität sind, sondern von finsteren Zeiten, in denen das, was man dem Tier vorenthält, zur Auslöschung jeglicher Beziehung zu ihm führt und damit zur Zerstörung jeglicher Möglichkeit von Erfahrung.

Bailly

Appendix:

Passte jetzt nirgends richtig in den Text, will ich aber erwähnt und empfohlen wissen: Die Reihe Naturkunden des Matthes&Seitz-Verlages, insbesondere mit ihren Tier- und Pflanzenportraits, die die portraitierten Lebewesen wissenschaftlich, methaphorisch und historisch betrachten.

https://www.matthes-seitz-berlin.de/matthes-seitz-berlin/reihe/naturkunden.html

Schöne Rezension der Reihe: http://culturmag.de/litmag/alf-mayer-portraet-der-reihe-naturkunden/113736

Trassen-Traumata oder träumen Grenzhunde von der Freiheit?

Heute jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 60. Mal. In den Medien ist dazu wieder viel zu hören und zu lesen über die Menschen diesseits und jenseits dieser Mauer, aber abseits dessen haben nur wenige geschaut, diese dafür umso genauer und lesenswerter, weshalb dieser Beobachterin dieser Beitrag am Jubiläumstag gewidmet ist.

Während Walter Ulbricht noch meinte „So dient der 13. August wahrer Menschlichkeit“, hat eine Journalistin sich gefragt, was dieser Grenzbau eigentlich für die Hundeschaft bedeutet haben mag. Denn abseits der realen Mauer lag jener über Jahre immer weiter ausgebaute, militarisierte Todesstreifen, der tatsächlich keine Mauer im engeren Sinne war. Und inmitten dieser Abschnitte des Nichts und des Todes, dort, wo auch ein Grenzer kaum hinkam und die gerade deswegen als besonders fluchtbegünstigend galten, hatten sich die DDR-Oberen in den 60ern ganz besonderen Personals bedient: Hunden.

Diesen Hunden und dem System und Soziotop in dem sie lebten hat Marie-Luise Scherer 1994 eine Reportage gewidmet, die zuerst im Spiegel erschien (und hier noch nachgelesen werden kann, wenn auch schlecht editiert: https://www.spiegel.de/politik/die-hundegrenze-a-98cc6929-0002-0001-0000-000013684223?context=issue) und zum Glück auch vom Verlag Matthes&Seitz neu aufgelegt wurde

Dass Grenzsoldaten auch Hunde bei sich hatten, wirkt nicht sehr ungewöhnlich, dies sind aber nicht die Hunde über die Scherer berichtet, sondern jene Trassenhunde von denen hier die Rede ist, waren keine Begleiter, sie waren einsame Posten im Niemandsland. Sie fristeten ihr Dasein in Laufleinenanlagen, den sog. Hundetrassen. Auf drei Kilometer kamen mindestens 30 Hunde, die, an 50 bis 100m lange Laufseile gebunden, am Todesstreifen patrouillierten und bestenfalls einmal am Tag gefüttert und mit Wasser versorgt wurden (wenn Personal knapp war auch mal mehrere Tage nicht). Die Kriterien für einen guten Hund waren für die Trasse auch andere als für die Spür- und Wachhunde an den Leinen der Grenzer. So oder so wurde in der ganzen kleinen Republik nach ihnen fahndet. Die auf der altgriechischenen 4-Säfte-Lehre basierende Typologie des Trassenhundes aus Sicht der Grenzbeamten schildert Scherer so:

„Den Sanguiniker als den lebensvollen, in seinen Eigenschaften gut dosierten Typus führte Moldt nur der Vollständigkeit halber an. Dieser begreife schneller als ein Professor und gehöre, da er den wünschenswerten Hund verkörpere, nicht an die Trasse.

Brauchbarer (als der Phlegmatiker) verhalte sich der Melancholiker, ein Genosse der Angst. So wie ein hartes Wort ihn schon untröstlich stimme, er schon aufjaule, bevor der Schmerz ihn überhaupt treffe, so melde er eine herabfallende Eichel schon als Gefahr.

Erst wenn sich ihm (dem Melancholiker) das Toben des Cholerikers beimische, verdiene es Beachtung. Im günstigsten Fall sei der Melancholiker der Zuarbeiter des Cholerikers, der aus dem Schlaf in Attacke übergehe.

Ans untere Ende seiner Eignungsskala platzierte Moldt den Phlegmatiker. Ihn störe gar nichts. Bei allergrößter Hundeknappheit gebe er jedoch die Attrappe eines Wächters ab

Um diese Hunde herum kreist ein Personal aus Grenzsoldaten, Abschnittsbevollmächtigten, Hundezüchtern und jenen Bewohnern der Grenzregionen, die durch die Lage ihrer Häuse in besonderen Sperrzonen lebten. Ab und an blickt auch bei ihnen so etwas wie ein Anflug von Mitleid mit, das sich jedoch schnell als gleicher Auswuchs technokratischer Vorstellungen herausstellt wie das gesamte Trassensystem insgesamt:

Ständig sah er den exquisiten Hund vor sich, wie dieser im Leerlauf sich verzehrte, nicht anders als die, die er die ‚tauben Nüsse‘ nannte, diese nur hundeähnlichen Dorfkreaturen, denen aus seiner Sicht der Grenzdienst erst ein Dasein bescherte.

Dieses menschliche Personal in dessen Wervorstellungen des Hundes das versteckte durchaus chauvinistische, ökonomisierte Arbeitsgötzentum der Kleinbürger-DDR seine Blüten treibt, wirkt deutlich unmenschlcher als seine Hunde. Die Gestalten und ihre Handlungen grenzen beinah an absurdes Theater. Ich würde behaupten jeder, der in der DDR aufgewachsen ist bzw. wie ich in den 90ern noch das „Restpersonal“ gerade aus den ländlicheren Gegenden miterlebt hat, kennt solche Männer.

Das durchaus Theaterhafte der menschlichen Darsteller ist sicher auch dem geschuldet (was keinesfalls negativ gemeint ist, sondern ganz im Gegenteil), was hier unbedingt erwähnt werden muss, nämlich dem Schreiben Scherers. Auch wenn das Thema durchaus schon wegen seiner Abseitigung interessant genug ist, das wahre Highlight dieser Reportage ist die Art wie Scherer sie erzählt. Und das Wort ‚erzählt‘ ist hier bewusst gewählt, ein Sachbericht im eigentlichen Sinne ist dies nicht. Die oberflächliche Nüchternheit und Klarheit der Sprache schafft nicht nur die Atmopshäre, die zur Schilderung dieses Soziotops vonnöten ist, sie lässt es buchstäblich in die Sprache einwandern. Dass was der Text auf der Inhaltsebene beschreibt, findet man in der Sprache wieder, beinah wie Mimikry. Und gleichzeitig ist der text höchst artifiziell (man fragt sich,ob Scherer sich über Kram wie den zb von Relotius und Konsorten – egal, ob der Inhalt wahr ist oder nicht – nicht totlacht). Die Montage und Verschachtelung mit der die einzelnden Abschnitte ineinandergreifen und ineinandergeschoben werden, ist brilliant und lädt dazu ein mehrmals zu lesen. Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass das eine der besten Reportagen ist, die ich bisher im Leben gelesen habe.

