BRD Noir

BRD Noir… ein Buch, das ich schon damals bei Erscheinen 2016 gelesen hab und es kam mir die letzten Tage wieder in die Hände als ich mit der Ma der Goldene Handschuh sah, immer noch gut. Mich hat damals tatsächlich schlicht der Titel so angesprochen, dass ich das Buch ohne große, weitere Infos gekauft habe. Es gab dieses Gespräch als DLF-Sendung, die ich auch gern gehört habe seiner Zeit.
Quasi in Abgrenzung zum Grau des Nachkriegswestdeutschlands geht’s ans spezifisch Schwarze heran, wobei ich das Noir der Alt-BRD ja vor allem braun finde (das ist jetzt nicht ausschließlich politisch gemeint, sondern ingesamt, eben so wie in diesem Band – dumpfe Biederkeit und verdrängte Gewalt). Die Autoren Felsch und Witzel thematisieren die Verdrängungs- und Verklemmungsszenarien einer Gesellschaft im Übergang. Wohlweislich handelt es sich vor allem eben um ein Gesprächsband, nicht eine fachwissenschaftliche Analyse, man sollte also den Anspruch daran auch nicht so haben, viel mehr lädt es ein, sich auch näher und tiefer damit zu beschäftigen.
Felsch schreibt in einer Art Vorwort:

„Die alte Bundesrepublik? Das war doch das Land, in dem die Achtundsechziger mehr Demokratie wagen, wollten, bevor ihren Kindern beim Playmobilspielen der Glaube an eine bessere Zukunft verloren ging. Vollbeschäftigung und Voltigieren, soziale Marktwirtschaft und Wetten, dass..?. Wenn es stimmt, dass sich jede Zeit in der Mythologie ihrer jüngeren Vergangenheit bespiegelt, dann reflektierte sich die Berliner in der Harmlosigkeit der Bonner Republik. Politisch unpolitisch und ästhetisch unergiebig: Wer von der neuen Hauptstadt aus die alten Bundesländer bereiste, wurde den Eindruck nicht los, in eine von der Geschichte abgehängte Provinz zu kommen. Im Gegensatz zu den östlichen Landesteilen hatten die Fußgängerzonen und sonstigen Bausünden der Siebziger- und Achtzigerjahre nicht einmal Ruinenromantik zu bieten, sondern waren einfach nur hässlich.
[…]
Die Bestandsaufnahme ihrer zivilisatorischen. Errungenschaften scheint bis auf Weiteres abgeschlossen. Jetzt folgt die schwarze Romantik der Bundesrepublik. In letzter Zeit wird sie ästhetisiert, verfremdet und verzaubert, wobei die älteren Narra-tive keineswegs als wirklicher oder wahrer zu gelten haben. Doch anders als der Ostalgie in ihren verschiedenen Spielarten liegt diesen Reminiszenzen das Idyllische vollkommen fern. Hinter dem Gewöhnlichen spüren sie das Bizarre, hinter dem All-tag den Abgrund und in der Provinz das Unheil auf. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Optik des BRD Noir. Ein Kulturwissenschaftler untersucht die Kachelfassaden der Kölner Nachkriegsarchitektur und denkt über die Obsession der Abwaschbarkeit nach. Ein Fotograf bildet die Hinterlassenschaften eines Paderborner Witwers in grellem Blitzlicht ab und entdeckt in der Begegnung von Flaschenöffner und Fernbedienung auf einer marmornen Couchtischplatte die geheime Essenz der BRD. Ein viel diskutierter Autor rekonstruiert den Fall eines Hamburger Prostituiertenmörders aus den Siebzigerjahren und verfolgt, wie sein Protagonist bei über vier Promille in einen heillosen Blutrausch geriet. Ein mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Autor schildert ein katholisches Milieu in Wiesbaden, dessen Archaik eher an Süditalien als an Westdeutschland denken lässt.“

In dem Zusammenhang auch wieder aus dem Merkur-Archiv:
Viele kennen sicher dieses legandäre Radio-Gespräch zwischen Adorno und Gehlen von 1965 kennst? Gibt’s auch auf youtube.
Einen Text Gehlens von 1963 hat der Merkur auch wieder hervorgeholt und ich finde ihn auf mehreren Ebenen bemerkenswert: Gehlen zeigt sich hier als Kulturkritiker, der nicht zu Tode kritisiert, sondern versucht produktiv zu sein (wider die Mechanisierung des Lebens), und als genauer Beobachter der alten BRD. Für mich nimmt er nicht nur die Nachkrieg-Beschleunigungskritiken vorweg, sondern durchaus auch einen Anflug der Risikogesellschaft – und vor dem Corona-Hintergrund liest sich der Text auch nochmal mit einer speziellen Brille. Last but not least taucht hier schon auf ein Moment auf des aktuellen Social Media Diskurses, aber auch allegemein auf: das Verschwinden der erlebten Gegenwart zugunsten der Zukunftsantizipation.
Hier unterhalten sich die Herausgeber mit dem Journalisten Thomas E. Schmidt über den Text – das Gespräch beginnt angenehm, ich hatte aber leider das Gefühl, dass die beiden Herausgeber unbedingt darauf aus waren Gehlens nicht zu leugnenden Konservatismus zu einem genrellen Problem zu machen:
https://www.youtube.com/watch?v=8zYvMRLxjiQ&feature=youtu.be

