Galás und Wojnarowicz sind die Angels in America

Multimedia-Kunst-Triptychon :

Theater/Film: Angels in America (http://www.publicacions.ub.edu/revistes/36/documentos/77.pdf);

Bildende Kunst: David Wojnarowicz,

Musik: Plague Mass von Diamanda Galás

Als Diamanda Galás-Verehrerin kann mich natürlich nix mehr überraschen…„Atemberaubend, dramatisch und im besten Sinne entsetzlich!“, nennen Glenn Kenny und Ira Robbins das und ich kann nur zustimmen. Live aufgenommen am 12. und 13. Oktober 1990 in der Kathedrale St. John the Divine in New York.

Dieses Stück ist ein Meisterwerk, weil es ein einzigartiges Kunstwerk ist, weil es ein wirklich furchterregendes Hörerlebnis ist. Weil Galás Stimme wirklich eine erstaunliche Sache ist, weil ihre Stimme, diese erstaunliche Stimme, mit der ausdrücklichen Absicht verwendet wird, dem Hörer körperliche Schmerzen zu bereiten, und weil das Album das erreicht, was es erreichen will.
Es gibt Momente von Melodie. „Dies ist das Gesetz der Pest“ ist manchmal praktisch spirituell und zitiert irgendwann direkt aus „Amazing Grace“, aber mein Gott – WIE macht sie diese Geräusche am Ende des Tracks?! „Ich wache auf und sehe das Gesicht des Teufels…Sono l’Antichristo.“ Die sind unbeschreiblich. Sie klingen wie Satan selbst, der das Saxophon spielt.
Der Rest ihrer Vocals könnte unter Bezeichnungen wie „Kreischen“, „Wehklagen“, „Blubbern“ gefasst werden und „Schreien“, aber wirklich, das erklärt es nicht. Sie hat eine unglaubliche Kontrolle über ihre Stimme.
Das Hören der Texte ist manchmal etwas mühsam und Zitate aus der Bibel erscheinen in regelmäßigen Abständen. Diamanda Galás war und ist immer noch eine Aids-Aktivistin. In dem Versuch, diejenigen zu verfolgen, die Homosexuelle wegen ihrer „Verbrechen“ verfolgt haben, hat sie definitiv ihre Hausaufgaben gemacht. Ihre Verteidigung für AIDS-Opfer und ihr Verständnis für den Schmerz, den sie durchmachen müssen, und die schiere Überzeugung, die dahinter steht, macht das Album auf einer konzeptionellen Ebene schön und beinahe herzzerreißend. Das macht das Ganze natürlich noch viel abgefahrener.

Der von mir sehr geschätzte Schriftsteller, Maler, Fotograf, Dichter, Grafiker und Aktivist, David Wojnarowicz (1954-1992), der 1992 an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung starb, war schwul und beschäftigte sich in seiner Arbeit mit dem gleichgeschlechtlichen Verlangen, der Aids-Krise, der Verfolgung sexueller Minderheiten und der Weigerung der Reagan-Administration, ihre Existenz anzuerkennen. Aber in seiner Arbeit geht es in Wirklichkeit um Amerika, einen Ort, den er in seiner Essay-Kollektion „Close to the Knives“ von 1991 (überaus lebenswert, wie alles was er geschrieben hat!) als „Illusion“, als „Killermaschine“, als „Stammesnation von Zombies“ bezeichnet . Aber jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod müsste die Kunstwelt bereit sein Wojnarowicz seinen rechtmäßigen Platz im Kanon der zeitgenössischen Kunst zuzuerkennen, nicht nur als „schwule Kunst“.
Wojnarowicz war eine wichtige Figur in der New Yorker Kunstszene. Seine Kunst beschäftigte sich mit Sex, Tod, Gewalt und den Grenzen der Sprache. Auf dem Höhepunkt der AIDS-Epidemie begann Wojnarowicz, Audio-Tagebücher zu führen und kehrte zu einer Praxis zurück, die er in seiner Jugend begonnen hatte. In diesen Tagebüchern erzählt Wojnarowicz von seinen Frustrationen in der Kunstwelt, von seinen Träumen und beschreibt seine Wut, Angst und Verwirrung über seine HIV-Diagnose. Die Tonband-Tagebuch, das 1984 entstand, als Wojnarowicz „Fuck You Fagot Fucker“ zu einer Collage von zwei Männern machte, die auf einer Karte Nordamerikas rummachen, bis 1989, als er seine Schwarz-Weiß-Fotografien mit dem Titel „The Weight of the Earth Teil 1 und Teil 2“, jeweils bestehend aus 14 schwarz-weiß-Fotos, einige handgetönt, und eine Zeichnung bestehend, abschloss. In der Mitte des Buches gibt es u.a. dieses Zitat: „The weight of the earth is about things in captivity: animals and people and all that surrounds us.” Am Ende erwähnt er die Fotoarbeit direkt und sagt, sie bilden „in my mind an opera that could actually have hundreds of parts instead of just two.“
Eine Oper der Unterklasse – von Armut und Tod, von Vergessenheit und Intimität, von Gefühllosigkeit und Gnade, Mord und Bettelei, Gefangenschaft und Verzweiflung. Und da ist es dann das Taumeln der Erde – das Auge bei der Arbeit, eine Hand, die einen Frosch drückte, eine Schlange in einem Glas, eine ruhende Statue, ein Guckloch, eine brennende Kugel. Diese Audio-Tagebücher bieten einen Einblick in Davids künstlerischen Prozess, aber vor allem in seinen Lebensprozess.

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