P.S.: Dass 2016 das Theater Nordhausen daraus ein Bühnenstück gemacht hat, erscheint mir nur konsequent (zu schade, dass ich’s nie sah), man fragt sich, warum noch niemand einen Film daraus gemacht hat.

Das besagte Theaterstück kann man hier ansehen (die Videoqualität ist leider nicht die Beste):

Netzschau Alpha bis Omega

Politik

Zur Flutkatastrophe

https://www.cicero.de/innenpolitik/flutkatastrophe-renaissance-fursten-deutscher-politik-laschet

Wahleinfluss? 2 Podcasts:

Politiker und Nebeneinkünfte?

Meine ganz persönliche Sicht darauf – das Argument Verbot von Nebeneinkünften würde bestimmte Berufsgruppe von der aktiven Politik fernhalten, kann ich nur ernst nehmen, wenn nicht jetzt bereits ein Großteil der Berufgruppen quasi passiv ausgeschlossen wären und die Politiker mit hohen Nebeneinkünften alle aus solchen „prekären“ Berufsgruppen kämen. Dies ist nicht der Fall. „Die Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten stellen aus Sicht vieler Ökonomen ein Problem für die Qualität der Arbeit im Deutschen Bundestag dar. Laut neuestem Ökonomenpanel, einer regelmäßigen Umfrage des Ifo-Instituts und der F.A.Z. unter Wirtschaftsprofessoren an deutschsprachigen Universitäten, sehen rund zwei Drittel der Teilnehmer die Nebeneinkünfte kritisch. Nur ein knappes Viertel sieht darin kein Problem, der Rest zeigt sich unentschlossen. Am Panel teilgenommen haben diesmal 146 Professoren.“ https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/nebeneinkuenfte-von-abgeordneten-oekonomenpanel-von-ifo-institut-und-faz-17400478.html

Pflegesystem Deutschland

Ein Thema, dass so lange umtreibt, dass es jedes Mal wieder zornig macht, dass es „trendet“ um dann doch wieder vergessen bzw. beschwiegen zu werden. Das sind Gründe, warum Pflegeversicherungsbeiträgeerhöhung so ein Schlag ins Gesicht für die Versicherten ist, nicht weil man unsolidarisch ist, sondern, weil die, die daran verdienen ihre Unsolidarität denen aufbürden, die eh schon zu kämpfen haben: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/das-milliardengeschaeft-altenpflege-heime-als-gewinnmaschinen-fuer-konzerne-und-investoren/27424770.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

-> Satire stößt da an ihre Grenzen, wenn sie im Grunde nur noch den Status-Quo beschreibt: https://www.youtube.com/watch?v=NdfaNJZRGag

Identitätspolitik für Menschen statt für Strohmänner und -frauen

Ein wirklich lesenswerter Beitrag, der ziemlich genau auf den Punkt bringt, was wie ich Identitätspolitik verstehe. Dass man sich um die schlechten Holzschnitte der „Gegner“ nicht weiter echauffieren muss, sollte im Grunde klar sein, aber man sollte eben die Laubsägearbeiten ihrer allzu beflissenen Hyperverteidiger genauso wenig zum Modell machen. Wie meist ist die Wahrheit in der Mitte…“Das Missverständnis beruht darauf, dass Identitäten als kulturelles Phänomen von jenen Ausbeutungs- und Machtstrukturen abgekoppelt betrachtet werden, aus denen sie entstehen.“ Und diesen Passus betreiben eben nicht nur konservative Werthuberer, sondern auch grad jene weißen Bürgerlinge (ja!), die eben doch vor allem Lifestyle leben ohne eine Axt an die eigene Rollen in diesen Strukturen zu legen: „Hier erklären sechs Menschen, warum ihre soziale Identität keine Frage des Lifestyles ist. Warum nicht das Ampelmännchen weibliche ostdeutsche Identität seit der Wende prägt, sondern die sexistischen Arbeitsnormen des Westens. Warum Antirassismus kein cooler Schriftzug auf T-Shirts ist, sondern ein Kampf um das Überleben. Warum Versöhnung keine Frage des Wollens ist, sondern eine des Rüstungsstopps, der Abschaffung von Hartz IV, der Aufarbeitung deutscher Vorherrschaft, der Strafverfolgung von Neonazis, schlicht: eine Frage gesellschaftlicher Veränderung.https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wer-hat-angst-vor-identitaetspolitik

Die AfD als strategisches Projekt rechter Milliardäre?

Tom Röhrback als der mögliche finanziell politische Hintermann der AfD (aber auch anderen):

„Fünf Politiker und Geschäftsleute, mit denen die Reporter über Tom Rohrböck gesprochen haben, erzählten unabhängig voneinander und zum Teil ungefragt, Rohrböck habe ihnen gegenüber behauptet, er bekomme Geld von dem Milliardär August von Finck junior. Was Rohrböck mit diesem Geld anstellen soll? Seit über einem Jahrzehnt scheint er sich im Auftrag des Milliardärs um den Aufbau einer Partei rechts der CDU, eine deutsche „Haider-Partei“ zu bemühen. …Nachdem ein Versuch, eine solche Partei in Deutschland unter dem Titel „Aufbruch 21“ aufzubauen, scheiterte, sah Rohrböck ein besonderes Potenzial in der AfD. Dazu förderte er gleich zwei Mitgründer der Partei.“ https://perspektive-online.net/2021/06/hinter-der-afd-steht-das-kapital-und-dessen-soeldner-tom-rohrboeck/

Hier ist einer der beteiligten Investigativjournalisten hinter dieser Recherche im ZEIT-Podcast zum Thema zu hören: https://www.zeit.de/politik/2021-06/afd-tom-rohrboeck-einflussnahme-macht-unternehmer-nachrichtenpodcast

Die Doku dazu:

-> Und wen fördert im nächsten Schritt dann die AfD?: https://jacobinmag.com/2021/07/germany-alternative-fur-deutschland-dveri-balkans-anti-immigrant-far-right/

Bundeswehr und Sicherheitspolitik

Wiewohl ich ein Gegner der Sicherheitspolitik mit Militärdrohung bin und auch der Bundeswehr und Auslandseinsätzen fand ich dieses Interview mit dem Sicherheitsexperten Masala doch unbedingt lesenswert, selbst da, wo ich ihm eben nicht zustimme, aber deswegen auch da, wo ich mit im konform gehe; den Interventionismus der letzten Jahrzehnte, der noch mehr Unordnung brachte und die Wohlfühlformeln auf dieser Ebene, die mit der Realität wenig zu tun haben: „Die Sprache der Macht kann nur sprechen, wer Machtmittel hat. Wer sie nicht hat, macht sich leicht lächerlich. Wer großartige Ankündigungen macht, die er nicht mit Druck unterlegen kann, wird in der Welt der Macht schnell als Papiertiger entlarvt.“: https://www.zeit.de/2021/26/sicherheitspolitik-deutschland-bundeswehr-carlo-masala

