Hypertext im Kopf

Heute ein langer Tag in der Bibliothek, mal wieder einer dieser akuten Anfälle, die mich ab und an überkommen bzw. Tropfen für Tropfen anschwellen; Bücher führen zu Büchern, die zu Büchern führen, die zu anderen Büchern führen, die zu Büchern führen etc… Gleichzeitig begegnet einem das ewige Wissensparadox, man weiß, dass man nichts weiß, eignet sich Wissen an, wodurch einem sein Nicht-Wissen noch bewusster wird, mehr Wissen bedeutet gleich mehr Nicht-Wissen. Data is not information. Information is not knowledge. Knowledge is not understanding.  And understanding is certainly not wisdom. Manchmal macht mich das regelrecht körperlich fertig, und immer schnappt man eigentlich nur Fetzen auf. Mein Gehirn dann ein riesiger Zettelkasten, der wuchert und wuchert und keine richtige Ordnung mehr zu haben scheint, aber ich stopfe und stopfe wie eine Fresszelle, in diesem Bereich bin ich tatsächlich maßlos.

Ich bin oben,in der Luft und meine Lust zerteilt jede Philosophie, jeden Tag und jede Koje. Hier oben ist reine Theorie,nicht diese bodenlosen Konzepte der Praktikanten,die nur vom Schnurrbart trimmen träumen. Was stört ihr mich und meine Zirkularien,ich will euch einmal denken sehen, und nichtunentwegt ins Ganze gegossen; auch ohne Kenntnis dieses Wortes: Fragmente Fragmente Fragmente.

Alexander Graeff

Der amazon-Logarithmus „Wenn Sie dieses Buch gekauft haben, könnte Ihnen auch folgendes gefallen…“ ist doch am Ende nur der semiotische Ausdruck meines Hirnvorgangs in solchen Phasen.

Und W.H. Auden meint: „We are all of us tempted to read more books, look at more pictures, listen to more music than we can possibly absorb, and the result of such gluttony is not a cultured mind but a consuming one; what it reads, looks at, listens to is immediately forgotten, leaving no more traces behind than yesterday’s newspaper”, ist das sicherlich nicht falsch, nur habe ich nicht das Gefühl, ich würde allzuviel davon vergessen, was gut und schlecht sein kann bzw. ist. Aber am Ende ist das ein ganz grundständisches Dilemma meines Daseins, weil solche Dinge positiv und negativ sind, mal gleichzeitig, mal versetzt zueinander…ich lebe manchmal sehr froh und glücklich in einem Borges-Roman, nur um dann ein Eco-Buch aufgeschlagen zu haben und mich am Ende irgendwie wie Geiser in seinem donnerumrauschten Knäckebrot-Pagoden-Haus wiederzufinden (zum Schluss lande ich dann in meiner eigenen Version des Schulthess-Wäldchens) …es gab in der alten Spielzeit im Jenaer Theater ein Kurzstück von Martin Crimp; „Im Tal“, wo eine nicht weiter thematisierter letzter Mensch, der mit einem Schaf zusammenlebt, einen wirren Monolog, der irgendwie eine postmoderne  Version Geisers ist, hält (im Übrigen glaube ich nicht an die Postmoderne, sondern, dass die Moderne noch immer voll im Gange ist, woran sei sie denn ansonsten denn vorgeblich vorüber?)…

„SIEH UNS AN. OB’S DIR GEFÄLLT ODER NICHT, WIR HABEN DAS KOMMANDO ÜBER DAS GESAMTE UNIVERSUM – VON DEN PRÄZESSIVEN STERNEN BIS ZU JEDEM UNTERBELICHTETEN SCHAF, DAS DURCHS TAL TAPPT […] ICH HABE GOTT GESEHEN; IN MEINER KÜCHE; IN MEINEM HAUSFLUR…ER FRAGT, BIST DU MANCHMAL AM (l)L(l)EBEN?…JA…ABER WAS HEIßT AM (l)L(l)EBEN?“,

