Streaming Musik, New Pop und Gangsta Rap

Ich habe ich einige sehr gute Videos zu Popgechichte angesehen (und deswegen u.a. mal wieder Suicide gehört…“Frankie Teardrop“, gott, Alan Vega, you devil!) Mich interessieren aber neben den „ollen Kamellen“ vorrangig die neuesten Entwicklungen, mittlerweile kann man über 2000er und 2010er ja schon beinah wie über 70er und 80er reden.

Und musste jetzt immer mehr feststellen, dass ich allerspätestens ab den 2010er Jahren den Kontakt zu temporärer Musik größtenteils verloren habe. Mit Spotify habe ich bis heute nichts am Hut (krass ist wie das die Charts-Wertung verändert hat und keiner die Billionen an youtube-Klicks da mit einrechnet und was das generell mit den Künstlern und Hörern macht: https://www.ardaudiothek.de/kultur/die-macht-von-spotify-wie-das-streaming-die-musik-und-unser-musikhoeren-beeinflusst/87654432 und hier dieses Gespräch bei dem einige Vorstellungen mir doch recht naiv-positiv wirken, während Zweifel, die hier auch angebracht werden bei den Positivisten gleich irritiert reagieren: https://www.ardaudiothek.de/forum/wie-streaming-die-popmusik-veraendert/60193316).

Interessant, wie sich bei der konkreten Musik Stile jetzt noch viel stärker miteinander verbinden bzw. die Genregrenzen sich verflüssigen. Musik wurde zuvor definitiv mehr in bestimmte Genres unterteilt. Und ja, darauf kommen viele Leute nicht klar, insbesondere die Rockisten, die zb dauernd bei Pitchfork ranten, dass die jetzt auch über Pop schreiben – sozusagen das Ok Boomer für Musictalk (was das ist hier sehr lesenswert und auch schon total „alt“ eigentlich: https://www.nytimes.com/2004/10/31/arts/music/the-rap-against-rockism.html).

Was sich da auch technisch/marketingmäßig und bei den Labeln und Produzenten etc. verändert hat und man kann vieles besser verstehen, wenn man sich näher damit beschäftigt…das Video hier dazu war wirklich wirklich extrem aufschlussreich:

Ich komme seit einiger Zeit immer wieder auf das Thema zurück, also aktuelle Popmusik (Pop im weiten Sinne) seit ich diese Videos gesehen habe. Sie beschreiben fundiert und handfest die Defizite bzw. Veränderung in der Pop-Musik.:

Ich meine der Topos der Älteren, dass sie zeitige Musik der Jüngeren scheiße ist, ist ja nun ein alter Hut und ich las erst kürzlich, dass laut einer Studie der Durchschnittsmusikhörer (weißer Europäer/Amerikaner sicherlich) mit 30 bis 35 aufhört neue Musik zu hören (hat auch was damit zu tun wie das Gehirn Musik aufnimmt), also sowohl, dass er nur noch seine alten Lieder hört als auch beim bevorzugten Genre hängenbleibt (dass die Neugier auf Musik abebbt, liegt laut der Studie vor allem daran, dass Job oder Familie zu viel Zeit rauben und dass das Überangebot an Musik im Netz komplett überfordert…Männer sind da übrigens experimentierfreudiger und Eltern bleiben noch schneller stehen als Kinderlose).

Da dachte ich: oh gott, ist das schon so weit?! Und bin ich jetzt in dem Alter, wo ich nur noch mit Altersstarrsinn auf aktuelle Musik der Kids schaue? Ich meine, schlechte Musik ist schlechte Musik egal wie alt sie ist und die hat’s immer gegeben, aber ich möchte mich da nicht wegkoppeln, sowohl was die Aktualität angeht als auch bei den Genres, wobei sich das nicht zwingend auf Chartmusik beziehen muss (ich muss ja nicht jeden Scheiß mitnehmen, aber will mir nichts entgehen lassen nur wegen irgendeiner Attitüde) und ich mag es, wenn ich heute Capital Bra und morgen Mozart hören kann und übermorgen Billy Eilish und überübermorgen Led Zeppelin.