-> siehe auch evtl.: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ard-dokumentarfilm-soldaten-begleitet-drei-rekruten-17425064.html

-> In dem Zusammenhang sicher ganz erwähnenswert: Ist die Linke die letzte Bastion des Pazifismus in der Parteienlandschaft und zu welchem Preis? https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/linien-und-spannungsfelder-linker-sicherheitspolitik/

Der Roboter am Arbeitsmarkt

Das mögliche Ersetztwerden ist evtl. gar nicht das Problem, sondern das Messen des Arbeitens an statitischen Daten für Abläufe und Algorithmen: https://www.vox.com/the-goods/22557895/automation-robots-work-amazon-uber-lyft

International

Fünf Jahre ist das jetzt schon her! Seither hat das Brexit-Votum die politische Debatte nachhaltig vergiftet – nicht nur auf der Insel: „Was genau der Game Changer war, der zum Brexit-Votum führte, lässt sich deshalb kaum ausmachen. War es die Spielerfigur Boris Johnson? War es die berühmte Lüge von den 350 Millionen Pfund, die Großbritannien angeblich jede Woche nach Brüssel schickte? Verbunden mit der Ansage: „Lasst uns das Geld lieber ins Gesundheitssystem stecken.“ War es die Kritik an der Austeritätspolitik der EU? Wobei es nicht der Ironie entbehrte, dass Epigonen von Margret Thatcher, wie der Tory-Brexiter Michael Gove, plötzlich die Sorge um Sozialstandards proklamierten. Thatcher dürfte mit ihrer sozialen Kahlschlag-Politik der britischen Bevölkerung mehr Schaden zugefügt haben als die EU, aber von der Schuld der Tories an den Ursprüngen der Verelendung ließ sich mit der Brexit-Kampagne ganz wunderbar ablenken. Waren es die Sehnsuchtsbilder vom Glanz des alten Empire? Oder schlicht das Thema Migration, das die Brexit-Debatte dominierte? Klar war nur, der Brexit markierte einen Triumph des Neo-Nationalismus.“ https://www.freitag.de/autoren/martina-mescher/schuld-an-der-misere

Eine neue ägyptische Hauptstadt aus China?

„In Egypt, a huge “New Administrative Capital” is being built, approximately 45km (28 miles) to the east of Cairo, on a swath of desert equal to the size of Singapore.If you take a walk or drive across Cairo, you may be tempted to think that the Egyptian government embarked on this multi-billion-dollar project to meet an urgent need. Indeed, the current capital is hardly functioning. Ministries and embassies surrounding Cairo’s central Tahrir Square are clogging the city’s arteries. With many streets blocked to ensure the security of these buildings and their occupants, it is at times impossible to go from A to B in the city. Moreover, the already overcrowded capital’s 22-million population is expected to double by 2050. So it is easy to believe the New Administrative Capital, which is expected to house embassies, government agencies, the parliament, 30 ministries, a spiralling presidential compound and some 6.5 million people when completed, is a necessity. It seems that it will not only move administrative buildings out of Cairo, but also create much-needed housing. Moreover, the government committed to allocate 15 square metres of green space per inhabitant in the new development. The new capital will have a central “green river”, a combination of open water and planted greenery twice the size of New York’s Central Park. So the project is also being sold as an effort to tackle pollution and make Egypt “greener”. But if you look beneath the surface, and most importantly, follow the money, you will clearly see this project is much more than an altruistic effort by the government to decongest Cairo and improve the living conditions of the city’s inhabitants.“: https://www.aljazeera.com/opinions/2021/7/5/why-is-egypt-building-a-new-capital

-> Und warum China davon profitiert: https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-05/aegypten-china-neue-haupstadt-aegypten-wirtschaftsbeziehung-seidenstrasse-iconic-tower?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Wohin steuert Indien?

Trilemma: https://das-blaettchen.de/2021/07/indiens-%e2%80%9etrilemma%e2%80%9c-57663.html

-> Stimmung gegen Muslime: https://www.theguardian.com/news/ng-interactive/2019/may/24/the-hour-of-lynching-vigilante-violence-against-muslims-in-india-video

Kultur

Peter Rohns Bilder von der Mauer in der Auflösung: https://www.maz-online.de/Thema/Specials/W/Wendezeit/Potsdamer-Maler-Peter-Rohn-dokumentierte-die-Mauer-in-Oelgemaelden

Im Dante-Jahr die erste Adaption des Infernos und der erste italienische Film überhaupt:

Die Geschichte von Kodak: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2021/07/kodak-rochester-new-york/619009/?utm_source=pocket_mylist

„New Women“-Movement der Fotografie im 20. Jh.: https://www.bbc.com/culture/article/20210705-how-the-new-woman-blazed-a-trail-of-empowerment?ocid=global_culture_rss

Fundstücke

Tolle Skizzen vom Fischmarkt in London: https://www.theguardian.com/artanddesign/gallery/2021/jul/03/sketches-traded-for-stories-at-billingsgate-fish-market-in-pictures

Die Gesichter der Dinge (also ich kenne das):

https://www.theguardian.com/australia-news/2021/jul/07/so-happy-to-see-you-our-brains-respond-emotionally-to-faces-we-find-in-inanimate-objects-study-reveals

Lora Webb Nichols created and collected some twenty-four thousand negatives documenting life in her small town.:

https://www.newyorker.com/culture/photo-booth/a-womans-intimate-record-of-wyoming-in-the-early-twentieth-century

Foto- und Fahrrad-Pionierin Alice Austen

https://www.brainpickings.org/2021/06/26/alice-austen/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+brainpickings%2Frss+%28Brain+Pickings%29

Guter Longread über die Chowchilla-Schulbus-Entführung und den Schatten, den sie immer noch wirft: https://www.vox.com/the-highlight/22570738/chowchilla-school-bus-kidnapping

Wie ein Kochbuch die Slowenische Sprache „rettete/erfand“: https://www.atlasobscura.com/articles/first-slovene-language-cookbook

Moderne Nomaden als Tachigali visicolor

Ich war gestern das allererste Mal seit dem Beginn der Corona-Pandemie wieder in einem Lichtspielhaus. Entgegen des vemeintlichen?) Trends, dass das Kinogehen ausstirbt, gehöre ich zu denen, die Filme noch am liebsten auf diese Art erleben – auch weil es mich deutlich mehr fokusiert als daheim auf dem Sofa zu sitzen.