wenn man sich an nichts mehr richtig erinnern kann, weil keiner da ist, der eines Gedächtnisses bedarf, die Natur braucht kein Gedächtnis und ich brauche im Augenblick keine Ikonologie, aber Wissen beruhigt, auch wenn man nicht weiß, wozu sonst es gut ist (was fange ich eigentlich damit an?).  Aber nicht auf die pseudo-endgültig-wahrhaftige Weise. Wissenwollen besteht aus der Neugier auf die Welt, die Menschen, die Naturwissenschaften , das dem Zweifeln mehr abgewinnt als Gewissheiten. Das Enzyklopädische ist zwar vielleicht vorbei, aber deshalb muss man ja noch lange nicht alles aufgeben, es ist wie Sammeln, man möchte vielleicht gar nicht fertig werden. Und doch ist es frustrierend und anstrengend und ich möchte mich dem manchmal verschließen, versuche es auch, klappt nur meistens wenig und wenn es schein bar doch funktioniert, bin ich ganz schnell wieder auf dem Sprung, weil ich das dann auch nicht aushalten kann, ich kann in dem Bereich nie richtig abschalten. Irgendwie ist das ähnlich dem des Anderssein sagte, der eine Zustand macht einem immer den anderen bewusst und auch wenn ich evtl. oder sicher einen Zustand lieber habe als den anderen, kann auch ich nicht umhin, den anderen auch mal zu brauchen oder zu ersehnen.

Am Ende bin ich eben keine Rhetorin, sondern Schriftstellerin, immer gewesen. Wenn ich schreibe, beginne ich, etwas zu verstehen. Vorher verliere ich mich im Leben und verstehe gar nichts. Ich beginne die Realität zu verstehen, über die ich schreibe. Ich schreibe immer. Auch wenn ich nicht schreibe, schreibe ich; das heißt, ich denke. Allerdings läuft das Denken und dann Sprechen ohne Schreiben in der ihm eigenen Trägheit ab und es hat seinen eigenen Preis.

Die Völker von Dora

Gen Nordhausen, genauer Mittelbau-Dora (sag noch einer Rammstein-Videos sind zu nix nutz…mich haben sie drauf gebracht, dort endlich mal hinzufahren, denn Mittelbau-Dora ist ja im Video zu sehen und nicht wie alle unken Auschwitz).

Und dieser Sonnenschein…So ein Tag so wunderschön wie heute…möchte man sagen…die Natur kennt keine Moral und kein Gedenken, sie holt sich immer zurück, was man ihr nahm…aber als klassischer Symbolist könnte man auch die roten Bodenblüher sprießen sehen; das Blut quillt weiter aus allen Ecken hervor…

„Hier wird wie an kaum einem anderen Ort die Rechtfertigung von Zeitgenossen in Frage gestellt, sie hätten vom ausgedehnten Lagersystem nichts geahnt – die Nazis hätten Zwangsarbeit und Massensterben vor ihrem eigenen Volk geheim gehalten. Mittelbau-Dora war zwischen 1943 und 1945 für die Menschen in den umliegenden Dörfern und Städten das KZ von nebenan. Mit mehr als 40 Außenlagern erstreckte es sich über den gesamten Südharz. Fast jeder Ort hatte damals sein Außenlager. Häftlinge wurden an einheimische Firmen ausgeliehen, wo sie Werkbank an Werkbank mit deutschen Kollegen arbeiteten und nicht selten von diesen gedemütigt und misshandelt wurden. Zivilisten befehligten die Arbeitskolonnen, die Tag für Tag durch die Orte zogen – mitsamt Leichen von verstorbenen Häftlingen auf einem Karren.“ (Jan Friedmann)

Wo heute schneeweiße, bauschigste Schäfchenwolken über den Berg ziehen, trieb früher dicker, grau stinkender Qualm bis nach Nordhausen aus dem Schornstein des Krematoriums oder von den zahlreichen Scheiterhaufen, die entzündet wurden, weil das Krematorium all der Leichen nicht mehr Herr wurde. Und alle haben es gesehen und gerochen (!), egal, was sie sagen.