„…im Unterschied zu allen Zeiten vor uns fallen aus technischen Gründen in dieselbe Zeitspanne weit größere Ereignismassen als früher, die nun in irgendeiner Weise zu verarbeiten sind. Denn mit der Schnelligkeit der Übermittlung steigt natürlich auch die Zahl der Ereignisse, die ankommen oder fällig werden können, weil in demselben Verhältnis der »Einzugsbereich« sich vergrößert. Dabei bleibt die Notwendigkeit, auf wichtige Vorgänge schnell zu reagieren, in unserer Überlegung noch außer Ansatz, aber es ist klar, daß mit der Zahl der Informationen auch die Zahl der wichtigen unter ihnen zunehmen muß. Oder wenn ich in wenigen Stunden in Hamburg oder Wien oder Paris erscheinen und mich dort informieren oder betätigen kann, dann werden zahlreiche Ereignisreihen sozusagen dispositionsfähig, sie werden im Sinne des Michangehens »möglich«, während sie vorher völlig außerhalb des Bewußtseins lagen.

[…]

Eine irgendwie verantwortliche Tätigkeit nämlich besteht ja nicht in dem Aufarbeiten der Agenden in der Reihenfolge des Eintreffens oder der Fälligkeit. Wäre dem so, dann ließen sich auch wachsende Mengen von Geschäften durch die Temposteigerung der Erledigung abfangen. Aber eine derartige Routinearbeit charakterisiert die verantwortlichen Positionen gerade nicht, dort kommt es nämlich zum großen Teil auf das Veranlassen von Ereignissen an, auf ihre Vorberücksichtigung, Vorberechnung und Vorbewertung. Je wirksamer man nun in diesem Sinne plant, kalkuliert und die Daten bereits im vorhinein auf Abruf abklärt, je rationaler man verfährt, um Störungen und Zufälle auszuschließen, um so mehr leere Zeit schafft man in der Zukunft, in die neue Ereignismassen einrücken können. Ein Prozeß dieser Art reißt den Menschen in die Zukunft hinein, und läßt ihn nicht zum ruhigen Gefühl der Gegenwart, zum Sichsammeln kommen. Zeit hat man natürlich jetzt nicht, die hat man allenfalls später; mit der Zeit in der Zukunft kann man aber schlechterdings nichts anderes anfangen, als sie zu verplanen, denn leben in ihr kann man nicht. Da man aber früher schon immer genauso verfuhr, so ist auch die Gegenwart »ausgelastet«. Kraft dieser Gesetzlichkeit leben wir daher der Gegenwart vorweg, und zwar mit nicht mehr steigerungsfähigem Tempo, und diese Gegenwart bekommt einen wesentlich negativen Zug: sie besteht im Abhaken, im Erledigen des für jetzt Vorwegarrangierten. Quer in diesen Strom schießen aber die unvorhergesehenen Begebnisse ein, die aus unbestimmt großen Räumen einfallen und sofort beantwortet, beurteilt, beschieden werden müssen.

[…]

Früher z. B. wurden die Menschen von irgendwelchen Krankheiten überfallen, es ging gut oder nicht, und sie schöpften schon Hoffnung, wenn der Arzt den lateinischen Namen nannte. Viel mehr wußte er selbst nicht davon. Heute kennen wir erstens von sehr vielen Krankheiten bis ins einzelne Ursachen und Ablaufsformen, wir kennen die Heilmittel und ihre Art der Einwirkung, und vor allem haben wir eine Krankheitsverwaltung, die diese Dinge auch wirklich an den Kranken heranbringt.

Darüber hinaus aber entsteht eben mit dieser Handlichkeit der Ereignisse auch wieder der Sog in die Zukunft: nächster Schritt ist dann natürlich die Vorwegverhütung des Eintretens von Krankheiten, und damit entstehen neue Forschungen, Fabrikationen, Propagandamaßnahmen, Kontrollen und Stichproben, die nacheinander zur Bearbeitung anrücken. Ich habe den Ausdruck »Handlichkeit« gebraucht: die rational durchsichtigen Realitäten sind diejenigen, die wir kausal beherrschen, sie tragen sozusagen unsichtbare Handgriffe und sind »verfügbar«. Die Masse derartig disponibler Tatsachen wächst nun unaufhaltsam, es wächst auch ihre Verwicklung und gegenseitige Durchdringung, doch wiederum auch unsere Fähigkeit, recht komplizierte Ereignisgeflechte zu handhaben. Heutzutage kann man Ernteerträge, Parlamentswahlen, Bevölkerungszunahmen, Verkehrssteigerungen, Geldwertänderungen und Kunstrichtungen vorkalkulieren, also auch vorweg beeinflussen oder irgendwie verwerten, man stellt sich auf sie ein und veranlaßt das Nötige.