Der oscarprämierte Film „Nomadland“ hat mich seinerzeit als ich den Trailer sah nicht so sehr überzeugt, tatsählich hegte ich große Sorge, dass da die Grenze zu naiver Romantik und Kitsch überschritten werden könnte. Was ich gleich sagen kann zum Glück ist dem nicht so (wenn es nah kommt, dann wird noch rechtzeitig abgebrochen bzw. einiges käme gar nicht in Gefahr, wenn es nicht dieses Einaudi-Geklimper im Hintergrund geben würde). Für mich ist der Film das, was man einen „Slowburner“ nennt, ich brauchte etwas Zeit um mich hineinzubegeben (es gibt sicher Menschen, die diesen Film langweilig finden werden,im Grunde geschieht auf der Oberfläche recht wenig), aber dann hatte er mich sehr eingesogen und ganz unmerklich sehr mitgenommen. Filme, die, wenn man das Kino verlässt einen in ihrer Atmosphärenblase weiter durch de Straßen weiterlaufen lassen.

Er basiert auf einem Reportagebuch über die modernen Auto-Nomaden in den USA und da bis auf die Hauptdarstellerin Frances McDormand Laiendarsteller sind und quasi eine Version ihrer Selbst spielen, hat der Film durchaus eine halbdokumentarische Dimension. Es wäre vielleicht einfach gewesen noch mehr Gewicht darauf zu legen, noch mehr der Kapitalismuskritik und des Sozialdramas aus dem Buch in den Film zu legen, aber man kann froh sein, dass es gerade nicht getan wurde. Zum einen, weil der Film sich dann in meinen Augen etwas ad absurdum geführt hätte (das wird auch in der SZ-Rezi oben angesprochen) und zum Anderen, Wichtigeren, weil er es deswegen schafft ein zeitloses Moment zu erreichen.

Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist die unglaubliche Balance zu der er fähig ist. Nicht nur,weil er wie bereits erwähnt zugleich ein zeitiger Film über das moderne (Arbeits)Leben im Kapitalismus, den USA im speziellen ist – der Film kontert das implizit mit der Karriere als Goldenem Kalb und dem Abgesang auf den Job als Lebensglückerfüllungsanstalt – und über grundmenschliche Gefühle wie Trauer, Erinnerung, Drang nach Freiheit, Sehnsucht, Angst und Freundschaft ist. Er schafft darin auch das Gleichgewicht, dass er das Leben der modernen Nomaden weder glorifiziert und romantisiert (wenn das im Film geschieht, tut dies bezeichender Weise die bürgerlich-mittelständisch lebende Schwester der Protagonistin in einer Mischung aus Bewunderung und kleinem, stillen Neid), noch werden sie bemitleidet, vorgeführt, noch für sonst eine Art von Norm oder Moral ausgenutzt; sie sind weder Helden, noch Parias. Und so sind sie genauso freiwillig wie unfreiwillig (Unfreiwilligkeit bezieht sich hier auf Umstände, die Entscheidungen nachhaltig beeinflussen, dass von freier evtl. keine wirkliche rede mehr sein kann) das, was sie sind. Aus welchen Umständen heraus sie sich für dieses Leben entschieden haben, sie leben im wahrsten Sinne des Wortes mit dieser Entscheidung und bedauern sich selbst nicht.

Und es ist sicher auch nicht unerwähnenswert, dass nicht nur die Hauptfigur eine Frau ist, sondern auch ein Großteil der Nebencharaktere. Die NomadIN, die Alleinreisende (gilt allgemein für das Alleinreisen, aber für Frauen immer noch im Besonderen – ich spreche da aus Erfahrung) ist immer noch eine Figur abseits der bekannten Fahrwasser, die sie vor dem Kitsch schützen kann, möge er positiv oder negativ sein.

Die andere Mitte, die der Film findet, hat mich persönlich sehr beeindruckt und das sie mir so sehr auffiel, mag eventuell dem geschuldet sein, dass ich vor dem Kinobesuch in der neuen Sonderschau „Ich hasse die Natur!“ im Schiller-Museum von Weimar gewesen bin, die zum Themenjahr „Neue Natur“ 2021 konzipiert wurde. „Nomadland“ ist für mich nämlich auch ein Film über den Menschen und die/seine Natur.

„Die Ausstellung setzt den idyllischen Weimarer Park¬anlagen einen starken Kontrapunkt entgegen. Bedrohlich, beherrschbar, faszinierend – die Natur begegnet dem Menschen auf viele Weisen. Wir selbst sind Natur und möchten doch noch etwas Anderes sein: mehr als sie, ihr nicht ausgeliefert, sie bewundernd und benutzend.“

Der Film spielt zu einem Großteil im amerikanischen Westen und jenen Regionen in denen die Prärien, Wüsten und Canyons ohne viele Menschen über die Weiten erstrecken. Es sind menschlich gesehen unwirtliche Gegenden, die mit klirrender Kälte und schonungsloser Hitze aufwarten und den Menschen, die sie durchqueren und in ihnen leben entgegenschleudern. Aber sie sind genauso schön und erhaben. Ihre leeren Weiten sind Risiko und Freiheit im gleichen Atemzug. Die Einfachheit des Nomadenlebens und die Möglichkeit des Erlebens/Seins in diesen Räumen verdichtete sich für mich in dem Filmbild in dem die Protagonistinmit einem Freund mit selbstgebauten Grill am Van Fleisch zubereitet, dass sie dann beide auf Klappstühlen sitzend am Rande eines riesigen Canyons wohl der Black Hills zu sich nehmen.

(Alle Filmstiils: Searchlight Pictures)

Das andere Bild, dass mir besonders im Gedächtnis blieb und einen speziellen Aspekt des Mensch/Natur-Themas illustriert ist wie die Protagonistin in der Abenddämmerung, nur noch Schatten vor dunkelndem Himmel vor einer Dinosauerierstatue, eingezäunt mitten in der Wüste von South Dakota, steht, dass das Restaurant in dem sie ihren Saisonjob vertut, auf seinem Gelände für die Kinder der Besucher aufgestellt hat. Sie sieht hinauf und beide sind allein, der eine längst ausgestorben, der Andere wird sterben, so oder so, wenn nicht als Gattung, dann aber defintiv als Einzelner.

Die Einsamkeit in „Nomadland“ ist genauso in Balance wie alles, sie ist tröstlich, sie kann ein Glücksmoment und ebenso kann sie Bürde und Last sein. Dass eine genießen und das andere aushalten, mag die Ars Moriendi sein. Und so macht der Film denn auch jenseits des Alleinseins der Hauptfigur, die ihren Mann und ihr Zuhause verloren hat vor der Kulisse der Natur diese Einsamkeit zu jener Existenziellen, die wahrscheinlich ein Grundmoment des menschlichen Daseins ist. J.J.Richards Kamerafahrten sind dabei sowas wie die Neue Sachlichkeits-Variante von Emmanuel Lubezkis Arbeiten gerade bei Malick-Filmen.