Bezeichnender Weise las ich jetzt dies: https://www.musikexpress.de/von-postpunk-bis-cottagecore-warum-tiktok-das-ende-der-aesthetik-einlaeuten-koennte-1788551/?fbclid=IwAR2gtPh4by_OhDS7ugjCzoSqxjnRIFy6qu8HV92kOuiIkZGOJ0UXHVuTn50

Das sind also Leute, die Hipstern das Hipstertum vorwerfen, aber in Aesthetics machen…das mit der Entwicklung in der Musik in Bezug drauf fand ich interessant, ist seltsam, dass man einem Style nicht später einen Namen gibt, sondern eine Ästhetik entwickelt wird nach der sich dann alle stylen (das ist ja nicht mal so gewesen wenn Subkulturen Mainstream wurden, die waren immerhin mal Subkultur).

Was das alles mit Big Data zu tun haben könnte: https://www.theguardian.com/music/2021/jun/28/robot-rock-can-big-tech-pick-pops-next-megastar

Aber davon ab oute ich mich hiermit mal als Miley Cyrus-Fan (wobei der ganze Disney/Hannah Montana-Kram da ausgeschlossen ist)…im Pop-Mainstream (jeder kann gerne von Indiepop-Utopien träumen, aber Illusionen sollte sich da keiner machen, es wird nicht passieren ((außer evtl. bei Ausnahmen wie Lorde)), egal wie wünschenswert es sein mag, dass alle Sky Ferreira, Kelala oder Jenny Lanza hören – wobei ich letztere musikalisch zwar ausnehmend finde, auch wenn das manchmal bis in allzu bemühte Concenptronica ausartet, aber der fipsige Gesang nervt oft) gibt es für mich derzeit niemand Besseren (selbst die großartige Beyoncé ist langweilig geworden, finde ich, satt sagte man mal früher und Gaga war auch rein musikalisch schon immer größtenteils mau). Bei Cyrus fiel mir damals schon bei „Can’t be tamed“ (was ihr erster Montana-Killer war) dieser schrille Misston im Song auf, der natürlich Absicht war. Während der berühmte „Wrecking Ball“ eben vor allem visuell der Bruch war.

Was Auftritte und Pseudo-Skandälchen angeht…mal davon ab, dass solche Sachen mir persönlich relativ egal sind, sofern es sich nicht um Schwerstverbrechen oder Extremismus handelt, unterscheiden mich von ihr wahrscheinlich nur, dass meine jugendlichen Fehltritte/Dummheiten und Identitätsexperimente nicht die halbe Welt miterlebt und beurteilt hat. In diesem Zusammenhang finde ich bemerkenswert wie sich ihre körperliche Präsenz tatsächlich entwickelt hat, man vergleiche Generisch-Nachgemachtes vom Anfang und im Grunde unsicher-overpacetes aus der „Skandalzeit“ mit den neuesten Auftritten nicht nur im neuen „Night Sky“-Video, (und selten hat eine Frau mit so einem Vokuhila stylischer ausgesehen). Ich weiß nicht, ob dass nur Frauen auffällt bzw. sie es verstehen, die die Entwicklung aus eigenem Erleben nachvollziehen können…“There are layers to this Body/ Primal sex and primal shame / They told me I should cover it / So I went the other way / I was tryin‘ to own my power / Still I’m tryin‘ to work it out / And at least it gives the paper somethin‘ they can write About“