[…]

Folglich entsteht ein Unfallverhütungs-Programm, es beschäftigt schon Stäbe und Forschungsgruppen, und nur der Mangel an Ärzten verhindert die Nachuntersuchung sämtlicher Inhaber von Führerscheinen. Solche Projekte werden erwogen, um das künftige Entstehen unkontrollierter Ereignisse möglichst heute schon zu verhindern. Diese Daseinsform führt eine ungemeine moralische Belastung und wahrscheinlich sogar moralische Überreizung mit sich. Die Überlastung besteht darin, daß mit der Zunahme der Größe und Handlichkeit der Ereignismassen der Zukunftsbereich des überhaupt Möglichen immer erfüllter und deutlicher wird, wie mit dem Fernrohr angeschaut, und daß nun bereits das zukünftig Mögliche, also das Wahrscheinliche, unser Verantwortungsgefühl aufstöbert. Man kann das Wahrscheinliche nicht auf sich beruhen lassen, es läßt uns keine Ruhe, es gibt kein dolce far niente.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/arnold-gehlen-das-gestoerte-zeit-bewusstsein/

Und noch ein 60er Jahre Schlager aus dem Merkur: Plessners 1962er Text über die Faszination und Sehnsucht der damaligen BRD für die sog. „Goldenen Zwanziger“…auch das ja derzeit nicht unaktuell, die Legende und seltsam erfahrungslose Nostalgie nach diesem Jahrzehnt ist ja nicht erst seit „Babylon Berlin“ wieder höchstpräsent:

„Die zwanziger Jahre haben es zur Zeit sehr gut bei uns. Der Expressionismus steht wieder in hohem Ansehen. Die Drei-Groschen-Oper ist nicht totzukriegen und selbst die Schlager von damals erleben eine Renaissance. Kaum eine wissenschaftliche Disziplin —ich erinnere an die einflußreichen Schulen der Phänomenologie, der neukantischen Tradition und des Wiener Kreises in der Philosophie, an die Gestaltpsychologie und die Psychoanalyse, an Planck, Einstein und die rapide Entwicklung der Physik, an den Einfluß Georges auf Literaturwissenschaft und Geschichtsschreibung — keine künstlerische Disziplin, kein literarisches, bildnerisches, architektonisches, musikalisches Bemühen, das nicht die anderthalb Jahrzehnte zwischen 18 und 33 um ihre Ideenfülle, ihren Wagemut, ihre Ausstrahlungskraft beneidet.

Das ist insofern merkwürdig, als sich in dieser Zeit die katastrophale Entwicklung zum Nationalsozialismus vollzogen hat, für welche die Weimarer Republik in ihrer Rechtsprechung, Finanz- und Wirtschaftspolitik unmittelbar die Verantwortung trägt; mittelbar aber gerade auch das geistige Klima, dem wir die Ideenfülle, ihren Schwung und ihren Extremismus verdanken. Politisch ergibt sich die Anknüpfung an den ersten Versuch einer demokratisch-parlamentarischen Ordnung in Deutschland heute von selbst, eine Anknüpfung allerdings mit eingebauten Sicherungen, die eine abermalige Selbstzerstörung durch innere Kräfte unmöglich machen sollen. Psychologisch jedoch erklärt sich das Anlehnungs- und Orientierungsbedürfnis aus der Generationslagerung heute: geschieden von der fraglichen Epoche durch die Todeszone des Dritten Reiches, steht sie für die über Sechzigjährigen im Glanz ihrer eigenen Jugend und für die Jungen unter Vierzig im Lichte einer Zeit, die sie nur aus Erzählungen kennen. Beide Aspekte wirken im gleichen Sinne einer Übersteigerung und perspektivischen Verkürzung, welche die Fülle des Talents, den Reichtum der noch heute gültigen, ja erst recht wieder gültigen Namen auf ein seltsam begünstigtes Dezennium zusammendrängen und seiner Legende Vorschub leisten.

Begünstigt war es — wenn auch nicht eben glücklich, denn bis 23 dauerte die Inflation und 29 begann die große Krise — durch die plötzliche Entsicherung der Nation, welcher der Rückhalt an einer sie im Ganzen überzeugenden Staatsidee fehlte, genauer gesagt: zu einem Zeitpunkt wieder genommen wurde, in dem er sich gerade zu bilden begonnen hatte. Ohne diesen zu frühen Abbruch einer an sich verspäteten Entwicklung 1914 lassen sich die zwanziger Jahre nicht verstehen.

[…]

Diese 1918 uns durch einen verlorenen Krieg gewonnene Chance haben wir seit 1933 wieder verspielt. Seit 1945 ein Volk ohne Hauptstadt, beginnen wir die verlorenen Möglichkeiten der zwanziger Jahre zu begreifen. Darin liegt ihre Aktualität. Der Stolz auf das, was wir einmal konnten, hat weniger mit einem verletzten Nationalgefühl zu tun als mit der allzu berechtigten Furcht, den Sinn für Maßstäbe zu verlieren und einer Provinzialisierung zu verfallen, deren Gefahren uns unsere Geschichte nur zu deutlich vor Augen stellt.“

https://www.merkur-zeitschrift.de/hellmuth-plessner-die-legende-von-den-zwanziger-jahren/
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