Als die Hauptfigur durch die Überreste ihrer alten Stadt, die aufgelöst wurde als der Industriezweig unrentabel wurde, der sie überhaupt erst enstehen ließ, durch ihre Erinnerungen läuft, sehen wir diese nicht, nur die modernen Ruinen einer Industriestadt, der am Ende auch jene Orte angehören, die der Film eben auch durchstreift; die Tankstellen, Campingsites, Industrie- und Gewerbeparks, Garagenländer, jene Edgelands der Menschen, die sich zwar einst in die Natur hineinfraßen und doch stets noch mit einem Bein in ihr sind, immer kurz davor zurückzufallen – eine Arbeit in der Ausstellung zeigt in einem Filmrondell genau das, die Zerstörung der Natur, die Verstädterung, der Rückfall der Städte in den Wald und wieder alles von vorne, immer wieder. Es sind nicht nur die Orte der Gesellschaftsränder und gesichtslosen Transite und Nicht-Orte, die dem modernen Nomadenleben inhärent sind, sie sind das was der Anthropozän-These (eine lesenswerte Kritik des Konzepts hier: https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/von-wegen-anthropozaen und ein lesenswerter, nüchterner Bericht zum „Symbolort“ Hambach: /https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/05/25/ortsbesuch-in-hambach/) entgegen steht, die Erschaffung neuer Räume, die keineswegs nur Zerstörung und Tod sind – nicht umsonst sind es gerade die menschlich unbewohnbar erscheinenden verseuchten, vergifteten Gebiete; Tschernobyl, ehemalige Milität- und Chemieanlagen, die mittlerweile artenvielfältige Biotope geworden sind. Der Mensch überschätzt sich weiterhin und unterschätzt die natur, das Anthropozän, dass wie die Zerknirschung wirkt, belässt und erhebt den Menschen genau in die Machtposition, die er damit eigentlich kritiseren will – die Natur findet immer einen Weg.

Hier sind wir durchgegangen

Mit unseren Werkzeugen

Hier stellten wir etwas Hartes an

Mit der ruhig rauchenden Heide


Hier lagen die Bäume verendet, mit nackten

Wurzeln, der Sand durchlöchert

Bis in die Adern, umzingelt der blühende Staub


Mit Stahlgestängen, aufgerissen die Orte

Überfahren mit rohen Kisten, abgeteuft die teuflischen

Schächte mitleidlos


‚Ausgelöffelt die weichen Lager, zerhackt, verschüttet,

zersiebt, das Unterste gekehrt nach oben und

durchgewalkt und entseelt und zerklüftet


Hier sind wir durchgegangen. […]


Das Restloch mit blauem Wasser

Verfüllt und Booten: der Erde

Aufgeschlagenes Auge

Und der weiße neugeborene Strand

Den wir betreten


Zwischen uns.

Volker Braun: Durchgearbeitete Landschaft (1974)

Das anthropozänige Klagen dieser Zeilen (in der Ausstellung liefen zu diesem Texten übrigens keine Bilder von Wäldern, Seen oder Baggern und Kränen, sondern von Schönheitsoperationen, das ist doppelter Boden) verkennt, was daraus entstand und verkennt, wie viele auch zeitige Umwelt- und Naturmoral, den durchaus reaktionären Charakter der Vorstellung, eine Landschaft werde unwiederbringlich zerstört als sei sie ein festes, umumstößliches Ding, hinter der eine simple mitteleuropäische Ästhetik der Kulturlandschaft steckt, die noch heute als pure Natur und Urzustand zelebriert und verkauft wird.

Das Naturidyll will wahrscheinlich auch von jener existenziellen Einsamkeit ablenken, die grad in der Natur manchmal erst besonders spürbar wird. Dass wie Plessner es schon geschrieben hat, der Menschen nie ganz im Innen ist, weil er immer auch Außen, außer sich und gleichzeitig deswegen immer in sich und nie ganz in der äußeren Welt ist, das ist sein Zwiespalt; das bewusste Unbewusste, hat Hölderlin im „Hyperion“ sehr gut beschrieben – „Nomadland“ hat auch Bilder dazu:

„O seelige Natur! Ich weiss nicht, wie mir geschiehet,

wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne,

aber alle Lust des Himmels ist in den Thränen,

die ich weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten.

[…] Eines zu seyn mit Allem, das ist Leben der Gottheit das ist der Himmel des Menschen.

Eines zu seyn mit Allem, was lebt, in seeliger Selbstvergessenheit wiederzukehren in’s All der Natur,

das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden,

das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe,

wo der Mittag seine Schwüle und der Donner

seine Stimme verliert und das kochende Meerder Wooge des Kornfelds gleicht.

Auf dieser Höhe steh‘ ich oft, mein Bellarmin!

Aber ein Moment des Besinnens wirft mich herab.

Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war,

allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit,

und meines Herzens Asyl, die ewig einige Welt, ist hin;

die Natur verschließt die Arme, und ich stehe,

wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht.“

In diesem Zusammhang fand ich etwas Weiteres in der Ausstellung bemerkenswert. Im letzten Raum waren Zitate zum Thema Umelt/Klima/Wissenschaft etc. an den Wänden angebracht, die man per Fußbutton liken konnte, ein Zähler darunter deutete einem wie viele Menschen das jeweilige Zitat bereits geliked haben. Der großteil der Zitate (ein Trumpzitat deswegen ausgenommen,weil’s halt ein typischer, blöder Trumpblurb ist von dem ich auch nichts erwarte) fand ich dermaßen banal, wie naiv-abgeschmackt in ihrer Konfusion aus Kleinklein („Weniger Auto fahren“) und Ganzgroß („Wir zerstören die Erde“), dass es mich beinah wütend gemacht hat. Ich habe nur eines geliked und das kam zu meiner eigenen Überraschung von Papst Benedikt XVI.:

„Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt, als der, der er ist und sich nicht selbst gemacht hat.“

Mal davon ab, dass man das gleichzeitig reaktionär lesen kann (nicht muss!) und es genauso fast einen Hauch Pantheismus möglich macht, muss man nicht an Gott glauben oder sonstwie esoterisch zu sein um die Aussage „Der Mensch macht sich nicht selbst“ ganz nüchtern hinzunehmen, weil sie bis zu einem weiten Grad einfach ein Fakt ist; der Mensch ist Biologie, er ist ein Naturwesen, aber das soll auch kein Determinismus sein. Trotzdem gibt es bestimmte Vorgänge, die unhintergehbar sind. Da scheint es beinahe müßig wie die Ausstellung am Ende zu fragen, welches Zukunftsszenario uns wohl ereilen mag; Anthropozän, Novozän (die Herrschaft intelligenter Maschinen/Programme) oder das Dendrozän (der Mensch als entweder Steinzeitler 2.0 als kleines Glied in der Fauna und vor allem Flora oder gar ganz getilgt…Fun Fact: Pflanzen machen mindestens 80 Prozent der Biomasse der Erde aus, während Tiere, einschließlich der Menschen, etwa 0,3 Prozent ausmachen. Mit anderen Worten, die Erde ist ein Pflanzenplanet, und Pflanzen sind die evolutionär erfolgreichsten Lebensformen auf diesem Planeten), denn nichts gestern, heute, morgen wird am besagten Grundzwiespalt des Menschen etwas ändern – außer er wäre tatsächlich ein ganz neuer Mensch…