Und dann im Stollensystem (groß genug für 2 Züge)…

„Dora und Mittelwerk, dass ist Hochtechnologie und Menschenverachtung. Hier stand nicht die Wiege der deutschen Raumfahrt, hier stand höchstens ihr Sarg.“ (Christian Klemke)

Untergrundfabrik und Konzentrationslager, Grab tausender Zwangsarbeiter und Gehäusemagazin der berüchtigten Terrorwaffe V2, die Städte wie London und Antwerpen in Angst und Schrecken versetzt hat. Und deren Technik später in den USA weiterentwickelt wurde…der dunkle Schatten des Raumfahrtpioniers Wernher von Braun…hier haben die Amerikaner nur konsequent fortgeführt, was schon bei den Nazis galt, Technologie vor Menschlichkeit. Brauns Technik war wichtiger als das, was er dafür getan hatte. Schon erstaunlich, dass in all dem Reden über die weiteren Karrieren der Alt-Nazis Braun selten erwähnt wird. Der Mann, der höchstpersönlich Häftlinge für Mittelbau aussuchte, wo sie unter gotterbarmenden Zuständen arbeiten müssten, hat die ersten Menschen auf den Mond gebracht, mehr Extrem geht nicht. Und o sitzt man am Apellplatz und fragt sich wie es sein kann, dass diese Dinge so nebeneinander, ineinander existieren können; Vogelgezwitscher und Folterschreie, ein KZ neben einem Dorf, artifiziellste Technik neben sporadischsten Zuständen, Licht und Schatten…und singen nicht Rammstein neuerdings: So jung, und doch so alt
Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen…
Besser hat es eigentlich noch einer gesagt; in »Negative ­Dialektik« schrieb Adorno:
„Dass es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst u nd der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, dass diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. In jenen Sparten selber…haust die Unwahrheit.“

Mir hat mal jemand von der Klassenfahrt nach Auschwitz erzählt und dass solche Orte in seinen Augen schrecklich sind und manche rührte es nicht im Herzen…Ehrlich gesagt rührt es mich auch nicht, jedenfalls nicht in so einem sentimentalen Sinne, es hat eher so was dumpf Kaltes, das mich seltsam beschwert und fast beleidigt irgendwie.

Hab mit einem der Mitarbeiter dort (keine normale Aufsichtsperson, sondern einer, der Ahnung von was hat) kurz im Shop unterhalten, weil ich den nach ner Buchempfehlung fragte), weil ich ja immer, auch bei Buchenwald etc. immer so konsterniert bin über so Sachen wie, der örtliche Brot- und Bierliefernat liefert ins KZ usw…bei sowas hab ich immer Kopfkino wie einer da jeden Morgen in dieses Elend fährt um Brot zu liefern, was dachten und fühlten solche Leute, wenn sie es denn taten. Und (und das ist auch eine gewisse intellektuelle vlt. morbide Faszination) über diese Verwaltungsmaschinerie und Verflechtung, dieses Ordnungssystem der Barbarei, was ja zb Wachsmann in seinem KL-Buch ziemlich gut beschreibt, so ein ähnliches hab ich dann auch über Dora mitgenommen, wo eben wirklich dieses Nebeneinander höchsten Stand der Technik und niedrigsten Stand der Humanität nochmal aufgegriffen wird.

Ist genauso wie das Reichssippenamt (https://www.merkur-zeitschrift.de/2019/02/19/eine-eurozentrische-geschichte-des-kapitalismus-gefangen-in-der-kritik-der-kapitalismuskritik/) besondere Note der verwalteten Welt – obwohl Adorno das ja postfaschistisch verortet und nach Weber war das ja nie eine Verwaltung, mit Luhmann doch in perfidester Form, denn im Grunde diente ja auch das als Unsicherheitsabsorption und Kontingenzbewältigung.

Wo wir wieder bei der Sparte sind, die schon die Unwahrheit ist. Es gab keine NS-Verwaltung in dem Sinne, sondern die Nazis haben sich die inneren System-Mechanismen der Verwaltung zu eigen gemacht. Ist ja mittlerweile trivial, dass in den Amtsstuben keine sadistischen Ungeheuer, sondern phantasie- und leidenschaftslose Bürokraten saßen, für die der Massenmord an den Juden, die Zwangssterilisierung „erbkranker“ Menschen oder die Tötung von Geisteskranken und Behinderten in erster Linie ein verwaltungstechnisches und formaljuristisches Problem war.