Und das neue „Plastic Hearts“-Album ist ein Popkracher und das es 80s-mäßig ist als Kritik zu verstehen, irritiert mich eher…das ist wie die Vorstellung das nur alles Neue je gut sein kann – mal davon ab, dass das mit den 80ern ein genereller Trend zu sein scheint…Stevie Nicks und Joan Jett sahen das anscheinend anders und schlossen sich an. Wenn mans ganz anders will (die Nashville-Wurzeln tauchen immer auch wieder auf), kann man sich ja das leicht psychedelische von Cyrus fast komplett selbst geschrieben und produzierte Mixtape „Miley Cyrus & Her Dead Petz“ zu Gemüte führen auf dem sie auch mit den Flaming Lips zusammenarbeitete. Das „Mothers Daughter“ Lied samt Video hat meinem Gefühl nach viel zu wenig Beachtung bekommen (eine goldene „Feminist“-Leuchtreklame bei Beyoncé ist wenn nicht viel subtiler oder weniger plakativ gewesen, definitiv doch eindimensional-leerer). Im Video treten unter anderem die queere Star-Skateboarderin Lacey Baker, das Transgender- und Behinderten-Model Aaron Philip, die PlusSize-Models Tess Holliday und Angelina Duplisea, die Tänzerin Ashley Amazon, Aktivistin Mary Copeni, sowie Model Casil McArthur auf. Als natürlich auch Cyrus Boss-Lady Mom Tish; Managerin, Produzentin, Innenarchitektin, Mode-Ikone.

Und wenn mal wieder durch die „Niederungen“ der Pop-Kultur watet, passiert es auch mal wie man so durchscrollt und merkt das da tatsächlich mal wieder Berichte über baba Azzlack in der good old FAZ sind (find ich gut, dass der Specter/Bushido-Scherenschnitt erwähnt wird – schlagt mich, „Electro Ghetto“ hat richtig reingegrätscht).

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/wie-das-mietwagentape-den-deutschrap-gepraegt-hat-17132528.html

Celo und Abdi haben jetzt tatsächlich nach 10 Jahren Mietwagentape 2 rausgebracht…verlinkter Track im Artikel hat was mit der Ignatz-Bubis-Brücke-Hook (und selbst Adorno kommt vor: „Sag mal, was laberst du? Von Horkheimer, Adorno?…Frankfurter Schule, kommt aus Bornheim und Goldstone“ – schon bisschen geile Line 😆), hab trotzdem das Gefühl Mietwagentape 1 hat auf jeden Fall mehr reingekracht damals, aber hey…Haddi Bruder!

Mich meinte ja auch die Tage das RND über die „Karriere“ von Katja Krasavice informieren zu müssen, nein muss man nicht kennen, kannte ich auch nicht, habe nur weiter geklickt wegen der Textzeile: „Gib’s mir doggy, gib’s mir doggy, gib’s mir doggy. Du weißt genau, ich werde schwach, wenn du’s mir von hinten machst.“ …Was soll man sagen, mal davon ab, dass die Dame wenigstens in your face zu ihrem ganzen Kram steht, das neueste Ding

von ihr auf das ich dann kam (Video von Specter), erinnert krass an US-Vorbilder wie Cardi und Nicki Minaj, das Video ist voll in diesem plastikbonbonbunten Comic-Glitzer-Porn-Look wie das die amerikanischen Rapperinnen derzeit sehr oft machen…dieser sog. „Porn-Rap“ von Frauen ist momentan sehr auffällig…ich finde es meistens unterhaltsam, ich hab auch nix gegen Gangsterrap und all den Kram, ich mags nur nicht, wenn Leute nicht rappen können (Farid Bang ja, ich rede von Dir!). Und es ist sicher kein Zufall, dass die Krasavice tschechische Migrantin ist, Großteil aus dem Ostblock, was im DeutschRap bei den Frauen grad präsent ist.

Ich meine, wäre das Ding auf Englisch und von irgendwelchen US-Amerikanern, das würde durch die Decke gehen, aber die Deutschen sind da komisch hab ich das Gefühl, „I know Germans will hate again“ …man muss sich nur mal auf YouTube die Reaktionen von Amis und Co. Auf das Video ansehen, feiern alle, und dann die dt Clicks und Likezahlen (war schon beim letzten Fler-Video so), die Deutschen haben nix übrig für Club-Rap mit Vibe, so ungeschmeidig, dabei bockt das Ding einfach total.