„Seit fünf Jahren hatte ich keinen Menschen mehr gesehen, und war nicht böse darüber […] Schön saß sichs auf dem Weg. […] War Alles still und kühlig; auch feuchtlich; keine Grille schrillte mehr; nur dann und wann floß Hauch durch die Pflanzen zur Rechten zur Linken. Früher waren auf den Asphaltbändern lautlos Autolichter geglitten: jetzt herrschte nur noch der Mond. […] In 20 Jahren findet Niemand mehr Straßen auf der Welt; vielleicht erkennt man die Autobahnen noch, aber in 30 sind auch die weg. […] Ich stand steifgliedrig auf (war in letzter Zeit doch zu wenig Langstrecken gefahren), und beschaute noch einmal den Omnibus, dem ich auf dem Trittbrett gesessen hatte: sieht scharmant aus: ein Auto mit üppigem Gras auf dem Kühler! […] Gegen Morgen kam Gewölk auf (und Regenschauer). Frischer gelber Rauch wehte mich an: mein Ofen! So verließ ich den Wald und schob mich ans Haus: der letzte Mensch.“

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel (1951)

Und vielleicht ist das ja immer so, dass jeder immer und überall der letzte Mensch ist, weil immer eine Welt (nicht die Erde!) mit ihm stirbt. Das ist der wahre Weltschmerz. Ihn auszuhalten und nicht verrückt oder stumpf zu werden ist vielleicht das größte, was der Mensch wirklich erreichen kann, weil er sich in seiner Akzeptanz und Hinwendung selbst übersteigt.

Die künstlich-natürlichen Paradiese

„Die Apfelinsel […] hat ihren Namen, weil sie alles von allein produziert; die Felder müssen nicht gepflügt werden und nichts muss angebaut werden, weil die Natur alles bietet. Sie produziert von selbst Getreide und Trauben, und Apfelbäume wachsen in ihren Wäldern aus dem dichten Gras.“

Geoffrey Monmouth: Vita Merlini.

„Des heiligen Römischen Reiches Gärtner“, so hat Luther schon die Erfurter genannt. Und es war der Erfurter Gartenpionier und Wissenschaftler Christian Reichart, der mit der Begründung des Erwerbsgartenbau Erfurt als Gartenbau- oder Blumenstadt europaweit zu einem hervorragenden Ruf verhalf. Man kann ihm nicht nur an seinem Denkmal im Luisenpark begegnen, sondern auch im deutschen Gartenbaumuseum.

Die Stadt Erfurt steht derzeit ganz unter dem Bann der BUGA und wer links und rechts des Weges läuft, kann mehr entdecken als (zugegeben sehr schön anzusehende) manigfaltig bunte Blumen und den gemeinen Deutschen im Freizeitmodus. Eins kann ich schon einmal vorausschicken: das deutsche Gartenbaumuseum hat das Beste aus der alten in bestimmten Bahnen durch überkommenen Institution Museum gemacht wie man es derzeit machen kann. Begleitet wird das alles auch von den beiden Kunststätten der Stadt, dem Angermuseum mit seiner Flower Power-Ausstellung über die Kunst mit Blumen zu sprechen und der Kunsthalle mit ihrem Blühstreifen und dem Fokus des Gartens in der Kunst.

Pflanzen waren immer Teil der christlichen Ikonographie und so führen auch alle drei Ausstellungen ins Paradies und zu Adam und Eva. Es waren die Perser, die ihre Gärten Paradies nannten (pairi daēza) und in den hebräischen Texten der Thora wurden sie zu jenem ersten, vollkommenen Garten (in) Eden. Die christlich gedeutete Geschichte vom paradisischen Ur-Garten sollte sattsam bekannt sein. Und die Weltgeschichten von den Ur-Gärten sind immer auch Geschichten eines Schlaraffenlands, einer Utopie. Aber genauso erzählen sie stets ein Welt- und Kulturverständnis.

„Er sah große Feuer brennen, entlang von Gärten aus Kürbissen, Melonen und Mais. Hinter den Gärten befand sich ein einzelnes Haus aus Stein. Dort saß eine Person mit gesenktem Kopf und schlief.”

aus den Mythen der Hopi

Umso gespannter lauscht man dem Mythos der Hopis in dem die Menschen unter der Erde leben und eines Tages hianufsteigen auf eine dunkle Erde und einen nur von einem großen umgebenden Feuer beleuchteten, wunderschönen Garten vorfinden, dessen jugendlicher Herr, der Frühling, sie die Garten- und Feldkunst und den Umgang mit dem Feuer lehrt, bei dem sich jedoch später herausstellt, dass er noch ein zweites Gesicht – einen Totenschädel besitzt, weil er zugleich der Tod ist. Jener Tod, der den Menschen zeigt, wenn sie sterben, gehen sie wieder hinab in die Erde, aber eingebettet und träumend in einem Blumenmeer. So lernen die Menschen den Tod sehen und entwickeln Riten gegen Krankheit und Leiden.

Das Wort 'Hopi' ist abgeleitet vom Hopi-Wort "Hopitu shinumu" und bedeutet "friedliche Leute". Sie sind ein Volksstamm vom Zweig der Shoshonen. Als die Europäer das südliche Nordamerika eroberten, da traf er 1540 nicht nur auf wilde Kriegerstämme, sondern auch auf die kultivierten Pueblo-Indianer. Zu ihnen gehörte auch das Volk der Hopi. Sie waren geschickte Bauern. So legten sie in den unwirtlichen Bergen Arizonas Bewässerungssysteme an, damit dort Pflanzen wachsen konnten. Ihre festen Häuser aus Stein hatten sie lange Zeit vor ihren Feinden geschützt: https://de.wikipedia.org/wiki/Hopi

Es gäbe viel zu sagen über diesen Mythos, der mich als westliche-christliche-Kulturalisierte zu vielen Assoziationen verleitet hat…in der Naturreichelehre sind die Pflanzen (und die Steine) sowas wie die First Nations des Landes…der Frühling/das Leben und der Tod,so als seien Persephone und Hades eine Person geworden, Leben und Tod nur Aspekte der gleichen Sache…die genuine Verbindung von Feuer und Kultur, die gegenüber dem Prometheus-Mythos noch viel enger verbunden ist und cultura zuerst als Gartenkunst und nicht als Ackerbau begreift und der Mensch die Kultur für sich nutzt – die Menschen sind es, die in dieser Geschichte die Sonne (ein Segeltuch) und den Mond (ein Tierfell) aus ihren Werkstücken an den Himmel setzen – das Leben im Einklang mit allem Wachsendem und Geschaffenen…Wer Gärten säht wird im Tod auf Blumen gebettet und bleibt damit auch ein Teil des Gartens. Das Paradies ist rückwärts und vorwärts gewandt.