Am Ende sieht’s doch so aus…Freiheit und Humanität werden nicht nur durch neofaschistische Gruppen gefährdet. Es gibt obrigkeitsstaatliche Tendenzen, die Bestandteil unserer politischen Kultur sind. Und es gibt Gefährdungen durch moderne Techniken. Genau wie damals.

André Leroi-Gourhan

In seinem kurzen Essay „Domestikation von Zeit und Raum“ sagt Leroi-Gourhan das dies die menschliche Tatsache par excellence sei.

Prinzipiell unterscheidet er wei Arten der Wahrnehmung, der ein Individuum umgebenden Welt. Entweder als Strecke, als Bahn, während der dynamischen Durchquerung des Raums, oder als konzentrisch aufeinander folgende Kreise, die das Bild in zwei einander gegenüberliegende Oberflächen, den Himmel und die Erde, die am Horizont zusammenlaufen teilen. Und während er verschiedene Tierarten (überwiegend) entweder die eine oder die andere Art der Wahrnehmung zuschreibt, meint er dass der Mensch beide mit dem Gesichtssinn verknüpft, allerdings je nach Dies- oder Jenseitigkeit der Sesshaftwerdung in verschiedenen proportionalen Relationen zueinander (er erkennt Anzeichen dafür in Malereien, Erzählungen, o.ä.)…Vereinfacht: der nomadische Jäger-Sammler erfasst die Welt rund um ihn über die Wege, auf denen er sie durchwandert; der sesshafte Bauer erfasst die Welt rund um seinen Hof als konzentrisch angeordnete Kreise. Die durch Sesshaftwerdung induzierte neue Gewichtung der Wahrnehmung prägte die Form jeglichen Dispositivs des sozialen Lebens (Zentralisierung, Hierarchisierung, Städte als Zentren…wie bei Sieferle das Energiesystem).

Logisch darauf folgendes und zu lösendes Problem ist die räumliche Integration des Individuums. Die Integration der Individuen in den städtischen Organismus wird durch Rhythmen gewährleistet, die die kollektive Konditionierung bestimmen. Die Stadt wird zum Orientierungspunkt, um diesen humanisierten Kern mit seiner natürlichen Umgebung in eine kontinuierliche Ordnung zu bringen. Der humanisierte und durch symbolische Zuordnung bestimmte Mikrokosmos als Zentralpunkt der in einen Makrokosmos integrierten Anordnung von Himmel und Erde, von Süd, Nord, Ost und West. Durch diese räumliche (und zeitliche) Integration versucht Mensch das Universum unter seine Kontrolle zu bringen. Man hat Macht über einen Gegenstand nur dann, wenn man ihn benennt; das Symbol regiert den Gegenstand.

In einem seiner anderen Schriften geht es aber um die Religion der Vorgeschichte, im Grunde könnte das Buch auch heißen, warum es unzulässig ist ein Buch so zu nennen; zum einen, weil der Religionsbegriff ja selbst schon schwierig ist und zum anderen, weil jegliche Interpretation von gefundenen Materialien (denn schriftliche Quellen gib ess eben nicht, nicht einmal orale, die später geschrieben wurden) aus heutiger Sicht in mehr oder minder große Spekulation führt, die von den vorherigen Denkschichten der Moderne total überlagert sind. Weder Häufigkeiten, noch Gegenstände allein erzählen irgendwas verständliches.

Schön wie er anführt, man müsse sich vorstellen wie ein Außerirdischer Kirchen besucht und versucht aus deren Zeugnissen auf das Christentum und sein Denken/Rituale etc. zu schließen, so wie es so manche Prähistoriker mit Lochstäben und Höhlenmalerei gemacht haben. Es käme wahrscheinlich großer Quatsch heraus bzw. es ist so etwas rausgekommen…es muss zwar nicht falsch sein, aber es kann nichts bewiesen oder tatsächlich mit Gegenständen belegt werden, außer, dass es in der Zeit der Höhlenmalerei ein Symbolsystem gab (das können die Funde wohl belegen), wie es funktioniert hat und was der Inhalt war, kann dagegen nicht gesagt werden.