In dem Zusammenhang habe ich immer auch mal (rein chartstechnisch hat der Jung ja Homerun gemacht wie keiner vor ihm) den Capital Bra verfolgt, der ja wiederum von einigen „älteren“ Homies wiederum als Kiddy-Rapper abgetan wird, weil er auch paar etwas poppige Lieder mit Autotune und Addlips hatte, während er vorher (und später wieder) eher aggressiveren Rap macht. Ich persönlich muss sagen, dass ich verstehen kann, dass grad der so gehyped wurde/wird, er kann einfach rappen, aber bringt zum einen nicht nur wegen des Ostslangs (der kommt aus Russland), sondern wegen seiner etwas nasalen Stimmfarbe tatsächlich was Neues rein (ich finde ne Menge dt. Rapper klingen mir zu gleich, dieses Bulldogg-Timbre nervt mich) und gerade wenn er singt, mag zwar nicht der beste Sänger sein, aber  macht echt smoothe Gesangslinien, fast witzig, also auf eine gute, keine lächerliche Art. Das einzige Schmiss sind meist so Kollabos mit so Singmäuschen, wo so auf Emo-Liebesschnulz gemacht wird, das hat mich bei Rappern immer abgestoßen, dann noch lieber wenn sie allein auf gebrochener Mann machen (Bushido – Augenblick zb).

Und was die anderen Pop-Anteile angeht, ich denke, die wirklich guten Rapper in Deutschland haben verstanden, wo sie vom US-Rap lernen können und Elemente nehmen, nämlich die Electronica, die früh bei den Westcoasters und Südstaaten-Rap eingesetzt wurde, das ist grad wieder das Ding der Stunde und wer das verpennt ist selbst Schuld. Ich bin eh langsam der Überzeugung, dass die Aggro-Welle in Deutschland damals (quasi als Pendant auch das ganze Azzlack in Frankreich) im Grunde die „Diskriminierungsdebatte“ von unten war, aber weil das der ganzen bürgerlichen Mischpoke zu prollig war, müssen die das jetzt verspätet alles nachholen, all die Sendungen Pseudodiskussionen und Panels blabla…das sind für mich immer Leute, die Identitätspolitik benutzen, weil sie über Klasse nicht sprechen wollen, diese Jungs (und Mädels) waren doch nicht umsonst fast alle Migrantenkinder oder Minderheiten und dissten grad die gutbürgerlichen HipHop-Acts, die man bis dahin kannte und das was sie an Concious/Street Rap machten (was war „Mein Block“ von Sido denn bitte sonst?); das sagte weniger, ich bin schwarz/farbig etc. , sondern ich bin ein armes Schwein aus dem Prekariat (und ein weißer Junge, der arm ist, versteht eher einen armen schwarzen Jungen, als den weißen Lehrersohn – ist bei Frauenquoten wahrscheinlich ähnlich, wenn eine Frau, dann wenigstens bürgerlich, Klasse schlägt Geschlecht) und ziehen dem Kapitalismus, der das seine zu ihrer Situation beiträgt die Nase indem sie daraus Geld scheffeln und ich hab’s „geschafft“, weil ich jetzt BMW fahre, aber den Stallgeruch wird man eben  nicht los und die Bürgereltern verstehen ihre Bürgerkinder nicht. Deuscher Gangsta-Rap ist die Rache des Prekariats am Bürgertum…wie Schnitzler, der mal meinte, dass die Rache der Armen am Reichen seine schönen Töchter seien.

Josef Sudek

Aus der Reihe „Was ich dem linearen öffentlich-rechtlichen Fernsehen verdanke, weil ich Sonntagmorgens ohne Ziel einfach mal den Fernseher laufen ließ“ (das einzige, was ich manchmal daran vermisse keinen Fernseher mehr zu haben)…Vor 10 Jahren stieß ich im Frühprogramm auf diesen Film von Thomas Honickel „Mein Prag Josef Sudek – Der Poet mit der Kamera“. Ich habe Sudek damals nicht gekannt, aber dieser Film hat mich ihn lieben lassen (auch als Film so nett altmodisch). Und wir beide lieben Janacek.


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