In allen Hochkulturen schaffen und schufen Menschen Gärten und Parks, die ihre Vorstellungen von Vollkommenheit erfüllen (sollten): als Wohltat für Körper und Seele. Dass das nicht nur mythische Romantik ist, wird einem nicht erst bei Reicharts Entwicklung des Erwerbsgartens klar, sondern bereits, wenn die Magd Barbara zu Wort kommt, die grad die Früchte ihrer Arbeit zum Markt trägt. Schon vor Jahrtausenden haben Menschen die Natur aufmerksam beobachtet, um ihre Gesetze zu verstehen und für sich zu nutzen bzw. im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu manipulieren. Sie waren und sind fasziniert von der Vielfalt und den Fähigkeiten der Pflanzen, ihrem Zusammenspiel mit Boden, Wetter und Tieren. Die Domestikation von Pflanzen (und Tieren) wird heute immer weniger als einseitiger Prozess beschrieben. Mit der Kultur im engeren Sinne bgann auch die Produktion und mit ihr der Überschuss. Man jagte und sammelte nicht mehr nur, was man gerade benötigte, man produzierte Vorräte. Diese Entwicklung ist im Grunde der Urmechanismus der stratifizierten Gesellschaft. Es gibt Leute, die produzieren und Leute, die lediglich konsumieren – die Oberschicht. Diese Stratifizierung existiert auch heute noch, ganz egal, ob offensichtlich Feudalsysteme isnatlliert sind oder nicht (es gibt viele empfehlenswerte Bücher zum Thema, ich führe das nicht weiter aus). So sind Gärten immer auch Ausdruck komplexer Bedingungen in einer Kultur.

Was Sozialräume, ihre Aufteilung und ihre Soziologie mit Bäumen zu tun haben können, kann man hier am Beispiel der Stadt Houston nachlesen (und auf einer interaktiven Karte sehr anschaulich nachvollziehen): https://www.theguardian.com/us-news/2021/jun/28/houston-trees-shade-heat-temperatures-race-class

Die Mythen vereinen in sich immer all die Aspekte des Gartens, die darin relevant werden. Denn die Geschichte des Garten(baus) handelt immer von Nahrung, von Schönheit, von Gemeinschaft und auch von Macht. Menschen entwickeln Visionen und Techniken, um all dies gut zu nutzen. Sie ringen um die Ernährung der Menschheit, gestalten prachtvolle Orte und soziale Räume – allein in Feld oder Garten, in der Gemeinschaft der Stadt, am Zeichenbrett oder im Labor. Immer schon.

Balthasar van der Ast

Ein Beispiel für die Verquickung aller dieser Dimensonen sind die Stilleben der Niederländischen Goldenen Zeitalters, ob üppige Marktbilder, bunte, exotische Blumensträuße oder das genossene Mahl, in ihnen präsentieren sich die Bürger als Teil eines Welthandels, als vermögend und geschmackvoll und letztlich als versorgt. Viele Bilder dieser Art bewahren indes noch jene Janusköpfigkeit des Hopi-Jünglings indem die Vanitas in ihnen stets spürbar bleibt (siehe auch meinen Beitrag zum Essennsstilleben). Die moderne Variante dieser Habitus-Bilder, nur eben meist ohne Vanitas sind vielleicht jene schön arrangierten Food-Blogs und Wohnzeitschriften-Bilder. Ein Beispiel für das Zusammenspiel von Schönheit und Macht sind z.b. die Gärten von Versailles. Und auch später das Aufkommen von Botanischen Gärten und Aquarien oder dem Succulentenboom für das bürgerliche Heim des 19. Jh. stehen am Ende durchaus in dieser Tradition (und dem beginnenden popularisierten Naturwissenschaftsboom dieser Zeit). Dahinter steht freilich nicht nur die Stratifikation im eigenen Land, sondern die dahinter scheinabr unsichtbare Folie Welthandels und des Kolonialismus. Exotische Pflanzen im Eigenheim sind nie unschuldig gewesen.

Die BUGA widmet sich auch zwei Gartenpionieren in deren Arbeiten sich diese Verschachtelungen zeigen (wiewohl das damals so nicht gesehen wurde): Alwin Berger, einem Sukkulentenforscher und leitendem Mitarbeiter diverser Botanischer Gärten während er Gründerszeit und dem Gartenarchitekten/Gartenphilosophen und Stauden-Experten Karl Foerster, dessen ihm gewidmeter Garten auf der BUGA im Gegensatz zu meinem letzten Besuch dieses Mal bereits grünte und blühte. Foersters eigener Garten in Potsdam ist ein Paradebeispiel für den Garten als Zuflucht und Ort des entpolitisierten inneren Exils – Foerster „versteckte und bedeckte“ sich in ihm während der Naziszeit, während des Stalinismus, während der DDR – gefeiert wurde er von allen. Der Garten als Refugium und materielle Bubble, das selbstgebaute Paradies, dass sich der Welt bedient:

„Es handelt sich bei modernen Naturgärtchen nicht um eine bloße Nacherschaffung wilden Naturreizes …Durch die Hinzunahme eindrucksvollster Pflanzengestalten anderer Länder und Welten entsteht hier ein universales Nachbild der Natur, das uns noch tiefer in seinen Bann zieht, aber von der Dumpfheit eines früheren Bannes befreit. Der Garten ist ein Brennspiegel geworden, worin sich Strahlen ausaller Welt sammeln. Das kleine Stückchen Kosmos um unser Wohnhaus herum wird uns allmählich eine Zauberwerkstatt von immer kostbareren Möglichkeiten.“

Karl Foerster (https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm%3Aaudio_id=926796)

Dass die Pflanzen auch eine andere Seite haben, dass wird nicht nur in den Vanitas-Bilder deutlich und das zeigen nicht nur Bauelaires „Fleurs du Mal“, sondern das hat Emile Zola gleich in zwei Teilen seines Rougon-Macquart-Zyklus verarbeitet. In La faute de l’Abbé Mouret wird das wuchernde Paradies der Flucht vor den Dogmen der Welt auch ein Hort der Schwere, Trägheit und des Verfalls, in La curée werden die exotischen Pflanzen mit ihren Ausdünstungen im Gewächshaus zum Ort an dem die titelgebende Beute ganz fleischlich überwältigt wird – ds tropische Klima und das Schlingen der Pflanzen als erotischer Symbolismus, dessen Steigerung nur noch das Verschlingen sein kann an dem noch einmal die Ohnmacht des Menschen vor der Natur erneuert wird. Ich denke an Werner Herzogs fast horrorhafte Vorstellung der Natur, die er wohl nicht umonst im südamerikanischen Regenwald entwickelte:

Ich frage mich, ob er sich selbst von dieser Schreckensvorstellung erlöst hat als er den Film „Schwingen der Hoffnung“ über Juliane Kopecke drehte, jenes damals 17jährige Mädchen, dass als einzige ein Flugzeugunglück im peruanischen Jungle überlebte und sich 11 Tage durch diese feindliche Umwelt durchschlug bis ein paar Waldarbeiter sie auflasen. Herzog lässt ihre Geschichte bezeichnender Weise in einer Rettungsfantasie enden, die er mit Wagners Rheingold-Vorspiel untermalt.