Hätte ich das mal gelesen, ehe ich damals in dieser Ausstellung in Berlin war (https://rietberg.ch/ausstellungen/frobenius). Spielt auch in das hinein, was bei Sieferle oft gesagt wird, dass diese nachträgliche Komparatistik den früheren Phänomenen gleich etwas auferlegt, was sie niemals in sich haben konnten (die Mär von der lediglich primitiven Form des Heutigen) und von Praktiken sog. heutiger „Naturvölker“ auf Prähistorie zu schließen, auch da wieder Sieferle…als ob amerikanische Ureinwohner (Totemismus zb…ob die Prämenschen Clans gebildet haben ist zumindest fraglich) oder Aborigines noch Steinzeitmenschen seien, mal davon ab, dass die Bedingungen in Europa eben auch ganz andere waren als bspw. in Australien.

Das Buch ist von 1964, aber diese Vorstellungen haben ja leider bis heute überlebt, wenn man sich das so ansieht…ich interessiere mich ja sehr für diese Höhlenzeichnungen und mit Leroi-Gourhans Hypothesen, die sehr bescheiden und auf nachvollziehbaren Belegprämissen beruhen, ist es eigentlich viel faszinierender als dieser ganze schamanistische Wildenzauber, der manchmal daraus gemacht wird. Ich muss nochmal Herzogs  Chauvet-Film ansehen (der hält sich zumindest dezent mit  allzu viel Spekulation zurück).

Trainspotting 2

Komme eben aus Trainspotting 2 (OmU, also verrry scotish)…Trainspottalgia…man schaut diesen tragisch-komischen Film über das Altern (freut sich und ist gerührt über die zahlreichen Anspielungen) und bekommt ein bisschen die gleichen Gefühle wie die Protagonisten und muss aufpassen nicht wie zum Tourist oder gar Gefangener seiner eigenen Kindheit und Jugend zu werden(ich sah den Film mit 12 – also als er schon zwe Jahre alt war und hab danach alle Welsh-Bücher gelesen und nur noch so geredet und geschrieben, so angezogen und mir das geile Leben so vorgestellt, vielleicht mit etwas weniger heftigen Drogen) als Zynismus der coolste Scheiß überhaupt war, das Leben nicht schnell genug sein konnte und man eben nicht Job, Karriere, riesige Fernseher, gute Gesundheit und auf der Couch sitzen wählen wollte und nun? Man ist ganz froh über gute Gesundheit und hat gern Job und vielleicht auch eine Karriere, und ab und an mal auf der Couch rumlümmeln ist auch ganz nett…

Choose Facebook, Twitter, Instagram and hope that someone, somewhere cares. Choose looking up old flames, wishing you’d done it all differently. And choose watching history repeat itself. Choose a two hour journey to work. And choose the same for your kids, only worse…

Nur die Musik, die Musik bleibt geil…

Arabische Philosophie

Unverständliche Kurzfassung meiner Geisteslandschaft nach einem FSU-Blockseminar „Arabische Philosophie…

Ein ganzes Wochenende philosophischer Blendung aus dem strahlensten Denkgebäude des alten Orients…Aristoteles der alte bewegte Beweger wusste, die Wahrnehmung vermag nach dem heftig einwirkenden Wahrnehmungsgegenstand nicht wahrzunehmen… Averroës folgert, dass derjenige, der die Sonne betrachtet hat, nichts Geringeres als sie betrachten kann [da] das Auge von dem kräftigen Wahrnehmbaren etwas erleidet und einen Eindruck erfährt…, doch die Vernunft wird leichter und besser bei kräftiger Erkenntnis…woher kommt die Vernunft bzw. der materielle Intellekt oder allg. der Geist und gibt es nur diesen ein für uns alle (hat fast schon was von Hegel)? Das Persönliche geschieht nur in der Imagination? Oder ist die Welt, Al-Fārābī und Avicenna abgefahren weitergedacht, das unendlich Eine, dass sich selbst denkt und sich so als notwendig existierend als unendlich erkennt…die Imagination das Nahste des Menschen ans erste Seiende? Der ultimative reinste Okkasionalismus? Und alle Ideologen und Fundamentalisten will man mal zurufen bei ihrem Ahnen Al-Farabi, und seinen „Bewohnern der vortrefflichen Stadt“, nachzuschlagen bei dem Religion nur der niederste Symbolausdruck der allg. Sinnsuche war:

