Jacob Böhme-Tagung in Jena

Bei mir heute nicht-universitäres Abhängen in Schillers Gartenhaus mit dem internat. Jacob Böhme-Institut, das der Romantiker-Rezeption Böhmes nachging.

Seit ich vor einiger Zeit diesen großartigen Böhme-Film von Ronald Steckel gesehen hatte, interessiert der mich, war insofern passend und mal wieder erstaunlicher Zufall, dass jetzt diese kleine Tagung hier war.

Zu meiner Überraschung war Steckel (der ja u.a. auch schon mal eine lange DLF-Nacht gemacht hat) mit samt seinem Darsteller Klaus Weingarten sogar vor Ort! Zwei tolle Typen. Steckel hat sein erstes Hörspiel von 1981 vorgespielt, dass er mit dem RIAS damals gemacht hat, als Experiment, ob man Texte wie von Simone Weil, Böhme und im Beispielfall von Novalis als Hörtext konzipieren kann, ohne das zu trockenen Vorlese-Vorführ-Deutungs-Spektakel zu machen. Das hatte man im Radio damals wohl eher nicht gemacht bzw. nicht die Sprecher dazu, weil die Schauspieler immer zu sehr ihre eigene Show abzogen.

Jedenfalls hat er dann mit Michael König, der an einem weiß gedeckten Tisch mit Rotwein Novalis las, dieses Stück gemacht, König hustet und atmet und trinkt und verwirrt sich im Text (eben weil er nicht vor-liest, sondern eher sich etwas er-liest), was tatsächlich, für mich eine richtig gute Stimmung machte, weil es wirklich um den Text als Text ging, nicht um die Präsentation einer Deutung…überhaupt der Text, ungeordnete Novalisfragmente, die schön nochmal das vulgäre Novalis-Bild des zart-empfindsamen Jünglingspoeten demontierten, dem ich ja auch lange aufsaß, bis ich ins Jenaer Romantikerhaus ging und eines Besseren belehrt wurde. Und heute für mich eine Linie zog von seinem Europa-Text zum Katholischen Fühlen von Mario Perniola…allein schon dieser Anspruch: „Wir sind auf einer Mission zur Bildung der Erde…der Zweck aller Zwecke, die Erhebung des Menschen über sich selbst…der Poet als transzendentaler Arzt…bis hin zum Erotiker, der das Metaphorische in der Analogie von Essen/Sexualität sehr schön ausführt und gar so weit geht sich zu fragen, ob die Geschlechtslust – die Sehnsucht nach fleischlicher Berührung – das Wohlgefallen an nackenden Menschenleibern nicht ein versteckter Appetit nach Menschenfleisch sei…und wenn er Philosophie als Heimweh bezeichnet danach überall zu Hause zu sein, muss ich an John Berger denken:

I think that all desire, including sexual, is the desire to be in a certain place, if only a place consumes us and gives us energy. But when I say place I don’t mean a geographical place… It’s where your finger fits or where your foot rests.”

Was den Rest der Veranstaltung angeht, meine Anfrage, ob der Teilnahme wurde bereits mit freudiger Überraschung aufgenommen, als ich ankam, 10min. zu spät und alle schon andächtig da saßen, waren die Blicke ebenfalls größtenteils überracht-verwirrt, man fühlt sich immer wie ein Alien (mein Alien-Status verfolgt mich ja durch viele Gruppensituationen, auch wenn die Gruppen untereinander heterogen verschieden sind, was ja paradox ist, man passt nirgends). Aber ich war fast etwas entsetzt auf welche furchtbare Weise die Wissenschaftler da ihre Sachen präsentiert haben, erstrecht, weil das eine eher kleine, informelle Runde war (wo sich viele auch noch kannten), und dann so dröge irgendwelche seitenlangen Texte vorlesen, anstatt eher sowas wie kleine, freie Impulsvorträge zu halten, die die Leute nicht einschläfern und erschlagen.

Wunderlich auch, wenn man Hegel erklärt, indem man wie Hegel spricht, für mich schlechter Stil. Wenn Geisteswissenschaftler so sind, dann wäre das ein abschreckendes Beispiel für junge Menschen. Dabei habe ich ja in der Pause usw. mitgekriegt, dass die alle eigentlich ganz locker und witzig sein können, selbst hinsichtlich ihres Themas, warum also so fürchterlich zum Abgewöhnen in den Beiträgen. Ich sah wie der Böhme-Darsteller aus dem Film dauernd die Augen rollte und glaub ich bisschen verstört war, was die da so brachten. Dazu kam noch, dass bei der Diskussion um den Bildungsbegriff anscheinend keiner der Anwesenden dessen Ursprung in der mittelalterlichen christlichen Mystik kannte (gibt’s denn sowas?), von da könnte man nämlich sehr leicht die Verbindung zum Pietismus und Böhme ziehen. Ich warf das ein, aber das hat irgendwie keiner kapiert. Schlimm.

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