Der Mensch ist Ohnmächtiger und Mächtiger und der Garten kann ein Ort beider Rollen sein.

Die immer größere Vielfalt der Pflanzen aus aller Welt in den privaten wie öffentlichen Gärten stellt die Natürlichkeit, die dem Garten im landläufig romantisierten Sinne gern zugesprochen wird letztlich immer mehr in Frage. Damit ist der Garten der vermeintliche Schnittpunkt des alten Dualismus zwischen Natur und Kultur/Technik, der immer weniger haltbar ist (zu diesem Passus habe ich hier bereits etwas geschrieben).

Die Domestikation und Züchtung der Pflanzen (und der Tiere) ist der Vorgang in dem dieser scheinbare Dualismus sich seit jeher aufhebt. Es wundert daher nicht, dass die Kunst das Gartensujet bis heute immer wieder aufgreift. Seien es Gartenfresken in Pompeji, Blumenstillleben oder die Fotografien von z.b. Karl Blossfeldt oder Albert Renger-Patzsch. Das künstlich-natürliche Element wird hier besonders deutlich. Mit dem Siegeszug der Fotografie ab Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich Schritt für Schritt ein neues Sehen. Mit Hilfe einer immer elaborierteren Kameraoptik und lichtempfindlicher Papiere ließen sich die Erscheinungen der Welt in einer bisher nicht gekannten Sachlichkeit und Detailschärfe abbilden. Auch Weitwinkel- und Makroaufnahmen veränderten unser Sehen fundamental. Pioniere der neusachlichen Fotografie wie Renger-Patzsch verstanden sich nicht als Künstler, sondern als sachlicher Zeuge und Reporter dessen, was „auf rein fotografischem Wege“ von der Welt sichtbar wird. Seine Aversion gegen die Ansprüche der Kunstfotografie-Bewegung kann nicht darüber hin-wegtäuschen, dass auch er die Kamera nicht wie ein Roboter bediente, son-dern ethische und ästhetische Interessen sein Tun und Lassen lenkten. Dennoch können seine Bilder durchaus wie abstrakte Kompositionen wirken.

Während schon Dürers so gerühmte Grasstudien keiensfalls auf der Wiese liegend entstanden, sperrt Hermann de Vries das echte große Rasenstück buchstäblich in einen Rahmen ein, braucht Hiroyuki Masujama gar kein Gras mehr, sondern setzt nur noch Fotos der Natur in Lichtboxen bis hin zu Gerhard Mantz, der die Fahrt durch den Jungle nur noch komplett ins animierte Digitalien verlegt. In Karin Brosas Virtual Greenhouse laufen die Menschen nur noch in den leeren gewächshausruinen der Vergangenheit mit VR-Brillen herum, die ihnen das Grün von einst „erlebbar“ machen.

Der Garten selbst wurde aber auch zur Kunstform, insbesondere im Barock. Und auch die Landschaftsgärten der späten Neuzeit ist mit seinen Blickachsen, Ruinen etc. eine zutiefst künstliche Anlage.

Der Garten ist eine Landschaftsfabrik; wie wir wissen, eignet er sich zwar für die Spiele der Umwelt, aber da er den Traum enthält, trägt er einen Entwurf der Gesellschaft in sich.

(Gilles Clément, 2012)

Wie weiter oben erwähnt ist der Garten ein Ausdruck des Bestehenden (Gärten können mondän, akkurat oder wild oder spießbürgerlich sein), aber immer auch eine Utopie. Der Begriff der ‚Zweiten Natur‘ (für deren Existenz ja schon eine alleerste angenommen werden müsste) bekommt vor diesem Hintergrund noch einen bedeutend doppeldeutigeren Bezug jenseits von Entfremdung und Verdinglichung indem er in seiner Künstlichkeit zwar heute mehr als früher auch aus diesen Strömungen gespeist ist und ihnen doch durch sich selbst ein transistorisches Element zugesteht bzw. sogar schafft.

In Hinblick auf die Welternährung, den Klimawandel, Umweltschäden und die Verstädterung bekommt der Gartenbau ein ganz neues Gesicht. Dass wie immer ambivalent ist. Neben Saatmonopolen und der monokulturellen Bodenverwüstungen, den riesigen Gewächshaus-Edgelands auf denen Billigslohnkräfte für den Überkonsum durchaus Priviligierter schuften und der horrenden Lebensmittelverschwendung und den Träumen von Allverfügbarkeit und Genexperiment, stehen das Urban Gardening, die Mikrolandwirtschaft, Permakultur-Bewegung, die Aquaponik bei der Fisch- und Pflanzenzucht kombiniert werden und ganz neue Möglichkeiten für das Grüne Bauen.

In der Kunsthalle war ein Film zu sehen, der sich damit beschäftigte wie im Libanon einen Saatgut-Bank angelegt wird, die eine Sammlung aus Syrien, die während des Bürgerkriegs zum Großteil zerstört wurde mit Hilfe der Saatbank in Norwegen wieder hergestellt wird. Wie es im Libanaon selbst mit der Pflanzewirtschaft bestellt ist: https://www.aljazeera.com/news/2021/7/6/lebanese-ngo-helping-the-uplift-agriculture-sector

Die größten Veränderungen betreffen sicherlich den Raum des Gartens, der womöglich jenseits des Draußen liegen mag. Forscher entwickeln zukunftsfähige Anbauweisen, die unabhängiger von Umwelt und landwirtschaftlichen Flächen funktionieren und Transportwege verkürzen. Vertical Farming ist eine davon: Hier wachsen die Pflanzen auf wenig Grundfläche in mehreren Etagen übereinander. Meistens drinnen, dann ersetzen LED-Lampen das Sonnenlicht. Nicht einmal Erde brauchen die Pflanzen unbedingt. Bei der Hydroponik mit ihrer In-Vitro-Befruchtung versorgt sie stattdessen Wasser optimal mit Nährstoffen (beispielhaft dies: https://www.atlasobscura.com/places/metro-farm-subway-seoul)

„Das künstliche Licht dieser futuristischen, industriellen Gewächshäuser taucht die Felder in psychedelische Grün-, Rot- und Blautöne; es ist ein Licht, das die Grenzen des Gehäuses ebenso verschiebt wie die der menschlichen Vorstellungskraft. Die Zukunft der Landwirtschaft erscheint buchstäblich in einem anderen Licht …“

Günther Vogt/Violeta Burckhardt: Paradise Now. Die neuen Grenzen des Gartes.

Das Gewächshaus in der ein oder anderen Form wird der Garten einer vielelicht fernen Zukunft sein, manchmal vielleicht sogar ein Museum der verschwundenen Arten, die dort künstlich am Leben erhalten werden. Dystopisch gesprochen wären es Inseln im Meer der dürren, versteppten, versalzten Böden. Und die Erde war wüst und leer…und darin waren die künstlichen Paradiese.

Appendix – Linksammlung