Das was am besten bekannt ist, varriiert…deshalb werden alle diese Dinge für jede Nation auf andere Weise als für andere Nationen ausgedrückt…es ist möglich, dass es Nationen gibt, deren Religion sich voneinander unterscheidet, obschon sie alle sich auf ein und dasselbe Glück berufen und genau dieselben Ziele haben.„…“denn die Wahrheit steht nicht im Widerspruch zur Wahrheit, sondern stimmt mit ihr überein und legt Zeugnis ab für sie.

(Averroes) Wahrheit = Der apodiktische Beweis des Philosophen Im Grunde kann gar nicht so viel dazu schreiben/sagen, weil ich’s selbst nur wenig verstanden habe bzw. nicht so, dass ich das ordentlich erklären könnte. Vielleicht aber die Bedeutung, die mir klar wurde, bzw. was das geschichtlich bedeutet…Schon abgefahren, was diese Leute sich so damals alles erdacht haben…viel ist einfacher zu verstehen, wenn man Aristoteles kennt (vor allem sein „De Anima“), weil die sich ja an dem abgearbeitet haben als in Europa die Germanen „unkultiviert“ herumholzten und die griechischen Gedanken in die Versenkung gingen bzw. in die arabische Welt, was ja nicht nur Araber waren (wie die meisten Texte aus dem Griechischen auch von syrischen Christen übersetzt wurden)…die drei „Großen“ waren alle keine, sondern aus dem heutigen Usbekistan, Persien und Spanien…für alle war Philosophie die höchste Wissenschaft und die älteste überhaupt, Philosophie als die Suche nach Wahrheit und Wahrheit das allerletzte Ziel, die absolute Glückseligkeit nach der alle Menschen streben (sollten). Sowas wie der mystische (Mystik gibt es in dem Kulturkreis ja auch) Bildungsbegriff des Mittelalters steckt bei denen schon drin, sie habens nur nicht so genannt.

Und der Einschnitt, der für diese Kultur kam, und im Grunde radikaler und tragischer war als z.b. der Mongolensturm in Europa, war eben die Mongolenübernahme durch Tamerlan bzw. als orthodoxe Religion ein Machtinstrument wurde, die hat erstaunlicherweise nicht nur Dinge materiell zerstört, sondern gerade durch die Zementierung eher konservativer Islamwerte dieses zerstört. Deswegen ist es auch unzulässig vielleicht heute aus Nettigkeit zu sagen, ach der Islam hatte auch mal einene Blüte…jein, würde ich sagen, eventuell. hat es eher wenig mit dem Islam zu tun gehabt damals, eher in die negative Richtung dann später. Immer wieder erstaunlich was für Gedanken schon gedacht wurden und in unserer Zeit, die sich ja als so aufgeklärt und wissend sieht, kaum noch bekannt ist…

Jacob Böhme-Tagung in Jena

Bei mir heute nicht-universitäres Abhängen in Schillers Gartenhaus mit dem internat. Jacob Böhme-Institut, das der Romantiker-Rezeption Böhmes nachging.

Seit ich vor einiger Zeit diesen großartigen Böhme-Film von Ronald Steckel gesehen hatte, interessiert der mich, war insofern passend und mal wieder erstaunlicher Zufall, dass jetzt diese kleine Tagung hier war.

Zu meiner Überraschung war Steckel (der ja u.a. auch schon mal eine lange DLF-Nacht gemacht hat) mit samt seinem Darsteller Klaus Weingarten sogar vor Ort! Zwei tolle Typen. Steckel hat sein erstes Hörspiel von 1981 vorgespielt, dass er mit dem RIAS damals gemacht hat, als Experiment, ob man Texte wie von Simone Weil, Böhme und im Beispielfall von Novalis als Hörtext konzipieren kann, ohne das zu trockenen Vorlese-Vorführ-Deutungs-Spektakel zu machen. Das hatte man im Radio damals wohl eher nicht gemacht bzw. nicht die Sprecher dazu, weil die Schauspieler immer zu sehr ihre eigene Show abzogen.

Jedenfalls hat er dann mit Michael König, der an einem weiß gedeckten Tisch mit Rotwein Novalis las, dieses Stück gemacht, König hustet und atmet und trinkt und verwirrt sich im Text (eben weil er nicht vor-liest, sondern eher sich etwas er-liest), was tatsächlich, für mich eine richtig gute Stimmung machte, weil es wirklich um den Text als Text ging, nicht um die Präsentation einer Deutung…überhaupt der Text, ungeordnete Novalisfragmente, die schön nochmal das vulgäre Novalis-Bild des zart-empfindsamen Jünglingspoeten demontierten, dem ich ja auch lange aufsaß, bis ich ins Jenaer Romantikerhaus ging und eines Besseren belehrt wurde. Und heute für mich eine Linie zog von seinem Europa-Text zum Katholischen Fühlen von Mario Perniola…allein schon dieser Anspruch: „Wir sind auf einer Mission zur Bildung der Erde…der Zweck aller Zwecke, die Erhebung des Menschen über sich selbst…der Poet als transzendentaler Arzt…bis hin zum Erotiker, der das Metaphorische in der Analogie von Essen/Sexualität sehr schön ausführt und gar so weit geht sich zu fragen, ob die Geschlechtslust – die Sehnsucht nach fleischlicher Berührung – das Wohlgefallen an nackenden Menschenleibern nicht ein versteckter Appetit nach Menschenfleisch sei…und wenn er Philosophie als Heimweh bezeichnet danach überall zu Hause zu sein, muss ich an John Berger denken:

I think that all desire, including sexual, is the desire to be in a certain place, if only a place consumes us and gives us energy. But when I say place I don’t mean a geographical place… It’s where your finger fits or where your foot rests.”

Was den Rest der Veranstaltung angeht, meine Anfrage, ob der Teilnahme wurde bereits mit freudiger Überraschung aufgenommen, als ich ankam, 10min. zu spät und alle schon andächtig da saßen, waren die Blicke ebenfalls größtenteils überracht-verwirrt, man fühlt sich immer wie ein Alien (mein Alien-Status verfolgt mich ja durch viele Gruppensituationen, auch wenn die Gruppen untereinander heterogen verschieden sind, was ja paradox ist, man passt nirgends). Aber ich war fast etwas entsetzt auf welche furchtbare Weise die Wissenschaftler da ihre Sachen präsentiert haben, erstrecht, weil das eine eher kleine, informelle Runde war (wo sich viele auch noch kannten), und dann so dröge irgendwelche seitenlangen Texte vorlesen, anstatt eher sowas wie kleine, freie Impulsvorträge zu halten, die die Leute nicht einschläfern und erschlagen.

Wunderlich auch, wenn man Hegel erklärt, indem man wie Hegel spricht, für mich schlechter Stil. Wenn Geisteswissenschaftler so sind, dann wäre das ein abschreckendes Beispiel für junge Menschen. Dabei habe ich ja in der Pause usw. mitgekriegt, dass die alle eigentlich ganz locker und witzig sein können, selbst hinsichtlich ihres Themas, warum also so fürchterlich zum Abgewöhnen in den Beiträgen. Ich sah wie der Böhme-Darsteller aus dem Film dauernd die Augen rollte und glaub ich bisschen verstört war, was die da so brachten. Dazu kam noch, dass bei der Diskussion um den Bildungsbegriff anscheinend keiner der Anwesenden dessen Ursprung in der mittelalterlichen christlichen Mystik kannte (gibt’s denn sowas?), von da könnte man nämlich sehr leicht die Verbindung zum Pietismus und Böhme ziehen. Ich warf das ein, aber das hat irgendwie keiner kapiert. Schlimm.

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